Gesundheit heute

Hüftkopfnekrose

Hüftkopfnekrose des Erwachsenen (Femurkopfnekrose): (Teilweises) Absterben des Hüftkopfs mit der Folge einer schweren Arthrose. Bemerkbar macht sich die Erkrankung durch belastungsabhängige Leistenschmerzen und Bewegungseinschränkungen, vor allem beim Einwärtsdrehen des Beines. Häufig ist die Ursache unklar, hier spricht man von einer idiopathischen Hüftkopfnekrose. Ihr zugrunde liegt vermutlich eine Minderdurchblutung des Hüftkopfes, die durch verschiedene Faktoren (Rauchen, Kortisoneinnahme) begünstigt wird. Betroffen sind vor allem Männer zwischen 30 und 40 Jahren. Hüftkopfnekrosen treten aber auch als Spätfolge einer Verletzung auf, (traumatische Hüftkopfnekrose), etwa nach Bruch des Hüftkopfs oder des Oberschenkelhalses.

Unbehandelt dauert es 2 bis 3 Jahre, bis Hüftkopf und Hüftgelenk irreversibel zerstört sind. Konservative Maßnahmen wie die Entlastung des Gelenks mit Gehstützen und Schmerzmitteln sind allein wenig hilfreich und werden vor allem begleitend zu einer operativen Therapie empfohlen. Operiert wird in frühen und mittleren Stadien gelenkerhaltend, z. B. mit einer Anbohrung des Femurkopfs. Im Spätstadium ist in der Regel ein Gelenkersatz erforderlich.

Hinweis: Eine Sonderform der Hüftkopfnekrose ist der Morbus Perthes (juvenile Hüftkopfnekrose, idiopathische kindliche Hüftkopfnekrose) bei Kindern von 3–12 Jahren mit sehr guten Heilungschancen. Mehr dazu siehe dort.

Symptome und Leitbeschwerden

  • Oft schleichender Beginn mit Ziehen in der Leiste
  • Später einschießende starke Leistenschmerzen, eventuell in Oberschenkel und Knie ausstrahlend
  • Schonhaltung mit schiefem Becken, Schmerzhinken
  • Starke Einschränkung in der Beweglichkeit.

Wann in die Arztpraxis

In den nächsten Wochen, wenn

  • leichtere Beschwerden länger als 3 Tage anhalten.

Innerhalb von 3 Tagen bei

  • allen akuten Schmerzen in Leiste, Oberschenkel oder Knie.

Die Erkrankung

Krankheitsentstehung

Bei der idiopathischen Hüftkopfnekrose ist die Ursache für die Erkrankung nicht bekannt. Vermutet wird aber, dass eine Minderdurchblutung des Hüftkopfs der Auslöser ist. In der Folge wird das Knochengewebe nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff, Mineralien und Nährstoffen versorgt. Das stört den natürlichen, regelmäßigen Knochenauf- und- abbau. Der Knochen verliert an Stabilität und bricht ein, der Hüftkopf wird schließlich komplett zerstört und es entwickelt sich eine schwere Hüftgelenksarthrose.

Begünstigt wird die idiopathische Hüftkopfnekrose beispielsweise durch:

  • Stoffwechselstörungen wie Diabetes mellitus, Fettstoffwechselstörungen, Gicht, Gerinnungsstörungen, Blutkrebs
  • Kortisoninjektionen in das Hüftgelenk
  • Kortisoneinnahme, als kritisch gilt eine tägliche Dosis ≥ 2g über 2 bis 3 Monate
  • Alkoholismus, Rauchen
  • Bestrahlungen und/oder zytostatische Therapien bei Krebs
  • Rheumatische Erkrankungen wie Lupus erythematodes
  • Caissonkrankheit bei Tauchern (durch zu schnelles Auftauchen bilden sich Gasbläschen in den Arterien, die die Gefäße verstopfen können).

Auch Verletzungen schädigen die Hüftkopfgefäße, sodass die Versorgung des Hüftknopfes unterbrochen ist. Diese sogenannten traumatischen Hüftkopfnekrosen drohen vor allem nach Oberschenkelhalsbrüchen. Hüftgelenksverrenkungen und Hüftkopfbrüchen und können sich noch viele Jahre nach dem eigentlichen Ereignis entwickeln.

Klinik und Verlauf

Die Hüftkopfnekrose beginnt oft schleichend mit einem Ziehen in der Leiste bei Belastung. Später folgen dann einschießende, starke Schmerzen und eine eingeschränkte Beweglichkeit in der Hüfte. Die Beschwerden sind unspezifisch, durch die Ausstrahlung manchmal sogar im Knie am stärksten. Deswegen bleibt die Hüftkopfnekrose oft lange unerkannt. Sowohl mit als auch ohne Behandlung ist der Verlauf schwer vorauszusagen. Bei einigen Patient*innen kommt die Krankheit manchmal vollständig zum Stillstand, schreitet dann aber wieder ohne erkennbaren Anlass fort. Der Endzustand ist meist eine schwere Hüftgelenksarthrose.

Stadieneinteilung. Die Hüftkopfnekrose des Erwachsenen wird mit der ARCO-Klassifikation eingeteilt:

  • Stadium 0 (Initialstadium): In diesem Stadium gibt es bereits Veränderungen am Hüftkopf, die jedoch nur über eine Gewebeprobe nachweisbar sind. Röntgen und MRT sind unauffällig, Beschwerden meist noch nicht vorhanden.
  • Stadium I (reversibles Frühstadium): Röntgen und CT sind unauffällig. Vor allem im MRT, manchmal auch in der Szintigrafie sind jedoch die ersten abgestorbenen Gebiete (Nekrosen) zu erkennen.
  • Stadium II (irreversibles Frühstadium): Im Röntgen zeigen sich Entkalkungen am Hüftkopf, wobei dessen Kontur und der Gelenkspalt noch unverändert sind. Im MRT sind weitere Deformitäten zu sehen.
  • Stadium III (Übergangsstadium): Im Röntgen und im MRT zeigen sich weitere strukturelle Veränderungen wie Bruchlinien unter der Knorpelschicht und ein abgeflachter Hüftkopf. Spätestens jetzt kommt es zu starken Schmerzen und Einschränkungen der Bewegung im Hüftgelenk.
  • Stadium IV (Spätstadium): In Röntgen und MRT erkennt man die deutlich sichtbare Abflachung des Hüftkopfs, Arthrosezeichen wie die Gelenkzerstörung und Verschmälerung des Gelenkspalts.

Diagnosesicherung

Zunächst untersucht die Ärzt*in die betroffene Hüfte, um die Erkrankung einzugrenzen. Hinken oder Bewegungseinschränkungen lenken den Verdacht schnell auf die Hüfte.

Bildgebende Verfahren. Im Röntgenbild zeigen sich die Veränderungen am Hüftkopf meist erst in späteren Stadien (ab ARCO II). Das Frühstadium ARCO I ist aber – auch bei unauffälligem Röntgenbild – im Kernspin oft erkennbar. In fortgeschrittenen Stadien hilft der Kernspin zudem, das Ausmaß der Erkrankung zu beurteilen. Weil häufig beide Hüftgelenke betroffen sind (auch wenn dabei manchmal nur eine Seite schmerzt), werden in der Regel von beiden Hüften Aufnahmen angefertigt. Neben Röntgen und MRT kommen bei speziellen Fragestellungen auch die CT oder eine Skelettszintigrafie zum Einsatz.

Biopsie. Gewebeproben werden heute zur Diagnose einer Hüftkopfnekrose nicht mehr entnommen.

2548_GTV_Entwicklung_Stadien_Hueftkopfnekrose.jpg|Die Entwicklung einer Hüftkopfnekrose wird in einzelne Stadien unterteilt, die auf Röntgenbildern klar zu unterscheiden sind. Im Stadium I ist auf der Röntgenaufnahme des Hüftkopfs eines Erwachsenen mit unfallbedingter Erkrankung noch nichts zu erkennen. Eine konservative Therapie ist in diesem Fall ausreichend. Im Stadium II ändert sich die Struktur des Knochens, bis schließlich im Stadium III die Gelenkfläche einbricht. Diese Veränderungen erfordern eine Operation, wobei sich das Gelenk manchmal noch erhalten lässt. Eine ausgeprägte Arthrose mit weitgehender Zerstörung des Gelenks ist kennzeichnend für das Stadium IV. Sie ist nur noch mit einem vollständigen Gelenkersatz (TEP) zu behandeln. |[GTV 2548]|Die Stadien einer Hüftkopfnekrose - Stadium I und II im Röntgenbild, Stadium III und IV am Knochenpräparat

Differenzialdiagnosen. Hüftschmerzen werden beispielsweise auch verursacht durch Hüftgelenksarthrose, Hüftdysplasie, Coxitis, Hüftimpingement oder einen Hüftkopfbruch, Knochentumoren und Metastasen.

Behandlung

Bei der Hüftkopfnekrose gibt es keine ursächliche Therapie. Um die Risikofaktoren zu minimieren, sollte auf Rauchen und übermäßigen Alkoholkonsum verzichtet werden. Außerdem ist es wichtig, Grunderkrankungen wie einen Diabetes mellitus oder eine Gicht erfolgreich zu behandeln.

Die Behandlung der Hüfte selbst richtet sich nach dem Stadium der Erkrankung und den Beschwerden.

Konservativ

Konservative Maßnahmen sind vor allem unterstützend bis zur Operation oder begleitend zur operativen Therapie hilfreich. Als alleinige Behandlungsmaßnahmen reichen sie den aktuellen Leitlinien zufolge nicht aus. Das zeigt eine Studie, bei der die Entlastung mit Gehstützen untersucht wurde: 3/4 dieser Patienten hatten knapp 3 Jahre nach der Diagnose sowohl mehr Beschwerden als auch einen schlechteren Röntgenbefund.

Entlastung. Nicht nur Gehstützen entlasten den Hüftkopf. Genauso wichtig ist es, bei Übergewicht abzunehmen und das Hüftgelenk allgemein zu schonen.

Schmerzmittel. Gegen die Schmerzen verordnen die Ärzt*innen entzündungshemmende und schmerzlindernde Substanzen wie wie Diclofenac (z. B. Voltaren® oder Diclac®), Ibuprofen (z. B. Dolgit® oder Ibuprofen AbZ) oder Etoricoxib (z. B. Arcoxia®).

Medikamente. Können oder wollen Betroffene nicht operiert werden, ist ein Therapieversuch mit gefäßerweiternden Medikamenten möglich. Im Stadium ARCO I bis II kann Iloprost die Schmerzen reduzieren und die Prozesse im Knochen abmildern. Es handelt sich dabei um eine Off-Label-Therapie, das heißt, dass das Medikament zu diesem Zweck keine explizite Zulassung hat.

In der Diskussion ist auch, ob Bisphosphonate die Zerstörung des Hüftkopfes verzögern. Langzeituntersuchungen stehen jedoch noch aus.

Operativ

Gelenkerhaltende Operationen. Diese Verfahren sind geeignet für die ARCO-Stadien I und II sowie je nach Ausprägung und Lokalisation der Nekrose auch im Stadium III. Die verschiedenen Methoden sind vergleichbar wirksam.

  • Core Decompression. Bei dieser "zentralen Markraumdekompression" bohrt die Ärzt*in die Nekrose im Hüftkopf an. Das reduziert den Druck im Knochen und soll so die Durchblutung und die Regeneration im Gewebe verbessern und damit die Schmerzen lindern. Die Anbohrung wird in den Stadien ARCO I und II empfohlen. Bei kleinen Defekten scheint es effektiv zu sein, sie mit einer Knochentransplantation oder einer anschließenden Infusion mit dem gefäßerweiternden Wirkstoff Iloprost zu kombinieren.
  • Umstellungsosteotomie. Hier versuchen die Ärzt*innen, durch Umstellung der Oberschenkelachse die abgestorbenen Gebiete des Hüftkopfs aus der Krafteinwirkung im Gelenk herauszudrehen. Dazu wird der Knochen durchtrennt und dann in der gewünschten Position wieder zusammengefügt und fixiert. Diese Operation ist sehr anspruchsvoll und kein Routineverfahren. Sie kommt in den ARCO-Stadien II und III zum Einsatz. Mögliche Komplikationen sind die Verkürzung des betroffenen Beines durch Umstellung des Gelenks und die Schädigung der Gesäßmuskeln.
  • Knorpel- oder Knochen-Transplantationen. Das Verpflanzen neuen Gewebes ist bei der Hüftkopfnekrose noch in der Erprobung. Vor allem Knorpeltransplantationen haben bisher eher widersprüchliche Ergebnisse erbracht. Die Knochentransplantation hat in Kombination mit der Core Decompression bei sehr kleinen Nekrosen Erfolge gezeigt.

Gelenkprothese. Bei schweren Fällen mit Zerstörung des Gelenks (ARCO IV) bleibt als letzte Behandlungsmöglichkeit nur eine künstliche Hüfte (Hüft-Totalendoprothese). Meist wird dabei eine zementfreie Prothese eingesetzt, da aufgrund des jungen Alters der Patient*innen ein späterer Prothesenwechsel wahrscheinlich und dieser mit einer zementfreien Variante etwas einfacher ist.

Bei Patient*innen mit Sichelzellanämie oder einem Morbus Gaucher ist das Risiko erhöht, dass die Hüftgelenksprothese z. B. aufgrund von Lockerung oder Infektion früher ausgetauscht werden muss. Das Gleiche gilt für Patient*innen nach einer Nierentransplantation.

Prognose

In seltenen Fällen heilen Hüftkopfnekrosen im frühen Stadium von selbst aus. Meist schreitet die Erkrankung jedoch fort. Unbehandelt dauert es etwa 2 bis 3 Jahre, bis das Hüftgelenk komplett zerstört ist.

Ihre Apotheke empfiehlt

Was Sie selbst tun können

Früh in die Arztpraxis. Hüftbeschwerden dürfen nicht auf die leichte Schulter genommen werden. Vor allem bei der Hüftkopfnekrose hängt der Therapieerfolg entscheidend von einer frühen Therapie ab. Bei wiederholtem Ziehen oder Schmerzen in der Leiste ist deshalb möglichst bald eine Ärzt*in, am besten gleich eine Hüftspezialist*in aufzusuchen.

Sport. Wenn die Ärzt*in Sport erlaubt, eignen sich vor allem hüftschonende Sportarten wie Schwimmen oder Aquajogging. Mit der richtigen Technik sind meist auch Nordic Walking und gemäßigtes Radfahren möglich. Sobald Schmerzen auftreten, darf aber nicht mehr gesportelt werden.

Komplementäre Medizin

Zur Behandlung der Hüftkopfnekrose werden die unterschiedlichsten Verfahren empfohlen. Leider sind die meisten wenig effektiv. Die Leitlinien nehmen nach Sichtung entsprechender Studien dazu folgendermaßen Stellung:

  • Die Hyperbare Sauerstofftherapie wird nicht empfohlen. Zwar kann sie in den frühen Stadien die Schmerzen reduzieren, hat aber keinen Effekt auf das Fortschreiten der Erkrankung.
  • Auch für die Therapie mit Stoßwellen konnte keine Wirkung auf das Fortschreiten einer Hüftkopfnekrose nachgewiesen werden, das Gleiche gilt für Ultraschallbehandlungen. Beides wird deshalb von den Leitlinien nicht empfohlen.
  • Die Elektrostimulation scheint zwar die klinischen Beschwerden in frühen Stadien zu bessern, verzögert das Fortschreiten der Erkrankung aber ebenfalls nicht. Die Leitlinien raten von der Therapie der Hüftkopfnekrose mit Elektrostimulation ab.

Von: Dr. med. Martin Schäfer in: Gesundheit heute, herausgegeben von Dr. med. Arne Schäffler. Trias, Stuttgart, 3. Auflage (2014). Überarbeitung und Aktualisierung (2021): Dr. med. Sonja Kempinski
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Was bei Nackenschmerzen hilft

Nackenschmerzen sind meist nicht gefährlich, können aber die Lebensqualität stark einschränken.

Was bei Nackenschmerzen hilft

Medikamente, Wärme oder Schonen?

Nackenschmerzen sind häufig. Zum Glück steckt in den meisten Fällen keine ernste Erkrankung dahinter. Behandlungsmöglichkeiten gibt es viele: von Schmerzmitteln über muskelentspannende Medikamente bis hin zum Tapen. Doch welche davon sind wirklich sinnvoll? Und wann sollten Nackenschmerzen besser gründlich abgeklärt werden?

Fast die Hälfte der Erwachsenen betroffen

Nackenschmerzen treten im Bereich der Halswirbelsäule zwischen Schädelbasis und den oberen Schulterblättern auf. Manchmal ziehen sie auch in die Schultern, den unteren Hinterkopf und den oberen Rücken. Der Schmerz ist dabei dumpf, drückend und ziehend und kann bei Bewegungen schlimmer werden. Häufig fühlt sich der Nacken auch steif an und das Drehen des Kopfes fällt schwer. Berührt man den schmerzenden Bereich oder versucht ihn zu massieren, lassen sich oft harte, verspannte Muskeln tasten.

Je nach ihrer Dauer werden Nackenschmerzen eingeteilt in

  • akut: bis zu drei Wochen
  • subakut: vier bis zwölf Wochen oder
  • chronisch: länger als zwölf Wochen.

Die Abgrenzung fällt allerdings manchmal schwer, da der Beginn oft nicht genau definiert werden kann.

Fast die Hälfte der Erwachsenen in Deutschland gibt an, in den letzten Monaten mindestens ein Mal Nackenschmerzen gehabt zu haben – sie kommen also sehr oft vor. In der Hausarztpraxis gehören sie sogar zum dritthäufigsten Beratungsanlass. Frauen sind davon etwas häufiger betroffen als Männer, bei Menschen über 70 Jahren werden sie etwas seltener.

Hinweis: Auch Kinder und Jugendliche leiden unter Nackenschmerzen. Tendenziell soll die Anzahl der Betroffenen zwischen 3 und 17 Jahren steigen. Als Ursache gelten u.a. Bewegungsmangel und die immer längere Smartphonenutzung.

Wo kommen Nackenschmerzen her?

In den meisten Fällen von Nackenschmerzen lassen sich keine strukturellen Ursachen wie sichtbare oder messbare Probleme an den Knochen, Gelenken oder Nerven nachweisen. Dann spricht man von unspezifischen Nackenschmerzen. Als häufigster Grund für akute unspezifische Nackenschmerzen gelten Muskelverspannungen, z. B. ausgelöst durch lange Computerarbeit, Zugluft oder eine ungünstige Schlafhaltung. Sie klingen in der Regel auch ohne Behandlung innerhalb von ein bis zwei Wochen ab.

Halten die Beschwerden länger als drei Monate an, stecken hinter unspezifischen Nackenschmerzen oft Belastungen und Stress. Fehlhaltungen und Bewegungsmangel tragen zu ihrer Entwicklung zusätzlich bei.

Zu den seltenen strukturellen (spezifischen) Ursachen von Nackenschmerzen gehören z. B. arthrotische Veränderungen oder Rheuma. In weniger als 1% der Fälle gehen Nackenschmerzen auf eine gefährliche Ursache zurück. Dazu gehören Bandscheibenvorfall, Tumoren, Osteoporose mit Wirbelbrüchen, Nervenerkrankungen oder Infektionen.

Nackenschmerzen abklären lassen

Wer nach einer schlechten Nacht oder einer langen Gaming-Sitzung unter Nackenschmerzen leidet, benötigt meist keine ärztliche Hilfe. Es gibt jedoch auch Nackenschmerzen, die man bei der Hausärzt*in abklären lassen sollte. Das gilt zum einen, wenn die Schmerzen über eine längere Zeit anhalten. Denn auch wenn nichts Gefährliches dahinter steckt, ist es sinnvoll, eine gezielte Behandlung einzuleiten.

In manchen Fällen muss immer rasch eine ärztliche Abklärung erfolgen. Warnzeichen für eine der seltenen, gefährlichen Ursachen von Nackenschmerzen sind 

  • Kribbeln, Taubheitsgefühle oder Lähmungen von Armen und Beinen 
  • starke Kopfschmerzen, Fieber, Nackensteife und Übelkeit 
  • unerklärter Gewichtsverlust, Abgeschlagenheit, Nachtschweiß 
  • Nackenschmerzen nach einem Sturz oder Unfall 
  • gleichzeitige Schluckbeschwerden oder Schmerzen im Brustkorb

Diese Beschwerden können z. B. auf einen Bandscheibenvorfall, einen Tumor oder eine Meningitis hindeuten.

Wie sieht die Diagnostik bei Nackenschmerzen aus?

Bei neu aufgetretenen Nackenschmerzen befragt die Ärzt*in die Patient*in zunächst ausführlich, wie stark die Beschwerden sind, wann sie auftreten und wie lange sie schon bestehen. Zusätzlich wird nach eigenen Behandlungsversuchen und deren Erfolg/Misserfolg gefragt, ebenso nach der Lebenssituation, mit besonderem Schwerpunkt auf Belastungen und Stress.

Wichtig sind auch vorangegangene Infektionen, Stürze oder Unfälle und begleitende Erkrankungen. Auch die Medikamenteneinnahme ist von Bedeutung: So begünstigt z. B. die langfristige Einnahme von Kortison eine Osteoporose, die sich an der Halswirbelsäule bemerkbar machen kann. Abgefragt werden auch immer die sogenannten B-Symptome Nachtschweiß, Gewichtsverlust und Leistungsknick. Diese können auf eine Tumorerkrankung hinweisen.

Nach der Erhebung der Krankengeschichte wird die Patient*in körperlich untersucht. Dabei prüft die Ärzt*in die Beweglichkeit der Halswirbelsäule und ob die Dornfortsätze (die Erhebungen entlang der Wirbelsäule) druckschmerzhaft sind. Meist tastet sie auch die Muskulatur ab und sucht nach Verspannungen und Verhärtungen.

Um die Beteiligung von Nerven auszuschließen, wird eine kurze neurologische Untersuchung durchgeführt. Dazu gehört u.a. die Prüfung von Kraft, Feinmotorik und Sensibilität (Gefühl) der Finger, meist werden auch das Gangbild und die Reflexe getestet.

In den allermeisten Fällen kann die Ärzt*in nach dieser ausführlichen Anamnese und Untersuchung eine strukturelle Ursache der akuten Nackenschmerzen ausschließen und die Diagnose „unspezifische Nackenschmerzen“ stellen. Eine weitere Diagnostik ist nur erforderlich, wenn entsprechende Hinweise gefunden wurden.

Mehr Diagnostik wird auch empfohlen, wenn die Nackenschmerzen trotz Behandlung länger als vier bis sechs Wochen anhalten und die Betroffenen sehr in ihren Aktivitäten einschränken. Dies kann ein Hinweis auf eine initial nicht erkannte spezifische Ursache sein.

Zu den weiteren Untersuchungen gehört vor allem die Bildgebung. Zu bevorzugen sind die CT und die MRT, da sich mit diesen Untersuchungsverfahren Frakturen, Tumoren, Infektionen und Neuropathien besser erkennen lassen als mit dem konventionellen Röntgen. Bei einem Verdacht auf Infektionen oder Tumoren kommen entsprechende Laboruntersuchungen zum Einsatz. Für diese Spezialuntersuchungen und zur Weiterbehandlung überweist die Hausärzt*in die Patient*in meist in eine entsprechende Facharztpraxis (Rheumatologie, Neurologie, Orthopädie).

Hinweis: Bildgebende Verfahren sind bei unspezifischen Nackenschmerzen in den allermeisten Fällen nicht erforderlich. Sie können sogar schaden, da darin oft Veränderungen in der HWS erkannt werden, die nicht Ursache der Schmerzen sind. Das kann unbegründete Ängste wecken, die Betroffenen unnötig belasten und manchmal sogar überflüssige Therapien nach sich ziehen.

Bewegung ist das A und O

Für das Selbstmanagement bei unspezifischen Nackenschmerzen gibt es einige nicht-medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten. Dazu gehören körperliche Aktivität, Wärme- oder Kältebehandlungen und Entspannungsübungen.

  • Körperliche Aktivität: Betroffene mit unspezifischen Nackenschmerzen sollten sich bewegen, also körperlich aktiv bleiben. Wenn nötig, auch mithilfe einer medikamentösen Schmerztherapie (siehe unten). Sinnvoll sind auch leichte Übungen, z. B. die Halsmuskulatur anzuspannen und in sanfter Dehnung zu entspannen. Die Expert*innen der aktuellen Leitlinie zum unspezifischen Nackenschmerz empfehlen dazu ein Video-Beispiel auf youtube (https://www.youtube.com/watch?v=6-bu6N-emq4, vierte Übung). Weitere Übungen sind Schulterkreisen, Kopfneigen, Seitdehnung und Kinn-zur-Brust, alles natürlich sanft und schonend.
  • Wärme oder Kälte: Wärme kann bei unspezifischen Nackenschmerzen die Schmerzen lindern und die Beweglichkeit bessern. Insgesamt gibt es dazu allerdings kaum Daten aus Studien, die Empfehlungen beruhen auf Expertenwissen. Empfohlen werden dafür z. B. aufgewärmte Körnerkissen. Auch Wärmepflaster oder eine heiße Rolle können hilfreich sein. Manche Betroffenen profitieren statt von Wärme eher von Kälteanwendungen. Sofern dies als schmerzlindernd empfunden wird, raten Expert*innen nicht davon ab.
  • Entspannungsverfahren: Für den Effekt von Entspannungsverfahren wie der Progressiven Muskelrelaxation gibt es unterschiedliche Ergebnisse. In einigen Studien wurden Schmerzen und Beweglichkeit gebessert, in anderen nicht. Möglicherweise helfen Entspannungsverfahren aber dabei, das Stresserleben zu reduzieren und der Entwicklung chronischer Nackenschmerzen entgegenzuwirken.

Hinweis: Den Hals mit einer Halskrause oder einer Nackenschiene ruhig zu stellen wird bei unspezifischen Nackenschmerzen nicht empfohlen. Expert*innen gehen davon aus, dass dies eher schädlich wirkt: Einerseits bildet sich die Halsmuskulatur zurück, andererseits wird die Passivität der Betroffenen gefördert.

Medikamentöse Hilfe bei Nackenschmerzen

In manchen Fällen sind bei unspezifischen Nackenschmerzen Schmerzmittel erforderlich. Eine Schmerztherapie kann auch dazu dienen, beweglich und aktiv zu bleiben. In Frage kommen, wenn erforderlich, nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) und Metamizol.

  • NSAR. Am häufigsten werden NSAR wie Ibuprofen, Diclofenac oder Naproxen eingesetzt. Ihr Effekt wird in Studien unterschiedlich bewertet. Zudem haben sie ein erhöhtes Risiko für Nebenwirkungen, insbesondere auf die Magenschleimhaut. Sie erhöhen auch das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Insgesamt gilt, dass sie so niedrig dosiert und so kurz wie möglich eingesetzt werden sollten. Für chronische unspezifische Nackenschmerzen werden sie aufgrund der genannten Nebenwirkungen nicht empfohlen. 
  • Metamizol. Für Patient*innen, die NSAR nicht vertragen oder ein zu hohes Risiko für die genannten Nebenwirkungen haben, stellt Metamizol eine Alternative dar. Dieses Präparat kann allerdings in sehr seltenen Fällen bestimmte Zellen im Blut verringern (Agranulozytose). Bei längerer Einnahme sollte deshalb regelmäßig das Blutbild kontrolliert werden. Außerdem müssen die Patient*innen die typischen Symptome Fieber, Halsschmerzen und Schleimhautläsionen kennen und bei deren Auftreten die Hausärzt*in aufsuchen.

Von anderen Schmerzmitteln wie Paracetamol und Opioiden rät die Leitlinie ab. Paracetamol soll aufgrund seiner mangelnden Wirkung auf Nackenschmerzen nicht genommen werden, Opioide aufgrund ihrer unerwünschten Wirkungen und ihres Suchtpotenzials.

Verschreibungspflichtige muskelrelaxierende (entspannende) Wirkstoffe werden bei unspezifischen Nackenschmerzen auch gerne angewendet. Allerdings ist ihre Wirkung in Studien kaum belegt. Bei akuten unspezifischen Nackenschmerzen mit starker Verspannung sind sie eine Behandlungsoption, wenn NSAR nicht anschlagen. Aufgrund ihrer möglichen Nebenwirkungen wie Blutbildstörungen, Schwindel oder zentraler Sedierung (Dämpfung) sollten sie allerdings nicht länger als zwei Wochen angewendet werden.

Hinweis: Für die Wirkung pflanzlicher Schmerzmittel wie Weidenrinde und Teufelskralle gibt es keine aussagekräftigen Studien. Ihr Einsatz wird deshalb in den Leitlinien nicht bewertet.

Chirotherapie, Akupunktur und Laser

Bei unspezifischen Nackenschmerzen werden auch häufig nicht-medikamentöse Verfahren und Methoden angeboten. Einige werden eher kritisch betrachtet, da ihre Wirkung nicht ausreichend belegt ist. Dazu kommt, dass viele der eingesetzten Methoden die Passivität der Betroffenen fördern. Dies steht im Widerspruch zu der Erkenntnis, dass körperliche Bewegung die Basis bei der Behandlung von unspezifischen Nackenschmerzen ist.

Grünes Licht geben die Expert*innen für die manuelle Therapie (Chirotherapie). Aktuellen Studien zufolge kann diese Technik bei akuten unspezifischen Nackenschmerzen die Schmerzen lindern und die Beweglichkeit der Halswirbelsäule bessern. Voraussetzung für eine Verordnung ist, dass keine Kontraindikationen wie Osteoporose, Schäden an der Wirbelsäule oder Gefäßkrankheiten vorliegen.

Die Akupunktur zeigt bei länger bestehenden unspezifischen Nackenschmerzen kleine bis mittlere Effekte. Insbesondere wenn andere Maßnahmen nicht greifen, kann sie versucht werden. Sie sollte aber – ebenso wie die Chirotherapie – mit aktivierenden Maßnahmen kombiniert werden.

Keinen Wirknachweis in kontrollierten Studien brachte die Behandlung mit Laser, Interferenzstrom oder Ultraschall. Gleiches gilt für die Behandlung mit medizinischen Bädern und Rotlicht, die deshalb nicht auf Kassenkosten verordnet werden sollten.

Auch Kinesiotapes werden manchmal bei akuten Nackenschmerzen eingesetzt. Eine Wirkung konnte allerdings bisher nicht belegt werden, zumal drohen allergische Reaktionen. Die Leitlinienautor*innen raten deshalb davon ab.

Hinweis: Bei chronischen unspezifischen Nackenschmerzen hat sich die kognitive Verhaltenstherapie als wirksam erwiesen. Sie kann Schmerzen, Angst vor Bewegung, Depressivität und allgemeine Ängstlichkeit bessern und wird vor allem im Rahmen eines multimodalen Therapiekonzepts empfohlen.

Quelle: S3-Leitlinie „Nicht-spezifische Nackenschmerzen“, AWMF-Register-Nr. 053-007 DEGAM-Leitlinie Nr. 13, Version 3.0, gültig bis 17.02.2030

Von: Dr. med. Sonja Kempinski; Bild: mauritius images / BSIP / Alice S.