Gesundheit heute
Trigeminusneuralgie
Trigeminusneuralgie: (Gesichtsneuralgie): Besondere Form von Nervenschmerzen, die anfallsartig und meist einseitig im Gesicht auftreten. Die Patient*innen leiden an fast unerträglich starken Schmerzattacken, die blitzartig stechend im betroffenen Gesichtsbereich einschießen. Sie halten nur wenige Sekunden bis maximal 2 Minuten an, können aber bis 100-mal am Tag auftreten und auch von einem Dauerschmerz begleitet sein. Die Erkrankung ist selten und betrifft weniger als 0,1 % der Bevölkerung. Sie kann in jedem Lebensalter auftreten, kommt jedoch meist bei Über-50-Jährigen vor. Frauen sind etwas häufiger betroffen als Männer. Behandelt wird vor allem mit Medikamenten, in bestimmten Fällen auch mit einer Operation. Bei frühzeitiger Therapie gehen die Schmerzattacken nach einigen Wochen oder Monaten zurück. Ein Drittel der Patient*innen erlebt nur eine einmalige Schmerzepisode im Leben.
Symptome und Leitbeschwerden
- Blitzartig einschießende, kurzzeitige, extrem starke, stechende Schmerzen im Augen-, Wangen- oder Mundbereich einer Gesichtshälfte
- Möglicherweise Verkrampfung der Gesichtsmuskeln in der betroffenen Gesichtshälfte während der Schmerzattacke
- Möglicherweise vorübergehende Bindehautrötung, Tränenfluss oder Nasenausfluss während und nach den Schmerzen
- Eventuell dumpfer Dauerschmerz zwischen den Attacken.
Wann in die Arztpraxis
In den nächsten Tagen, wenn mehrmals hintereinander Schmerzattacken im Gesicht auftreten.
Die Erkrankung
Der Trigeminusnerv (Nervus trigeminus) ist ein Gehirnnerv, der in 3 Anteilen zum Gesicht zieht. Er ist für die Empfindungen in diesen Bereichen zuständig:
- der Gesichtshaut
- der Schleimhäute von Mund, Rachen, Zunge und Nase
- der Nebenhöhlen.
- Außerdem steuert er die Kau- und Zungenmuskulatur sowie das Trommelfell.
Krankheitsentstehung
Ursächlich für die Trigeminusneuralgie ist meist ein zu enger Kontakt zwischen dem Trigeminusnerv und einem Blutgefäß nah am Gehirn. Dabei drückt das Blutgefäß auf den Nerven, sodass unterschiedliche Fasern des Nerven plötzlich miteinander in Kontakt kommen. Dadurch werden Nervenimpulse zwischen den Nervenfasern übertragen und spontane Signale ausgesendet, die zu den plötzlichen Schmerzattacken führen. Neben dieserklassischen Trigeminusneuralgie gibt es noch 2 weitere Formen.
Bei der symptomatischen (oder sekundären) Trigeminusneuralgie steckt eine Grunderkrankung hinter der Nervenreizung, etwa eine Multiple Sklerose oder ein Tumor. Oft sind die Beschwerden dann untypischer, z. B. dauert der Schmerz länger oder es sind beide Gesichtshälften betroffen. Zusätzlich können weitere Auffälligkeiten wie eine verminderte Berührungsempfindung im Schmerzbereich bestehen.
Findet man keinerlei Auslöser, also weder einen Nerven-Blutgefäß-Kontakt noch eine Grunderkrankung, die den Nerven reizt, spricht man von idiopathischer Trigeminusneuralgie. Idiopathisch bedeutet „ohne erkennbare Ursache“. Hinter dieser Form wird eine Veränderung im Bereich der Signalübertragungsstellen der Nervenfasern vermutet. Bewiesen ist dies aber nicht.
Ursachen und Risikofaktoren
Die Schmerzattacken können spontan – also ganz ohne Auslöser – auftreten. Meist werden sie aber durch bestimmte äußere Reize hervorgerufen, z. B. durch Zähneputzen, Kauen, Schlucken, Sprechen oder Berührungen wie beim Rasieren oder Waschen des Gesichts.
Klinik, Verlauf und Komplikationen
Typisch für die Trigeminusneuralgie sind blitzartig einschießende Schmerzattacken rund um Augen, Wangen oder Mund einer Gesichtshälfte.
Die Schmerzen werden von den Betroffenen als stechend oder scharf, extrem stark und als kaum auszuhalten beschrieben – vergleichbar mit einem Stromstoß oder Elektroschock.
Die einzelnen Schmerzattacken dauern nur Sekunden bis maximal 2 Minuten. Die Attacken können aber bis zu 100-mal am Tag auftreten.
Die starke Schmerzintensität löst oft gleichzeitig eine Verkrampfung der Gesichtsmuskeln auf der betroffenen Seite aus.
Begleitend kommt es bei einigen Betroffenen zu vorübergehender Bindehautrötung, Tränenfluss oder Nasenausfluss während und nach der Schmerzattacke.
Zwischen den einzelnen Schmerzattacken sind die meisten Patient*innen vollkommen schmerzfrei, teilweise wird aber auch ein dumpfer Dauerschmerz im betroffenen Gesichtsbereich beschrieben. Dieser kann von Beginn der Erkrankung bestehen oder erst im späteren Erkrankungsverlauf hinzukommen.
Die Häufigkeit der Schmerzattacken variiert. Sie können für Wochen oder Monate täglich auftreten oder für Jahre ganz verschwinden. Manche Patient*innen erleben eine zunehmende Häufigkeit, Dauer und Intensität der Schmerzattacken, andere sind nur von einer einzelnen Schmerzepisode im Leben betroffen.
Diagnosesicherung
Die Diagnose einer Trigeminusneuralgie ist wegen der typischen Beschwerden meist recht leicht zu stellen. Um festzustellen, welche der 3 Erkrankungsformen vorliegt, ist eine MRT-Untersuchung erforderlich. Hierbei werden die Ursachen einer sekundären Trigeminusneuralgie, z. B. eine Multiple Sklerose oder ein Tumor abgeklärt. Auch die Kompression der Nervenwurzel bei der klassischen Trigeminusneuralgie kann im MRT sichtbar gemacht werden.
Empfehlenswert ist auch eine Vorstellung in der Zahnarztpraxis, um auszuschließen, dass die Schmerzen von den Zähnen ausgehen.
Sind die Schmerzen weniger typisch, sind weitere Untersuchungen notwendig, um andere Schmerzursachen auszuschließen, z. B. eine Erkrankung der Kaumuskeln oder des Kiefergelenks.
Differenzialdiagnosen. Eine beginnende Zahnhöhlenentzündung (Pulpitis) oder bestimmte Arten der Zahnfraktur können sich ähnlich wie bei der Trigeminusneuralgie als blitzartig einschießende Schmerzen äußern.
Mitunter ruft eine Zahnarztbehandlung, z. B. durch eine Wurzelbehandlung, eine Trigeminusneuropathie hervor. Hierbei werden die Nervenfasern des Trigeminusnervs direkt beschädigt. Der Schmerzcharakter unterscheidet sich aber von der Trigeminusneuralgie. Es besteht meist ein brennender oder nadelstichartiger Dauerschmerz. Zusätzliche blitzartige Schmerzattacken sind möglich, fehlen aber meist. Zudem kommt es zu Sensibilitätsstörungen in dem Gesichtsbereich, der von den betroffenen Nervenfasern versorgt wird.
Manchmal wird die Trigeminusneuralgie mit dem anhaltenden idiopathischen Gesichtsschmerz verwechselt. Hier sind die Schmerzen jedoch eher diffus dumpf oder bohrend und nie einschießend.
Auch bestimmte Arten von Kopfschmerzen können sich primär im Gesicht äußern, z. B. die Migräne.
Nicht zuletzt kommen die Kiefergelenke oder Kaumuskeln als Entstehungsort der Schmerzen infrage, z. B. bei der kraniomandibulären Dysfunktion.
Behandlung
Die üblichen Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Paracetamol helfen bei der Trigeminusneuralgie leider nicht. Besser wirksam sind Medikamente, die normalerweise bei Epilepsie verordnet werden, allem voran Carbamazepin. Auch Phenytoin wird häufig eingesetzt. Helfen diese nicht ausreichend, stehen noch viele weitere Medikamente zur Verfügung, die in Deutschland aber nicht für die Behandlung einer Trigeminusneuralgie zugelassen sind. Deshalb werden sie nicht gleich zu Beginn der Erkrankung verordnet. Lässt die Wirkung von Carbamazepin oder Phenytoin im Laufe der Zeit nach oder treten starke Nebenwirkungen auf, sollte man diese Medikamente aber ausprobieren. Auch eine kombinierte Behandlung aus 2 verschiedenen Medikamenten ist möglich.
Die Medikamente werden zunächst täglich gegeben. Nach einigen Monaten Beschwerdefreiheit kann versucht werden, sie stufenweise wieder abzusetzen.
Bei einer sekundären Trigeminusneuralgie wird zudem die Grunderkrankung behandelt.
Ist nach mehreren medikamentösen Behandlungsversuchen keines der Arzneimittel ausreichend wirksam oder sind die Nebenwirkungen auf Dauer intolerabel, kann eine Operation in Betracht gezogen werden. Mögliche Verfahren sind zum Beispiel
- eine mikrochirurgische Trennung von Nerv und Gefäß
- eine Schädigung der überempfindlichen Trigeminusfasern durch die Haut, sodass die Schmerzreize nicht mehr ins Gehirn geleitet werden
- eine strahlenchirurgische Behandlung (Gamma-Knife)
- neuere Operationsverfahren, bei denen Nervenfasern durch Elektroden stimuliert werden und somit die Schmerzübertragung gehemmt wird.
Akupunktur. Ob Akupunktur hilft, ist nicht sicher bewiesen. Es gibt einige kleine Studien, die belegen, dass die Akupunktur eine wirksame und sichere Behandlungsoption sein kann. Hochwertige Studien, die diese Ergebnisse bestätigen, stehen jedoch aus. Die Berliner Charité führt aktuell eine kontrollierte Studie zur Akupunktur als Zusatzbehandlung zur Routineversorgung durch.
Prognose
Die Aussichten bei Trigeminusneuralgie sind sehr unterschiedlich. Manche Patient*innen erleben nur eine Schmerzepisode im Leben. Andere sind für Wochen, Monate oder Jahre schmerzfrei, bis erneute Episoden auftreten. Die meisten Betroffenen benötigen jedoch eine Langzeitbehandlung, weil die Erkrankung fortbesteht und die Intensität und Frequenz der Schmerzepisoden mal zu und mal abnimmt.
Ihre Apotheke empfiehlt
Was Sie selbst tun können
Schmerztagebuch. Sinnvoll ist ein Tagebuch, in dem Häufigkeit, Dauer und Intensität der Schmerzen erfasst werden. Auch notiert werden weitere Auffälligkeiten wie Empfindungsstörungen zwischen den Attacken oder erkennbare Schmerzauslöser. Das kann helfen, den Therapieerfolg zu beurteilen, die Alltagseinschränkungen einzuschätzen und die Erkrankung langfristig besser zu managen. Außerdem kann es im Fall eines Antrags auf Schwerbehinderung dem Gutachter helfen, den Grad der Behinderung einzuschätzen.
Multimodale Schmerztherapie. Neben der medikamentösen Behandlung können auch andere Verfahren zur Angstreduktion und Schmerzbewältigung beitragen. Geeignet sind die Physiotherapie, bestimmte Formen der Psychotherapie wie die kognitive Verhaltenstherapie sowie eine umfassende Patientenaufklärung. Lassen Sie sich von Ihrer behandelnden Arztpraxis beraten.
Zahnextraktion. Patient*innen glauben manchmal irrtümlich, eine Trigeminusneuralgie sei auf einen „kranken Zahn“ zurückzuführen und lasse sich deshalb durch eine Zahnextraktion behandeln. Zuweilen werden sie auch durch Angehörige dazu gedrängt, nichts unversucht zu lassen, und sich deshalb vorsorglich einen möglicherweise kranken Zahn ziehen zu lassen. Eine zahnärztliche Untersuchung ist zwar ratsam, um eine tatsächlich bestehende Zahnerkrankung auszuschließen. Jedoch wird von Zahnextraktionen auf Verdacht und zur „Ausschlussdiagnostik“ ohne eindeutigen Krankheitsbefund nachdrücklich abgeraten.
Weiterführende Informationen
Neurologen im Netz - Trigeminusneuralgie
Internetseite der deutschen Berufsverbände für Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik, Nervenheilkunde und Neurologie mit Informationen zu neurologischen und psychischen Erkrankungen, Arzt-/Kliniksuche, Selbsthilfe und Rechtsfragen für Patient*innen und Angehörige
Quellen:
- AWMF (2023) Diagnose und Therapie der Trigemniusneuralgie. S1-Leitlinie von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) und der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG), Reg. Nr. 030/016, Langfassung. Abzurufen unter https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/030-016
- Amboss (2025) Trigeminusneuralgie. Webartikel zur Klinischen Praxis. Abgerufen am 12.03.2025 unter https://next.amboss.com/de/article/ii0Jrf?q=trigeminusneuralgie
- UpToDate (2025) Trigeminal neuralgia_._ Webartikel zur Klinischen Praxis. Abgerufen am 12.03.2025 unter https://www.uptodate.com/contents/trigeminal-neuralgia
Nackenschmerzen sind meist nicht gefährlich, können aber die Lebensqualität stark einschränken.
Was bei Nackenschmerzen hilft
Medikamente, Wärme oder Schonen?
Nackenschmerzen sind häufig. Zum Glück steckt in den meisten Fällen keine ernste Erkrankung dahinter. Behandlungsmöglichkeiten gibt es viele: von Schmerzmitteln über muskelentspannende Medikamente bis hin zum Tapen. Doch welche davon sind wirklich sinnvoll? Und wann sollten Nackenschmerzen besser gründlich abgeklärt werden?
Fast die Hälfte der Erwachsenen betroffen
Nackenschmerzen treten im Bereich der Halswirbelsäule zwischen Schädelbasis und den oberen Schulterblättern auf. Manchmal ziehen sie auch in die Schultern, den unteren Hinterkopf und den oberen Rücken. Der Schmerz ist dabei dumpf, drückend und ziehend und kann bei Bewegungen schlimmer werden. Häufig fühlt sich der Nacken auch steif an und das Drehen des Kopfes fällt schwer. Berührt man den schmerzenden Bereich oder versucht ihn zu massieren, lassen sich oft harte, verspannte Muskeln tasten.
Je nach ihrer Dauer werden Nackenschmerzen eingeteilt in
- akut: bis zu drei Wochen
- subakut: vier bis zwölf Wochen oder
- chronisch: länger als zwölf Wochen.
Die Abgrenzung fällt allerdings manchmal schwer, da der Beginn oft nicht genau definiert werden kann.
Fast die Hälfte der Erwachsenen in Deutschland gibt an, in den letzten Monaten mindestens ein Mal Nackenschmerzen gehabt zu haben – sie kommen also sehr oft vor. In der Hausarztpraxis gehören sie sogar zum dritthäufigsten Beratungsanlass. Frauen sind davon etwas häufiger betroffen als Männer, bei Menschen über 70 Jahren werden sie etwas seltener.
Hinweis: Auch Kinder und Jugendliche leiden unter Nackenschmerzen. Tendenziell soll die Anzahl der Betroffenen zwischen 3 und 17 Jahren steigen. Als Ursache gelten u.a. Bewegungsmangel und die immer längere Smartphonenutzung.
Wo kommen Nackenschmerzen her?
In den meisten Fällen von Nackenschmerzen lassen sich keine strukturellen Ursachen wie sichtbare oder messbare Probleme an den Knochen, Gelenken oder Nerven nachweisen. Dann spricht man von unspezifischen Nackenschmerzen. Als häufigster Grund für akute unspezifische Nackenschmerzen gelten Muskelverspannungen, z. B. ausgelöst durch lange Computerarbeit, Zugluft oder eine ungünstige Schlafhaltung. Sie klingen in der Regel auch ohne Behandlung innerhalb von ein bis zwei Wochen ab.
Halten die Beschwerden länger als drei Monate an, stecken hinter unspezifischen Nackenschmerzen oft Belastungen und Stress. Fehlhaltungen und Bewegungsmangel tragen zu ihrer Entwicklung zusätzlich bei.
Zu den seltenen strukturellen (spezifischen) Ursachen von Nackenschmerzen gehören z. B. arthrotische Veränderungen oder Rheuma. In weniger als 1% der Fälle gehen Nackenschmerzen auf eine gefährliche Ursache zurück. Dazu gehören Bandscheibenvorfall, Tumoren, Osteoporose mit Wirbelbrüchen, Nervenerkrankungen oder Infektionen.
Nackenschmerzen abklären lassen
Wer nach einer schlechten Nacht oder einer langen Gaming-Sitzung unter Nackenschmerzen leidet, benötigt meist keine ärztliche Hilfe. Es gibt jedoch auch Nackenschmerzen, die man bei der Hausärzt*in abklären lassen sollte. Das gilt zum einen, wenn die Schmerzen über eine längere Zeit anhalten. Denn auch wenn nichts Gefährliches dahinter steckt, ist es sinnvoll, eine gezielte Behandlung einzuleiten.
In manchen Fällen muss immer rasch eine ärztliche Abklärung erfolgen. Warnzeichen für eine der seltenen, gefährlichen Ursachen von Nackenschmerzen sind
- Kribbeln, Taubheitsgefühle oder Lähmungen von Armen und Beinen
- starke Kopfschmerzen, Fieber, Nackensteife und Übelkeit
- unerklärter Gewichtsverlust, Abgeschlagenheit, Nachtschweiß
- Nackenschmerzen nach einem Sturz oder Unfall
- gleichzeitige Schluckbeschwerden oder Schmerzen im Brustkorb
Diese Beschwerden können z. B. auf einen Bandscheibenvorfall, einen Tumor oder eine Meningitis hindeuten.
Wie sieht die Diagnostik bei Nackenschmerzen aus?
Bei neu aufgetretenen Nackenschmerzen befragt die Ärzt*in die Patient*in zunächst ausführlich, wie stark die Beschwerden sind, wann sie auftreten und wie lange sie schon bestehen. Zusätzlich wird nach eigenen Behandlungsversuchen und deren Erfolg/Misserfolg gefragt, ebenso nach der Lebenssituation, mit besonderem Schwerpunkt auf Belastungen und Stress.
Wichtig sind auch vorangegangene Infektionen, Stürze oder Unfälle und begleitende Erkrankungen. Auch die Medikamenteneinnahme ist von Bedeutung: So begünstigt z. B. die langfristige Einnahme von Kortison eine Osteoporose, die sich an der Halswirbelsäule bemerkbar machen kann. Abgefragt werden auch immer die sogenannten B-Symptome Nachtschweiß, Gewichtsverlust und Leistungsknick. Diese können auf eine Tumorerkrankung hinweisen.
Nach der Erhebung der Krankengeschichte wird die Patient*in körperlich untersucht. Dabei prüft die Ärzt*in die Beweglichkeit der Halswirbelsäule und ob die Dornfortsätze (die Erhebungen entlang der Wirbelsäule) druckschmerzhaft sind. Meist tastet sie auch die Muskulatur ab und sucht nach Verspannungen und Verhärtungen.
Um die Beteiligung von Nerven auszuschließen, wird eine kurze neurologische Untersuchung durchgeführt. Dazu gehört u.a. die Prüfung von Kraft, Feinmotorik und Sensibilität (Gefühl) der Finger, meist werden auch das Gangbild und die Reflexe getestet.
In den allermeisten Fällen kann die Ärzt*in nach dieser ausführlichen Anamnese und Untersuchung eine strukturelle Ursache der akuten Nackenschmerzen ausschließen und die Diagnose „unspezifische Nackenschmerzen“ stellen. Eine weitere Diagnostik ist nur erforderlich, wenn entsprechende Hinweise gefunden wurden.
Mehr Diagnostik wird auch empfohlen, wenn die Nackenschmerzen trotz Behandlung länger als vier bis sechs Wochen anhalten und die Betroffenen sehr in ihren Aktivitäten einschränken. Dies kann ein Hinweis auf eine initial nicht erkannte spezifische Ursache sein.
Zu den weiteren Untersuchungen gehört vor allem die Bildgebung. Zu bevorzugen sind die CT und die MRT, da sich mit diesen Untersuchungsverfahren Frakturen, Tumoren, Infektionen und Neuropathien besser erkennen lassen als mit dem konventionellen Röntgen. Bei einem Verdacht auf Infektionen oder Tumoren kommen entsprechende Laboruntersuchungen zum Einsatz. Für diese Spezialuntersuchungen und zur Weiterbehandlung überweist die Hausärzt*in die Patient*in meist in eine entsprechende Facharztpraxis (Rheumatologie, Neurologie, Orthopädie).
Hinweis: Bildgebende Verfahren sind bei unspezifischen Nackenschmerzen in den allermeisten Fällen nicht erforderlich. Sie können sogar schaden, da darin oft Veränderungen in der HWS erkannt werden, die nicht Ursache der Schmerzen sind. Das kann unbegründete Ängste wecken, die Betroffenen unnötig belasten und manchmal sogar überflüssige Therapien nach sich ziehen.
Bewegung ist das A und O
Für das Selbstmanagement bei unspezifischen Nackenschmerzen gibt es einige nicht-medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten. Dazu gehören körperliche Aktivität, Wärme- oder Kältebehandlungen und Entspannungsübungen.
- Körperliche Aktivität: Betroffene mit unspezifischen Nackenschmerzen sollten sich bewegen, also körperlich aktiv bleiben. Wenn nötig, auch mithilfe einer medikamentösen Schmerztherapie (siehe unten). Sinnvoll sind auch leichte Übungen, z. B. die Halsmuskulatur anzuspannen und in sanfter Dehnung zu entspannen. Die Expert*innen der aktuellen Leitlinie zum unspezifischen Nackenschmerz empfehlen dazu ein Video-Beispiel auf youtube (https://www.youtube.com/watch?v=6-bu6N-emq4, vierte Übung). Weitere Übungen sind Schulterkreisen, Kopfneigen, Seitdehnung und Kinn-zur-Brust, alles natürlich sanft und schonend.
- Wärme oder Kälte: Wärme kann bei unspezifischen Nackenschmerzen die Schmerzen lindern und die Beweglichkeit bessern. Insgesamt gibt es dazu allerdings kaum Daten aus Studien, die Empfehlungen beruhen auf Expertenwissen. Empfohlen werden dafür z. B. aufgewärmte Körnerkissen. Auch Wärmepflaster oder eine heiße Rolle können hilfreich sein. Manche Betroffenen profitieren statt von Wärme eher von Kälteanwendungen. Sofern dies als schmerzlindernd empfunden wird, raten Expert*innen nicht davon ab.
- Entspannungsverfahren: Für den Effekt von Entspannungsverfahren wie der Progressiven Muskelrelaxation gibt es unterschiedliche Ergebnisse. In einigen Studien wurden Schmerzen und Beweglichkeit gebessert, in anderen nicht. Möglicherweise helfen Entspannungsverfahren aber dabei, das Stresserleben zu reduzieren und der Entwicklung chronischer Nackenschmerzen entgegenzuwirken.
Hinweis: Den Hals mit einer Halskrause oder einer Nackenschiene ruhig zu stellen wird bei unspezifischen Nackenschmerzen nicht empfohlen. Expert*innen gehen davon aus, dass dies eher schädlich wirkt: Einerseits bildet sich die Halsmuskulatur zurück, andererseits wird die Passivität der Betroffenen gefördert.
Medikamentöse Hilfe bei Nackenschmerzen
In manchen Fällen sind bei unspezifischen Nackenschmerzen Schmerzmittel erforderlich. Eine Schmerztherapie kann auch dazu dienen, beweglich und aktiv zu bleiben. In Frage kommen, wenn erforderlich, nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) und Metamizol.
- NSAR. Am häufigsten werden NSAR wie Ibuprofen, Diclofenac oder Naproxen eingesetzt. Ihr Effekt wird in Studien unterschiedlich bewertet. Zudem haben sie ein erhöhtes Risiko für Nebenwirkungen, insbesondere auf die Magenschleimhaut. Sie erhöhen auch das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Insgesamt gilt, dass sie so niedrig dosiert und so kurz wie möglich eingesetzt werden sollten. Für chronische unspezifische Nackenschmerzen werden sie aufgrund der genannten Nebenwirkungen nicht empfohlen.
- Metamizol. Für Patient*innen, die NSAR nicht vertragen oder ein zu hohes Risiko für die genannten Nebenwirkungen haben, stellt Metamizol eine Alternative dar. Dieses Präparat kann allerdings in sehr seltenen Fällen bestimmte Zellen im Blut verringern (Agranulozytose). Bei längerer Einnahme sollte deshalb regelmäßig das Blutbild kontrolliert werden. Außerdem müssen die Patient*innen die typischen Symptome Fieber, Halsschmerzen und Schleimhautläsionen kennen und bei deren Auftreten die Hausärzt*in aufsuchen.
Von anderen Schmerzmitteln wie Paracetamol und Opioiden rät die Leitlinie ab. Paracetamol soll aufgrund seiner mangelnden Wirkung auf Nackenschmerzen nicht genommen werden, Opioide aufgrund ihrer unerwünschten Wirkungen und ihres Suchtpotenzials.
Verschreibungspflichtige muskelrelaxierende (entspannende) Wirkstoffe werden bei unspezifischen Nackenschmerzen auch gerne angewendet. Allerdings ist ihre Wirkung in Studien kaum belegt. Bei akuten unspezifischen Nackenschmerzen mit starker Verspannung sind sie eine Behandlungsoption, wenn NSAR nicht anschlagen. Aufgrund ihrer möglichen Nebenwirkungen wie Blutbildstörungen, Schwindel oder zentraler Sedierung (Dämpfung) sollten sie allerdings nicht länger als zwei Wochen angewendet werden.
Hinweis: Für die Wirkung pflanzlicher Schmerzmittel wie Weidenrinde und Teufelskralle gibt es keine aussagekräftigen Studien. Ihr Einsatz wird deshalb in den Leitlinien nicht bewertet.
Chirotherapie, Akupunktur und Laser
Bei unspezifischen Nackenschmerzen werden auch häufig nicht-medikamentöse Verfahren und Methoden angeboten. Einige werden eher kritisch betrachtet, da ihre Wirkung nicht ausreichend belegt ist. Dazu kommt, dass viele der eingesetzten Methoden die Passivität der Betroffenen fördern. Dies steht im Widerspruch zu der Erkenntnis, dass körperliche Bewegung die Basis bei der Behandlung von unspezifischen Nackenschmerzen ist.
Grünes Licht geben die Expert*innen für die manuelle Therapie (Chirotherapie). Aktuellen Studien zufolge kann diese Technik bei akuten unspezifischen Nackenschmerzen die Schmerzen lindern und die Beweglichkeit der Halswirbelsäule bessern. Voraussetzung für eine Verordnung ist, dass keine Kontraindikationen wie Osteoporose, Schäden an der Wirbelsäule oder Gefäßkrankheiten vorliegen.
Die Akupunktur zeigt bei länger bestehenden unspezifischen Nackenschmerzen kleine bis mittlere Effekte. Insbesondere wenn andere Maßnahmen nicht greifen, kann sie versucht werden. Sie sollte aber – ebenso wie die Chirotherapie – mit aktivierenden Maßnahmen kombiniert werden.
Keinen Wirknachweis in kontrollierten Studien brachte die Behandlung mit Laser, Interferenzstrom oder Ultraschall. Gleiches gilt für die Behandlung mit medizinischen Bädern und Rotlicht, die deshalb nicht auf Kassenkosten verordnet werden sollten.
Auch Kinesiotapes werden manchmal bei akuten Nackenschmerzen eingesetzt. Eine Wirkung konnte allerdings bisher nicht belegt werden, zumal drohen allergische Reaktionen. Die Leitlinienautor*innen raten deshalb davon ab.
Hinweis: Bei chronischen unspezifischen Nackenschmerzen hat sich die kognitive Verhaltenstherapie als wirksam erwiesen. Sie kann Schmerzen, Angst vor Bewegung, Depressivität und allgemeine Ängstlichkeit bessern und wird vor allem im Rahmen eines multimodalen Therapiekonzepts empfohlen.
Quelle: S3-Leitlinie „Nicht-spezifische Nackenschmerzen“, AWMF-Register-Nr. 053-007 DEGAM-Leitlinie Nr. 13, Version 3.0, gültig bis 17.02.2030

