Gesundheit heute
Arthrosen des Handgelenks
Handgelenksarthrose (Radiokarpalarthrose): Seltene, aber erheblich einschränkende Verschleißerscheinung (Degeneration) des Handgelenks, die sich mit starken Schmerzen, angeschwollenem Handrücken und reduzierter Beweglichkeit der Hand bemerkbar macht. Ursachen sind z. B. alte Verletzungen oder Überlastungen, manchmal bleibt der Auslöser auch unklar. Die Handgelenksarthrose schreitet in der Regel unaufhaltsam fort. Wenn eine konservative Behandlung, z. B. mit Knetübungen, Wärme oder Schmerzmitteln, nicht mehr ausreichend hilft, sind operative Maßnahmen in Erwägung zu ziehen.
Symptome und Leitbeschwerden
- Bewegungsschmerzen, später auch Schmerzen in Ruhe
- Schwellung im Bereich des Handgelenks und am Handrücken
- Schmerzhafte Bewegungseinschränkung, v. a. nach längerer Ruhe (Morgensteifigkeit)
- In fortgeschrittenen Stadien knotige Auftreibungen, Gelenkfehlstellungen und Gelenkversteifungen.
Wann in die Arztpraxis
Bei Gelegenheit, wenn
- über längere Zeit Schmerzen oder Schwellung des Handgelenks bestehen.
Die Erkrankung
Krankheitsentstehung und Ursachen
Das Handgelenk wird von der Speiche (Radius) und den drei gegenüberliegenden Handwurzelknochen (Kahnbein, Mondbein und Dreieckbein) gebildet. Das Gelenk ermöglicht die Bewegung der Hand in vier Richtungen: Nach oben und unten sowie nach rechts und links.
Kommt es zu einem übermäßigen Verschleiß des Gelenks, spricht man von einer Handgelenksarthrose. Gründe für arthrotische Veränderungen gibt es viele:
- Fehlstellungen der Knochen nach Brüchen (Kahnbeinbruch, Speichenbruch) oder Bandverletzungen wie z. B. die Skapulolunäre Bandverletzung (SL-Verletzung, hier ist das Band betroffen, das Kahnbein und Mondbein eng zusammenhält)
- Überlastungen durch Zwangshaltung und/oder monotone Tätigkeiten
- Rheumatoide Arthritis, Gelenkentzündungen oder als Begleiterscheinung eines Ganglions (Überbeins) am Handgelenk
- Knochennekrosen von Handwurzelknochen, z. B. Morbus Kienböck
- angeborene Fehlstellungen des Gelenks (z. B. die Madelung-Deformität, eine Wachstumsstörung des Unterarms).
In manchen Fällen bleibt die Ursache der Erkrankung auch ungeklärt. Hier spricht man dann häufig von einer primären Handgelenksarthrose (im Gegensatz zu den sekundären Handgelenksarthrosen aufgrund der oben genannten Ursachen).
Klinik und Verlauf
Die Beschwerden bei einer Handgelenksarthrose werden mit der Zeit immer stärker. Erst kommt es nur unter Belastung zu Schmerzen, später auch in Ruhestellung. Auch die Beweglichkeit ist dann eingeschränkt. Charakteristisch ist zudem, dass immer wieder akute Schübe auftreten. Das dann akut entzündete Gelenk ist in diesen Phasen überwärmt, geschwollen und gerötet. Ausgelöst werden Arthroseschübe z. B. durch eine plötzliche starke Überlastung, diskutiert wird auch der Einfluss von Infektionen wie beispielsweise der Grippe.
Unbehandelt schreiten die Schäden am Knorpel immer weiter fort – bis es auch zu Knochenschäden, schmerzhaften Verformungen und Versteifungen am Handgelenk kommt. Im Endstadium ist das Gelenk komplett versteift und funktionsuntüchtig.
Diagnosesicherung
Schmerzen und Bewegungseinschränkung deuten auf ein Geschehen am Handgelenk hin. Vor allem im frühen Stadium ist für viele Patient*innen der vorübergehende Anlaufschmerz nach einer Ruhephase typisch. Liegt eine aktivierte, akute Arthrose vor, ist die Hand überwärmt, geschwollen und gerötet. Manchmal kann die Ärzt*in auch die arthrotischen Knochenanbauten ertasten.
Gesichert wird die Diagnose mit dem Röntgenbild. Besteht die Arthrose schon länger, zeigen sich dort typische Arthrosezeichen wie die Gelenkspaltverschmälerung, raue Gelenkflächen, Knochenanbauten (Osteophyten) und eine Verdichtung des gelenknahen Knochens. Im Frühstadium, wenn noch keine röntgenologischen Veränderungen nachweisbar sind, kann die Ultraschalluntersuchung wertvolle Hinweise liefern. Hier lassen sich Schwellungen, entzündliche Veränderungen und Flüssigkeitseinlagerung in der Gelenkkapsel nachweisen. Selten ist eine Gelenkspiegelung nötig, vor allem, wenn als Differenzialdiagnose eventuelle Bandverletzungen der Handwurzelknochen im Raum stehen.
Differenzialdiagnosen. Ähnliche Beschwerden verursachen andere Arthrosen im Bereich der Hand wie die Rhizarthrose oder die Arthrose im SST-Gelenk (Scapho-Trapezo-Trapezoidalgelenk) sowie die Rheumatoide Arthritis, die Tendovaginitis de Quervain oder auch eine Gicht. Weitere wichtige Differenzialdiagnosen sind Verletzungen, z. B. die SL-Bandverletzung, d. h. die Verletzung des Bandes zwischen Mondbein und Kahnbein, oder Brüche im Bereich von Handwurzel und Unterarm (Speichenbruch, Kahnbeinbruch).
Behandlung
Konservativ
Zunächst wird versucht, die Beschwerden mithilfe konservativer Maßnahmen in den Griff zu bekommen. Neben der Schmerzbekämpfung ist dabei besonders der Erhalt (oder die Verbesserung) der Beweglichkeit des Handgelenks und der gesamten Hand von Bedeutung. Je nach Stadium der Erkrankung stehen folgende Therapien zur Verfügung:
- Physiotherapie. Hier sind im aktivierten, schmerzhaften Stadium vor allem Kälteanwendungen angezeigt. Manche Patient*innen profitieren auch von der Behandlung mit Reizstrom.
- Ruhigstellung. Bei sehr starken Schmerzen sollte das Gelenk kurzfristig ruhiggestellt werden. Das ist mit einem Gips, aber auch mit einer Handgelenksbandage oder einer Orthese möglich. Bandagen oder Orthesen sollten jedoch nur zeitweilig getragen werden, da es sonst zu Einsteifungen und Muskelabbau und damit Bewegungseinschränkungen der Hand kommen kann.
- Schmerzmedikamente. Bei starken Schmerzen verordnet die Ärzt*in schmerz- und entzündungshemmende Wirkstoffe wie Diclofenac (z. B. Voltaren® oder Diclac®), Ibuprofen (z. B. Dolgit® oder Ibuprofen AbZ) oder Etoricoxib (z. B. Arcoxia®). Diese können in Tablettenform eingenommen werden, manche gibt es auch als Gel oder Salbe zum Einreiben.
- Kortisonspritzen. Die Injektion von Kortison in den Gelenkspalt lindert die Schmerzen und dämmt die Entzündung ein. Problematisch ist allerdings, dass Kortison Knorpel, Knochen und Bänder dauerhaft schädigen kann, vor allem, wenn es wiederholt gespritzt wird. Aus diesem Grund raten Expert*innen von mehr als 2 bis 3 Wiederholungen meist ab.
Operativ
Die operative Behandlung wird erst empfohlen, wenn die oben genannten Verfahren nicht greifen, d. h. die Schmerzen nicht beherrschbar sind oder die Bewegungseinschränkungen den Alltag erschweren. In Frage kommen dafür:
- Handgelenksdenervation. Bei dieser Operation werden über mehrere kleine Schnitte bis zu zehn schmerzleitende Nervenäste der drei Handnerven durchtrennt. Die Muskelfunktion und das Gefühl an der Hand bleiben dabei erhalten. Etwa 60 % bis 70 % der Patient*innen haben danach für mehrere Jahre weniger oder keine Schmerzen mehr. Durchgeführt wird der Eingriff in lokaler Betäubung oder Vollnarkose.
- Arthroskopische Behandlung. Im Rahmen einer Gelenkspiegelung kann die Ärzt*in den Knorpel glätten und entzündetes Gewebe entfernen. Manchmal wird auch die Gelenkfläche angebohrt, damit über das Blut Stammzellen einwandern und neuen Knorpel bilden können (dies nennt man Mikrofrakturierung). Diese Verfahren sind nur in relativ frühen Stadien der Arthrose erfolgreich.
- Arthrodese (Versteifungsoperation). Bei starken Beschwerden wird die teilweise oder komplette Versteifung des Handgelenks in einer funktionsgünstigen Stellung (meist leicht nach oben gestreckt) empfohlen. Dazu gibt es verschiedene Verfahren, bei denen die Ärzt*in zunächst die betroffenen Gelenkflächen entknorpelt und manchmal auch komplette Handwurzelknochen entfernt. Danach werden die verbliebenen Knochen mit Drähten oder Schrauben verbunden, damit sie zusammenwachsen und "einsteifen". Die komplette Versteifung des Handgelenks, bei der nur noch die Finger beweglich sind, wird heute möglichst vermieden. Bei den verschiedenen Teilarthrodese-Verfahren wird nur dort versteift, wo tatsächlich verschlissener Knorpel gesessen hat. Dadurch bleibt eine Restbeweglichkeit im Handgelenk erhalten. Was die Schmerzen betrifft, ist die Erfolgsquote der Arthrodese sehr gut, bei den meisten Patient*innen sind diese nach dem Eingriff verschwunden.
- Handgelenksprothese. Das Einpflanzen einer Handgelenksprothese ist prinzipiell möglich, kommt aber nur in Betracht, wenn sämtliche Handwurzelgelenke von der Arthrose betroffen und schwer geschädigt sind. Beweglichkeit und Schmerzreduktion sind nach dem Einpflanzen einer Handgelenksprothese gut. Allerdings kann auch die Prothese verschleißen und sich lockern, was einen erneuten Eingriff erforderlich macht. Für Personen, die schwer arbeiten, ist ein solches Kunstgelenk nicht geeignet, hier empfiehlt sich die komplette Versteifung.
Prognose
Die Erfolgsaussichten der verschiedenen Behandlungsverfahren hängen stark vom individuellen Fall ab, z. B. vom Ausgangsbefund, eventuellen Grunderkrankungen (z. B. einer Rheumatoiden Arthritis), der Operationsmethode und der Mitarbeit der Patient*in in puncto postoperative Übungen.
Ihre Apotheke empfiehlt
Was Sie selbst tun können
Entlastung. Schonen Sie das betroffene Handgelenk. Wenn Ihnen das Öffnen und Schließen von Dosen oder Flaschen schwerfällt, nutzen Sie Hilfsmittel wie elektronische Dosenöffner oder spezielle Flaschenöffner. Auch das Tragen schwerer Einkaufstaschen oder Aktenkoffer geht auf Hand und Handgelenk, für solche Transporte sind Trolleys oder Rucksäcke besser geeignet.
Übungen. Bei Handgelenksarthrosen empfehlen sich regelmäßige Übungen, die sich ganz einfach zwischendurch im Alltag einflechten lassen. 5 Minuten täglich reichen aus, um ein Steifwerden der Gelenke zu verzögern.
- Lassen Sie Ihr Handgelenk in beide Richtungen kreisen, öffnen und schließen Sie Ihre Hand zur Faust oder führen Sie jeden Finger abwechselnd zum Daumen.
- Strecken Sie die Daumen nach oben und lassen Sie sie abwechselnd in beide Richtungen kreisen.
- Legen Sie bei gestreckten Ellenbogen beide Handrücken vor sich auf eine Tischplatte, die Fingerspitzen zeigen zu Ihrem Körper. Gehen Sie rückwärts und lassen Sie die Hände auf dem Tisch liegen. Auf diese Weise geht das Handgelenk in Beugung.
Physikalische Therapie. Wärmeanwendungen wie erwärmte Heublumensäckchen lindern die Beschwerden im chronischen Stadium. Bei einer aktivierten Arthrose helfen dagegen Kälteanwendungen wie kalte Umschläge oder Kältepackungen in Form von eis- oder kühlschrankgelagerten Quark- bzw. Moorpackungen. Diese sollten mehrmals täglich direkt auf das Handgelenk gelegt werden.
Pflanzenheilkunde. Häufig eingesetzte standardisierte Pflanzenextrakte basieren auf Heilpflanzen, die sich v. a. durch stoffwechsel- oder durchblutungsfördernde sowie schmerzlindernde Wirkungen auszeichnen, allen voran Brennnesselblätter, Ackerschachtelhalmkraut und Löwenzahn. In vielen Fällen bietet sich eine längerfristige Anwendung an, z. B. in Form einer Teekur (z. B. Gerner® Rheumatee). Ansonsten kommen zur Linderung abnutzungsbedingter Gelenkschmerzen die gleichen Phytotherapeutika in Betracht wie zur Behandlung einer Rheumatoiden Arthritis.
Enzymtherapie. Manche Patient*innen mit Neigung zu häufigen Entzündungen (aktivierte Arthrosen) haben mit der Einnahme von Enzympräparaten gute Erfahrung gemacht. Beispiele dafür sind das Ananasenzym Bromelain in hoher Dosierung einzeln (z. B. Bromelain-Pos®) oder in Kombination mit anderen Enzymen (z. B. mit dem Pankreasenzym in Wobenzym® N) in Tabletten- oder Pulverform.
Nahrungsergänzungsmittel. Der Markt bietet vielerlei Nahrungsergänzungsmittel, denen knorpelschützende bzw. die Knorpelregeneration anregende Wirkungen zugeschrieben werden. Sie werden meist in Form von Kapseln eingenommen, ihre Wirkung ist umstritten.
Für andere Extrakte, etwa aus Mikroalgen, Haifischknorpel oder Perilla-Öl, steht ein wissenschaftlicher Nachweis ihrer therapeutischen Wirksamkeit bislang vollständig aus.
Nackenschmerzen sind meist nicht gefährlich, können aber die Lebensqualität stark einschränken.
Was bei Nackenschmerzen hilft
Medikamente, Wärme oder Schonen?
Nackenschmerzen sind häufig. Zum Glück steckt in den meisten Fällen keine ernste Erkrankung dahinter. Behandlungsmöglichkeiten gibt es viele: von Schmerzmitteln über muskelentspannende Medikamente bis hin zum Tapen. Doch welche davon sind wirklich sinnvoll? Und wann sollten Nackenschmerzen besser gründlich abgeklärt werden?
Fast die Hälfte der Erwachsenen betroffen
Nackenschmerzen treten im Bereich der Halswirbelsäule zwischen Schädelbasis und den oberen Schulterblättern auf. Manchmal ziehen sie auch in die Schultern, den unteren Hinterkopf und den oberen Rücken. Der Schmerz ist dabei dumpf, drückend und ziehend und kann bei Bewegungen schlimmer werden. Häufig fühlt sich der Nacken auch steif an und das Drehen des Kopfes fällt schwer. Berührt man den schmerzenden Bereich oder versucht ihn zu massieren, lassen sich oft harte, verspannte Muskeln tasten.
Je nach ihrer Dauer werden Nackenschmerzen eingeteilt in
- akut: bis zu drei Wochen
- subakut: vier bis zwölf Wochen oder
- chronisch: länger als zwölf Wochen.
Die Abgrenzung fällt allerdings manchmal schwer, da der Beginn oft nicht genau definiert werden kann.
Fast die Hälfte der Erwachsenen in Deutschland gibt an, in den letzten Monaten mindestens ein Mal Nackenschmerzen gehabt zu haben – sie kommen also sehr oft vor. In der Hausarztpraxis gehören sie sogar zum dritthäufigsten Beratungsanlass. Frauen sind davon etwas häufiger betroffen als Männer, bei Menschen über 70 Jahren werden sie etwas seltener.
Hinweis: Auch Kinder und Jugendliche leiden unter Nackenschmerzen. Tendenziell soll die Anzahl der Betroffenen zwischen 3 und 17 Jahren steigen. Als Ursache gelten u.a. Bewegungsmangel und die immer längere Smartphonenutzung.
Wo kommen Nackenschmerzen her?
In den meisten Fällen von Nackenschmerzen lassen sich keine strukturellen Ursachen wie sichtbare oder messbare Probleme an den Knochen, Gelenken oder Nerven nachweisen. Dann spricht man von unspezifischen Nackenschmerzen. Als häufigster Grund für akute unspezifische Nackenschmerzen gelten Muskelverspannungen, z. B. ausgelöst durch lange Computerarbeit, Zugluft oder eine ungünstige Schlafhaltung. Sie klingen in der Regel auch ohne Behandlung innerhalb von ein bis zwei Wochen ab.
Halten die Beschwerden länger als drei Monate an, stecken hinter unspezifischen Nackenschmerzen oft Belastungen und Stress. Fehlhaltungen und Bewegungsmangel tragen zu ihrer Entwicklung zusätzlich bei.
Zu den seltenen strukturellen (spezifischen) Ursachen von Nackenschmerzen gehören z. B. arthrotische Veränderungen oder Rheuma. In weniger als 1% der Fälle gehen Nackenschmerzen auf eine gefährliche Ursache zurück. Dazu gehören Bandscheibenvorfall, Tumoren, Osteoporose mit Wirbelbrüchen, Nervenerkrankungen oder Infektionen.
Nackenschmerzen abklären lassen
Wer nach einer schlechten Nacht oder einer langen Gaming-Sitzung unter Nackenschmerzen leidet, benötigt meist keine ärztliche Hilfe. Es gibt jedoch auch Nackenschmerzen, die man bei der Hausärzt*in abklären lassen sollte. Das gilt zum einen, wenn die Schmerzen über eine längere Zeit anhalten. Denn auch wenn nichts Gefährliches dahinter steckt, ist es sinnvoll, eine gezielte Behandlung einzuleiten.
In manchen Fällen muss immer rasch eine ärztliche Abklärung erfolgen. Warnzeichen für eine der seltenen, gefährlichen Ursachen von Nackenschmerzen sind
- Kribbeln, Taubheitsgefühle oder Lähmungen von Armen und Beinen
- starke Kopfschmerzen, Fieber, Nackensteife und Übelkeit
- unerklärter Gewichtsverlust, Abgeschlagenheit, Nachtschweiß
- Nackenschmerzen nach einem Sturz oder Unfall
- gleichzeitige Schluckbeschwerden oder Schmerzen im Brustkorb
Diese Beschwerden können z. B. auf einen Bandscheibenvorfall, einen Tumor oder eine Meningitis hindeuten.
Wie sieht die Diagnostik bei Nackenschmerzen aus?
Bei neu aufgetretenen Nackenschmerzen befragt die Ärzt*in die Patient*in zunächst ausführlich, wie stark die Beschwerden sind, wann sie auftreten und wie lange sie schon bestehen. Zusätzlich wird nach eigenen Behandlungsversuchen und deren Erfolg/Misserfolg gefragt, ebenso nach der Lebenssituation, mit besonderem Schwerpunkt auf Belastungen und Stress.
Wichtig sind auch vorangegangene Infektionen, Stürze oder Unfälle und begleitende Erkrankungen. Auch die Medikamenteneinnahme ist von Bedeutung: So begünstigt z. B. die langfristige Einnahme von Kortison eine Osteoporose, die sich an der Halswirbelsäule bemerkbar machen kann. Abgefragt werden auch immer die sogenannten B-Symptome Nachtschweiß, Gewichtsverlust und Leistungsknick. Diese können auf eine Tumorerkrankung hinweisen.
Nach der Erhebung der Krankengeschichte wird die Patient*in körperlich untersucht. Dabei prüft die Ärzt*in die Beweglichkeit der Halswirbelsäule und ob die Dornfortsätze (die Erhebungen entlang der Wirbelsäule) druckschmerzhaft sind. Meist tastet sie auch die Muskulatur ab und sucht nach Verspannungen und Verhärtungen.
Um die Beteiligung von Nerven auszuschließen, wird eine kurze neurologische Untersuchung durchgeführt. Dazu gehört u.a. die Prüfung von Kraft, Feinmotorik und Sensibilität (Gefühl) der Finger, meist werden auch das Gangbild und die Reflexe getestet.
In den allermeisten Fällen kann die Ärzt*in nach dieser ausführlichen Anamnese und Untersuchung eine strukturelle Ursache der akuten Nackenschmerzen ausschließen und die Diagnose „unspezifische Nackenschmerzen“ stellen. Eine weitere Diagnostik ist nur erforderlich, wenn entsprechende Hinweise gefunden wurden.
Mehr Diagnostik wird auch empfohlen, wenn die Nackenschmerzen trotz Behandlung länger als vier bis sechs Wochen anhalten und die Betroffenen sehr in ihren Aktivitäten einschränken. Dies kann ein Hinweis auf eine initial nicht erkannte spezifische Ursache sein.
Zu den weiteren Untersuchungen gehört vor allem die Bildgebung. Zu bevorzugen sind die CT und die MRT, da sich mit diesen Untersuchungsverfahren Frakturen, Tumoren, Infektionen und Neuropathien besser erkennen lassen als mit dem konventionellen Röntgen. Bei einem Verdacht auf Infektionen oder Tumoren kommen entsprechende Laboruntersuchungen zum Einsatz. Für diese Spezialuntersuchungen und zur Weiterbehandlung überweist die Hausärzt*in die Patient*in meist in eine entsprechende Facharztpraxis (Rheumatologie, Neurologie, Orthopädie).
Hinweis: Bildgebende Verfahren sind bei unspezifischen Nackenschmerzen in den allermeisten Fällen nicht erforderlich. Sie können sogar schaden, da darin oft Veränderungen in der HWS erkannt werden, die nicht Ursache der Schmerzen sind. Das kann unbegründete Ängste wecken, die Betroffenen unnötig belasten und manchmal sogar überflüssige Therapien nach sich ziehen.
Bewegung ist das A und O
Für das Selbstmanagement bei unspezifischen Nackenschmerzen gibt es einige nicht-medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten. Dazu gehören körperliche Aktivität, Wärme- oder Kältebehandlungen und Entspannungsübungen.
- Körperliche Aktivität: Betroffene mit unspezifischen Nackenschmerzen sollten sich bewegen, also körperlich aktiv bleiben. Wenn nötig, auch mithilfe einer medikamentösen Schmerztherapie (siehe unten). Sinnvoll sind auch leichte Übungen, z. B. die Halsmuskulatur anzuspannen und in sanfter Dehnung zu entspannen. Die Expert*innen der aktuellen Leitlinie zum unspezifischen Nackenschmerz empfehlen dazu ein Video-Beispiel auf youtube (https://www.youtube.com/watch?v=6-bu6N-emq4, vierte Übung). Weitere Übungen sind Schulterkreisen, Kopfneigen, Seitdehnung und Kinn-zur-Brust, alles natürlich sanft und schonend.
- Wärme oder Kälte: Wärme kann bei unspezifischen Nackenschmerzen die Schmerzen lindern und die Beweglichkeit bessern. Insgesamt gibt es dazu allerdings kaum Daten aus Studien, die Empfehlungen beruhen auf Expertenwissen. Empfohlen werden dafür z. B. aufgewärmte Körnerkissen. Auch Wärmepflaster oder eine heiße Rolle können hilfreich sein. Manche Betroffenen profitieren statt von Wärme eher von Kälteanwendungen. Sofern dies als schmerzlindernd empfunden wird, raten Expert*innen nicht davon ab.
- Entspannungsverfahren: Für den Effekt von Entspannungsverfahren wie der Progressiven Muskelrelaxation gibt es unterschiedliche Ergebnisse. In einigen Studien wurden Schmerzen und Beweglichkeit gebessert, in anderen nicht. Möglicherweise helfen Entspannungsverfahren aber dabei, das Stresserleben zu reduzieren und der Entwicklung chronischer Nackenschmerzen entgegenzuwirken.
Hinweis: Den Hals mit einer Halskrause oder einer Nackenschiene ruhig zu stellen wird bei unspezifischen Nackenschmerzen nicht empfohlen. Expert*innen gehen davon aus, dass dies eher schädlich wirkt: Einerseits bildet sich die Halsmuskulatur zurück, andererseits wird die Passivität der Betroffenen gefördert.
Medikamentöse Hilfe bei Nackenschmerzen
In manchen Fällen sind bei unspezifischen Nackenschmerzen Schmerzmittel erforderlich. Eine Schmerztherapie kann auch dazu dienen, beweglich und aktiv zu bleiben. In Frage kommen, wenn erforderlich, nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) und Metamizol.
- NSAR. Am häufigsten werden NSAR wie Ibuprofen, Diclofenac oder Naproxen eingesetzt. Ihr Effekt wird in Studien unterschiedlich bewertet. Zudem haben sie ein erhöhtes Risiko für Nebenwirkungen, insbesondere auf die Magenschleimhaut. Sie erhöhen auch das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Insgesamt gilt, dass sie so niedrig dosiert und so kurz wie möglich eingesetzt werden sollten. Für chronische unspezifische Nackenschmerzen werden sie aufgrund der genannten Nebenwirkungen nicht empfohlen.
- Metamizol. Für Patient*innen, die NSAR nicht vertragen oder ein zu hohes Risiko für die genannten Nebenwirkungen haben, stellt Metamizol eine Alternative dar. Dieses Präparat kann allerdings in sehr seltenen Fällen bestimmte Zellen im Blut verringern (Agranulozytose). Bei längerer Einnahme sollte deshalb regelmäßig das Blutbild kontrolliert werden. Außerdem müssen die Patient*innen die typischen Symptome Fieber, Halsschmerzen und Schleimhautläsionen kennen und bei deren Auftreten die Hausärzt*in aufsuchen.
Von anderen Schmerzmitteln wie Paracetamol und Opioiden rät die Leitlinie ab. Paracetamol soll aufgrund seiner mangelnden Wirkung auf Nackenschmerzen nicht genommen werden, Opioide aufgrund ihrer unerwünschten Wirkungen und ihres Suchtpotenzials.
Verschreibungspflichtige muskelrelaxierende (entspannende) Wirkstoffe werden bei unspezifischen Nackenschmerzen auch gerne angewendet. Allerdings ist ihre Wirkung in Studien kaum belegt. Bei akuten unspezifischen Nackenschmerzen mit starker Verspannung sind sie eine Behandlungsoption, wenn NSAR nicht anschlagen. Aufgrund ihrer möglichen Nebenwirkungen wie Blutbildstörungen, Schwindel oder zentraler Sedierung (Dämpfung) sollten sie allerdings nicht länger als zwei Wochen angewendet werden.
Hinweis: Für die Wirkung pflanzlicher Schmerzmittel wie Weidenrinde und Teufelskralle gibt es keine aussagekräftigen Studien. Ihr Einsatz wird deshalb in den Leitlinien nicht bewertet.
Chirotherapie, Akupunktur und Laser
Bei unspezifischen Nackenschmerzen werden auch häufig nicht-medikamentöse Verfahren und Methoden angeboten. Einige werden eher kritisch betrachtet, da ihre Wirkung nicht ausreichend belegt ist. Dazu kommt, dass viele der eingesetzten Methoden die Passivität der Betroffenen fördern. Dies steht im Widerspruch zu der Erkenntnis, dass körperliche Bewegung die Basis bei der Behandlung von unspezifischen Nackenschmerzen ist.
Grünes Licht geben die Expert*innen für die manuelle Therapie (Chirotherapie). Aktuellen Studien zufolge kann diese Technik bei akuten unspezifischen Nackenschmerzen die Schmerzen lindern und die Beweglichkeit der Halswirbelsäule bessern. Voraussetzung für eine Verordnung ist, dass keine Kontraindikationen wie Osteoporose, Schäden an der Wirbelsäule oder Gefäßkrankheiten vorliegen.
Die Akupunktur zeigt bei länger bestehenden unspezifischen Nackenschmerzen kleine bis mittlere Effekte. Insbesondere wenn andere Maßnahmen nicht greifen, kann sie versucht werden. Sie sollte aber – ebenso wie die Chirotherapie – mit aktivierenden Maßnahmen kombiniert werden.
Keinen Wirknachweis in kontrollierten Studien brachte die Behandlung mit Laser, Interferenzstrom oder Ultraschall. Gleiches gilt für die Behandlung mit medizinischen Bädern und Rotlicht, die deshalb nicht auf Kassenkosten verordnet werden sollten.
Auch Kinesiotapes werden manchmal bei akuten Nackenschmerzen eingesetzt. Eine Wirkung konnte allerdings bisher nicht belegt werden, zumal drohen allergische Reaktionen. Die Leitlinienautor*innen raten deshalb davon ab.
Hinweis: Bei chronischen unspezifischen Nackenschmerzen hat sich die kognitive Verhaltenstherapie als wirksam erwiesen. Sie kann Schmerzen, Angst vor Bewegung, Depressivität und allgemeine Ängstlichkeit bessern und wird vor allem im Rahmen eines multimodalen Therapiekonzepts empfohlen.
Quelle: S3-Leitlinie „Nicht-spezifische Nackenschmerzen“, AWMF-Register-Nr. 053-007 DEGAM-Leitlinie Nr. 13, Version 3.0, gültig bis 17.02.2030

