Gesundheit heute

Arthrosen der Fingergelenke

Fingergelenksarthrose. Mit Schwellungen, Schmerzen und Kraftminderung einhergehender Verschleiß der Fingergelenke. Neben einer genetischen Veranlagung sollen auch hormonelle Komponenten für die Entwicklung der Fingergelenksarthrosen eine Rolle spielen. Weitere mögliche Ursachen sind die Überlastung der Gelenke (z. B. durch Handarbeiten) oder Fehlstellungen nach schlecht verheilten Knochenbrüchen oder Bandverletzungen.

Je nach Lage der Arthrose werden verschiedene Sonderformen unterschieden. Die Bouchard-Arthrose betrifft die Fingermittelgelenke und kommt bei Männern und Frauen etwa gleich häufig vor. Die Heberden-Arthrose befällt vor allem die Fingerendgelenke, Frauen leiden etwa zehnmal häufiger darunter als Männer. Auch die Arthrose des Daumensattelgelenks (Rhizarthrose) ist bei Frauen häufiger (mehr dazu siehe dort).

Behandelt werden Fingergelenksarthrosen zunächst konservativ mit Handbädern, gezielten Bewegungsübungen und Schmerzmitteln. Bei stärkeren Beschwerden kommen Gelenkinjektionen oder handchirurgische Verfahren wie z. B. die Gelenkversteifung zum Einsatz.

Symptome und Leitbeschwerden

  • Bewegungsschmerz, Druckschmerz, später auch Ruheschmerz an den Fingergelenken
  • Schmerzhafte Bewegungseinschränkung, v. a. nach längerer Ruhe (Morgensteifigkeit), Verminderung der Kraft
  • Schwellung, knotige Auftreibung. Zweihöckrige Anschwellung an der Streckseite der Fingerendgelenke (Heberden-Knoten) bei der Heberden-Arthrose, Anschwellung an der Streckseite der Fingermittelgelenke (Bouchard-Knoten) bei der Bouchard-Arthrose
  • In fortgeschrittenen Stadien Gelenkfehlstellungen und Gelenkversteifungen.

Wann in die Arztpraxis

Bei Gelegenheit, wenn

  • über längere Zeit Schmerzen oder Auftreibungen der Fingergelenke bestehen.

Die Erkrankung

Wie alle Gelenke sind auch die Fingergelenke im Verlauf des Lebens von einem gewissen Verschleiß betroffen. Der Knorpel wird dünner und rauer, sodass sich die Belastung nicht mehr gleichmäßig auf die Gelenkfläche verteilt und sich stärker beanspruchte Bereiche weiter abnutzen. Der darunter liegende Knochen reagiert mit Neubildungen, es entstehen Knochenanbauten (Osteophyten). Die Gelenkhaut bildet vermehrt Gelenkflüssigkeit, das Gelenk schwillt an. Als Folge wird die Gelenkkapsel gespannt und schmerzt (aktivierte Arthrose). All diese Prozesse unterhalten und verstärken sich gegenseitig, sodass Abbau und Verschleiß (Degeneration) immer weiter voranschreiten.

Warum bei manchen Menschen die Fingergelenke früher verschleißen als bei anderen, ist unklar. Diskutiert werden folgende Ursachen:

  • Hormonelle Faktoren. Dies scheint bei der Heberden-Arthrose eine große Rolle zu spielen, da vor allem Frauen in und nach den Wechseljahren diese Form der Fingergelenksarthrosen entwickeln.
  • Genetische Veranlagung. Fingergelenksarthrosen kommen familiär gehäuft vor, eine genetische Veranlagung ist deshalb wahrscheinlich.
  • Überbeanspruchung der Finger und Hände. Auch wenn die Kräfte an den Fingergelenken nur relativ klein sind, kann es durch wiederholte, monotone Bewegungen wie bei Handarbeiten oder feinmechanischen Tätigkeiten zu einer übermäßigen Belastung und dadurch zu vermehrtem Verschleiß kommen.
  • Gelenkerkrankungen und Verletzungsfolgen. Fehlstellungen nach schlecht verheilten Knochenbrüchen, Verrenkungen oder Strecksehnenschädigungen begünstigen die Entwicklung einer Arthrose ebenso wie Gelenkentzündungen oder ein Ganglion (Überbein).
  • Grunderkrankungen wie z. B. die Gicht, Rheumatoide Arthritis oder Diabetes führen zu sekundären, also auf einer Erkrankung beruhenden Fingergelenksarthrosen.

Klinik

Fingergelenksarthrosen machen sich durch Schmerzen, Bewegungs- und Krafteinschränkung bemerkbar. Je nach Form und Lokalisation können sie in unterschiedlicher Reihenfolge auftreten.

Die Heberden-Arthrose beginnt oft mit der Verdickung der Fingerendgelenke, Schmerzen und Bewegungseinschränkungen kommen erst später dazu. Sie kann sich auch weiter ausbreiten und die anderen Fingergelenke, z. B. das Daumensattel- und Handgelenk betreffen. Die Bouchard-Arthrose der Fingermittelgelenke fängt dagegen eher mit Schmerzen und Bewegungseinschränkungen an, erst später kommen Schwellungen hinzu. Bouchard- und Heberden-Arthrose treten auch häufig gemeinsam auf.

Verlauf

Fingergelenkarthrosen entwickeln sich sehr individuell – zwischen schmerzhaften, besonders aktiven Phasen gibt es auch beschwerdefreie Zeiten, die allerdings im Verlauf der Erkrankung meist immer kürzer andauern. Schreitet die Erkrankung fort, entstehen zunehmende Knorpelschäden – später auch Knochenschäden –, schmerzhafte Verformungen und Versteifungen an den Fingergelenken.

Diagnosesicherung

Häufig sind die Gelenkschwellungen sowie die Schilderung der Schmerzen und Beschwerden schon ein deutlicher Hinweis auf eine Fingergelenksarthrose. Fragen nach Arthrosefällen in der Familie, nach Handverletzungen und der beruflichen Tätigkeit runden das Bild ab. Bei der Untersuchung der Hand prüft die Ärzt*in dann jeden Finger einzeln auf Beweglichkeit, Schwellung, Schmerzen und die Zeichen einer Entzündung wie z. B. Rötung oder Überwärmung.

Gesichert wird die Diagnose mit Röntgenbildern. Hier zeigen sich die typischen Veränderungen wie Gelenkspaltverschmälerung, Knochenanbauten (Osteophyten) und Änderungen in der Struktur des gelenknahen Knochens (Verdichtungen). Bei plötzlicher Verschlechterung lässt sich mit Blutuntersuchungen klären, ob ein akuter Arthroseschub oder eine rheumatische Erkrankung wie die Rheumatoide Arthritis vorliegt.

Differenzialdiagnosen. Ähnliche Beschwerden macht die Rheumatoide Arthritis, die auch ihrerseits eine Gelenksarthrose begünstigen kann sowie die Tendovaginitis de Quervain und die Handgelenksarthrose.

Behandlung

Konservativ

Zunächst wird versucht, die Beschwerden mit konservativen Maßnahmen in den Griff zu bekommen. Neben der Schmerzbekämpfung ist dabei besonders der Erhalt oder die Verbesserung der Beweglichkeit der Finger von Bedeutung. Je nach Stadium der Erkrankung stehen folgende Therapien zur Verfügung:

  • Physiotherapie. Hier sind im aktivierten, schmerzhaften Stadium vor allem Kälteanwendungen angezeigt, weil Kälte die Entzündung eindämmt. Manche Patient*innen profitieren auch von der Behandlung mit Reizstrom.
  • Schmerzmedikamente. Bei starken Schmerzen verordnet die Ärzt*in schmerz- und entzündungshemmende Wirkstoffe wie Diclofenac (z. B. Voltaren® oder Diclac®), Ibuprofen (z. B. Dolgit® oder Ibuprofen AbZ) oder Etoricoxib (z. B. Arcoxia®). Diese können in Tablettenform eingenommen werden, manche gibt es auch als Gel oder Salbe zum Einreiben.
  • Kortisonspritzen. Die Injektion von Kortison in den Gelenkspalt lindert die Schmerzen und dämmt die Entzündung ein. Problematisch ist allerdings, dass Kortison Knorpel, Knochen und Bänder dauerhaft schädigen kann, vor allem, wenn es wiederholt gespritzt wird. Aus diesem Grund raten Expert*innen von mehr als 2 bis 3 Wiederholungen meist ab.
  • Hyaluronsäure- und Orthokininjektionen. Sowohl das Einspritzen von Hyaluronsäure als auch von Orthokin wird von manchen Ärzt*innen auch zur Behandlung der Fingergelenksarthrose empfohlen. Ihre Wirkung ist jedoch umstritten, weshalb die Gesetzlichen Krankenkassen die Behandlungskosten nicht übernehmen.

Operativ

Die operative Behandlung wird erst empfohlen, wenn die oben genannten Verfahren nicht greifen, d. h. die Schmerzen nicht beherrschbar sind oder die Bewegungseinschränkungen den Alltag stark erschweren. Infrage kommen dafür:

  • Denervation. Bei dieser Operation werden über mehrere kleine Schnitte bis zu zehn schmerzleitende Nervenäste der drei Handnerven durchtrennt. Die Muskelfunktion und das Gefühl an der Hand bleiben dabei erhalten. Durchgeführt wird der Eingriff in lokaler Betäubung oder Vollnarkose.
  • Arthroskopische Behandlung. Im Rahmen einer Gelenkspiegelung kann die Ärzt*in den Knorpel glätten sowie entzündetes Gewebe und Knötchen entfernen. Diese Verfahren sind nur in relativ frühen Stadien der Arthrose erfolgreich.
  • Arthrodese (Versteifungsoperation). Bei starken Beschwerden wird die komplette Versteifung des Fingergelenks in leichter Beugestellung empfohlen. Vor allem an den Fingerendgelenken, also bei der Heberden-Arthrose, ist dieses Verfahren angezeigt. Auch am Mittelgelenk des Zeigefingers raten Ärzt*innen meist zu einer Versteifung, da beim wichtigen Spitzgriff (hier wird ein kleiner Gegenstand zwischen Zeigefinger- und Daumenkuppe gehalten) und beim Schlüsselgriff (der Griff zum Drehen eines Schlüssels) der Zeigefinger als Gegenspieler zum Daumen eine hohe Stabilität benötigt. Bei einer Versteifungsoperation entfernt die Handchirurg*in das zerstörte Gelenk über einen kleinen Hautschnitt und verbindet die beiden Restknochen mithilfe von Schrauben oder Drähten fest miteinander. Nach einer etwa vierwöchigen Ruhigstellung wird das Metall wieder entfernt. In der Regel kommt es durch die Operation zu einer deutlichen Schmerzreduktion, häufig verschwinden die Schmerzen auch ganz.
  • Fingergelenksprothese. Der Ersatz eines zerstörten Fingergelenks mit einer künstlichen Prothese kommt am ehesten bei Grund- und Mittelgelenkarthrosen in Frage. Voraussetzungen sind jedoch intakte Bandstrukturen, funktionierende Sehnen und ein ausreichend stabiles Knochengewebe, das die Prothesenschäfte halten kann. Beweglichkeit und Schmerzreduktion sind nach dem Einpflanzen meist gut. Extreme Belastungen müssen allerdings vermieden werden, je nach Material kann das neue Gelenk mit bis zu 5 Kilo belastet werden. Auch nach dem Einpflanzen eines Kunstgelenks werden Finger und Hand zunächst auf einer Gipsschiene gelagert und ruhiggestellt. Ist der Finger abgeschwollen, kommt er für 6 Wochen in eine Fingerhülse, die jeweils zur Krankengymnastik abgelegt wird.

Prognose

Die Fingergelenksarthrose kann nicht geheilt werden, sie schreitet kontinuierlich voran. Wie gut konservative Therapien den Verlauf aufhalten können, ist individuell sehr verschieden. Ist eine Operation erforderlich, kann diese die Schmerzen in der Regel sehr gut reduzieren und dadurch die Lebensqualität verbessern.

Ihre Apotheke empfiehlt

Was Sie selbst tun können

Entlasten. Wenn Ihnen das Öffnen und Schließen von Dosen oder Flaschen schwerfällt, nutzen Sie Hilfsmittel wie elektronische Dosenöffner oder spezielle Flaschenöffner. Auch das Tragen schwerer Einkaufstaschen oder Aktenkoffer beansprucht Hand und Handgelenk. Für solche Transporte sind Trolleys oder Rucksäcke besser geeignet.

Fingerübungen. Bei Fingergelenksarthrosen ist es sehr wichtig, die Beweglichkeit der Finger zu erhalten. Machen Sie zu diesem Zweck Knetübungen mit Sand, den sie vorher (z. B. in der Mikrowelle) erwärmt haben, mit einem Küchenschwamm oder mit einem Squashball in lauwarmem Wasser, am besten zweimal täglich. 5 Minuten täglich reichen aus, um ein Steifwerden des Gelenks zu verzögern.

Physikalische Therapie. Wärmeanwendungen wie erwärmte Heublumensäckchen lindern die Beschwerden im chronischen Stadium. Bei einer aktivierten Arthrose, also im akuten Entzündungsstadium, ist Kälte besser. Gut geeignet sind kalte Umschläge oder Kältepackungen mit eis- oder kühlschrankgelagertem Quark bzw. Moor. Die Packungen sollten mehrmals täglich direkt auf die Hand- oder Fingergelenke gelegt werden.

Pflanzenheilkunde. Häufig eingesetzte standardisierte Pflanzenextrakte basieren auf Heilpflanzen, die sich v. a. durch stoffwechsel- oder durchblutungsfördernde sowie schmerzlindernde Wirkungen auszeichnen. Allen voran stehen dabei Brennnesselblätter, Ackerschachtelhalmkraut und Löwenzahn. In vielen Fällen bietet sich eine längerfristige Anwendung an, z. B. in Form einer Teekur (z. B. Gerner® Rheumatee). Ansonsten kommen zur Linderung abnutzungsbedingter Gelenkschmerzen die gleichen Phytotherapeutika in Betracht wie zur Behandlung einer rheumatoiden Arthritis.

Enzymtherapie. Manche Patient*innen mit Neigung zu häufigen Entzündungen (aktivierte Arthrosen) haben mit der Einnahme von Enzympräparaten gute Erfahrung gemacht. Beispiele dafür sind das Ananasenzym Bromelain in hoher Dosierung einzeln (z. B. Bromelain-Pos®) oder in Kombination mit anderen Enzymen (z. B. mit dem Pankreasenzym in Wobenzym® N) in Tabletten- oder Pulverform.

Nahrungsergänzungsmittel. Der Markt bietet vielerlei Nahrungsergänzungsmittel, denen knorpelschützende bzw. die Knorpelregeneration anregende Wirkungen zugeschrieben werden. Sie werden meist in Form von Kapseln eingenommen, ihre Wirkung ist umstritten. Nach einigen Studien sollen Avocado-Soja-Öle, die sich durch einen besonders hohen Gehalt an Omega-3-Fettsäuren auszeichnen, das Voranschreiten einer Arthrose (im Frühstadium) aufhalten. Lange wurden auch Grünlippmuschelextrakte empfohlen, eine Wirkung konnte jedoch nicht nachgewiesen werden. Wie alle Therapieansätze, die direkt auf den Gelenkknorpel selbst Einfluss nehmen (sollen), haben sie sicher keinen Effekt mehr, wenn der Knorpel bereits stark geschädigt bzw. kaum oder gar nicht mehr vorhanden ist – in diesem Fall ist die Einnahme wirkungslos.

Für andere Extrakte, etwa aus Mikroalgen, Haifischknorpel oder Perilla-Öl, steht ein wissenschaftlicher Nachweis ihrer therapeutischen Wirksamkeit bislang vollständig aus.

Von: Dr. med. Michael Bedall in: Gesundheit heute, herausgegeben von Dr. med. Arne Schäffler. Trias, Stuttgart, 3. Auflage (2014). Überarbeitung und Aktualisierung: Dr. med. Sonja Kempinski
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Was bei Nackenschmerzen hilft

Nackenschmerzen sind meist nicht gefährlich, können aber die Lebensqualität stark einschränken.

Was bei Nackenschmerzen hilft

Medikamente, Wärme oder Schonen?

Nackenschmerzen sind häufig. Zum Glück steckt in den meisten Fällen keine ernste Erkrankung dahinter. Behandlungsmöglichkeiten gibt es viele: von Schmerzmitteln über muskelentspannende Medikamente bis hin zum Tapen. Doch welche davon sind wirklich sinnvoll? Und wann sollten Nackenschmerzen besser gründlich abgeklärt werden?

Fast die Hälfte der Erwachsenen betroffen

Nackenschmerzen treten im Bereich der Halswirbelsäule zwischen Schädelbasis und den oberen Schulterblättern auf. Manchmal ziehen sie auch in die Schultern, den unteren Hinterkopf und den oberen Rücken. Der Schmerz ist dabei dumpf, drückend und ziehend und kann bei Bewegungen schlimmer werden. Häufig fühlt sich der Nacken auch steif an und das Drehen des Kopfes fällt schwer. Berührt man den schmerzenden Bereich oder versucht ihn zu massieren, lassen sich oft harte, verspannte Muskeln tasten.

Je nach ihrer Dauer werden Nackenschmerzen eingeteilt in

  • akut: bis zu drei Wochen
  • subakut: vier bis zwölf Wochen oder
  • chronisch: länger als zwölf Wochen.

Die Abgrenzung fällt allerdings manchmal schwer, da der Beginn oft nicht genau definiert werden kann.

Fast die Hälfte der Erwachsenen in Deutschland gibt an, in den letzten Monaten mindestens ein Mal Nackenschmerzen gehabt zu haben – sie kommen also sehr oft vor. In der Hausarztpraxis gehören sie sogar zum dritthäufigsten Beratungsanlass. Frauen sind davon etwas häufiger betroffen als Männer, bei Menschen über 70 Jahren werden sie etwas seltener.

Hinweis: Auch Kinder und Jugendliche leiden unter Nackenschmerzen. Tendenziell soll die Anzahl der Betroffenen zwischen 3 und 17 Jahren steigen. Als Ursache gelten u.a. Bewegungsmangel und die immer längere Smartphonenutzung.

Wo kommen Nackenschmerzen her?

In den meisten Fällen von Nackenschmerzen lassen sich keine strukturellen Ursachen wie sichtbare oder messbare Probleme an den Knochen, Gelenken oder Nerven nachweisen. Dann spricht man von unspezifischen Nackenschmerzen. Als häufigster Grund für akute unspezifische Nackenschmerzen gelten Muskelverspannungen, z. B. ausgelöst durch lange Computerarbeit, Zugluft oder eine ungünstige Schlafhaltung. Sie klingen in der Regel auch ohne Behandlung innerhalb von ein bis zwei Wochen ab.

Halten die Beschwerden länger als drei Monate an, stecken hinter unspezifischen Nackenschmerzen oft Belastungen und Stress. Fehlhaltungen und Bewegungsmangel tragen zu ihrer Entwicklung zusätzlich bei.

Zu den seltenen strukturellen (spezifischen) Ursachen von Nackenschmerzen gehören z. B. arthrotische Veränderungen oder Rheuma. In weniger als 1% der Fälle gehen Nackenschmerzen auf eine gefährliche Ursache zurück. Dazu gehören Bandscheibenvorfall, Tumoren, Osteoporose mit Wirbelbrüchen, Nervenerkrankungen oder Infektionen.

Nackenschmerzen abklären lassen

Wer nach einer schlechten Nacht oder einer langen Gaming-Sitzung unter Nackenschmerzen leidet, benötigt meist keine ärztliche Hilfe. Es gibt jedoch auch Nackenschmerzen, die man bei der Hausärzt*in abklären lassen sollte. Das gilt zum einen, wenn die Schmerzen über eine längere Zeit anhalten. Denn auch wenn nichts Gefährliches dahinter steckt, ist es sinnvoll, eine gezielte Behandlung einzuleiten.

In manchen Fällen muss immer rasch eine ärztliche Abklärung erfolgen. Warnzeichen für eine der seltenen, gefährlichen Ursachen von Nackenschmerzen sind 

  • Kribbeln, Taubheitsgefühle oder Lähmungen von Armen und Beinen 
  • starke Kopfschmerzen, Fieber, Nackensteife und Übelkeit 
  • unerklärter Gewichtsverlust, Abgeschlagenheit, Nachtschweiß 
  • Nackenschmerzen nach einem Sturz oder Unfall 
  • gleichzeitige Schluckbeschwerden oder Schmerzen im Brustkorb

Diese Beschwerden können z. B. auf einen Bandscheibenvorfall, einen Tumor oder eine Meningitis hindeuten.

Wie sieht die Diagnostik bei Nackenschmerzen aus?

Bei neu aufgetretenen Nackenschmerzen befragt die Ärzt*in die Patient*in zunächst ausführlich, wie stark die Beschwerden sind, wann sie auftreten und wie lange sie schon bestehen. Zusätzlich wird nach eigenen Behandlungsversuchen und deren Erfolg/Misserfolg gefragt, ebenso nach der Lebenssituation, mit besonderem Schwerpunkt auf Belastungen und Stress.

Wichtig sind auch vorangegangene Infektionen, Stürze oder Unfälle und begleitende Erkrankungen. Auch die Medikamenteneinnahme ist von Bedeutung: So begünstigt z. B. die langfristige Einnahme von Kortison eine Osteoporose, die sich an der Halswirbelsäule bemerkbar machen kann. Abgefragt werden auch immer die sogenannten B-Symptome Nachtschweiß, Gewichtsverlust und Leistungsknick. Diese können auf eine Tumorerkrankung hinweisen.

Nach der Erhebung der Krankengeschichte wird die Patient*in körperlich untersucht. Dabei prüft die Ärzt*in die Beweglichkeit der Halswirbelsäule und ob die Dornfortsätze (die Erhebungen entlang der Wirbelsäule) druckschmerzhaft sind. Meist tastet sie auch die Muskulatur ab und sucht nach Verspannungen und Verhärtungen.

Um die Beteiligung von Nerven auszuschließen, wird eine kurze neurologische Untersuchung durchgeführt. Dazu gehört u.a. die Prüfung von Kraft, Feinmotorik und Sensibilität (Gefühl) der Finger, meist werden auch das Gangbild und die Reflexe getestet.

In den allermeisten Fällen kann die Ärzt*in nach dieser ausführlichen Anamnese und Untersuchung eine strukturelle Ursache der akuten Nackenschmerzen ausschließen und die Diagnose „unspezifische Nackenschmerzen“ stellen. Eine weitere Diagnostik ist nur erforderlich, wenn entsprechende Hinweise gefunden wurden.

Mehr Diagnostik wird auch empfohlen, wenn die Nackenschmerzen trotz Behandlung länger als vier bis sechs Wochen anhalten und die Betroffenen sehr in ihren Aktivitäten einschränken. Dies kann ein Hinweis auf eine initial nicht erkannte spezifische Ursache sein.

Zu den weiteren Untersuchungen gehört vor allem die Bildgebung. Zu bevorzugen sind die CT und die MRT, da sich mit diesen Untersuchungsverfahren Frakturen, Tumoren, Infektionen und Neuropathien besser erkennen lassen als mit dem konventionellen Röntgen. Bei einem Verdacht auf Infektionen oder Tumoren kommen entsprechende Laboruntersuchungen zum Einsatz. Für diese Spezialuntersuchungen und zur Weiterbehandlung überweist die Hausärzt*in die Patient*in meist in eine entsprechende Facharztpraxis (Rheumatologie, Neurologie, Orthopädie).

Hinweis: Bildgebende Verfahren sind bei unspezifischen Nackenschmerzen in den allermeisten Fällen nicht erforderlich. Sie können sogar schaden, da darin oft Veränderungen in der HWS erkannt werden, die nicht Ursache der Schmerzen sind. Das kann unbegründete Ängste wecken, die Betroffenen unnötig belasten und manchmal sogar überflüssige Therapien nach sich ziehen.

Bewegung ist das A und O

Für das Selbstmanagement bei unspezifischen Nackenschmerzen gibt es einige nicht-medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten. Dazu gehören körperliche Aktivität, Wärme- oder Kältebehandlungen und Entspannungsübungen.

  • Körperliche Aktivität: Betroffene mit unspezifischen Nackenschmerzen sollten sich bewegen, also körperlich aktiv bleiben. Wenn nötig, auch mithilfe einer medikamentösen Schmerztherapie (siehe unten). Sinnvoll sind auch leichte Übungen, z. B. die Halsmuskulatur anzuspannen und in sanfter Dehnung zu entspannen. Die Expert*innen der aktuellen Leitlinie zum unspezifischen Nackenschmerz empfehlen dazu ein Video-Beispiel auf youtube (https://www.youtube.com/watch?v=6-bu6N-emq4, vierte Übung). Weitere Übungen sind Schulterkreisen, Kopfneigen, Seitdehnung und Kinn-zur-Brust, alles natürlich sanft und schonend.
  • Wärme oder Kälte: Wärme kann bei unspezifischen Nackenschmerzen die Schmerzen lindern und die Beweglichkeit bessern. Insgesamt gibt es dazu allerdings kaum Daten aus Studien, die Empfehlungen beruhen auf Expertenwissen. Empfohlen werden dafür z. B. aufgewärmte Körnerkissen. Auch Wärmepflaster oder eine heiße Rolle können hilfreich sein. Manche Betroffenen profitieren statt von Wärme eher von Kälteanwendungen. Sofern dies als schmerzlindernd empfunden wird, raten Expert*innen nicht davon ab.
  • Entspannungsverfahren: Für den Effekt von Entspannungsverfahren wie der Progressiven Muskelrelaxation gibt es unterschiedliche Ergebnisse. In einigen Studien wurden Schmerzen und Beweglichkeit gebessert, in anderen nicht. Möglicherweise helfen Entspannungsverfahren aber dabei, das Stresserleben zu reduzieren und der Entwicklung chronischer Nackenschmerzen entgegenzuwirken.

Hinweis: Den Hals mit einer Halskrause oder einer Nackenschiene ruhig zu stellen wird bei unspezifischen Nackenschmerzen nicht empfohlen. Expert*innen gehen davon aus, dass dies eher schädlich wirkt: Einerseits bildet sich die Halsmuskulatur zurück, andererseits wird die Passivität der Betroffenen gefördert.

Medikamentöse Hilfe bei Nackenschmerzen

In manchen Fällen sind bei unspezifischen Nackenschmerzen Schmerzmittel erforderlich. Eine Schmerztherapie kann auch dazu dienen, beweglich und aktiv zu bleiben. In Frage kommen, wenn erforderlich, nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) und Metamizol.

  • NSAR. Am häufigsten werden NSAR wie Ibuprofen, Diclofenac oder Naproxen eingesetzt. Ihr Effekt wird in Studien unterschiedlich bewertet. Zudem haben sie ein erhöhtes Risiko für Nebenwirkungen, insbesondere auf die Magenschleimhaut. Sie erhöhen auch das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Insgesamt gilt, dass sie so niedrig dosiert und so kurz wie möglich eingesetzt werden sollten. Für chronische unspezifische Nackenschmerzen werden sie aufgrund der genannten Nebenwirkungen nicht empfohlen. 
  • Metamizol. Für Patient*innen, die NSAR nicht vertragen oder ein zu hohes Risiko für die genannten Nebenwirkungen haben, stellt Metamizol eine Alternative dar. Dieses Präparat kann allerdings in sehr seltenen Fällen bestimmte Zellen im Blut verringern (Agranulozytose). Bei längerer Einnahme sollte deshalb regelmäßig das Blutbild kontrolliert werden. Außerdem müssen die Patient*innen die typischen Symptome Fieber, Halsschmerzen und Schleimhautläsionen kennen und bei deren Auftreten die Hausärzt*in aufsuchen.

Von anderen Schmerzmitteln wie Paracetamol und Opioiden rät die Leitlinie ab. Paracetamol soll aufgrund seiner mangelnden Wirkung auf Nackenschmerzen nicht genommen werden, Opioide aufgrund ihrer unerwünschten Wirkungen und ihres Suchtpotenzials.

Verschreibungspflichtige muskelrelaxierende (entspannende) Wirkstoffe werden bei unspezifischen Nackenschmerzen auch gerne angewendet. Allerdings ist ihre Wirkung in Studien kaum belegt. Bei akuten unspezifischen Nackenschmerzen mit starker Verspannung sind sie eine Behandlungsoption, wenn NSAR nicht anschlagen. Aufgrund ihrer möglichen Nebenwirkungen wie Blutbildstörungen, Schwindel oder zentraler Sedierung (Dämpfung) sollten sie allerdings nicht länger als zwei Wochen angewendet werden.

Hinweis: Für die Wirkung pflanzlicher Schmerzmittel wie Weidenrinde und Teufelskralle gibt es keine aussagekräftigen Studien. Ihr Einsatz wird deshalb in den Leitlinien nicht bewertet.

Chirotherapie, Akupunktur und Laser

Bei unspezifischen Nackenschmerzen werden auch häufig nicht-medikamentöse Verfahren und Methoden angeboten. Einige werden eher kritisch betrachtet, da ihre Wirkung nicht ausreichend belegt ist. Dazu kommt, dass viele der eingesetzten Methoden die Passivität der Betroffenen fördern. Dies steht im Widerspruch zu der Erkenntnis, dass körperliche Bewegung die Basis bei der Behandlung von unspezifischen Nackenschmerzen ist.

Grünes Licht geben die Expert*innen für die manuelle Therapie (Chirotherapie). Aktuellen Studien zufolge kann diese Technik bei akuten unspezifischen Nackenschmerzen die Schmerzen lindern und die Beweglichkeit der Halswirbelsäule bessern. Voraussetzung für eine Verordnung ist, dass keine Kontraindikationen wie Osteoporose, Schäden an der Wirbelsäule oder Gefäßkrankheiten vorliegen.

Die Akupunktur zeigt bei länger bestehenden unspezifischen Nackenschmerzen kleine bis mittlere Effekte. Insbesondere wenn andere Maßnahmen nicht greifen, kann sie versucht werden. Sie sollte aber – ebenso wie die Chirotherapie – mit aktivierenden Maßnahmen kombiniert werden.

Keinen Wirknachweis in kontrollierten Studien brachte die Behandlung mit Laser, Interferenzstrom oder Ultraschall. Gleiches gilt für die Behandlung mit medizinischen Bädern und Rotlicht, die deshalb nicht auf Kassenkosten verordnet werden sollten.

Auch Kinesiotapes werden manchmal bei akuten Nackenschmerzen eingesetzt. Eine Wirkung konnte allerdings bisher nicht belegt werden, zumal drohen allergische Reaktionen. Die Leitlinienautor*innen raten deshalb davon ab.

Hinweis: Bei chronischen unspezifischen Nackenschmerzen hat sich die kognitive Verhaltenstherapie als wirksam erwiesen. Sie kann Schmerzen, Angst vor Bewegung, Depressivität und allgemeine Ängstlichkeit bessern und wird vor allem im Rahmen eines multimodalen Therapiekonzepts empfohlen.

Quelle: S3-Leitlinie „Nicht-spezifische Nackenschmerzen“, AWMF-Register-Nr. 053-007 DEGAM-Leitlinie Nr. 13, Version 3.0, gültig bis 17.02.2030

Von: Dr. med. Sonja Kempinski; Bild: mauritius images / BSIP / Alice S.