Gesundheit heute

Beckenringbruch

Häufigkeit: 2

Beckenringbruch (Beckenringfraktur, Beckenbruch): Bruch eines oder mehrerer Knochen, die den Beckenring bilden. Für Beckenringbrüche gibt es zwei Häufigkeitsgipfel: 20- bis 30-Jährige brechen sich das Becken vor allem bei Verkehrsunfällen oder Stürzen aus großer Höhe. Bei Menschen über 60 genügen aufgrund der verminderten Knochendichte bereits einfache Stürze im häuslichen Umfeld. Typische Beschwerden sind Schmerzen im Becken, Bewegungseinschränkungen und die Schonhaltung des Beins. Bei Schwerverletzten ist der Beckenringbruch oft Teil einer Mehrfachverletzung (Polytrauma).

Beckenringbrüche werden in der Klinik versorgt. Stabile Brüche können häufig konservativ mit Bettruhe und Physiotherapie behandelt werden, sie heilen dann – vor allem bei jungen Patient*innen – meist folgenfrei aus. Instabile Brüche erfordern eine Operation, um das Becken wieder zu stabilisieren. Je nach Ausmaß des Bruchs und eventueller Begleitverletzungen wie z. B. Nervenschädigungen können langfristige Folgen wie eine erektile Dysfunktion oder eine Harninkontinenz zurückbleiben.

Beckenringbrüche sind vor allem für alte Menschen gefährlich. Bis zu 27 % versterben daran. Auch die Gehfähigkeit lässt sich häufig nicht mehr komplett wiederherstellen.

Hinweis: Bei einem Beckenbruch im Bereich der Gelenkpfanne des Hüftgelenks (Acetabulum) spricht man von einer Acetabulumfraktur (mehr dazu siehe dort).

Symptome und Leitbeschwerden

  • Schmerzen in der Leiste, am Kreuzbein, über der Hüfte und/oder am Gesäß
  • Schmerzen bei Bewegung oder bei Stauchung des Beines
  • Erschwerte Bewegung im Hüftgelenk
  • Schief stehendes Becken, unterschiedliche Länge der Beine
  • Blutergüsse am Genital oder am Damm, Blut im Urin
  • Begleitverletzungen, vor allem im Rahmen eines Polytraumas.

Wann in die Arztpraxis

Sofort die Notärzt*in/den Rettungsdienst rufen bei

  • einem Verkehrsunfall oder Sturz aus großer Höhe
  • oben genannten Beschwerden nach einem häuslichen Sturz.

Die Erkrankung

Der Beckenring besteht aus den beiden Hüftbeinen und dem untersten Teil der Wirbelsäule, dem Kreuzbein. Die Knochen sind ringförmig angeordnet: hinten sind rechtes und linkes Hüftbein jeweils über die sehr straffen Kreuz-Darmbein-Gelenke (Iliosakralgelenke) mit der Wirbelsäule verbunden. Dieser Bereich wird auch hinterer Beckenring genannt. Im vorderen Beckenring (also vorne) stoßen die beiden Hüftbeine in der sogenannten Symphysenfuge aneinander.

Die Hüftbeine bestehen jeweils aus drei Anteilen, dem Darmbein, dem Sitzbein und dem Schambein. Diese drei Teile verschmelzen bis zur Pubertät zum eigentlichen Hüftbein. Dort, wo sich die drei Knochen treffen, liegt die Hüftgelenkspfanne und bildet gemeinsam mit dem Kopf des Oberschenkelknochens das Hüftgelenk.

Der Beckenring ist sehr stabil, er sorgt für einen sicheren Stand und ermöglicht dem Menschen die aufrechte Haltung und das Gehen. Außerdem schützt er die Organe, die im Becken liegen, wie z. B. Harnblase und Enddarm sowie die Prostata beim Mann und die Eierstöcke und die Gebärmutter bei der Frau.

Einteilung der Beckenringbrüche. Je nach Verletzungsgrad und Stabilität des Beckens werden drei Formen unterschieden:

  • Typ A: intakter Beckenring, stabiles Becken. Beispiele sind Beckenrandverletzungen oder der Abriss eines Knochenanteils.
  • Typ B: partielle Unterbrechung des Beckenrings. Bei der Sprengung der vorderen Verbindung der beiden Hüftbeine (Open-Book-Verletzung) ist das Becken noch stabil. Bei einseitigen Brüchen ist das Becken vertikal stabil, in der waagrechten Ebene instabil.
  • Typ C: komplette Unterbrechung des Beckenrings. Diese Verletzungen sind komplett instabil und die Kraftüberleitung zum Oberschenkel ist unterbrochen.

Ist eine verminderte Knochendichte verantwortlich für die Fraktur, wird sie nach der Fragility Fractures of the Pelvis (FFP)-Klassifikation beurteilt. Als (meist) stabil und deshalb konservativ behandelbar gelten die isolierte vordere Beckenringfraktur (FFP-I) und die nicht verschobene Fraktur des hinteren Beckenrings (FFP-II). FFP-III- und FFP-IV-Brüche sind verschobene Brüche und deshalb meist instabil. In diesem Fall sollte operiert werden.

Ursachen und Risikofaktoren

Damit ein gesundes Kreuz- oder Hüftbein bricht, muss es einer erheblichen Gewalteinwirkung ausgesetzt sein. Typische Ursachen sind deshalb Stürze aus großer Höhe oder Verkehrsunfälle. Davon betroffen sind vor allem junge Menschen zwischen 20 und 30 Jahren, häufig kommt es dabei zu instabilen Brüchen (siehe unten).

Bei alten Menschen mit verminderter Knochendichte reicht für einen Bruch des Beckenringes oft schon ein einfacher häuslicher Sturz aus dem Stand. Beckenringbrüche sind bei alten Menschen gefürchtet. Bis zu 27 % der Betroffenen versterben daran, häufig bleiben Mobilitätsstörungen und eine verminderte Selbstständigkeit zurück.

Klinik

Die Beschwerden beim Beckenringbruch hängen davon ab, ob das Becken noch stabil (Typ A) oder ob es instabil ist, d. h. sich die Bruchteile in der Quer- oder Längsachse verschieben können. Bei stabilen Beckenringbrüchen sind Schmerzen und Bewegungseinschränkungen oft nur gering. Instabile Beckenringbrüche zeigen sich meist mit starken Schmerzen im Bereich der Hüfte, der Leiste, an der Lende oder am Kreuzbein. Der Schmerz zieht manchmal auch als Lumboischialgie von der Lendenwirbelsäule bis in die Beine. Oft können die Betroffenen nicht mehr gehen oder stehen. Manchmal lässt sich aufgrund der verschobenen Knochen schon von außen erkennen, dass das Becken schief ist. Je nach Ort und Ausmaß der Verletzung kommt es auch zu Schwellungen und Blutergüssen, z. B. an den Schamlippen, am Hoden oder am Damm.

Komplikationen

Der Beckenringbruch ist bei Hochrasanzunfällen (z. B. Motorrad- oder Autounfällen, Sturz aus großer Höhe) oft Teil eines Polytraumas, bei dem die Patient*innen weitere Verletzungen aufweisen. Dazu gehört nicht nur die Verletzung von Gefäßen oder inneren Organen im Bereich des Beckens, z. B. von Harnblase oder Darm. Oft liegen gleichzeitig auch ein Schädel-Hirn-Trauma oder Brustkorb- und Lungenverletzungen vor. Innere Blutungen sind eine häufige, schwerwiegende Komplikation, bei schweren Blutverlusten droht der Schock.

Diagnosesicherung

Schwerverletzte kommen zunächst in den Schock- oder Reanimationsraum. Dort prüft man, ob eine unmittelbare Lebensgefahr (z. B. durch schwere Blutungen und Schock) besteht, transfundiert Blut oder beginnt mit der Versorgung lebensgefährlicher Begleitverletzungen. Die für den Transport angelegte stabilisierende Beckenzwinge (oder ein stattdessen angelegter Beckengurt) verbleibt während dieser Maßnahmen an der Patient*in, manchmal wird sie auch durch eine andere Haltevorrichtung ersetzt.

Körperliche Untersuchung. Bei der körperlichen Untersuchung achtet die Ärzt*in auf äußere Verletzungen und prüft die Stabilität des Beckens. Dazu wird vorsichtig auf die Beckenschaufeln und das Schambein gedrückt und versucht, die Knochen gegeneinander zu verschieben. Wichtige Hinweise sind zudem Druck- und Stauchungsschmerzen.

Durch eine orientierende neurologische Untersuchung lassen sich eventuelle Begleitverletzungen von Nerven erkennen. Dabei werden an Beinen und Hüften die Reflexe, die Berührungsempfindlichkeit und, wenn möglich, die willkürliche Bewegung und die Kraft geprüft. Das Tasten der Fußpulse zeigt, ob die Durchblutung der Beine in Ordnung ist. Ein nicht tastbarer Fußpuls ist beispielsweise ein Hinweis auf eine verletzte Beinarterie. Die Untersuchung des Enddarms mit dem Finger gibt Auskunft über Verletzungen im Becken: Blut am Fingerling ist ein Hinweis auf Verletzung des Enddarms. Lässt sich die Prostata verschieben, könnte die Harnröhre abgerissen sein.

Bildgebende Verfahren. Je nach Ausmaß der Verletzung kommen verschiedene Aufnahmen und Untersuchungen infrage, häufig werden diese auch kombiniert.

  • Röntgenaufnahme des Beckens, als Übersicht und in mehreren Ebenen
  • CT-Aufnahmen vor allem bei Verdacht auf Verletzungen des hinteren Beckenringes, bei Patient*innen mit Mehrfachverletzungen auch kontrastmittelgestützt
  • Notfall-Ultraschalluntersuchung (e-FAST, extended Focused Assessment with Sonography for Trauma) zum Auffinden von inneren Blutungen in Körperhöhlen (Bauchraum, Pleurahöhle oder Herzbeutel), kombiniert mit einer Untersuchung des Brustkorbs, um einen Pneumothorax nicht zu übersehen
  • Selten ein MRT, vor allem bei Kindern, um sie keiner Strahlenbelastung auszusetzen oder wenn der Bruch im CT nicht gut zu sehen ist
  • Messung der Knochendichte (bei alten Patienten nach banalen Stürzen)
  • Urografie, d. h. eine Röntgenkontrastuntersuchung der ableitenden Harnwege bei Verdacht auf Verletzung von Blase, Harnröhre oder Harnleiter.

Differenzialdiagnosen. Beckenprellungen können ähnlich schmerzhaft sein wie Beckenringbrüche. Auszuschließen ist vor allem bei älteren Patient*innen auch die Arthrose.

Behandlung

Konservativ

Die meisten Beckenringbrüche vom Typ A lassen sich konservativ behandeln. Das gilt nicht, wenn Knochenteile stark verschoben sind – diese Beckenringbrüche werden operativ versorgt. Ebenfalls konservativ behandelt werden stabile Typ-B-Brüche wie beispielsweise Open-Book-Verletzungen, bei denen die Symphyse nicht mehr als 1–2 cm auseinanderklafft.

Die konservative Behandlung beinhaltet:

  • Schmerztherapie, z. B. mit nicht-opioiden Schmerzmitteln wie Diclofenac (z. B. Voltaren® oder Diclac®) oder Metamizol (wie z. B. Novalgin®), bei stärkeren Schmerzen auch niedrig-potente Opioide wie Tramadol (z. B. Tramal®) oder hochpotente Opioide wie Oxycodon (z. B. Oxygesic®).
  • Physikalische und medikamentöse Thromboseprophylaxe mit komprimierenden Strümpfen und/oder Heparinspritzen
  • Lymphdrainage zur Behandlung eines Lymphödems
  • Sehr frühe Physiotherapie, zunächst mit passiven Übungen, später kommen Anspannungs- und aktive Übungen dazu
  • Möglichst frühe Mobilisierung mit Gehwagen oder Unterarmgehstützen
  • Vollbelastung ist nach etwa 12 Wochen wieder möglich.

Operativ

Typ-C-Brüche, stark verschobene Typ-A-Brüche und instabile Typ-B-Brüche behandelt die Unfallchirurg*in operativ. Um das Becken wieder zu stabilisieren, werden die Knochenbruchstücke mit Schrauben oder Platten fixiert, manchmal verwendet die Operateur*in dazu auch Zement. Bei sehr starker Verletzung von Weichteilen werden die Knochen auch durch einen Fixateur externe von außen fixiert.

Nach der Operation bekommt die Patient*in eine geeignete Schmerztherapie mit Opioiden oder Nicht-Opioiden sowie für mehrere Wochen eine Thromboseprophylaxe (siehe oben, konservative Therapie). Wie bei der konservativen Behandlung erfolgt auch hier eine frühe Mobilisierung: zunächst mit passiven Übungen, bei denen die Physiotherapeut*in die Gelenke der Patient*in bewegt, dann mit Anspannungsübungen. Wann das Training mit Gehwagen oder Unterarmgehstützen beginnt, hängt von der Art des Bruches ab und wird von der Operateur*in bestimmt. Bis zur 16. Woche nach Operation ist meist Rehasport angesagt, ab dem 5. Monat sind Ausdauersportarten wie Laufen, Radfahren und Schwimmen wieder erlaubt.

Prognose

Typ-A-Brüche heilen unter einer konservativen Behandlung meist folgenlos aus. Bei instabilen Beckenringbrüchen hängen die Heilungserfolge vom Ausmaß des Bruchs und von eventuellen Begleitverletzungen ab. Wurden Nerven geschädigt, bleiben manchmal langfristige Folgen wie Erektionsstörungen oder eine Harninkontinenz zurück.

Ihre Apotheke empfiehlt

Übungen nach dem Beckenringbruch

Ob und wie Sie nach Ihrem Beckenbruch trainieren können, müssen Sie mit der behandelnden Ärzt*in oder Physiotherapeut*in besprechen. Beispiele für mögliche Übungen sind:

  • Beckenboden kräftigen: Legen Sie sich auf den Rücken, Arme und Beine sind entspannt. Spannen Sie nun die Beckenbodenmuskulatur so an, als wollten Sie ihren Harn- und Stuhldrang unterdrücken. Halten Sie die Spannung für etwa 15 Sekunden. 3 Wiederholungen.
  • Becken dehnen. Legen Sie sich auf den Rücken und stellen Sie die Füße nahe am Gesäß auf. Heben Sie das Becken nach oben. Wirbelsäule und Oberschenkel sollen dabei eine möglichst gerade Linie bilden. Spüren Sie die Dehnung im Becken, halten Sie die Position einige Sekunden. 3 Wiederholungen.

Prävention

Stürze vermeiden. Ältere Menschen sind oft von Stürzen bedroht, sei es aufgrund einer Fehlsichtigkeit, einem verminderten Gleichgewichtsgefühl oder durch krankheitsbedingte Einschränkung ihrer Beweglichkeit. Deshalb ist es wichtig, ihre Sturzgefahr zu ermitteln und nötigenfalls ihre Stabilität zu verbessern. Dazu dienen Gehstöcke, Dreibeinstöcke und Rollatoren. Gymnastik, Gleichgewichtsübungen und Bewegungstraining helfen, den Körper und die Reaktionsfähigkeit fit zu halten.

Stolperfallen ausmerzen. Vor allem bei älteren Menschen sind Wohnung und nähere Umgebung gründlich auf mögliche Stolperfallen wie Teppiche oder herumliegende Kabel zu untersuchen diese zu entfernen.

Hüftprotektoren. Bei hoher Sturzgefahr können Hüftprotektoren helfen. Dies sind Hosen, in denen seitlich über dem Hüftknochen Schutzpolster eingenäht sind. Diese Polster können eventuelle Stürze abmildern.

Osteoporose behandeln. Um eine größtmögliche Knochenstabilität zu erhalten ist es wichtig, eine vorliegende Osteoporose zu behandeln.

Von: Dr. med. Sonja Kempinski
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Was bei Nackenschmerzen hilft

Nackenschmerzen sind meist nicht gefährlich, können aber die Lebensqualität stark einschränken.

Was bei Nackenschmerzen hilft

Medikamente, Wärme oder Schonen?

Nackenschmerzen sind häufig. Zum Glück steckt in den meisten Fällen keine ernste Erkrankung dahinter. Behandlungsmöglichkeiten gibt es viele: von Schmerzmitteln über muskelentspannende Medikamente bis hin zum Tapen. Doch welche davon sind wirklich sinnvoll? Und wann sollten Nackenschmerzen besser gründlich abgeklärt werden?

Fast die Hälfte der Erwachsenen betroffen

Nackenschmerzen treten im Bereich der Halswirbelsäule zwischen Schädelbasis und den oberen Schulterblättern auf. Manchmal ziehen sie auch in die Schultern, den unteren Hinterkopf und den oberen Rücken. Der Schmerz ist dabei dumpf, drückend und ziehend und kann bei Bewegungen schlimmer werden. Häufig fühlt sich der Nacken auch steif an und das Drehen des Kopfes fällt schwer. Berührt man den schmerzenden Bereich oder versucht ihn zu massieren, lassen sich oft harte, verspannte Muskeln tasten.

Je nach ihrer Dauer werden Nackenschmerzen eingeteilt in

  • akut: bis zu drei Wochen
  • subakut: vier bis zwölf Wochen oder
  • chronisch: länger als zwölf Wochen.

Die Abgrenzung fällt allerdings manchmal schwer, da der Beginn oft nicht genau definiert werden kann.

Fast die Hälfte der Erwachsenen in Deutschland gibt an, in den letzten Monaten mindestens ein Mal Nackenschmerzen gehabt zu haben – sie kommen also sehr oft vor. In der Hausarztpraxis gehören sie sogar zum dritthäufigsten Beratungsanlass. Frauen sind davon etwas häufiger betroffen als Männer, bei Menschen über 70 Jahren werden sie etwas seltener.

Hinweis: Auch Kinder und Jugendliche leiden unter Nackenschmerzen. Tendenziell soll die Anzahl der Betroffenen zwischen 3 und 17 Jahren steigen. Als Ursache gelten u.a. Bewegungsmangel und die immer längere Smartphonenutzung.

Wo kommen Nackenschmerzen her?

In den meisten Fällen von Nackenschmerzen lassen sich keine strukturellen Ursachen wie sichtbare oder messbare Probleme an den Knochen, Gelenken oder Nerven nachweisen. Dann spricht man von unspezifischen Nackenschmerzen. Als häufigster Grund für akute unspezifische Nackenschmerzen gelten Muskelverspannungen, z. B. ausgelöst durch lange Computerarbeit, Zugluft oder eine ungünstige Schlafhaltung. Sie klingen in der Regel auch ohne Behandlung innerhalb von ein bis zwei Wochen ab.

Halten die Beschwerden länger als drei Monate an, stecken hinter unspezifischen Nackenschmerzen oft Belastungen und Stress. Fehlhaltungen und Bewegungsmangel tragen zu ihrer Entwicklung zusätzlich bei.

Zu den seltenen strukturellen (spezifischen) Ursachen von Nackenschmerzen gehören z. B. arthrotische Veränderungen oder Rheuma. In weniger als 1% der Fälle gehen Nackenschmerzen auf eine gefährliche Ursache zurück. Dazu gehören Bandscheibenvorfall, Tumoren, Osteoporose mit Wirbelbrüchen, Nervenerkrankungen oder Infektionen.

Nackenschmerzen abklären lassen

Wer nach einer schlechten Nacht oder einer langen Gaming-Sitzung unter Nackenschmerzen leidet, benötigt meist keine ärztliche Hilfe. Es gibt jedoch auch Nackenschmerzen, die man bei der Hausärzt*in abklären lassen sollte. Das gilt zum einen, wenn die Schmerzen über eine längere Zeit anhalten. Denn auch wenn nichts Gefährliches dahinter steckt, ist es sinnvoll, eine gezielte Behandlung einzuleiten.

In manchen Fällen muss immer rasch eine ärztliche Abklärung erfolgen. Warnzeichen für eine der seltenen, gefährlichen Ursachen von Nackenschmerzen sind 

  • Kribbeln, Taubheitsgefühle oder Lähmungen von Armen und Beinen 
  • starke Kopfschmerzen, Fieber, Nackensteife und Übelkeit 
  • unerklärter Gewichtsverlust, Abgeschlagenheit, Nachtschweiß 
  • Nackenschmerzen nach einem Sturz oder Unfall 
  • gleichzeitige Schluckbeschwerden oder Schmerzen im Brustkorb

Diese Beschwerden können z. B. auf einen Bandscheibenvorfall, einen Tumor oder eine Meningitis hindeuten.

Wie sieht die Diagnostik bei Nackenschmerzen aus?

Bei neu aufgetretenen Nackenschmerzen befragt die Ärzt*in die Patient*in zunächst ausführlich, wie stark die Beschwerden sind, wann sie auftreten und wie lange sie schon bestehen. Zusätzlich wird nach eigenen Behandlungsversuchen und deren Erfolg/Misserfolg gefragt, ebenso nach der Lebenssituation, mit besonderem Schwerpunkt auf Belastungen und Stress.

Wichtig sind auch vorangegangene Infektionen, Stürze oder Unfälle und begleitende Erkrankungen. Auch die Medikamenteneinnahme ist von Bedeutung: So begünstigt z. B. die langfristige Einnahme von Kortison eine Osteoporose, die sich an der Halswirbelsäule bemerkbar machen kann. Abgefragt werden auch immer die sogenannten B-Symptome Nachtschweiß, Gewichtsverlust und Leistungsknick. Diese können auf eine Tumorerkrankung hinweisen.

Nach der Erhebung der Krankengeschichte wird die Patient*in körperlich untersucht. Dabei prüft die Ärzt*in die Beweglichkeit der Halswirbelsäule und ob die Dornfortsätze (die Erhebungen entlang der Wirbelsäule) druckschmerzhaft sind. Meist tastet sie auch die Muskulatur ab und sucht nach Verspannungen und Verhärtungen.

Um die Beteiligung von Nerven auszuschließen, wird eine kurze neurologische Untersuchung durchgeführt. Dazu gehört u.a. die Prüfung von Kraft, Feinmotorik und Sensibilität (Gefühl) der Finger, meist werden auch das Gangbild und die Reflexe getestet.

In den allermeisten Fällen kann die Ärzt*in nach dieser ausführlichen Anamnese und Untersuchung eine strukturelle Ursache der akuten Nackenschmerzen ausschließen und die Diagnose „unspezifische Nackenschmerzen“ stellen. Eine weitere Diagnostik ist nur erforderlich, wenn entsprechende Hinweise gefunden wurden.

Mehr Diagnostik wird auch empfohlen, wenn die Nackenschmerzen trotz Behandlung länger als vier bis sechs Wochen anhalten und die Betroffenen sehr in ihren Aktivitäten einschränken. Dies kann ein Hinweis auf eine initial nicht erkannte spezifische Ursache sein.

Zu den weiteren Untersuchungen gehört vor allem die Bildgebung. Zu bevorzugen sind die CT und die MRT, da sich mit diesen Untersuchungsverfahren Frakturen, Tumoren, Infektionen und Neuropathien besser erkennen lassen als mit dem konventionellen Röntgen. Bei einem Verdacht auf Infektionen oder Tumoren kommen entsprechende Laboruntersuchungen zum Einsatz. Für diese Spezialuntersuchungen und zur Weiterbehandlung überweist die Hausärzt*in die Patient*in meist in eine entsprechende Facharztpraxis (Rheumatologie, Neurologie, Orthopädie).

Hinweis: Bildgebende Verfahren sind bei unspezifischen Nackenschmerzen in den allermeisten Fällen nicht erforderlich. Sie können sogar schaden, da darin oft Veränderungen in der HWS erkannt werden, die nicht Ursache der Schmerzen sind. Das kann unbegründete Ängste wecken, die Betroffenen unnötig belasten und manchmal sogar überflüssige Therapien nach sich ziehen.

Bewegung ist das A und O

Für das Selbstmanagement bei unspezifischen Nackenschmerzen gibt es einige nicht-medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten. Dazu gehören körperliche Aktivität, Wärme- oder Kältebehandlungen und Entspannungsübungen.

  • Körperliche Aktivität: Betroffene mit unspezifischen Nackenschmerzen sollten sich bewegen, also körperlich aktiv bleiben. Wenn nötig, auch mithilfe einer medikamentösen Schmerztherapie (siehe unten). Sinnvoll sind auch leichte Übungen, z. B. die Halsmuskulatur anzuspannen und in sanfter Dehnung zu entspannen. Die Expert*innen der aktuellen Leitlinie zum unspezifischen Nackenschmerz empfehlen dazu ein Video-Beispiel auf youtube (https://www.youtube.com/watch?v=6-bu6N-emq4, vierte Übung). Weitere Übungen sind Schulterkreisen, Kopfneigen, Seitdehnung und Kinn-zur-Brust, alles natürlich sanft und schonend.
  • Wärme oder Kälte: Wärme kann bei unspezifischen Nackenschmerzen die Schmerzen lindern und die Beweglichkeit bessern. Insgesamt gibt es dazu allerdings kaum Daten aus Studien, die Empfehlungen beruhen auf Expertenwissen. Empfohlen werden dafür z. B. aufgewärmte Körnerkissen. Auch Wärmepflaster oder eine heiße Rolle können hilfreich sein. Manche Betroffenen profitieren statt von Wärme eher von Kälteanwendungen. Sofern dies als schmerzlindernd empfunden wird, raten Expert*innen nicht davon ab.
  • Entspannungsverfahren: Für den Effekt von Entspannungsverfahren wie der Progressiven Muskelrelaxation gibt es unterschiedliche Ergebnisse. In einigen Studien wurden Schmerzen und Beweglichkeit gebessert, in anderen nicht. Möglicherweise helfen Entspannungsverfahren aber dabei, das Stresserleben zu reduzieren und der Entwicklung chronischer Nackenschmerzen entgegenzuwirken.

Hinweis: Den Hals mit einer Halskrause oder einer Nackenschiene ruhig zu stellen wird bei unspezifischen Nackenschmerzen nicht empfohlen. Expert*innen gehen davon aus, dass dies eher schädlich wirkt: Einerseits bildet sich die Halsmuskulatur zurück, andererseits wird die Passivität der Betroffenen gefördert.

Medikamentöse Hilfe bei Nackenschmerzen

In manchen Fällen sind bei unspezifischen Nackenschmerzen Schmerzmittel erforderlich. Eine Schmerztherapie kann auch dazu dienen, beweglich und aktiv zu bleiben. In Frage kommen, wenn erforderlich, nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) und Metamizol.

  • NSAR. Am häufigsten werden NSAR wie Ibuprofen, Diclofenac oder Naproxen eingesetzt. Ihr Effekt wird in Studien unterschiedlich bewertet. Zudem haben sie ein erhöhtes Risiko für Nebenwirkungen, insbesondere auf die Magenschleimhaut. Sie erhöhen auch das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Insgesamt gilt, dass sie so niedrig dosiert und so kurz wie möglich eingesetzt werden sollten. Für chronische unspezifische Nackenschmerzen werden sie aufgrund der genannten Nebenwirkungen nicht empfohlen. 
  • Metamizol. Für Patient*innen, die NSAR nicht vertragen oder ein zu hohes Risiko für die genannten Nebenwirkungen haben, stellt Metamizol eine Alternative dar. Dieses Präparat kann allerdings in sehr seltenen Fällen bestimmte Zellen im Blut verringern (Agranulozytose). Bei längerer Einnahme sollte deshalb regelmäßig das Blutbild kontrolliert werden. Außerdem müssen die Patient*innen die typischen Symptome Fieber, Halsschmerzen und Schleimhautläsionen kennen und bei deren Auftreten die Hausärzt*in aufsuchen.

Von anderen Schmerzmitteln wie Paracetamol und Opioiden rät die Leitlinie ab. Paracetamol soll aufgrund seiner mangelnden Wirkung auf Nackenschmerzen nicht genommen werden, Opioide aufgrund ihrer unerwünschten Wirkungen und ihres Suchtpotenzials.

Verschreibungspflichtige muskelrelaxierende (entspannende) Wirkstoffe werden bei unspezifischen Nackenschmerzen auch gerne angewendet. Allerdings ist ihre Wirkung in Studien kaum belegt. Bei akuten unspezifischen Nackenschmerzen mit starker Verspannung sind sie eine Behandlungsoption, wenn NSAR nicht anschlagen. Aufgrund ihrer möglichen Nebenwirkungen wie Blutbildstörungen, Schwindel oder zentraler Sedierung (Dämpfung) sollten sie allerdings nicht länger als zwei Wochen angewendet werden.

Hinweis: Für die Wirkung pflanzlicher Schmerzmittel wie Weidenrinde und Teufelskralle gibt es keine aussagekräftigen Studien. Ihr Einsatz wird deshalb in den Leitlinien nicht bewertet.

Chirotherapie, Akupunktur und Laser

Bei unspezifischen Nackenschmerzen werden auch häufig nicht-medikamentöse Verfahren und Methoden angeboten. Einige werden eher kritisch betrachtet, da ihre Wirkung nicht ausreichend belegt ist. Dazu kommt, dass viele der eingesetzten Methoden die Passivität der Betroffenen fördern. Dies steht im Widerspruch zu der Erkenntnis, dass körperliche Bewegung die Basis bei der Behandlung von unspezifischen Nackenschmerzen ist.

Grünes Licht geben die Expert*innen für die manuelle Therapie (Chirotherapie). Aktuellen Studien zufolge kann diese Technik bei akuten unspezifischen Nackenschmerzen die Schmerzen lindern und die Beweglichkeit der Halswirbelsäule bessern. Voraussetzung für eine Verordnung ist, dass keine Kontraindikationen wie Osteoporose, Schäden an der Wirbelsäule oder Gefäßkrankheiten vorliegen.

Die Akupunktur zeigt bei länger bestehenden unspezifischen Nackenschmerzen kleine bis mittlere Effekte. Insbesondere wenn andere Maßnahmen nicht greifen, kann sie versucht werden. Sie sollte aber – ebenso wie die Chirotherapie – mit aktivierenden Maßnahmen kombiniert werden.

Keinen Wirknachweis in kontrollierten Studien brachte die Behandlung mit Laser, Interferenzstrom oder Ultraschall. Gleiches gilt für die Behandlung mit medizinischen Bädern und Rotlicht, die deshalb nicht auf Kassenkosten verordnet werden sollten.

Auch Kinesiotapes werden manchmal bei akuten Nackenschmerzen eingesetzt. Eine Wirkung konnte allerdings bisher nicht belegt werden, zumal drohen allergische Reaktionen. Die Leitlinienautor*innen raten deshalb davon ab.

Hinweis: Bei chronischen unspezifischen Nackenschmerzen hat sich die kognitive Verhaltenstherapie als wirksam erwiesen. Sie kann Schmerzen, Angst vor Bewegung, Depressivität und allgemeine Ängstlichkeit bessern und wird vor allem im Rahmen eines multimodalen Therapiekonzepts empfohlen.

Quelle: S3-Leitlinie „Nicht-spezifische Nackenschmerzen“, AWMF-Register-Nr. 053-007 DEGAM-Leitlinie Nr. 13, Version 3.0, gültig bis 17.02.2030

Von: Dr. med. Sonja Kempinski; Bild: mauritius images / BSIP / Alice S.