Gesundheit heute

Kielbrust

Kielbrust (Hühnerbrust, Pectus carinatus): Knöcherne Fehlbildung des Brustkorbs mit kielartiger Vorwölbung des Brustbeins. Die Kielbrust entsteht durch vermehrtes Wachstum der knorpeligen Rippenenden und entwickelt sich meist erst nach dem 10. Lebensjahr. Als Ursachen werden genetische Störungen oder Fehlhaltungen diskutiert. Bei sehr starker, asymmetrischer Ausprägung haben die Betroffenen Probleme mit der Atmung, in den allermeisten Fällen ist die Kielbrust jedoch – wenn überhaupt – ein kosmetisches Problem.

In der Wachstumsphase kann das kontinuierliche Tragen einer fest anliegenden Bandage oder Orthese das Wachstum des Brustkorbs positiv beeinflussen. Gegen Fehlhaltungen und Atemstörungen helfen zudem Atem- und Krankengymnastik. Bei erheblichem Leidensdruck oder gesundheitlicher Beeinträchtigung lässt sich die Kielbrust mit guten Ergebnissen auch operativ korrigieren.

Symptome und Leitbeschwerden

  • Symmetrische oder asymmetrische Verformung des Brustkorbs mit vorgewölbtem Brustbein
  • Typischerweise keine körperlichen Beschwerden
  • Manchmal erschwerte Bauchlage
  • Sehr selten Einschränkung der Atmung oder Rückenschmerzen aufgrund von Fehlhaltungen.

Wann zum Arzt

Demnächst, wenn

  • eine Fehlstellung des Brustbeins auffällt.

Die Erkrankung

Die kielartige Vorwölbung am unteren Teil des Brustkorbs entsteht durch ein Fehlwachstum der knorpeligen Rippenenden am Übergang zum Brustbein. Die Ursache ist unklar, erbliche Faktoren spielen offenbar eine Rolle, da die Fehlbildung in einigen Familien gehäuft auftritt. Manche Ärzte vermuten auch, dass Fehlhaltungen die Entwicklung einer Kielbrust begünstigen. Gelegentlich tritt eine Kielbrust in Kombination mit einem Marfan-Syndrom auf, einer genetisch bedingten Anomalie des Bindegewebes.

Klinik und Verlauf

Meist ist die Kielbrust asymmetrisch und wenig ausgeprägt. Im Unterschied zur wesentlich häufigeren Trichterbrust, bei der die Fehlbildung in der Regel schon im Säuglingsalter auffällt, entwickelt sich die Vorwölbung bei der Kielbrust erst um das 10. Lebensjahr.

Körperliche Beschwerden finden sich dabei nur selten. Ist die Fehlbildung sehr stark und engt die Lunge ein, kann es jedoch bei körperlicher Belastung wie z. B. Sport zu Kurzatmigkeit kommen. Manche Betroffene stört die Vorwölbung beim Liegen auf dem Bauch, einige entwickeln Fehlhaltungen wie z. B. ein starkes Hohlkreuz, die Rückenschmerzen auslösen. Inwieweit das veränderte Aussehen zu psychischen Problemen führt, hängt sowohl von der Stärke der Fehlstellung als auch von der Persönlichkeit des Betroffenen ab. Es gibt Betroffene, die sehr stark unter ihrer – von Laien diffamierend "Hühnerbrust" genannten – Fehlbildung leiden, depressiv werden und sich in die soziale Isolation flüchten.

Diagnosesicherung

Die Kielbrust ist eine sogenannte Blickdiagnose – d. h., der Arzt erkennt sie auf einen Blick. Er dokumentiert und objektiviert sie durch seitliche und frontale Fotografien, Röntgenbilder und Messungen des Brustumfangs an verschiedenen Stellen. Hat der Patient Atemprobleme, veranlasst der Arzt eine Lungenfunktionsprüfung. Ebenso wichtig ist es für den Arzt, den Leidensdruck des Betroffenen zu erfassen.

Behandlung

Ob und wie eine Kielbrust behandelt wird, hängt davon ab, wie ausgeprägt sie ist, ob sie Beschwerden verursacht und wie stark die Fehlbildung den Betroffenen psychisch belastet.

Konservative Behandlung

Physiotherapie. Patienten mit einer Kielbrust profitieren sehr davon, wenn sie mit muskelstärkenden Übungen einer Fehlhaltung entgegenwirken. Gegen das drohende Hohlkreuz hilft es z. B., den inneren schrägen Bauchmuskel durch Beinabsenken in Rückenlage zu trainieren, auch richtig durchgeführte Kniebeugen sind dafür günstig. Dehnübungen wie die Oberschenkel-Dehnung wirken ebenfalls gegen ein Hohlkreuz. Weiterhin ist es hilfreich, den Brustkorb mit speziellen Übungen zu mobilisieren und Versteifungen zu lockern. Am besten lässt man sich einen Trainingsplan vom Physiotherapeuten zusammenstellen. Atemübungen (siehe "Ihr Apotheker empfiehlt") helfen dabei, etwaigen Atmungseinschränkungen vorzubeugen.

Psychologische Betreuung. Eine Kielbrust führt bei manchen Betroffenen zu einem hohen Leidensdruck. Eine frühzeitige psychologische Betreuung kann den Betroffenen dabei unterstützen, mit der Fehlbildung besser fertig zu werden.

Bandagen und Korsett. Bei Kindern im Wachstum helfen individuell angepasste Bandagen oder Korsetts, mit denen die Vorwölbung durch gezielten Druck von außen korrigiert, also wieder nach unten gedrückt wird. Werden Bandage oder Korsett regelmäßig über mehrere Stunden am Tag getragen, hat das "Plattdrücken" der Kielbrust durchaus gute Erfolgschancen. Der starke Druck auf der Brust ist jedoch für manche Kinder so unangenehm, dass die nötige Tragezeit nicht immer eingehalten wird.

Operative Behandlung

Eine Operation ist bei einer Kielbrust nur sehr selten erforderlich, sie wird von den Ärzten empfohlen, wenn

  • der Patient unter Atemstörungen wie etwa Kurzatmigkeit bei Belastung leidet
  • die Vorwölbung dazu führt, dass die Haut durch Kleidung aufgescheuert wird
  • der Patient durch die objektiv nachgewiesene Fehlbildung unter erheblichem Leidensdruck steht.

Operiert wird nach Abschluss der Wachstumsphase, entweder minimal-invasiv oder mit einer offenen Operation. Beide unten genannten Therapieverfahren werden auch zur Behandlung der Trichterbrust angewendet (dort natürlich mit dem Ziel, die eingesunkene Brust anzuheben).

Bei der offenen Operation nach Ravitch legt der Operateur den Brustkorb über einen etwa 15 bis 20 cm langen Schnitt frei. Danach trennt er Rippen vom Brustbein, entfernt den überschüssigen Knorpel und befestigt das auf ein passendes Niveau gesenkte Brustbein mithilfe von Drähten, Schrauben oder Platten wieder an den Rippen. Das eingebrachte Befestigungsmaterial wird nach etwa einem Jahr wieder entfernt.

Der Zugang zu den Rippenknorpeln erfolgt beim minimal-invasiven Verfahren nach Nuss über sehr kleine Hautschnitte. Auch hier trennt der Operateur die Rippen vom Brustbein und entfernt den überschüssigen Knorpel. Anschließend pflanzt er einen Metallbügel ein, der die Vorwölbung nach unten drückt. Auch der Metallbügel wird meist nach etwa zwei bis drei Jahren wieder entfernt.

Um das Operationsergebnis zu stabilisieren, muss der Patient nach dem Eingriff zunächst eine Druckbandage tragen. Im Anschluss daran sind regelmäßige Übungen zur Kräftigung von Atmungs- und Rumpfmuskulatur erforderlich. Meist empfehlen die Ärzte dafür eine Anschlussheilbehandlung, also Rehabilitationsmaßnahmen (kurz Reha), die ambulant oder stationär durchgeführt werden, um Beweglichkeit und Lungenfunktion gezielt zu verbessern und zu stärken.

Hinweis: Bei Patienten unter 18 Jahren übernehmen die Krankenversicherungen die Kosten meist komplett, bei älteren je nach Indikation und Ausprägung manchmal nur teilweise. Vor einer Operation ist es daher sinnvoll, Rücksprache mit seiner Versicherung zu halten.

Prognose

Die Kielbrust ist in den allermeisten Fällen ein kosmetisches Problem, das aber für die Betroffenen sehr belastend sein kann. Wird sie operativ korrigiert, sind die Ergebnisse in der Regel dauerhaft und gut.

Ihr Apotheker empfiehlt

Was Sie selbst tun können

Atemübungen. Richtiges Atmen ist keine Selbstverständlichkeit und kann trainiert werden. Besonders die Bauchatmung (im Gegensatz zur oberflächlicheren Brustatmung) muss häufig erst eingeübt werden –vor allem, wenn sich der Brustkorb durch die Trichterbrust wie blockiert anfühlt. Legen Sie sich auf den Rücken, atmen Sie 3 Sekunden lang so tief wie möglich ein, halten Sie 3 Sekunden die Luft an und atmen Sie diese dann langsam über 6 Sekunden aus. Wiederholen Sie diese Atmung mehrere Male. Nehmen Sie sich auch im Alltag immer wieder einen Moment Zeit, um auf Ihre Atmung zu achten, z. B. wenn Sie an der Kasse warten oder als kleine Pause während der Arbeit.

Durchhalten bei der Bandagentherapie. Manche Patienten empfinden die Therapie mit einer Orthese oder Bandage als sehr schmerzhaft. Meist klingen die Schmerzen und unangenehmen Gefühle durch den starken Druck nach einer gewissen Eingewöhnungsphase von 1–2 Wochen wieder ab. Um durchzuhalten, sollten Sie sich während dem Tragen der Bandage ablenken, z. B. indem Sie ein spannendes Buch lesen oder einen Film schauen. Auch Kinder lassen sich mit Brettspielen und ähnlichem gut davon abhalten, sich zu sehr auf das Druckgefühl zu konzentrieren. Sind die Schmerzen sehr ausgeprägt, zögern Sie nicht, Ihren Orthopäden zu konsultieren.

Sport. Günstige Sportarten für Menschen mit einer Kielbrust sind Schwimmen und Turnen.

Krankengymnastik. Versuchen Sie, die in der Krankengymnastik erlernten Übungen möglichst täglich zu Hause nachzuturnen. Nur regelmäßiges Training verspricht einen dauerhaften Erfolg gegen Fehlhaltungen.

Blasmusik. Lernen Sie ein Blasinstrument spielen! Ob Trompete oder Querflöte, das Erlernen und regelmäßige Spielen eines Blasinstruments verbessert Koordination und Funktion der Atemmuskulatur.

Von: Dr. med. Sonja Kempinski
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Was bei Nackenschmerzen hilft

Nackenschmerzen sind meist nicht gefährlich, können aber die Lebensqualität stark einschränken.

Was bei Nackenschmerzen hilft

Medikamente, Wärme oder Schonen?

Nackenschmerzen sind häufig. Zum Glück steckt in den meisten Fällen keine ernste Erkrankung dahinter. Behandlungsmöglichkeiten gibt es viele: von Schmerzmitteln über muskelentspannende Medikamente bis hin zum Tapen. Doch welche davon sind wirklich sinnvoll? Und wann sollten Nackenschmerzen besser gründlich abgeklärt werden?

Fast die Hälfte der Erwachsenen betroffen

Nackenschmerzen treten im Bereich der Halswirbelsäule zwischen Schädelbasis und den oberen Schulterblättern auf. Manchmal ziehen sie auch in die Schultern, den unteren Hinterkopf und den oberen Rücken. Der Schmerz ist dabei dumpf, drückend und ziehend und kann bei Bewegungen schlimmer werden. Häufig fühlt sich der Nacken auch steif an und das Drehen des Kopfes fällt schwer. Berührt man den schmerzenden Bereich oder versucht ihn zu massieren, lassen sich oft harte, verspannte Muskeln tasten.

Je nach ihrer Dauer werden Nackenschmerzen eingeteilt in

  • akut: bis zu drei Wochen
  • subakut: vier bis zwölf Wochen oder
  • chronisch: länger als zwölf Wochen.

Die Abgrenzung fällt allerdings manchmal schwer, da der Beginn oft nicht genau definiert werden kann.

Fast die Hälfte der Erwachsenen in Deutschland gibt an, in den letzten Monaten mindestens ein Mal Nackenschmerzen gehabt zu haben – sie kommen also sehr oft vor. In der Hausarztpraxis gehören sie sogar zum dritthäufigsten Beratungsanlass. Frauen sind davon etwas häufiger betroffen als Männer, bei Menschen über 70 Jahren werden sie etwas seltener.

Hinweis: Auch Kinder und Jugendliche leiden unter Nackenschmerzen. Tendenziell soll die Anzahl der Betroffenen zwischen 3 und 17 Jahren steigen. Als Ursache gelten u.a. Bewegungsmangel und die immer längere Smartphonenutzung.

Wo kommen Nackenschmerzen her?

In den meisten Fällen von Nackenschmerzen lassen sich keine strukturellen Ursachen wie sichtbare oder messbare Probleme an den Knochen, Gelenken oder Nerven nachweisen. Dann spricht man von unspezifischen Nackenschmerzen. Als häufigster Grund für akute unspezifische Nackenschmerzen gelten Muskelverspannungen, z. B. ausgelöst durch lange Computerarbeit, Zugluft oder eine ungünstige Schlafhaltung. Sie klingen in der Regel auch ohne Behandlung innerhalb von ein bis zwei Wochen ab.

Halten die Beschwerden länger als drei Monate an, stecken hinter unspezifischen Nackenschmerzen oft Belastungen und Stress. Fehlhaltungen und Bewegungsmangel tragen zu ihrer Entwicklung zusätzlich bei.

Zu den seltenen strukturellen (spezifischen) Ursachen von Nackenschmerzen gehören z. B. arthrotische Veränderungen oder Rheuma. In weniger als 1% der Fälle gehen Nackenschmerzen auf eine gefährliche Ursache zurück. Dazu gehören Bandscheibenvorfall, Tumoren, Osteoporose mit Wirbelbrüchen, Nervenerkrankungen oder Infektionen.

Nackenschmerzen abklären lassen

Wer nach einer schlechten Nacht oder einer langen Gaming-Sitzung unter Nackenschmerzen leidet, benötigt meist keine ärztliche Hilfe. Es gibt jedoch auch Nackenschmerzen, die man bei der Hausärzt*in abklären lassen sollte. Das gilt zum einen, wenn die Schmerzen über eine längere Zeit anhalten. Denn auch wenn nichts Gefährliches dahinter steckt, ist es sinnvoll, eine gezielte Behandlung einzuleiten.

In manchen Fällen muss immer rasch eine ärztliche Abklärung erfolgen. Warnzeichen für eine der seltenen, gefährlichen Ursachen von Nackenschmerzen sind 

  • Kribbeln, Taubheitsgefühle oder Lähmungen von Armen und Beinen 
  • starke Kopfschmerzen, Fieber, Nackensteife und Übelkeit 
  • unerklärter Gewichtsverlust, Abgeschlagenheit, Nachtschweiß 
  • Nackenschmerzen nach einem Sturz oder Unfall 
  • gleichzeitige Schluckbeschwerden oder Schmerzen im Brustkorb

Diese Beschwerden können z. B. auf einen Bandscheibenvorfall, einen Tumor oder eine Meningitis hindeuten.

Wie sieht die Diagnostik bei Nackenschmerzen aus?

Bei neu aufgetretenen Nackenschmerzen befragt die Ärzt*in die Patient*in zunächst ausführlich, wie stark die Beschwerden sind, wann sie auftreten und wie lange sie schon bestehen. Zusätzlich wird nach eigenen Behandlungsversuchen und deren Erfolg/Misserfolg gefragt, ebenso nach der Lebenssituation, mit besonderem Schwerpunkt auf Belastungen und Stress.

Wichtig sind auch vorangegangene Infektionen, Stürze oder Unfälle und begleitende Erkrankungen. Auch die Medikamenteneinnahme ist von Bedeutung: So begünstigt z. B. die langfristige Einnahme von Kortison eine Osteoporose, die sich an der Halswirbelsäule bemerkbar machen kann. Abgefragt werden auch immer die sogenannten B-Symptome Nachtschweiß, Gewichtsverlust und Leistungsknick. Diese können auf eine Tumorerkrankung hinweisen.

Nach der Erhebung der Krankengeschichte wird die Patient*in körperlich untersucht. Dabei prüft die Ärzt*in die Beweglichkeit der Halswirbelsäule und ob die Dornfortsätze (die Erhebungen entlang der Wirbelsäule) druckschmerzhaft sind. Meist tastet sie auch die Muskulatur ab und sucht nach Verspannungen und Verhärtungen.

Um die Beteiligung von Nerven auszuschließen, wird eine kurze neurologische Untersuchung durchgeführt. Dazu gehört u.a. die Prüfung von Kraft, Feinmotorik und Sensibilität (Gefühl) der Finger, meist werden auch das Gangbild und die Reflexe getestet.

In den allermeisten Fällen kann die Ärzt*in nach dieser ausführlichen Anamnese und Untersuchung eine strukturelle Ursache der akuten Nackenschmerzen ausschließen und die Diagnose „unspezifische Nackenschmerzen“ stellen. Eine weitere Diagnostik ist nur erforderlich, wenn entsprechende Hinweise gefunden wurden.

Mehr Diagnostik wird auch empfohlen, wenn die Nackenschmerzen trotz Behandlung länger als vier bis sechs Wochen anhalten und die Betroffenen sehr in ihren Aktivitäten einschränken. Dies kann ein Hinweis auf eine initial nicht erkannte spezifische Ursache sein.

Zu den weiteren Untersuchungen gehört vor allem die Bildgebung. Zu bevorzugen sind die CT und die MRT, da sich mit diesen Untersuchungsverfahren Frakturen, Tumoren, Infektionen und Neuropathien besser erkennen lassen als mit dem konventionellen Röntgen. Bei einem Verdacht auf Infektionen oder Tumoren kommen entsprechende Laboruntersuchungen zum Einsatz. Für diese Spezialuntersuchungen und zur Weiterbehandlung überweist die Hausärzt*in die Patient*in meist in eine entsprechende Facharztpraxis (Rheumatologie, Neurologie, Orthopädie).

Hinweis: Bildgebende Verfahren sind bei unspezifischen Nackenschmerzen in den allermeisten Fällen nicht erforderlich. Sie können sogar schaden, da darin oft Veränderungen in der HWS erkannt werden, die nicht Ursache der Schmerzen sind. Das kann unbegründete Ängste wecken, die Betroffenen unnötig belasten und manchmal sogar überflüssige Therapien nach sich ziehen.

Bewegung ist das A und O

Für das Selbstmanagement bei unspezifischen Nackenschmerzen gibt es einige nicht-medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten. Dazu gehören körperliche Aktivität, Wärme- oder Kältebehandlungen und Entspannungsübungen.

  • Körperliche Aktivität: Betroffene mit unspezifischen Nackenschmerzen sollten sich bewegen, also körperlich aktiv bleiben. Wenn nötig, auch mithilfe einer medikamentösen Schmerztherapie (siehe unten). Sinnvoll sind auch leichte Übungen, z. B. die Halsmuskulatur anzuspannen und in sanfter Dehnung zu entspannen. Die Expert*innen der aktuellen Leitlinie zum unspezifischen Nackenschmerz empfehlen dazu ein Video-Beispiel auf youtube (https://www.youtube.com/watch?v=6-bu6N-emq4, vierte Übung). Weitere Übungen sind Schulterkreisen, Kopfneigen, Seitdehnung und Kinn-zur-Brust, alles natürlich sanft und schonend.
  • Wärme oder Kälte: Wärme kann bei unspezifischen Nackenschmerzen die Schmerzen lindern und die Beweglichkeit bessern. Insgesamt gibt es dazu allerdings kaum Daten aus Studien, die Empfehlungen beruhen auf Expertenwissen. Empfohlen werden dafür z. B. aufgewärmte Körnerkissen. Auch Wärmepflaster oder eine heiße Rolle können hilfreich sein. Manche Betroffenen profitieren statt von Wärme eher von Kälteanwendungen. Sofern dies als schmerzlindernd empfunden wird, raten Expert*innen nicht davon ab.
  • Entspannungsverfahren: Für den Effekt von Entspannungsverfahren wie der Progressiven Muskelrelaxation gibt es unterschiedliche Ergebnisse. In einigen Studien wurden Schmerzen und Beweglichkeit gebessert, in anderen nicht. Möglicherweise helfen Entspannungsverfahren aber dabei, das Stresserleben zu reduzieren und der Entwicklung chronischer Nackenschmerzen entgegenzuwirken.

Hinweis: Den Hals mit einer Halskrause oder einer Nackenschiene ruhig zu stellen wird bei unspezifischen Nackenschmerzen nicht empfohlen. Expert*innen gehen davon aus, dass dies eher schädlich wirkt: Einerseits bildet sich die Halsmuskulatur zurück, andererseits wird die Passivität der Betroffenen gefördert.

Medikamentöse Hilfe bei Nackenschmerzen

In manchen Fällen sind bei unspezifischen Nackenschmerzen Schmerzmittel erforderlich. Eine Schmerztherapie kann auch dazu dienen, beweglich und aktiv zu bleiben. In Frage kommen, wenn erforderlich, nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) und Metamizol.

  • NSAR. Am häufigsten werden NSAR wie Ibuprofen, Diclofenac oder Naproxen eingesetzt. Ihr Effekt wird in Studien unterschiedlich bewertet. Zudem haben sie ein erhöhtes Risiko für Nebenwirkungen, insbesondere auf die Magenschleimhaut. Sie erhöhen auch das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Insgesamt gilt, dass sie so niedrig dosiert und so kurz wie möglich eingesetzt werden sollten. Für chronische unspezifische Nackenschmerzen werden sie aufgrund der genannten Nebenwirkungen nicht empfohlen. 
  • Metamizol. Für Patient*innen, die NSAR nicht vertragen oder ein zu hohes Risiko für die genannten Nebenwirkungen haben, stellt Metamizol eine Alternative dar. Dieses Präparat kann allerdings in sehr seltenen Fällen bestimmte Zellen im Blut verringern (Agranulozytose). Bei längerer Einnahme sollte deshalb regelmäßig das Blutbild kontrolliert werden. Außerdem müssen die Patient*innen die typischen Symptome Fieber, Halsschmerzen und Schleimhautläsionen kennen und bei deren Auftreten die Hausärzt*in aufsuchen.

Von anderen Schmerzmitteln wie Paracetamol und Opioiden rät die Leitlinie ab. Paracetamol soll aufgrund seiner mangelnden Wirkung auf Nackenschmerzen nicht genommen werden, Opioide aufgrund ihrer unerwünschten Wirkungen und ihres Suchtpotenzials.

Verschreibungspflichtige muskelrelaxierende (entspannende) Wirkstoffe werden bei unspezifischen Nackenschmerzen auch gerne angewendet. Allerdings ist ihre Wirkung in Studien kaum belegt. Bei akuten unspezifischen Nackenschmerzen mit starker Verspannung sind sie eine Behandlungsoption, wenn NSAR nicht anschlagen. Aufgrund ihrer möglichen Nebenwirkungen wie Blutbildstörungen, Schwindel oder zentraler Sedierung (Dämpfung) sollten sie allerdings nicht länger als zwei Wochen angewendet werden.

Hinweis: Für die Wirkung pflanzlicher Schmerzmittel wie Weidenrinde und Teufelskralle gibt es keine aussagekräftigen Studien. Ihr Einsatz wird deshalb in den Leitlinien nicht bewertet.

Chirotherapie, Akupunktur und Laser

Bei unspezifischen Nackenschmerzen werden auch häufig nicht-medikamentöse Verfahren und Methoden angeboten. Einige werden eher kritisch betrachtet, da ihre Wirkung nicht ausreichend belegt ist. Dazu kommt, dass viele der eingesetzten Methoden die Passivität der Betroffenen fördern. Dies steht im Widerspruch zu der Erkenntnis, dass körperliche Bewegung die Basis bei der Behandlung von unspezifischen Nackenschmerzen ist.

Grünes Licht geben die Expert*innen für die manuelle Therapie (Chirotherapie). Aktuellen Studien zufolge kann diese Technik bei akuten unspezifischen Nackenschmerzen die Schmerzen lindern und die Beweglichkeit der Halswirbelsäule bessern. Voraussetzung für eine Verordnung ist, dass keine Kontraindikationen wie Osteoporose, Schäden an der Wirbelsäule oder Gefäßkrankheiten vorliegen.

Die Akupunktur zeigt bei länger bestehenden unspezifischen Nackenschmerzen kleine bis mittlere Effekte. Insbesondere wenn andere Maßnahmen nicht greifen, kann sie versucht werden. Sie sollte aber – ebenso wie die Chirotherapie – mit aktivierenden Maßnahmen kombiniert werden.

Keinen Wirknachweis in kontrollierten Studien brachte die Behandlung mit Laser, Interferenzstrom oder Ultraschall. Gleiches gilt für die Behandlung mit medizinischen Bädern und Rotlicht, die deshalb nicht auf Kassenkosten verordnet werden sollten.

Auch Kinesiotapes werden manchmal bei akuten Nackenschmerzen eingesetzt. Eine Wirkung konnte allerdings bisher nicht belegt werden, zumal drohen allergische Reaktionen. Die Leitlinienautor*innen raten deshalb davon ab.

Hinweis: Bei chronischen unspezifischen Nackenschmerzen hat sich die kognitive Verhaltenstherapie als wirksam erwiesen. Sie kann Schmerzen, Angst vor Bewegung, Depressivität und allgemeine Ängstlichkeit bessern und wird vor allem im Rahmen eines multimodalen Therapiekonzepts empfohlen.

Quelle: S3-Leitlinie „Nicht-spezifische Nackenschmerzen“, AWMF-Register-Nr. 053-007 DEGAM-Leitlinie Nr. 13, Version 3.0, gültig bis 17.02.2030

Von: Dr. med. Sonja Kempinski; Bild: mauritius images / BSIP / Alice S.