Gesundheit heute

Lebensspanne und Lebenserwartung

Vieles spricht für eine genetisch programmierte, maximale Lebensspanne. Auch demografische Beobachtungen beim Menschen zeigen, dass in den letzten 50 Jahren zwar die durchschnittliche Lebenserwartung stark gestiegen ist, dass sich die Lebensspanne aber nicht verlängert hat – 115 Jahre alte Menschen waren zwar immer sehr selten, aber es gab sie auch in früheren Generationen. Was sich wirklich verändert hat, ist nur die Zahl der Menschen, deren Leben näher an die maximale Lebensspanne heranreicht.

Diese Lebensspanne ist größer als die – aus Sicht der Evolutionsbiologen – notwendige Lebenserwartung. Diese umfasst etwa drei Generationen. Wir Menschen sind eine Art, die in der Evolution „kognitive Nischen“ besetzt, also Fitnessvorteile vor allem durch die Entwicklung ihrer geistigen, emotionalen und sozialen Fähigkeiten erreicht. Deshalb müssen Eltern ihre Kinder für eine stabile Entwicklung 15–20 Jahre lang versorgen und betreuen. So lange muss ein Menschenleben nach der fruchtbaren Zeit also dauern, um den biologischen „Sinn“ des Lebens zu erfüllen. Und dann kommt bei der menschlichen Art noch ein „Nachschlag“ dazu: Denn beim Homo sapiens tragen Eltern – insbesondere die Mütter – auch noch als Grosseltern indirekt zu einem besseren Überleben ihrer Enkel bei. Wissenschaftler haben diesen erstaunlichen Befund – Großmütter-Hypothese genannt – in vielen Völkern nachgewiesen: Wer als Kind eine Großmutter hat, die sich auch aktiv um die Erziehung, die Versorgung und die intellektuelle Förderung kümmert, ist als Erwachsener erfolgreicher und hat mehr Nachkommen.

Von: Dr. med. Georg Betz, Dr. med. Herbert Renz-Polster, Dr. med. Arne Schäffler in: Gesundheit heute, herausgegeben von Dr. med. Arne Schäffler. Trias, Stuttgart, 3. Auflage (2014).
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Behörde warnt vor Longevity-Infusionen

Der Nutzen von Vitamininfusionen bei gesunden Menschen ist bisher nicht belegt.

Behörde warnt vor Longevity-Infusionen

Fragwürdige Vitamincocktails

Infusionen mit Vitaminen und Aminosäuren gelten auf Social Media als neuer Gesundheitstrend. Unter Schlagworten wie „Longevity“ oder „Biohacking“ werden mehr Schönheit, Energie und gesundes Altern versprochen. Fachleute warnen jedoch vor unterschätzten Risiken.

Aus der Klinik in den Beauty-Salon

Was früher vor allem in Krankenhäusern eingesetzt wurde, ist inzwischen Teil der Wellness-Industrie geworden: Infusionen mit hochdosierten Vitaminen, Spurenelementen oder Aminosäuren werden heute als Lifestyle-Produkt vermarktet. Unter Namen wie „Vitamin Drip“, „NAD+-Therapie“ oder „Longevity-Infusion“ sollen sie Müdigkeit vertreiben, das Aussehen optimieren, die Konzentration steigern und sogar den Alterungsprozess verlangsamen.

Inzwischen gibt es auch in vielen deutschen Großstädten sogenannte Infusions-Lounges, in denen Kund*innen individuell zusammengestellte Vitamin- und Nährstoffcocktails über die Vene erhalten. Die Kosten liegen oft bei mehreren hundert Euro pro Behandlung.

Nutzen bisher kaum belegt

Doch der wissenschaftliche Nutzen solcher Infusionen ist bislang kaum belegt. Darauf weist auch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hin. Die Behörde warnt ausdrücklich davor, Wellness-Infusionen mit medizinisch notwendigen Infusionstherapien gleichzusetzen. Während Infusionen mit Vitaminen oder Nährstoffen in der Medizin bei bestimmten Erkrankungen oder Mangelzuständen wichtig und sinnvoll sein können, fehlen für Anwendungen bei gesunden Menschen aussagekräftige Studien.

Es drohen Überdosierungen, Kreislaufprobleme und Infektionen

Viele der beworbenen Effekte – etwa mehr Energie, ein stärkeres Immunsystem oder „Healthy Aging“ – sind wissenschaftlich nicht ausreichend nachgewiesen. Gleichzeitig können die Behandlungen Risiken mit sich bringen. Laut BfArM drohen unter anderem Überdosierungen bestimmter Vitamine, Störungen des Flüssigkeits- und Elektrolythaushalts oder allergische Reaktionen.

Auch typische Komplikationen intravenöser Anwendungen wie Kreislaufprobleme oder Infektionen sind möglich. Hinzu kommt ein weiteres Problem: Weder die Qualität noch die Sicherheit vieler verwendeter Infusionsmischungen ist belegt.

Besonders vorsichtig sollten ältere Menschen sowie Personen mit Herz-, Nieren- oder Stoffwechselerkrankungen sein. Denn gerade bei ihnen kann der Körper empfindlich auf hochdosierte Infusionen reagieren.

Quelle: BfArm, Medscape

Von: Dr. med. Sonja Kempinski; Bild: mauritius images / Science Photo Library / Sherry Yates Young