Gesundheit heute

Polyneuropathie

Polyneuropathie (PNP, Polyneuritis): Nicht verletzungsbedingte Funktionsstörungen mehrerer peripherer Nerven, die sich oft durch Ameisenlaufen, Kribbeln oder Schmerzen äußern. Zu den häufigsten Ursachen gehören zu je einem Drittel der Fälle Diabetes und Alkoholabhängigkeit, allerdings können auch Infektionen, Vergiftungen, Gefäßentzündungen oder angeborene Erkrankungen zu Polyneuropathien führen.

Neben der Behandlung der zugrundeliegenden Erkrankung kommen Schmerzmittel, Antiepileptika und Antidepressiva zum Einsatz. Meist ist damit jedoch nur eine Linderung der Beschwerden und keine völlige Schmerzfreiheit zu erzielen.

Symptome und Leitbeschwerden

  • Symmetrische, distal betonte, strumpf- oder handschuhförmige schmerzhafte oder brennende Missempfindungen
  • "Ameisenlaufen" oder Kribbeln auf der Haut
  • "Burning feet", d. h. Brennen an den Füßen, vor allem nachts
  • Wadenkrämpfe
  • Vermindertes Berührungs- oder Vibrationsempfinden, Taubheitsgefühle oder auch eingeschränktes Schmerzempfinden
  • Gehstörungen
  • Lähmungen
  • Blasenschwäche, Erektionsstörungen, Völlegefühl.

Wann in die Arztpraxis

In den nächsten Tagen, wenn

  • oben genannte Missempfindungen oder Empfindungsstörungen über mehrere Tage bestehen oder sich schnell verstärken.

Noch am selben Tag

  • bei Muskellähmungen.

Die Erkrankung

Verlauf

Polyneuropathien beginnen in der Regel schleichend, häufig mit strumpf- oder handschuhförmigen Empfindungsstörungen an Beinen bzw. Armen. Während in erster Linie Missempfindungen und Schmerzen den Betroffenen belasten und daher zur Arztpraxis führen, werden Ausfälle wie etwa ein vermindertes Vibrationsempfinden erst spät bemerkt, etwa wenn es durch fehlende Rückmeldung über die Bodenbeschaffenheit zu Gehstörungen gekommen ist.

Sind Nerven beeinträchtigt, die für Muskelbewegungen zuständig sind, kommt es zu Muskelschwäche oder Lähmungen. Sind Nerven des vegetativen Nervensystems betroffen, können Magen-Darm-Beschwerden, sexuelle Störungen und Blasen- oder Darmentleerungsstörungen folgen. Führt die Nervenschädigung zu einer gestörten Blutdruckregulation, entwickelt sich manchmal eine orthostatische Dysregulation mit Schwindelgefühl beim Aufstehen aus dem Liegen. Auch die Hautdurchblutung leidet, was sich z. B. durch hartnäckigen Hautpilz der Zehen zeigen kann, nicht selten aber erst bei Vorliegen von Hautgeschwüren bemerkt wird.

Ursachen

Unzählige Erkrankungen und Substanzen können die Nerven schädigen. Zu den wichtigsten Ursachen gehören

  • Toxische Einflüsse
    • Alkoholmissbrauch
    • Vergiftungen mit Schwermetallen wie Blei oder Arsen
    • Lösungsmittel
    • Medikamente (Chemotherapeutika)

  • Stoffwechsel- oder hormonelle Erkrankungen
    • Diabetes mellitus
    • Akromegalie
    • Schwangerschaft
    • Mangelernährung (z. B. Vitamin-B-Mangel)

  • Angeborene Erkrankungen
    • Porphyrie
    • Amyloidose
    • Genetisch bedingte Neuropathien (selten)

  • Infektionen
    • Borreliose, Lepra, Syphilis
    • HIV-Infektion, Zytomegalie, Influenza
  • Entzündungen
    • rheumatische Erkrankungen
    • Guillain-Barré-Syndrom
    • Therapeutische Bestrahlung, z. B. im Rahmen einer Krebsbehandlung
    • Gefäßentzündungen

  • Begleiterscheinung einer Krebserkrankung
    • Z. B. beim Lungenkrebs.

Diagnosesicherung

Die Ursacheneingrenzung gleicht manchmal der berühmten Suche nach der Nadel im Heuhaufen (und bleibt in etwa 20 % erfolglos). Sie ist aber notwendig, weil die Polyneuropathie bei weiter bestehender Schädigungsursache fortschreitet, wohingegen die Chancen auf (langsame) Besserung der Beschwerden nach Beseitigung der Ursache gut sind.

Die Diagnostik beginnt mit diversen neurologischen Untersuchungen, wobei die Ärzt*in Sensibilität, Vibrationsempfinden (siehe Abbildung), Motorik und Reflexe genau prüft. Außerdem folgen Blutuntersuchungen auf mögliche Auslöser, z. B. auf Giftstoffe, erhöhten Blutzucker, Syphilis-Antikörper oder Vitaminmangel.

Erhärtet wird der Verdacht auf eine Polyneuropathie durch eine Messung der Nervenleitgeschwindigkeit und eine Elektromyografie. Beide Untersuchungen sind unangenehm, da feine Nadeln unter die Haut eingestochen werden, aber gut erträglich.

Im Zweifel werden auch kleine Gewebeproben entnommen, z. B. von Nerven oder von der Haut, um diese unter dem Mikroskop untersuchen zu lassen.

Ob die autonomen Nervenfasern des Herzens geschädigt sind, wird mithilfe des EKGs geprüft. Eine Schädigung der Blasennerven äußert sich zumeist durch die inkomplette Blasenentleerung der Blase, d. h., es verbleibt nach dem Wasserlassen Restharn in der Blase. Diesen Restharn wird z. B. mithilfe einer Ultraschalluntersuchung nachgewiesen.

2933_ASL_Stimmgabel_Fuss_Vibrationsempfinden_Polyneuropathie.jpg|Der Arzt prüft das Vibrationsempfinden mit einer Stimmgabel. Er schlägt sie an und setzt sie z. B. auf den Innenknöchel. Der Patient gibt an, wenn er die Vibration nicht mehr spürt. Ist das Vibrationsempfinden gestört, liegt häufig eine Polyneuropathie vor. |[ASL 2933]|Test auf Vibrationsempfinden mit Hilfe einer Stimmgabel

Differenzialdiagnosen. Symmetrisch verteilte Missempfindungen und Schmerzen an Armen oder Beinen finden sich auch bei der Peripheren arteriellen Verschlusskrankheit (pAVK), Funikulärer Myelose, Neurosyphilis oder bei Nervenkompression durch Bandscheibenvorfälle.

Behandlung

Neben der Ursachenbehandlung (Diabetes optimal einstellen, Alkoholkonsum reduzieren, Infektionen behandeln) verordnet die Ärzt*in zusätzlich Medikamente gegen die oft quälenden Missempfindungen und Schmerzen. Dabei ist Geduld gefragt, da die Medikamente oft mehrere Wochen brauchen, um wirksam zu werden. Zudem lässt sich meist keine völlige Schmerzfreiheit erzielen, häufig ist jedoch eine Linderung der Schmerzen auf ein akzeptables Niveau möglich.

Bei leichten, nicht kontinuierlichen Schmerzen empfehlen die Leitlinien einen Behandlungsversuch mit Schmerzmitteln wie Paracetamol oder Metamizol. Reichen diese nicht aus oder handelt es sich von vorneherein um mittelschwere oder starke Schmerzen und Missempfindungen, werden folgenden Wirkstoffe einzeln oder in Kombination verabreicht:

  • Antiepileptika wie z. B. Gabapentin, Pregabalin, Carbamazepin. Diese krampflösenden Substanzen dämpfen die Erregbarkeit der Nervenzellen und können dadurch Schmerzen und Missempfindungen lindern. Antiepileptika stören oft die Blutbildung, deshalb muss die Ärzt*in regelmäßig das Blut kontrollieren.
  • Antidepressiva wie z. B. Amitryptilin oder Duloxetin. Sie beseitigen den Schmerz nicht, unterdrücken aber seine Weiterleitung. Antidepressiva dosiert der Arzt vorsichtig auf, um die Nebenwirkungen wie Blutdruckabfall oder Erektionsstörungen möglichst gering zu halten.
  • Opioide sind starke Schmerzmittel, haben aber den Nachteil, dass sie zu einer Gewöhnung führen. Manchmal lässt auch ihre Wirkung mit der Zeit nach, wodurch immer höhere Dosen erforderlich sind (Toleranzentwicklung). Sie werden nur verordnet, wenn Antiepileptika oder Antidepressiva keine Wirkung zeigen.
  • Schmerzlindernde Pflaster. Schmerzlindernde Pflaster gelten in der Therapie des polyneuropathischen Schmerzes als zweite Wahl, d. h. die Ärzt*in verordnet sie, wenn die Therapie mit Tabletten nicht anschlägt. Sie dürfen nur auf unverletzte, trockene Haut geklebt werden. Capsaicin-Pflaster (z. B. Qutenza®) ist zugelassen zur Behandlung polyneuropathischer Schmerzen bei Erwachsenen, die nicht an Diabetes leiden. Der Wirkstoff reduziert die Empfindlichkeit der Schmerzrezeptoren in der Haut. Etwa eine Woche, nachdem das Capsaicin-Pflaster für 30–60 Minuten auf das schmerzende Areal aufgeklebt wurde, beginnt die Schmerzreduktion, die über etwa 12 Wochen anhält. Lidocain-Pflaster unterbinden die krankhafte Nervenerregung in der Haut, sie werden einmal täglich für 12 Stunden auf die Haut geklebt.
  • Alpha-Liponsäure soll Schmerzen und Empfindungsstörungen bei der diabetischen Polyneuropathie verbessern, die Wirkung ist allerdings umstritten. Deshalb übernehmen die Gesetzlichen Krankenkassen die Kosten einer solchen Behandlung nicht.

Physio- und Ergotherapie helfen, Gelenkversteifungen zu vermeiden und Muskeln wiederaufzubauen. Individuell angepasste Hilfsmittel können die Gangsicherheit erhöhen und Immobilität vorbeugen.

Prognose

Lässt sich bei einer Polyneuropathie der Auslöser frühzeitig abstellen, ist die Prognose gut. Je später jedoch die Erkrankung erkannt wird, desto höher ist die Gefahr, dass die Nerven schon bleibend geschädigt sind. In diesen Fällen lassen sich die Beschwerden mit den genannten Medikamenten jedoch häufig zumindest lindern.

Ihre Apotheke empfiehlt

Was Sie selbst tun können

Füße gut pflegen. Die Empfindungsstörungen bei Polyneuropathien können gefährliche Folgen haben. Dadurch, dass Druckstellen oder kleine Fußverletzungen nicht mehr bemerkt werden, entwickeln sich sehr leicht Fußgeschwüre. Vor allem Diabetiker sind häufig vom diabetischen Fußsyndrom betroffen, weil bei ihnen zusätzlich die Wundheilung gestört ist. Achten Sie deshalb auf eine gute Fußpflege und tragen Sie nur gut passendes Schuhwerk.

Mobil bleiben. Nutzen Sie physikalische Therapien und Krankengymnastik, um gelenkig zu bleiben. Auch Wechselbäder können die Durchblutung steigern und schwache Muskeln wieder stärken.

Wadenkrämpfe lindern. Zur Behandlung von Wadenkrämpfen kann Magnesium versucht werden. In manchen Fällen verschreibt die Ärzt*in auch das rezeptpflichtige Chinin.

Schwindel- und Schwächegefühle behandeln. Wenn die Blutdruckregulation gestört ist und Sie unter einer orthostatischen Dysregulation leiden, tragen Sie Stützstrümpfe. Außerdem sollten Sie immer langsam aufstehen, um keinen Schwindel zu provozieren. Regelmäßiges Muskeltraining fördert zudem die Venenpumpe.

Blasenstörungen in den Griff bekommen. Gehen Sie regelmäßig zur Toilette, damit sich nicht zu viel Restharn in der Blase ansammelt. Suchen Sie bei starker Beeinträchtigung ihre Hausarztpraxis auf, diese kann Ihnen mit Medikamenten helfen.

Erektionsstörungen ansprechen. Polyneuropathien machen auch vor dem vegetativen Nervensystem nicht halt. Zudem stören auch die zur Behandlung der Missempfindungen eingenommenen Medikamente manchmal die Erektion. Sprechen Sie bei Erektionsstörungen mit Ihrer Ärzt*in, er kann Ihnen beispielsweise mit der Verordnung eines PDE-5-Hemmers oder auch einer Vakuumpumpe helfen.

Komplementärmedizin

Magnettherapie. Neuere Studien zeigen positive Effekte bei diabetischer Neuropathie. Auf welchem Mechanismus die Wirkung der Magnettherapie beruht, ist aber derzeit noch unklar. [T19]

Transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS). Manchen Patienten hilft es, eine schmerzhafte Hautregion elektrisch zu stimulieren. Ob die TENS bei Polyneuropathie wirksam ist, wurde bisher jedoch nicht in kontrollierten Studien nachgewiesen.

Homöopathie. Die Homöopathie empfiehlt u. a. Aconitum C3, D4 bei neuralgischen, stechenden, brennenden Schmerzen, Agaricus muscarius D6 und D12 bei Missempfindungen (z. B. Taubheitsgefühl und "Ameisenlaufen"), Spigelia D6 und D12 bei periodisch auftretenden neuralgischen Schmerzen und Verbascum D1, D2 und D3 bei neuralgischen Gliederschmerzen mit Lähmungsgefühl [T17] für den Akutfall, sowie individuell abgestimmte Mittel zur Konstitutionstherapie.

Weiterführende Informationen

Die Deutsche Polyneuropathie Selbsthilfe e.V. unterstützt Betroffene und ihre Familienangehörigen. Die Webseite findet sich unter https://polyneuro.de/index.php?id=16
Seite mit Blogs zum Leben mit Polyneuropathie von Betroffenen: https://polyneuropathie-pnp.jimdofree.com/.
Ein Faltblatt mit Informationen zur Polyneuropathie finden Sie auf der Webseite der Deutschen Gesellschaft für Muskelkranke e.V.: https://www.dgm.org/muskelerkrankungen/polyneuropathie

Von: Dr. med. Nicole Menche in: Gesundheit heute, herausgegeben von Dr. med. Arne Schäffler. Trias, Stuttgart, 3. Auflage (2014). Überarbeitung und Aktualisierung: Dr. med. Sonja Kempinski
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Gut leben mit Vorhofflimmern

Mit einem Langzeit-EKG kontrolliert man den Herzrhythmus über 24 Stunden hinweg.

Gut leben mit Vorhofflimmern

Keine Chance dem Schlaganfall!

Vorhofflimmern bedeutet nicht, auf ein aktives Leben verzichten zu müssen. Wer seine Medikamente zuverlässig einnimmt und die nötigen Verhaltensregeln beachtet, kann selbst viel dazu beitragen, Beschwerden zu lindern und das Risiko für einen Schlaganfall zu senken.

Was bedeutet Vorhofflimmern?

Vorhofflimmern ist eine häufige Herzrhythmusstörung, die insbesondere im Alter auftritt. So sollen in Deutschland etwa 1,6 Millionen Menschen darunter leiden. Dabei schlagen die Herzvorhöfe anfallsweise oder dauerhaft ungeordnet und sehr schnell. In der Folge arbeiten sie nicht mehr effektiv mit den Herzkammern zusammen. Das beeinträchtigt den Blutfluss und erhöht das Risiko für Blutgerinnsel und Schlaganfälle.

Viele Patient*innen bemerken von ihrem Vorhofflimmern zunächst nichts. Die Rhythmusstörung wird dann z. B. während einer Gesundheitsuntersuchung beim Schreiben des EKGs entdeckt. Manchmal wird sie auch erst im Zusammenhang mit einem Schlaganfall diagnostiziert.

Treten Beschwerden auf, berichten die Betroffenen über vorübergehendes Herzrasen oder Herzstolpern und einen unregelmäßigen Puls. Bei manchen verursacht das phasenweise Herzstolpern keine spürbaren Beschwerden. Wenn der unregelmäßige Herzschlag aber die Leistung des Herzens beeinträchtigt, fühlen sich die Patient*innen schnell müde und erschöpft, manche haben Schwindel oder leiden unter Atemnot.

Hinweis: Vorhofflimmern ist meist nicht unmittelbar lebensbedrohlich. Es sollte aber immer ärztlich abgeklärt und behandelt werden, da sich sonst das Risiko für Komplikationen wie einen Schlaganfall erhöht.

Herzschlag kontrollieren und Blut verdünnen

Ist ein Vorhofflimmern diagnostiziert, wird es in der Regel auch behandelt. Die Therapie verfolgt zwei Ziele: Das Risiko für einen Schlaganfall zu verringern und die Beschwerden durch den gestörten Herzschlag zu beseitigen. Bei der Kontrolle des Herzschlags wird zwischen Frequenz- und Rhythmuskontrolle entschieden:

  • Die Frequenzkontrolle wird meist gewählt, wenn nur wenige Beschwerden bestehen oder das Vorhofflimmern schon länger anhält. Dabei bleibt die Rhythmusstörung bestehen, der Puls wird aber mit Medikamenten wie Betablockern verlangsamt. Meist wird eine Ruheherzfrequenz unter 110 Schlägen pro Minute angestrebt. 
  • Die Rhythmuskontrolle setzt man besonders bei Beschwerden, neu aufgetretenem Vorhofflimmern oder zur Verbesserung der Lebensqualität ein. Sie kann – abhängig vom individuellen Risiko – auch schon früh im Krankheitsverlauf sinnvoll sein. Ihr Ziel ist es, den normalen Herzrhythmus wiederherzustellen und zu stabilisieren. Medikamente dafür sind z. B. Flecainid oder Propafenon. Reicht dies nicht aus, kommt eine Katheterablation in Frage. Dabei schiebt die Ärzt*in einen dünnen Schlauch durch die Gefäße bis zum Herz und verödet die Bereiche, die das Vorhofflimmern auslösen.

Ganz besonders wichtig ist es, das hohe Schlaganfallrisiko zu senken. Das gelingt mit Medikamenten, die die Blutgerinnung hemmen (auch Antikoagulanzien oder „Blutverdünner“ genannt). Da diese Wirkstoffe die Blutungsgefahr erhöhen, müssen der Nutzen (also die Verhinderung von Schlaganfällen) und das Risiko für Blutungen gegeneinander abgewogen werden. Dabei können spezielle Risikorechner helfen.

Ist das Schlaganfallrisiko hoch und eine dauerhafte gerinnungshemmende Therapie nicht möglich, kommt auch der Verschluss des linken Vorhof-Ohrs in Frage. Dort bilden sich die meisten Blutgerinnsel. Damit sie nicht in den Kreislauf gelangen und einen Schlaganfall auslösen, kann man das Vorhof-Ohr im Rahmen eines minimal-invasiven Kathetereingriffs mechanisch verschließen.

Vorhofflimmern tritt zudem häufig gemeinsam mit anderen Erkrankungen auf. Besonders Bluthochdruck, Diabetes mellitus und Schlafapnoe beeinflussen den Verlauf der Erkrankung. Deshalb gehört es zur Behandlung, diese Risikofaktoren möglichst gut einzustellen. Regelmäßige Blutdruckkontrollen, die konsequente Einnahme verordneter Medikamente und Kontrolltermine in der Arztpraxis tragen wesentlich dazu bei, Komplikationen zu vermeiden.

Hinweis: Gerinnungshemmende Medikamente entfalten ihre Schutzwirkung nur, wenn sie regelmäßig eingenommen werden. Ausgelassene Tabletten können das Schlaganfallrisiko erhöhen. Ganz besonders gilt das für die neueren Wirkstoffe (DOAKs), deren Wirkung schnell nachlässt.

Vorsicht Blutverdünner

Bei gerinnungshemmenden Medikamenten muss im Alltag das erhöhtes Blutungsrisiko beachtet werden. Das bedeutet, dass schon kleine Verletzungen länger bluten können und auch innere Blutungen – etwa nach Stürzen – gefährlicher sein können. 

  • Blutungen beachten: Betroffene sollten auf Zeichen wie häufiges Nasenbluten, ungewöhnlich starke oder lange Blutungen bei kleinen Verletzungen, Blut im Urin oder Stuhl sowie ungeklärte blaue Flecken achten und diese ärztlich abklären lassen. 
  • Verhalten im Alltag: Bei Aktivitäten mit erhöhtem Verletzungsrisiko heißt es, besonders vorsichtig zu sein. Auch Stürze sollte man möglichst vermeiden, da unter Blutgerinnungshemmern Blutungen stärker ausfallen und gefährlicher sein können. 
  • Vorsicht mit grünem Gemüse: Bei gerinnungshemmenden Vitamin-K-Antagonisten (z. B. Marcumar/Warfarin) ist eine gleichmäßige Aufnahme von Vitamin K wichtig – stark schwankende Mengen (z. B. viel Spinat, Grünkohl oder andere grüne Gemüse in sehr unterschiedlichen Mengen) können die Wirkung beeinflussen. Bei neueren Gerinnungshemmern (DOAKs) hat die Ernährung einen weniger ausgeprägten Einfluss.
  • Wechselwirkungen vermeiden: Rezeptfreie pflanzliche Präparate wie z. B. Johanniskraut oder Ginkgo können die Wirkung der Blutverdünner verändern und sollten nur nach ärztlicher Rücksprache eingenommen werden.

Hinweis: Wer gerinnungshemmende Medikamente einnimmt, sollte immer einen entsprechenden Notfall- oder Antikoagulationsausweis mit sich tragen. So wird im Ernstfall sofort erkannt, dass ein erhöhtes Blutungsrisiko besteht.

Herzgesunder Lebensstil

Ein herzgesunder Lebensstil kann den Verlauf des Vorhofflimmerns günstig beeinflussen. Empfehlenswert ist eine abwechslungsreiche Ernährung mit viel Gemüse, Obst, Vollkornprodukten, Hülsenfrüchten, Fisch sowie hochwertigen pflanzlichen Ölen. Fertigprodukte und stark verarbeitete Lebensmittel enthalten dagegen oft viel Salz und sollten nur selten auf dem Speiseplan stehen. Salz kann den Blutdruck erhöhen – und Bluthochdruck kann das Vorhofflimmern verschlechtern.

Auch das Körpergewicht spielt eine wichtige Rolle. Bei Übergewicht kann bereits eine geringe Gewichtsabnahme dazu beitragen, Beschwerden zu verringern und Vorhofflimmern zu reduzieren.

Beim Alkohol gilt: Weniger ist besser. Schon größere Einzelmengen können Vorhofflimmern auslösen oder bestehende Beschwerden verstärken. In Studien wurde gezeigt, dass Menschen mit Vorhofflimmern weniger Flimmeranfälle haben, wenn sie weitgehend auf Alkohol verzichten.

Rauchen erhöht das Risiko für Vorhofflimmern. Das liegt daran, dass Nikotin und andere Substanzen im Zigarettenrauch Puls und Blutdruck steigern und die elektrische Stabilität des Herzens verändern. Außerdem schädigt das Rauchen die Blutgefäße direkt und erhöht das Risiko für Blutgerinnsel und Schlaganfälle – also genau für die Komplikationen, die man beim Vorhofflimmern fürchtet.

Hinweis: Kaffee ist für viele Menschen mit Vorhofflimmern kein Problem. Wer jedoch bemerkt, dass koffeinhaltige Getränke Herzrasen auslösen, sollte den Konsum einschränken.

Bewegung hält das Herz fit

Regelmäßige körperliche Aktivität gehört zu den wichtigsten Maßnahmen bei Vorhofflimmern. Bewegung stärkt Herz und Kreislauf, senkt den Blutdruck und unterstützt dabei, ein gesundes Körpergewicht zu erreichen. Viele Betroffene berichten außerdem, dass sie sich belastbarer fühlen und ihre Lebensqualität steigt.

Welche körperliche Aktivität im Einzelfall passend ist, bespricht man am besten mit der behandelnden Ärzt*in. Besonders geeignet sind Ausdauersportarten wie zügiges Spazierengehen, Nordic Walking, Radfahren, Schwimmen oder Gymnastik. Wichtig ist, langsam zu beginnen und die Belastung schrittweise zu steigern.

Wer während der Bewegung starke Atemnot, Brustschmerzen, Schwindel oder Herzrasen entwickelt, sollte das Training abbrechen und die Beschwerden ärztlich abklären lassen.

Hinweis: Auch kleine Bewegungseinheiten im Alltag helfen – etwa Treppensteigen, Gartenarbeit oder ein täglicher Spaziergang.

Stress reduzieren und ausreichend schlafen

Viele Betroffene berichten, dass Stress oder Schlafmangel das Vorhofflimmern verstärken können. Zwar lässt sich Stress nicht vollständig vermeiden, doch regelmäßige Erholungsphasen können helfen.

Entspannungsverfahren wie Atemübungen, Yoga oder die progressive Muskelentspannung nach Jacobsen wirken sich bei vielen Menschen positiv auf das Wohlbefinden aus. Ebenso wichtig ist ausreichend Schlaf. Wer stark schnarcht oder tagsüber ungewöhnlich müde ist, sollte ärztlich abklären lassen, ob möglicherweise eine Schlafapnoe vorliegt. Eine Schlafapnoe muss behandelt werden, da bekannt ist, dass sie Vorhofflimmern verstärken kann.

Hinweis: Achten Sie auf einen regelmäßigen Schlaf-Wach-Rhythmus. Unregelmäßige Schlafzeiten können das vegetative Nervensystem aktivieren und damit Stress auslösen.

Puls kontrollieren – aber wie?

Um Veränderungen zu erkennen, sollten Patient*innen mit Vorhofflimmern ihren Puls kontrollieren. Und zwar sowohl routinemäßig als auch dann, wenn sie Beschwerden haben. Dabei ist nicht nur die Frequenz, also die Anzahl der Herzschläge pro Minute von Bedeutung. Es soll auch darauf geachtet werden, ob das Herz regelmäßig oder unregelmäßig schlägt. Denn ein unregelmäßiger Puls ist bei Vorhofflimmern ein wichtiger Hinweis und sollte ärztlich abgeklärt werden. Folgende Verfahren eignen sich zur Messung: 

  • Manuelle Pulskontrolle am Handgelenk: Hierbei legt man Zeige- und Mittelfinger auf die Innenseite des Handgelenks (unter dem Daumen) und fühlt die Pulswelle. Um die Anzahl der Herzschläge pro Minute zu erkennen, zählt man entweder 30 Sekunden mit und multipliziert den Wert mit 2 oder man zählt den Pulsschlag eine komplette Minute lang durch. 
  • Geräte zur Selbstkontrolle: Gut zu messen ist der Puls mit einem Blutdruckmessgerät mit Pulsanzeige. Auch Fitnesstracker oder Smartwatches können den Puls messen. Das ist besonders bequem, allerdings können bei Bewegungen Messfehler entstehen. Manche Smartwatches zeichnen auch ein EKG auf. Damit können sie Hinweise auf Vorhofflimmern liefern, ersetzen aber nicht die ärztliche Diagnostik.

Hinweis: Die regelmäßige Pulskontrolle sollte möglichst immer unter ähnlichen Bedingungen (z. B. in Ruhe und zur gleichen Tageszeit) erfolgen, um vergleichbare Werte zu erhalten.

Was tun beim Herzstolpern?

Bei Vorhofflimmern ist es besonders wichtig, auch in belastenden Situationen möglichst ruhig zu bleiben – denn Angst und Stress können die Beschwerden verstärken. Viele Episoden lassen sich besser bewältigen, wenn man sich bewusst macht, dass sie zwar unangenehm, aber in der Regel nicht unmittelbar gefährlich sind.

Hilfreich ist es, auf den eigenen Körper zu achten und Veränderungen wahrzunehmen, ohne jede kleine Unregelmäßigkeit sofort als Verschlechterung zu deuten oder in Panik zu geraten. So kann ein bewusster und gelassener Umgang mit der Erkrankung dazu beitragen, die Lebensqualität zu verbessern.

Bei einigen Beschwerden ist es nötig, die Ärzt*in aufzusuchen. Sofort in die Praxis oder den Notruf tätigen sollte man bei 

  • plötzlichem Brustschmerz oder starkem Druckgefühl in der Brust 
  • Atemnot in Ruhe oder deutlich zunehmende Luftnot 
  • Lähmungen, Sprachstörungen, Sehstörungen oder einem hängenden Mundwinkel (Verdacht auf Schlaganfall)
  • plötzlichem Kollaps, starker Benommenheit oder Bewusstlosigkeit 
  • anhaltend sehr schnellem Herzschlag mit starkem Krankheitsgefühl, Schwindel oder Kreislaufproblemen
  • starken Beschwerden nach einem Sturz, insbesondere unter Blutverdünnung

Manche Symptome sind zwar keine Zeichen eines Notfalls, sollten aber trotzdem in den nächsten Tagen abgeklärt werden. Dies gilt z. B., wenn 

  • Herzstolpern bzw. Herzrasen neu oder verstärkt auftritt, 
  • die Leistungsfähigkeit sinkt oder es vermehrt zu Müdigkeit und Luftnot bei Belastung kommt, 
  • das Herz phasenweise immer wieder unregelmäßig schlägt, 
  • verstärkt Blutergüsse oder Nasenbluten auftreten oder Blut im Stuhl auffällt.

Gut vorbereitet in die Arztpraxis

Regelmäßige Kontrolluntersuchungen gehören zur Behandlung des Vorhofflimmerns dazu. Sie helfen dabei, Medikamente anzupassen und den Krankheitsverlauf zu beurteilen. Eine aktuelle Medikamentenliste und gegebenenfalls selbst gemessene Blutdruck- oder Pulswerte erleichtern das Gespräch.

Vor dem Termin kann es hilfreich sein, sich Notizen zu machen:

  • Welche Beschwerden sind seit dem letzten Termin aufgetreten? 
  • Wie häufig treten Herzrasen oder Herzstolpern auf?
  • Gab es Nebenwirkungen der Medikamente? 
  • Welche Fragen möchten Sie stellen?

Hinweis: Es empfiehlt sich, seine Beschwerden zu beobachten und in einem Symptomtagebuch zu notieren. Dadurch kann man Veränderungen frühzeitig erkennen und der behandelnden Ärzt*in wichtige Informationen liefern.

Quellen: Deutsche Herzstiftung, S-3-Leitlinie Vorhofflimmern

Von: Dr. med. Sonja Kempinski; Bild: mauritius images / Westend61 / Albrecht Weisser