Gesundheit heute

Postamputationssyndrom

Postamputationssyndrom: Schmerzen und Missempfindungen in einem amputierten Körperteil sowie am Amputationsstumpf. Schätzungen zufolge werden in Deutschland jährlich ca. 70.000 Amputationen an Gliedmaßen vorgenommen, am häufigsten infolge von Durchblutungsstörungen und Unfällen. Bis zu 90 % der Betroffenen spüren nach der Amputation Phantomgefühle wie ein Kribbeln in der nicht mehr vorhandenen Gliedmaße. Bis zu 80 % der Amputierten leiden zudem an Schmerzen im Amputationsstumpf und/oder im amputierten Körperteil. Behandelt wird das Postamputationssyndrom mit Medikamenten, Physiotherapie und Ergotherapie. Bei frühzeitiger Therapie gehen die Beschwerden meist nach einigen Wochen oder Monaten zurück.

Symptome und Leitbeschwerden

  • Phantomempfindungen in der nicht mehr vorhandenen Gliedmaße, z. B. ein Kribbeln, Zucken, Jucken oder Kältegefühl
  • Stumpfschmerzen: dauerhafte oder wiederkehrende stechende, brennende oder pochende Schmerzen im Amputationsstumpf, z. T. mit Hitzegefühl oder Berührungsempfindlichkeit
  • Phantomschmerzen: brennende, stechende, pochende, schießende, klemmende oder schraubstockartig quetschende Schmerzen in der nicht mehr vorhandenen Gliedmaße.

Wann in die Arztpraxis

Am selben Tag, wenn die Schmerzen kurz nach der Operation auftreten oder sehr stark sind oder wenn bei länger zurückliegender Amputation am Amputationsstumpf eine Druckstelle, Entzündung oder Wunde sichtbar wird.

In den nächsten Tagen, wenn die Schmerzen nur leicht bis mäßig und nicht dauerhaft sind.

Die Erkrankung

Krankheitsentstehung

Wird eine Gliedmaße nicht mehr ausreichend durchblutet, z. B. aufgrund eines Gefäßverschlusses bei peripherer arterieller Verschlusskrankheit (PAVK) oder beim Diabetes mellitus, schädigt der Sauerstoff- und Nährstoffmangel das Gewebe. Der Schaden kann so groß werden, dass das Gewebe abstirbt. Durch das tote Gewebe droht eine lebensbedrohliche Blutvergiftung (Sepsis), deshalb muss das betroffene Körperteil meist amputiert werden. Häufig muss nur ein Zeh entfernt werden, im weiteren Verlauf aber oft der gesamte Unterschenkel, in vielen Fällen auch beidseits. Davon betroffen sind v. a. ältere Menschen, Männer häufiger als Frauen.

Weitere häufige Gründe für Amputationen sind Verkehrs- oder Arbeitsunfälle mit Zertrümmerung oder Zerquetschung der Gliedmaßen sowie bösartige Tumoren wie das Osteosarkom (Knochenkrebs). Diese betreffen vor allem jüngere Menschen, auch hier am häufigsten Männer.

Eher selten amputiert werden muss aufgrund unheilbarer Infektionen, die ebenfalls zu einer Blutvergiftung führen können. Ein weiterer Grund für Amputationen sind angeborene Fehlbildungen der Gliedmaße, wenn diese die Betroffenen stark in der Bewegung beeinträchtigen.

Ursachen und Risikofaktoren

Treten nach der Amputation Schmerzen und Missempfindungen auf, gibt es dafür viele verschiedene Ursachen, die zum Teil noch nicht klar erforscht sind.

Für Phantomempfindungen wird die Großhirnrinde verantwortlich gemacht. Sie registriert das nicht mehr vorhandene Körperteil weiterhin, ordnet diese Empfindung aber falsch zu. Dadurch wird das fehlende Körperteil weiter als vorhanden wahrgenommen. Wo diese Empfindungen entstehen und was genau dabei im Gehirn abläuft, ist medizinisch bisher ungeklärt.

Stumpfschmerzen: Schmerzen im Operationsgebiet, die in den verbliebenen Stumpf ausstrahlen, sind nach der Amputation normal und verschwinden innerhalb von 3 bis 6 Monaten. Dabei handelt es sich um Wundschmerzen, die sich zurückbilden, wenn das Gewebe vollständig heilt. Bleiben die Stumpfschmerzen jedoch darüber hinaus bestehen oder entstehen sie erst einige Zeit nach der Amputation, können dahinter viele Gründe stecken, z. B.

  • Infektionen der Haut
  • tiefe Gewebeinfektionen, z. B. eine Entzündung des Knochenmarks oder der Blutgefäße
  • Druck von außen, z. B. durch eine unpassende Prothese
  • Druck von innen, z. B. durch einen Knochensporn, einen Bluterguss oder ungenügende Muskelpolsterung über dem durchtrennten Knochenende
  • Durchblutungsstörungen
  • Nervenschmerzen (neuropathische Schmerzen) infolge der Verletzung bzw. Durchtrennung von Nerven
  • Nervenknoten (Neurome) durch eine überschießende Regeneration von Nerven.

Phantomschmerzen: Wenn Amputierte über Schmerzen in der nicht mehr vorhandenen Gliedmaße klagten, hielt man das früher für Einbildung. Heute weiß man, dass diese Schmerzen echt sind. Sie werden durch mehrere Faktoren ausgelöst, die jedoch noch nicht im Detail aufgeklärt sind:

  • Phantomschmerzen können mit den durchtrennten Nerven im Stumpf zusammenhängen, die Schmerzsignale ans Rückenmark senden und im Gehirn falsch zugeordnet werden.
  • Das Rückenmark kann durch ausbleibende Nervensignale aus dem fehlenden Körperteil irritiert und übererregbar werden.
  • Im Gehirn kommt es zu einer Umorganisation. Die Bereiche, in denen die Empfindungen des nun fehlenden Körperteils registriert wurden, bleiben dabei aktiv. Sie erhalten nun aber Impulse aus anderen Regionen, sodass die Wahrnehmungen fehlerhaft zugeordnet werden.
  • Das Schmerzgedächtnis kann Schmerzen speichern, die schon vor der Amputation vorhanden waren. Das Gehirn ordnet diese früheren Schmerzen dann als weiterhin vorhanden ein.
  • Psychische Faktoren wie Stress, Ängste und Depressionen können die Schmerzwahrnehmung ebenfalls beeinflussen.

Klinik, Verlauf und Komplikationen

Phantomempfindungen in der nicht mehr vorhandenen Gliedmaße wie Kribbeln, Zucken, Jucken oder ein Kältegefühl sind die häufigsten Beschwerden nach einer Amputation. Das fehlende Körperteil wird dabei als "vorhanden" erlebt. Die Betroffenen spüren auch die Größe, den Umfang und oft sogar die Lage oder Haltung des amputierten Körperteils. Einige Betroffene beschreiben zudem eine Berührungsempfindung, so als würde das fehlende Körperteil von jemandem oder etwas berührt werden. Alle diese Empfindungen sind nicht schmerzhaft und nehmen im Laufe der Zeit ab.

Typisch ist auch ein Verkürzungsgefühl, das sogenannte Teleskop-Phänomen. Es bedeutet, dass die Betroffenen den amputierten Bereich als immer kürzer werdend wahrnehmen, so als würde das Phantomglied zum Stumpf wandern. Manchmal fühlt es sich dann so an, als würde der Fuß oder die Hand direkt am Stumpf sitzen.

Mitunter fühlen Amputierte auch Berührungen an anderen Körperstellen im amputierten Körperteil und spüren sie z. T. dort auch als Schmerzen.

Bei Beinamputierten mit Phantomempfindungen kommt es nicht selten vor, dass sie "vergessen", dass ihnen das Bein fehlt, weil sie es als "vorhanden" wahrnehmen. Wenn sie dann aufstehen und loslaufen wollen, als wäre es noch da, stürzen sie oft, was schwere Verletzungen verursachen kann. Davon betroffen sind häufig Personen, die nachts zur Toilette müssen.

Stumpfschmerzen treten in den meisten Fällen direkt nach der Operation auf. Je nach Ursache können sie dauerhaft oder wiederkehrend vorhanden sein. Sie äußern sich als stechende, brennende oder pochende Schmerzen im Amputationsstumpf. Teilweise beschreiben die Betroffenen auch ein Hitzegefühl oder eine erhebliche Berührungsempfindlichkeit. Sind die Schmerzen auf schlecht angepasste Prothesen oder Infektionen zurückzuführen, entstehen sie mitunter auch erst längere Zeit nach der Operation oder sie bessern sich im Verlauf und treten später wieder stärker auf.

Sichtbare Veränderungen am Stumpf sind manchmal gerötete Druckstellen, Hautabschürfungen oder Schwellungen, vor allem dann, wenn die Stumpfschmerzen durch eine unpassende Prothese ausgelöst werden. In den meisten Fällen kann man von außen aber keine Veränderungen am Stumpf erkennen.

Phantomschmerzen äußern sich als brennende, stechende, pochende, schießende, klemmende oder schraubstockartig quetschende Schmerzen, die in der nicht mehr vorhandenen Gliedmaße erlebt werden. Bei vielen Betroffenen zeigen sie sich innerhalb einiger Tage nach der Operation. Sie können aber auch erst Monate oder Jahre nach der Operation auftreten. Phantomschmerzen können anfallsartig auftreten oder dauerhaft vorhanden sein. Manchmal treten sie nur in bestimmten Situationen auf, z. B. bei kaltem, feuchtem Wetter oder bei plötzlichen Wetterumschwüngen oder unter besonderer Stressbelastung.

Alle Beschwerden des Postamputationssyndroms sind meist direkt nach der Operation am stärksten und verlieren im Laufe von Wochen und Monaten ihre Intensität. Sie treten dann seltener und kürzer auf.

Diagnosesicherung

Die Diagnosen Phantomempfindungen und Phantomschmerzen sind wegen der typischen Beschwerden recht leicht zu stellen. Um Stumpfschmerzen zu beurteilen, ist eine ausführliche Befragung (Anamnese) notwendig. Die Ärzt*in fragt unter anderem:

  • Wann treten die Schmerzen auf, wie lange halten sie an?
  • Wie fühlen sie sich genau an?
  • Sind die Schmerzen auf den Stumpf beschränkt oder strahlen sie weiter aus?
  • Gibt es außer den Schmerzen weitere Beschwerden?
  • Verschwinden die Beschwerden nach dem Entfernen der Prothese und wenn ja, gehen sie langsam oder schnell zurück?
  • Werden die Schmerzen beim Anspannen der Muskeln stärker?

Anschließend schaut sich die Ärzt*in den Stumpf genau an, tastet ihn ab und führt eine körperliche Untersuchung durch, z. B. um Fieber oder eine beschleunigte Herzfrequenz festzustellen, die auf eine Infektion hindeuten.

Manchmal sind weitere Tests erforderlich wie Ultraschall und eine Magnetresonanztomografie (MRT), z. B. um Neurome auszuschließen, oder eine Messung der Sauerstoffversorgung durch die Haut, um Durchblutungsstörungen festzustellen.

Behandlung

Phantomempfindungen sind zwar unangenehm, müssen aber meist nicht behandelt werden. Bei Schmerzen, egal ob im Stumpf oder im Phantomglied, ist jedoch eine frühzeitige Behandlung wichtig.

Werden Stumpfschmerzen durch eine unpassende Prothese ausgelöst, muss die Prothese entsprechend modifiziert oder neu angepasst werden. Oft ist es auch nötig auf die Prothese zu verzichten, bis das Gewebe geheilt ist.

Die Stumpf- und Phantomschmerzen werden – unabhängig von Ursache, Dauer und Intensität – immer mit Medikamenten behandelt. Hierzu stehen zahlreiche Wirkstoffe zur Verfügung, die häufig auch miteinander kombiniert werden, um eine bestmögliche Schmerzausschaltung zu erreichen.

Ist die medikamentöse Schmerztherapie nicht ausreichend wirksam, werden sie durch weitere Behandlungsmöglichkeiten ergänzt, z. B. durch

  • transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS)
  • Biofeedback
  • Injektionen mit Botulinumtoxin (ein Nervengift, das die Schmerzwahrnehmung dämpft)
  • epidurale Elektrostimulation, die durch Elektroden die Schmerzleitung im Rückenmark blockiert.

Bei einem Neurom, das starke Schmerzen verursacht, kann die chirurgische Entfernung des Neuroms (Neurektomie) Linderung bringen.

Durch die Physiotherapie wird der gesamte Körper der Patient*innen mittels Dehnungs- und Kräftigungsübungen, Massagen und eines speziellen Stumpftrainings unterstützt.

Die Ergotherapie vermittelt Techniken zur besseren Alltagsbewältigung und bietet mit der Spiegeltherapie eine spezielle Behandlungsmethode bei Amputationen. Hierbei wird das Phantomglied durch ein Spiegelbild des vorhandenen Körperteiles als "echt" vorgetäuscht und so die vernachlässigte Repräsentation im Gehirn stimuliert.

Bei sehr starken und vor allem bei chronischen Schmerzen ist zusätzlich zur Schmerztherapie die Einnahme von Antidepressiva und eine psychotherapeutische Betreuung ratsam.

Prävention von Phantomschmerzen: Durch eine optimale Schmerztherapie vor der Amputation sowie durch lokale Betäubungsverfahren während der Operation (zusätzlich zur Vollnarkose) kann Phantomschmerzen zumindest teilweise vorgebeugt werden.

Prognose

Alle Beschwerden des Postamputationssyndroms sind meist direkt nach der Operation am stärksten und verlieren im Laufe von Wochen und Monaten ihre Intensität. Wichtig ist eine frühzeitige Therapie, denn je kürzer die Schmerzen andauern, desto wahrscheinlicher verschwinden sie vollständig. Halten die Schmerzen trotz einer medikamentösen Schmerztherapie an, gehören sie deshalb immer in die Hände von Schmerzspezialist*innen.

Was Sie selbst tun können

Schwerbehindertenausweis. Amputierte haben in der Regel Anspruch auf einen Schwerbehindertenausweis. Wenden Sie sich hierzu an das Versorgungsamt.

Selbsthilfegruppen. Amputationsbedingte Beschwerden schränken das berufliche und private Leben ein und beeinträchtigen die Lebensqualität. Suchen Sie sich Unterstützung in einer Selbsthilfegruppe. Diese bietet nicht nur Rat, wie man mit den Beschwerden besser umgehen kann. Vielen Patient*innen hilft es auch, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen, weil diese die Einschränkungen und Belastungen am besten verstehen können.

Bleiben Sie aktiv. Die körperliche Einschränkung durch eine Amputation ist kein Grund, auf Bewegung zu verzichten. Lassen Sie sich in Ihrer Arzt- oder Physiotherapiepraxis beraten, welche Sportarten für Sie infrage kommen. Jede Form der Bewegung unterstützt die Gesundheit. Selbst im hohen Alter und bei zusätzlichen Erkrankungen kann beispielsweise Stuhlgymnastik in der Gruppe die Beweglichkeit, das Wohlbefinden und die soziale Einbindung fördern.

Weiterführende Informationen

Bundesverband für Menschen mit Arm- oder Beinamputation e.V.

Quellen:

  • Amboss (2026) Phantomsensationen. Webartikel zur Klinischen Praxis. Abgerufen am 03.03.2026 unter https://next.amboss.com/de/article/xN0EWg?q=phantomempfindung#MBXMY00
  • Pschyrembel (2026)  Phantomempfinden und Phantoschmerz. Webartikel zur Klinischen Praxis. Abgerufen am 03.03.2026 unter https://www.pschyrembel.de/Phantomempfinden/K0GSR/doc/  und https://www.pschyrembel.de/Phantomschmerz/T031L/doc/
  • MSD Manual (2026) Schmerzen im Stumpf (Phantomschmerz, Phamtomempfindung). Webartikel für medizinische Fachkreise. Abgerufen am 03.03.2026 unter https://www.msdmanuals.com/de/profi/spezielle-fachgebiete/gliedma%C3%9Fenprothetik/schmerzen-im-stumpf

Von: Dr. med. Nicole Menche, Dr. med. Arne Schäffler in: Gesundheit heute, herausgegeben von Dr. med. Arne Schäffler. Trias, Stuttgart, 3. Auflage (2014). Überarbeitung und Aktualisierung: Daniela Grimm
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Was bei Nackenschmerzen hilft

Nackenschmerzen sind meist nicht gefährlich, können aber die Lebensqualität stark einschränken.

Was bei Nackenschmerzen hilft

Medikamente, Wärme oder Schonen?

Nackenschmerzen sind häufig. Zum Glück steckt in den meisten Fällen keine ernste Erkrankung dahinter. Behandlungsmöglichkeiten gibt es viele: von Schmerzmitteln über muskelentspannende Medikamente bis hin zum Tapen. Doch welche davon sind wirklich sinnvoll? Und wann sollten Nackenschmerzen besser gründlich abgeklärt werden?

Fast die Hälfte der Erwachsenen betroffen

Nackenschmerzen treten im Bereich der Halswirbelsäule zwischen Schädelbasis und den oberen Schulterblättern auf. Manchmal ziehen sie auch in die Schultern, den unteren Hinterkopf und den oberen Rücken. Der Schmerz ist dabei dumpf, drückend und ziehend und kann bei Bewegungen schlimmer werden. Häufig fühlt sich der Nacken auch steif an und das Drehen des Kopfes fällt schwer. Berührt man den schmerzenden Bereich oder versucht ihn zu massieren, lassen sich oft harte, verspannte Muskeln tasten.

Je nach ihrer Dauer werden Nackenschmerzen eingeteilt in

  • akut: bis zu drei Wochen
  • subakut: vier bis zwölf Wochen oder
  • chronisch: länger als zwölf Wochen.

Die Abgrenzung fällt allerdings manchmal schwer, da der Beginn oft nicht genau definiert werden kann.

Fast die Hälfte der Erwachsenen in Deutschland gibt an, in den letzten Monaten mindestens ein Mal Nackenschmerzen gehabt zu haben – sie kommen also sehr oft vor. In der Hausarztpraxis gehören sie sogar zum dritthäufigsten Beratungsanlass. Frauen sind davon etwas häufiger betroffen als Männer, bei Menschen über 70 Jahren werden sie etwas seltener.

Hinweis: Auch Kinder und Jugendliche leiden unter Nackenschmerzen. Tendenziell soll die Anzahl der Betroffenen zwischen 3 und 17 Jahren steigen. Als Ursache gelten u.a. Bewegungsmangel und die immer längere Smartphonenutzung.

Wo kommen Nackenschmerzen her?

In den meisten Fällen von Nackenschmerzen lassen sich keine strukturellen Ursachen wie sichtbare oder messbare Probleme an den Knochen, Gelenken oder Nerven nachweisen. Dann spricht man von unspezifischen Nackenschmerzen. Als häufigster Grund für akute unspezifische Nackenschmerzen gelten Muskelverspannungen, z. B. ausgelöst durch lange Computerarbeit, Zugluft oder eine ungünstige Schlafhaltung. Sie klingen in der Regel auch ohne Behandlung innerhalb von ein bis zwei Wochen ab.

Halten die Beschwerden länger als drei Monate an, stecken hinter unspezifischen Nackenschmerzen oft Belastungen und Stress. Fehlhaltungen und Bewegungsmangel tragen zu ihrer Entwicklung zusätzlich bei.

Zu den seltenen strukturellen (spezifischen) Ursachen von Nackenschmerzen gehören z. B. arthrotische Veränderungen oder Rheuma. In weniger als 1% der Fälle gehen Nackenschmerzen auf eine gefährliche Ursache zurück. Dazu gehören Bandscheibenvorfall, Tumoren, Osteoporose mit Wirbelbrüchen, Nervenerkrankungen oder Infektionen.

Nackenschmerzen abklären lassen

Wer nach einer schlechten Nacht oder einer langen Gaming-Sitzung unter Nackenschmerzen leidet, benötigt meist keine ärztliche Hilfe. Es gibt jedoch auch Nackenschmerzen, die man bei der Hausärzt*in abklären lassen sollte. Das gilt zum einen, wenn die Schmerzen über eine längere Zeit anhalten. Denn auch wenn nichts Gefährliches dahinter steckt, ist es sinnvoll, eine gezielte Behandlung einzuleiten.

In manchen Fällen muss immer rasch eine ärztliche Abklärung erfolgen. Warnzeichen für eine der seltenen, gefährlichen Ursachen von Nackenschmerzen sind 

  • Kribbeln, Taubheitsgefühle oder Lähmungen von Armen und Beinen 
  • starke Kopfschmerzen, Fieber, Nackensteife und Übelkeit 
  • unerklärter Gewichtsverlust, Abgeschlagenheit, Nachtschweiß 
  • Nackenschmerzen nach einem Sturz oder Unfall 
  • gleichzeitige Schluckbeschwerden oder Schmerzen im Brustkorb

Diese Beschwerden können z. B. auf einen Bandscheibenvorfall, einen Tumor oder eine Meningitis hindeuten.

Wie sieht die Diagnostik bei Nackenschmerzen aus?

Bei neu aufgetretenen Nackenschmerzen befragt die Ärzt*in die Patient*in zunächst ausführlich, wie stark die Beschwerden sind, wann sie auftreten und wie lange sie schon bestehen. Zusätzlich wird nach eigenen Behandlungsversuchen und deren Erfolg/Misserfolg gefragt, ebenso nach der Lebenssituation, mit besonderem Schwerpunkt auf Belastungen und Stress.

Wichtig sind auch vorangegangene Infektionen, Stürze oder Unfälle und begleitende Erkrankungen. Auch die Medikamenteneinnahme ist von Bedeutung: So begünstigt z. B. die langfristige Einnahme von Kortison eine Osteoporose, die sich an der Halswirbelsäule bemerkbar machen kann. Abgefragt werden auch immer die sogenannten B-Symptome Nachtschweiß, Gewichtsverlust und Leistungsknick. Diese können auf eine Tumorerkrankung hinweisen.

Nach der Erhebung der Krankengeschichte wird die Patient*in körperlich untersucht. Dabei prüft die Ärzt*in die Beweglichkeit der Halswirbelsäule und ob die Dornfortsätze (die Erhebungen entlang der Wirbelsäule) druckschmerzhaft sind. Meist tastet sie auch die Muskulatur ab und sucht nach Verspannungen und Verhärtungen.

Um die Beteiligung von Nerven auszuschließen, wird eine kurze neurologische Untersuchung durchgeführt. Dazu gehört u.a. die Prüfung von Kraft, Feinmotorik und Sensibilität (Gefühl) der Finger, meist werden auch das Gangbild und die Reflexe getestet.

In den allermeisten Fällen kann die Ärzt*in nach dieser ausführlichen Anamnese und Untersuchung eine strukturelle Ursache der akuten Nackenschmerzen ausschließen und die Diagnose „unspezifische Nackenschmerzen“ stellen. Eine weitere Diagnostik ist nur erforderlich, wenn entsprechende Hinweise gefunden wurden.

Mehr Diagnostik wird auch empfohlen, wenn die Nackenschmerzen trotz Behandlung länger als vier bis sechs Wochen anhalten und die Betroffenen sehr in ihren Aktivitäten einschränken. Dies kann ein Hinweis auf eine initial nicht erkannte spezifische Ursache sein.

Zu den weiteren Untersuchungen gehört vor allem die Bildgebung. Zu bevorzugen sind die CT und die MRT, da sich mit diesen Untersuchungsverfahren Frakturen, Tumoren, Infektionen und Neuropathien besser erkennen lassen als mit dem konventionellen Röntgen. Bei einem Verdacht auf Infektionen oder Tumoren kommen entsprechende Laboruntersuchungen zum Einsatz. Für diese Spezialuntersuchungen und zur Weiterbehandlung überweist die Hausärzt*in die Patient*in meist in eine entsprechende Facharztpraxis (Rheumatologie, Neurologie, Orthopädie).

Hinweis: Bildgebende Verfahren sind bei unspezifischen Nackenschmerzen in den allermeisten Fällen nicht erforderlich. Sie können sogar schaden, da darin oft Veränderungen in der HWS erkannt werden, die nicht Ursache der Schmerzen sind. Das kann unbegründete Ängste wecken, die Betroffenen unnötig belasten und manchmal sogar überflüssige Therapien nach sich ziehen.

Bewegung ist das A und O

Für das Selbstmanagement bei unspezifischen Nackenschmerzen gibt es einige nicht-medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten. Dazu gehören körperliche Aktivität, Wärme- oder Kältebehandlungen und Entspannungsübungen.

  • Körperliche Aktivität: Betroffene mit unspezifischen Nackenschmerzen sollten sich bewegen, also körperlich aktiv bleiben. Wenn nötig, auch mithilfe einer medikamentösen Schmerztherapie (siehe unten). Sinnvoll sind auch leichte Übungen, z. B. die Halsmuskulatur anzuspannen und in sanfter Dehnung zu entspannen. Die Expert*innen der aktuellen Leitlinie zum unspezifischen Nackenschmerz empfehlen dazu ein Video-Beispiel auf youtube (https://www.youtube.com/watch?v=6-bu6N-emq4, vierte Übung). Weitere Übungen sind Schulterkreisen, Kopfneigen, Seitdehnung und Kinn-zur-Brust, alles natürlich sanft und schonend.
  • Wärme oder Kälte: Wärme kann bei unspezifischen Nackenschmerzen die Schmerzen lindern und die Beweglichkeit bessern. Insgesamt gibt es dazu allerdings kaum Daten aus Studien, die Empfehlungen beruhen auf Expertenwissen. Empfohlen werden dafür z. B. aufgewärmte Körnerkissen. Auch Wärmepflaster oder eine heiße Rolle können hilfreich sein. Manche Betroffenen profitieren statt von Wärme eher von Kälteanwendungen. Sofern dies als schmerzlindernd empfunden wird, raten Expert*innen nicht davon ab.
  • Entspannungsverfahren: Für den Effekt von Entspannungsverfahren wie der Progressiven Muskelrelaxation gibt es unterschiedliche Ergebnisse. In einigen Studien wurden Schmerzen und Beweglichkeit gebessert, in anderen nicht. Möglicherweise helfen Entspannungsverfahren aber dabei, das Stresserleben zu reduzieren und der Entwicklung chronischer Nackenschmerzen entgegenzuwirken.

Hinweis: Den Hals mit einer Halskrause oder einer Nackenschiene ruhig zu stellen wird bei unspezifischen Nackenschmerzen nicht empfohlen. Expert*innen gehen davon aus, dass dies eher schädlich wirkt: Einerseits bildet sich die Halsmuskulatur zurück, andererseits wird die Passivität der Betroffenen gefördert.

Medikamentöse Hilfe bei Nackenschmerzen

In manchen Fällen sind bei unspezifischen Nackenschmerzen Schmerzmittel erforderlich. Eine Schmerztherapie kann auch dazu dienen, beweglich und aktiv zu bleiben. In Frage kommen, wenn erforderlich, nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) und Metamizol.

  • NSAR. Am häufigsten werden NSAR wie Ibuprofen, Diclofenac oder Naproxen eingesetzt. Ihr Effekt wird in Studien unterschiedlich bewertet. Zudem haben sie ein erhöhtes Risiko für Nebenwirkungen, insbesondere auf die Magenschleimhaut. Sie erhöhen auch das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Insgesamt gilt, dass sie so niedrig dosiert und so kurz wie möglich eingesetzt werden sollten. Für chronische unspezifische Nackenschmerzen werden sie aufgrund der genannten Nebenwirkungen nicht empfohlen. 
  • Metamizol. Für Patient*innen, die NSAR nicht vertragen oder ein zu hohes Risiko für die genannten Nebenwirkungen haben, stellt Metamizol eine Alternative dar. Dieses Präparat kann allerdings in sehr seltenen Fällen bestimmte Zellen im Blut verringern (Agranulozytose). Bei längerer Einnahme sollte deshalb regelmäßig das Blutbild kontrolliert werden. Außerdem müssen die Patient*innen die typischen Symptome Fieber, Halsschmerzen und Schleimhautläsionen kennen und bei deren Auftreten die Hausärzt*in aufsuchen.

Von anderen Schmerzmitteln wie Paracetamol und Opioiden rät die Leitlinie ab. Paracetamol soll aufgrund seiner mangelnden Wirkung auf Nackenschmerzen nicht genommen werden, Opioide aufgrund ihrer unerwünschten Wirkungen und ihres Suchtpotenzials.

Verschreibungspflichtige muskelrelaxierende (entspannende) Wirkstoffe werden bei unspezifischen Nackenschmerzen auch gerne angewendet. Allerdings ist ihre Wirkung in Studien kaum belegt. Bei akuten unspezifischen Nackenschmerzen mit starker Verspannung sind sie eine Behandlungsoption, wenn NSAR nicht anschlagen. Aufgrund ihrer möglichen Nebenwirkungen wie Blutbildstörungen, Schwindel oder zentraler Sedierung (Dämpfung) sollten sie allerdings nicht länger als zwei Wochen angewendet werden.

Hinweis: Für die Wirkung pflanzlicher Schmerzmittel wie Weidenrinde und Teufelskralle gibt es keine aussagekräftigen Studien. Ihr Einsatz wird deshalb in den Leitlinien nicht bewertet.

Chirotherapie, Akupunktur und Laser

Bei unspezifischen Nackenschmerzen werden auch häufig nicht-medikamentöse Verfahren und Methoden angeboten. Einige werden eher kritisch betrachtet, da ihre Wirkung nicht ausreichend belegt ist. Dazu kommt, dass viele der eingesetzten Methoden die Passivität der Betroffenen fördern. Dies steht im Widerspruch zu der Erkenntnis, dass körperliche Bewegung die Basis bei der Behandlung von unspezifischen Nackenschmerzen ist.

Grünes Licht geben die Expert*innen für die manuelle Therapie (Chirotherapie). Aktuellen Studien zufolge kann diese Technik bei akuten unspezifischen Nackenschmerzen die Schmerzen lindern und die Beweglichkeit der Halswirbelsäule bessern. Voraussetzung für eine Verordnung ist, dass keine Kontraindikationen wie Osteoporose, Schäden an der Wirbelsäule oder Gefäßkrankheiten vorliegen.

Die Akupunktur zeigt bei länger bestehenden unspezifischen Nackenschmerzen kleine bis mittlere Effekte. Insbesondere wenn andere Maßnahmen nicht greifen, kann sie versucht werden. Sie sollte aber – ebenso wie die Chirotherapie – mit aktivierenden Maßnahmen kombiniert werden.

Keinen Wirknachweis in kontrollierten Studien brachte die Behandlung mit Laser, Interferenzstrom oder Ultraschall. Gleiches gilt für die Behandlung mit medizinischen Bädern und Rotlicht, die deshalb nicht auf Kassenkosten verordnet werden sollten.

Auch Kinesiotapes werden manchmal bei akuten Nackenschmerzen eingesetzt. Eine Wirkung konnte allerdings bisher nicht belegt werden, zumal drohen allergische Reaktionen. Die Leitlinienautor*innen raten deshalb davon ab.

Hinweis: Bei chronischen unspezifischen Nackenschmerzen hat sich die kognitive Verhaltenstherapie als wirksam erwiesen. Sie kann Schmerzen, Angst vor Bewegung, Depressivität und allgemeine Ängstlichkeit bessern und wird vor allem im Rahmen eines multimodalen Therapiekonzepts empfohlen.

Quelle: S3-Leitlinie „Nicht-spezifische Nackenschmerzen“, AWMF-Register-Nr. 053-007 DEGAM-Leitlinie Nr. 13, Version 3.0, gültig bis 17.02.2030

Von: Dr. med. Sonja Kempinski; Bild: mauritius images / BSIP / Alice S.