Gesundheit heute

Clusterkopfschmerz

Clusterkopfschmerz (Bing-Horton-Syndrom): Seltene Kopfschmerzerkrankung, charakterisiert durch stechende, fast unerträgliche, halbseitige Kopfschmerzattacken, die mehrmals täglich auftreten können und mit vegetativen Begleiterscheinungen wie Tränenfluss, laufender Nase und Rötung des Auges oder Gesichts verbunden sind. Betroffen sind ca. 0,1 % der Bevölkerung. In Deutschland sind etwa 120.000 Menschen mit Cluster-Kopfschmerzen in Behandlung. Die Krankheit beginnt überwiegend zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr und zeigt meist einen episodischen Verlauf. Männer sind 3-mal häufiger betroffen als Frauen. Behandelt wird im akuten Anfall mit Sauerstoff und schnellwirksamen Schmerzmitteln. Auch zur Vorbeugung stehen verschiedene Medikamente zur Verfügung. Bei etwa 20–40 % der Betroffenen heilt die Krankheit nach einigen Jahren von selbst. Bei 10–15 % gehen die Schmerzepisoden in einen chronischen Verlauf über.

Symptome und Leitbeschwerden

  • Episodisch und häufig nachts auftretende, mehrmals tägliche, extrem starke, streng halbseitige Kopfschmerzattacken
  • Gleichzeitig auf der Kopfschmerzseite auftretende vegetative Begleiterscheinungen wie Tränenfluss, laufende Nase und Hornersyndrom (Pupillenverengung, herabhängendes Augenlid, eingesunkener Augapfel), z. T. auch Rötung und/oder Schwitzen von Stirn oder Gesicht und Völlegefühl im Ohr
  • Deutlicher Bewegungsdrang während der Schmerzattacken.

Wann in die Arztpraxis

In den nächsten Tagen, wenn mehrmals hintereinander starke Kopfschmerzen auftreten.

Die Erkrankung

Krankheitsentstehung

Wie es zum Clusterkopfschmerz kommt, ist bis heute nicht vollständig erforscht. Angenommen wird, dass ein bestimmter Gehirnbereich, der Hypothalamus, an der Entstehung der Schmerzattacken mitwirkt. Im Hypothalamus wird unter anderem der Schlaf-Wach-Rhythmus gesteuert. Da die Schmerzattacken des Clusterkopfschmerzes tages- und jahreszeitlich gehäuft auftreten, liegt es also nahe, dass der Hypothalamus beteiligt ist. Dafür sprechen auch Positronen-Emissions-Tomografie-Untersuchungen (PET), die eine veränderte Aktivität in dieser Gehirnregion nachgewiesen haben.

Hinzu kommen wahrscheinlich auch genetische Faktoren, denn Clusterkopfschmerzen können mehrere Mitglieder einer Familie betreffen.

Ursachen und Risikofaktoren

Ein Teil der Betroffenen gibt Auslöser für die Schmerzattacken an (Trigger). Diese lösen jedoch nur die einzelnen Attacken aus und sind nicht die Ursache der Erkrankung. Trigger sind von Person zu Person unterschiedlich und einige Betroffene reagieren auf keinen der bekannten Auslöser.

Zu den Triggern gehören z. B.

  • Alkohol
  • Nikotin
  • bestimmte Lebensmittel, z. B. Schokolade, Zitrusfrüchte, Tomaten und histaminreiche Nahrung wie bestimmte Käse- und Fischsorten
  • Lebensmittelzusatzstoffe wie Glutamat und Nitrate
  • bestimmte Medikamente, z. B. Nitroglycerin (ein Herzmedikament) Sildenafil (ein Blutdrucksenker und Potenzmittel)
  • Lärm, grelles oder flackerndes Licht, Hitze
  • intensive Gerüche, z. B. Lösungsmittel, Klebstoff oder Benzin
  • starke körperliche oder emotionale Belastungen
  • Abweichungen von den Schlafgewohnheiten, z. B. ein Mittagsschlaf.

Klinik, Verlauf und Komplikationen

Clusterkopfschmerzen treten immer sehr plötzlich auf und sind streng auf eine Seite begrenzt. Die Kopfschmerzen sind extrem heftig und meist hinter dem Auge am stärksten ausgeprägt. Eine Attacke dauert zwischen 15 Minuten und 3 Stunden.

Gleichzeitig kommt es auf derselben Seite zu Begleitsymptomen wie Tränenfluss, laufender Nase und Hornersyndrom mit Pupillenverengung, herabhängendem Augenlid und eingesunkenem Augapfel. Bei einigen Betroffenen rötet sich und schwitzt die Stirn oder das Gesicht auf der betroffenen Seite. Auch ein Völlegefühl im Ohr ist möglich.

Typisch für den Clusterkopfschmerz ist außerdem ein ausgeprägter Bewegungsdrang während der Attacke. Etwa die Hälfte der Betroffenen hat zwischen den Attacken einseitig betonte und stetig vorhandene "Restschmerzen". Auch migräneartige Beschwerden wie eine Aura (Sehstörungen, Empfindungs- und Sprachstörungen), Übelkeit, Lärm- und Lichtscheu sind möglich.

Bei etwa 80–85 % der Betroffenen liegt ein episodischer Clusterkopfschmerz vor. Zwischen mehreren Wochen oder Monaten mit gehäuften Attacken (Cluster) liegen schmerzfreie Phasen, die Monate oder sogar Jahre dauern können. Treten die Attacken über mehr als ein Jahr ohne oder mit nur kurzen beschwerdefreien Intervallen auf, handelt es sich um einen chronischen Clusterkopfschmerz.

Die Schmerzattacken treten oft immer zur selben Zeit am Tag auf, meist wenige Stunden nach dem Einschlafen oder in den frühen Morgenstunden. Typisch ist ein Beginn der Clusterepisoden im Frühjahr und Herbst.

Diagnosesicherung

Die Diagnose wird zwar in erster Linie aufgrund des Beschwerdebildes und der neurologischen Untersuchung gestellt, zur Sicherheit wird aber eine CT und eine MRT-Untersuchung durchgeführt. So lassen sich andere Erkrankungen ausschließen.

Differenzialdiagnosen. Meist lassen sich beim Clusterkopfschmerz im CT und MRT keine Auffälligkeiten finden. Beginnen die Kopfschmerzen erst im hohen Lebensalter, liegen aber nicht selten andere Ursachen für die Beschwerden vor. Hierzu gehören vor allem Gehirntumoren, eine Karotisdissektion, ein Schlaganfall oder eine Entzündung.

Behandlung

Die medizinische Behandlung des Clusterkopfschmerzes ist in zwei Bereiche unterteilt:

Soforttherapie. Mittel Nr. 1 zur Verkürzung der Attacken ist das Einatmen von Sauerstoff über eine spezielle Gesichtsmaske. Dies führt über eine Gefäßverengung innerhalb von 15 bis 20 Minuten zur Symptomlinderung. Auch das Einbringen von Lidocain-Lösung in das Nasenloch der betroffenen Seite hilft einem Teil der Betroffenen. Lidocain ist ein Mittel zur örtlichen Betäubung. Sind diese nebenwirkungsfreien Maßnahmen nicht ausreichend wirksam, werden Triptane als Nasenspray oder zum Selbstspritzen verordnet. Die Wirkung von Tabletten setzt zu spät ein.

Anfallsprophylaxe. Der Kalziumantagonist Verapamil ist das Medikament der Wahl zur Prophylaxe bei länger dauernden Phasen des episodischen sowie bei chronischem Clusterkopfschmerz. Bei Langzeitanwendung ist allerdings ein Wirkungsverlust möglich. Wegen seiner Wirkungen auf Herz und Gefäße sind Kontrollen von Blutdruck und EKG nötig. Auch Lithium und Topiramat werden eingesetzt. Kortison dient wegen der Nebenwirkungen bei Dauereinnahme nur kurzzeitig zur Überbrückung, bis andere Medikamente greifen.

Bessern sich die Schmerzen durch keines der Medikamente, stehen verschiedene Operationsmethoden zur Auswahl. Hierbei werden z. B. Elektroden oder Schrittmacher in verschiedene Gehirnbereiche implantiert und so verschiedene Nervenbahnen oder der Hypothalamus stimuliert. Dadurch wird die Schmerzleitung und -wahrnehmung beeinflusst. Diese Verfahren erzielen jedoch nicht immer eine dauerhafte Besserung und es besteht das Risiko einer Nervenverletzung. Daher muss die Entscheidung zur Operation sorgfältig abgewogen werden.

Geforscht wirkt aktuell an einem neuen Wirkstoff: einem Antikörper, der die Wirkung eines Botenstoffes blockiert und dadurch vermutlich die Schmerzübertragung an Nervenwurzeln hemmt.

Prognose

Bei etwa 20–40 % der Betroffenen heilt die Krankheit nach einigen Jahren von selbst.

Bei 10–15 % gehen die Schmerzepisoden in einen chronischen Verlauf über. Bei diesen Patient*innen kann die Erkrankung Depressionen und Angststörungen begünstigen.

Die Schmerzattacken sind so stark, dass einige Betroffene sogar einen Suizid erwägen. Deshalb ist eine schnelle und ausreichend wirksame Behandlung wichtig. In den meisten Fällen gelingt dies mit den zur Verfügung stehenden Behandlungsmethoden.

Ihre Apotheke empfiehlt

Was Sie selbst tun können

Selbstmedikation. Die Einnahme von den üblichen freiverkäuflichen Schmerzmitteln wie Paracetamol und Acetylsalicylsäure ist unwirksam. Fälschlicherweise haben Betroffene oft das Gefühl, diese oder andere Mittel hätten geholfen. Dies liegt aber daran, dass die Clusterattacke ohnehin zeitlich begrenzt ist. Das Ende der Schmerzen wird dann falsch auf die Medikamenteneinnahme zurückgeführt. Zudem kann die häufige Einnahme dieser Schmerzmittel selbst Kopfschmerzen auslösen. Deshalb ist es wichtig, sich bei wiederholt auftretenden Kopfschmerzen in einer Arztpraxis vorzustellen.

Kopfschmerztagebuch. Clusterkopfschmerzen können durch bestimmte Stoffe ausgelöst werden. Deshalb ist es zweckmäßig, ein Kopfschmerztagebuch zu führen, um die Anfallsauslöser (Trigger) zu ermitteln und zukünftig zu meiden.

Schwerbehindertenausweis. Unter bestimmten Voraussetzungen haben Clusterkopfschmerz-Patient*innen Anspruch auf einen Schwerbehindertenausweis. Wenden Sie sich hierzu an das Versorgungsamt.

Selbsthilfegruppen. Jede Schmerzattacke schränkt das berufliche und private Leben ein und beeinträchtigt die Lebensqualität. Suchen Sie sich Unterstützung in einer Selbsthilfegruppe. Diese bietet nicht nur Rat, wie man mit den Beschwerden besser umgehen kann. Vielen Patient*innen hilft es auch, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen, weil diese die Einschränkungen und Belastungen am besten verstehen können.

Komplementärmedizin

Für nicht-schulmedizinische Heilmethoden gibt es keine oder nur kleine und wenig aussagekräftige Studien. Betroffene berichten aber mitunter von positiven Wirkungen. Zum Beispiel kann eine Ernährungsumstellung auf eine histaminarme Kost hilfreich sein, insbesondere wenn bestimmte Lebensmittel als Trigger nachweisbar sind. Die Einnahme von Magnesium und Vitamin-B-Präparaten kann möglicherweise die Häufigkeit und Schwere der Attacken reduzieren. Einige Betroffene berichten, dass ihnen das Trinken von Energydrinks als Sofortmaßnahme während der Attacke hilft.

Weiterführende Informationen

Internetseite des Clusterkopfschmerz-Selbsthilfeverbands Deutschland e. V. (CSG, Waldfeucht): Unter den Rubriken Downloads und Broschüren finden Sie hilfreiche Faltblätter, einen Clusterkopfschmerz-Kalender und Ratgeber zum Herunterladen, z. B.: Clusterkopfschmerz – 100 Fragen 100 Antworten von H. Müller

Quellen:

  • AWMF (2015) Clusterkopfschmerz und trigeminoautonome Kopfschmerzen. S1-Leitlinie von der Kommission Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, Reg. Nr. 030 - 036, Langfassung. Abrufbar unter https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/030-036
  • Pschyrembel (2025) Cluster-Kopfschmerz. Webartikel zur Klinischen Praxis. Abgerufen am 11.02.2025 unter https://www.pschyrembel.de/Cluster-Kopfschmerz/K052X/doc/
  • Amboss (2025) Cluster-Kopfschmerz. Webartikel zur Klinischen Praxis. Abgerufen am 11.02.2025 unter https://next.amboss.com/de/article/Ri0lrf?q=Cluster-Kopfschmerz

Von: Dr. med. Nicole Menche, Dr. med Arne Schäffler in: Gesundheit heute, herausgegeben von Dr. med. Arne Schäffler. Trias, Stuttgart, 3. Auflage (2014). Überarbeitung und Aktualisierung: Daniela Grimm
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Der Fibromyalgie Einhalt gebieten

Die Fibromyalgie ist oft von starker Erschöpfung und Tagesmüdigkeit begleitet.

Der Fibromyalgie Einhalt gebieten

Schmerzen lindern, Schlaf verbessern

Chronische Schmerzen, die sich am ganzen Körper ausbreiten, Schlafstörungen und Erschöpfung - Fibromyalgie beeinträchtigt das Leben der Betroffenen stark. Glücklicherweise kommt man der rätselhaften Erkrankung immer mehr auf die Spur und weiß heute: Bewegung und Selbstmanagement sind die Basis, um die Beschwerden in Schach zu halten. Bei sehr schweren Schmerzen können auch Medikamente helfen.

Komplexe eigenständige Erkrankung

Das Fibromyalgie-Syndrom (oder einfacher, die Fibromyalgie) ist eine chronische Erkrankung, die durch diffuse, generalisierte Muskelschmerzen in verschiedenen Körperregionen gekennzeichnet ist. Das wird auch durch den lateinischen Namen ausgedrückt, der wörtlich übersetzt „Faser-Muskel-Schmerz“ bedeutet. Zusätzlich leiden die Betroffenen unter Schlafstörungen, Müdigkeit und ausgeprägter Erschöpfung. Auch vegetative Beschwerden wie Verdauungsstörungen oder vermehrtes Schwitzen werden beobachtet.

Besonders an diesem Schmerzsyndrom ist, dass sich keine organischen Schäden nachweisen lassen. Deshalb wurden Patient*innen mit Fibromyalgie lange Zeit nicht ernst genommen und die Beschwerden als psychosomatisch abgetan. 1990 definierten Fachgesellschaften die ersten Kriterien für die Erkrankung. Trotzdem zweifelten einige Kritiker*innen immer noch am Bestehen dieser Krankheit. Neuere Forschungen haben aber erbracht, dass es sich bei der Fibromyalgie tatsächlich um eine „echte“ eigenständige Krankheit handelt.

Bisher wurde die Fibromyalgie aufgrund ihrer Muskel-Sehnenschmerzen oft als rheumatische Erkrankung angesehen. Diese Einordnung greift neueren Kenntnissen zufolge jedoch zu kurz, denn das Syndrom ist deutlich komplexer. Schmerzexpert*innen ordnen das Fibromyalgie-Syndrom inzwischen dem noziplastischen Schmerz zu. Dieser Schmerz betrifft das gesamte Nervensystem und entsteht dadurch, dass die Schmerzverarbeitung gestört ist.

Die Ursache ist multifaktoriell – vermutlich spielen u. a. genetische Faktoren und psychosoziale Belastungen eine Rolle. Als Letztere werden z. B. Gewalterfahrungen in der Kindheit und im Erwachsenenalter, frühe negative Schmerzerfahrungen und andauernde kritische Lebensereignisse diskutiert.

Hinweis: Das Unwissen über das Fibromyalgie-Syndrom führte in der Vergangenheit zu vielen Fehldiagnosen. Betroffene – meist Frauen – wurden als hysterisch oder depressiv bezeichnet, manchmal galt auch die Menopause als Auslöser. Oft unterstellte man den Erkrankten sogar, sie würden die Schmerzen nur simulieren. Wie man heute weiß, trifft davon nichts zu.

Wie macht sich die Fibromyalgie bemerkbar?

Kennzeichnend für eine Fibromyalgie sind die über den Körper weit ausgedehnten Schmerzen sowie Muskelverspannungen und Muskelsteifigkeit. Sowohl die Stärke als auch die Art der Schmerzen variieren häufig. Das Ausmaß reicht von leicht bis unerträglich, empfunden werden die Schmerzen als brennend, schneidend, dumpf oder bohrend.

Auch die betroffenen Bereiche können wechseln. Sehr häufig werden Schmerzen am Rücken und an den Armen beschrieben, die sich wie Muskelkater anfühlen. Die Muskeln und die Muskel-Sehnenansätze sind oft druckschmerzhaft. Früher galten bestimmte Druckschmerzpunkte (sogenannte Tenderpoints) als beweisend für eine Fibromyalgie. Inzwischen weiß man aber, dass diese Tenderpoints nicht zwingend vorhanden sein müssen.

Neben den Schmerzen leiden Fibromyalgie-Patient*innen auch unter zahlreichen anderen Beschwerden. Bei fast allen ist der Schlaf gestört, als Folge kommt es zu einer ausgeprägten Tagesmüdigkeit. Viele Betroffene fühlen sich körperlich stark erschöpft bis hin zur Fatigue. Das vegetative Nervensystem ist ebenfalls oft beteiligt. Viele Kranke sind kälteempfindlicher oder schwitzen vermehrt, andere haben Missempfindungen und leiden unter Kribbeln. Magen-Darm-Störungen und Atembeschwerden kommen ebenfalls vor. Insgesamt werden bis zu 150 Symptome beschrieben, die mit einem Fibromyalgie-Syndrom einhergehen können.

Durch die starke Belastung entwickeln manche Betroffene auch seelische Beschwerden. So werden Konzentrationsschwierigkeiten (der sogenannte Fibro-Fog), aber auch Ängstlichkeit und Stimmungsschwankungen beklagt. In ausgeprägten Fällen kommt es sogar zu starken Depressionen. Ganz wichtig ist dabei: Diese Veränderungen sind nicht die Ursache der Erkrankung, sondern eine Folge der ständigen Schmerzen und Erschöpfung.

Hinweis: In Deutschland sind etwa 2% aller Erwachsenen von einer Fibromyalgie betroffen. Meist macht sich die Erkrankung im Alter zwischen 40 und 60 Jahren bemerkbar, aber auch Kinder und alte Menschen können darunter leiden. Insgesamt haben Frauen häufiger eine Fibromyalgie als Männer.

Ist es eine Fibromyalgie?

Schmerzen und Erschöpfung sind unspezifische Beschwerden, die bei vielen Erkrankungen vorkommen. Ob es sich dabei um eine Fibromyalgie handelt, erkennt die Ärzt*in anhand der Krankengeschichte, der geschilderten Symptome und der körperlichen Untersuchung.

Im ausführlichen Gespräch fragt die Ärzt*in danach, wie lange die Beschwerden schon vorhanden sind, wie sie sich zeigen und welche Begleiterscheinungen auftreten. Das Ausmaß der Schmerzen und Einschränkungen erfasst man mit speziellen Frage- und Dokumentationsbögen.

Danach wird die Patient*in körperlich untersucht. Dabei erkennt die Ärzt*in druckschmerzhafte Bereiche und dokumentiert sie ebenso wie die Areale des Körpers, in denen die Patient*in die Schmerzen angegeben hat. Die nach den früheren Kriterien geforderten Tenderpoints können untersucht werden, gelten aber nur noch als unterstützend für eine Diagnose. Entscheidend sind Ausdehnung und Stärke der Schmerzen. Zur Messung der Ausdehnung verwendet man den Widespread Pain Index (WPI), zur Messung der Stärke die Symptom Severity Scale (SSS).

Um wichtige Differenzialdiagnosen auszuschließen, führt die Ärzt*in je nach individuellem Fall verschiedene orthopädisch-neurologische Untersuchungen durch. Dazu gehören u.a. Beweglichkeitsprüfungen von Wirbelsäule und Gelenken sowie die Testung von Kraft und Sensibilität. Auch das Abfragen der eingenommenen Medikamente ist wichtig, denn einige Wirkstoffe können Muskelbeschwerden verursachen (z. B. Statine oder bestimmte Antibiotika).

Nach diesen Untersuchungen lässt sich meist erkennen, ob die heute geforderten Kriterien für die Diagnose einer Fibromyalgie vorliegen. Diese sind 

  • konstante Beschwerden über drei Monate oder mehr 
  • generalisierte Schmerzen in mindestens vier von fünf Körperregionen (Hand-Arm-Schulter rechts bzw. links, Fuß-Bein-Hüfte rechts bzw. links, Kopf/Hals/Rumpf)
  • Ausdehnung und Ausmaß der Beschwerden, WPI ≥ 7 und ein SSS ≥5 oder ein WPI 4-6 und ein SSS ≥9

Einen bestimmten Laborwert, der die Fibromyalgie anzeigt, gibt es bisher nicht. Zwar wurden bei einigen Betroffenen erniedrigte Werte des Botenstoffs Serotonin, bei anderen erhöhte Werte der Substanz P gefunden – für eine Diagnose sind diese Werte bisher aber nicht geeignet. Trotzdem werden meist Laboruntersuchungen angeordnet. Damit lassen sich Erkrankungen ausschließen, die ähnliche Beschwerden wie eine Fibromyalgie auslösen können. Dazu gehören z. B. rheumatische oder Muskelerkrankungen, die Lyme-Arthritis oder eine Schilddrüsenunterfunktion.

Hinweis: Menschen mit Fibromyalgie haben oft einen langen Ärzt*innen-Marathon hinter sich, bis die Diagnose gestellt wird. Prinzipiell ist zunächst die Hausärzt*in die erste Anlaufstation für die Abklärung, im Zweifel kann man von dort zu einer Fachärzt*in überwiesen werden. Zur Weiterbehandlung bei bestehender Diagnose eignen sich Schmerzspezialist*innen, es gibt auch Spezialkliniken mit Fibromyalgie-Ambulanzen.

Bewegung ist das A und O

Die Fibromyalgie ist ein chronisches Schmerzsyndrom, das nicht geheilt, wohl aber gelindert werden kann. Es ist wichtig, dass Patient*in und Ärzt*in gemeinsam ein Therapieziel erarbeiten und die Behandlung darauf ausrichten. Ein realistisches Ziel ist zum Beispiel, Schmerzen, Müdigkeit und Schlafstörungen um mindestens 30 % zu reduzieren.

Basis der Behandlung ist die Psychoedukation inklusive einer ausführlichen Aufklärung über die Erkrankung. Die Patient*in lernt dabei, dass die Fibromyalgie nicht lebensbedrohlich ist und sich die Beschwerden durch eigene Aktivität lindern lassen.

Die Therapie erfolgt nach dem Schweregrad der Erkrankung. Bei leichterer Ausprägung reichen oft eine diszipliniert durchgeführte Bewegungstherapie und die Förderung sozialer und geistiger Aktivitäten. In schweren Fällen kommen Medikamente hinzu.

  • Bewegungstherapie. Körperliche Bewegung hat eine Schlüsselrolle bei der Behandlung. Es ist zweifelsfrei nachgewiesen, dass regelmäßiges Training fast alle Fibromyalgiebeschwerden nachhaltig bessert. Ein Programm mit drei Trainingseinheiten von 30 bis 60 Minuten pro Woche steigert die Lebensqualität und senkt die Schmerzen. Zum Ausdauertraining eignen sich schnelles Spazierengehen, Tanzen, Radfahren oder Aquajogging. Empfohlen werden je 2-3 Mal pro Woche über 30 Minuten. Zusätzlich sind Wasser- und Trockengymnastik mit Flexibilitäts- und Kräftigungsübungen günstig. Als effektiv hat sich auch Zumba erwiesen – entscheidend ist, dass die Betroffenen in Bewegung kommen und bleiben.
  • Soziale Aktivitäten. Oft führt die Fibromyalgie zu so starker Erschöpfung, dass die Betroffenen Aktivitäten lieber meiden und sich zu Hause ausruhen. Doch gerade regelmäßige soziale Kontakte, Freizeitunternehmungen und Hobbys bessern die Lebensqualität und helfen, Stress und Depressionen zu reduzieren.
  • Physiotherapie. Ob Osteopathie, manuelle Therapie oder spezielle Massagen grundlegend hilfreich sind, wird kontrovers diskutiert. Akute Schmerzen lassen sich aber Studien zufolge durchaus von erfahrenen Therapeut*innen mittels Druck-Massage-Manipulationen lindern.
  • Physikalische Therapie: Vibrationstraining, Wärme- oder Kälteanwendungen und Hydrotherapie werden von vielen Betroffenen als lindernd empfunden und können individuell ausprobiert werden. Nachteil ist allerdings, dass diese Behandlungen meist selbst bezahlt werden müssen. Bei Wärmebehandlungen ist außerdem zu beachten, dass die überempfindlichen Körperbereiche durch zu große Wärme überreizt werden können. Sowohl Sauna als auch Infrarotkabinen oder Einreibungen mit wärmenden Salben sollten deshalb mit Vorsicht genossen werden.
  • Psychotherapie. Wenn die Betroffenen die Krankheit psychisch nicht bewältigen oder psychische Begleitstörungen vorliegen, sind v. a. psychotherapeutische Verfahren eine Option. Es kommen insbesondere die kognitive Verhaltenstherapie und Biofeedback infrage. Viele Betroffene empfinden auch achtsamkeitsbasierte Stressreduktion und Entspannungsverfahren als hilfreich.

Medikamente zur Behandlung der Fibromyalgie

Etwa 30 bis 40 % der Betroffenen sprechen nicht ausreichend auf die nicht-medikamentöse Therapie an. Sie benötigen gegen ihre Schmerzen und Beschwerden Medikamente. Allerdings ist in Deutschland kein Wirkstoff explizit zur Behandlung der Fibromyalgie zugelassen, ihr Einsatz erfolgt also „off label“. Prinzipiell gilt dabei, dass Medikamente nur zeitlich befristet und nur im Rahmen eines Gesamttherapiekonzepts eingesetzt werden sollen.

Verwendet werden dabei verschiedene Substanzgruppen. Dazu gehören Antidepressiva und Antikonvulsiva. Letztere sind Wirkstoffe, die gegen epileptische Anfälle entwickelt wurden und übermäßige Nervenzellaktivitäten hemmen. In Ausnahmefällen kommen auch schwache Opioide in Frage. Welche davon verordnet werden, entscheidet die Ärzt*in aufgrund der Schmerzintensität und der begleitenden Beschwerden.

  • Am häufigsten bei Fibromyalgie verwendet wird das Antidepressivum Amitriptylin. Es dämpft die Schmerzwahrnehmung im Gehirn, indem es die Wiederaufnahme der Botenstoffe Noradrenalin und Serotonin hemmt. Durch einen weiteren Wirkmechanismus verbessert es zusätzlich den Schlaf. Nebenwirkungen sind u.a. Mundtrockenheit, Schläfrigkeit, Kopfschmerzen und Gewichtszunahme. Liegt neben der Fibromyalgie eine Depression vor, verordnen die Ärzt*innen oft das Antidepressivum Duloxetin. Es wirkt ähnlich wie Amitryptilin und bessert dadurch Schmerz, Schlaf und die Stimmung.
  • Auch das Antikonvulsivum Pregabalin hat einen Einfluss auf die zentrale Schmerzverarbeitung. Es dämpft u. a. die hypersensiblen Schmerzwege. Durch die Stabilisierung der Nervenzellen bessern sich Schmerzen, Schlaf und Erschöpfung bei den Betroffenen. Es ist eine gute Option, wenn die Betroffenen begleitend unter einer Angststörung leiden. Als Nebenwirkung kann es zu Gewichtszunahme und Wassereinlagerung in den Beinen kommen.
  • Bei sehr schweren, therapieresistenten Schmerzanfällen kann das schwache Opioid Tramadol als akutes „Rettungsmittel“ helfen. Aufgrund des Abhängigkeitsrisikos darf es aber nur kurzfristig eingenommen werden.

Viele Schmerzmittel sind bei der Fibromyalgie unwirksam oder haben ein zu ausgeprägtes Nebenwirkungsrisiko und werden daher nicht empfohlen. Dazu gehören nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) und Paracetamol, aber auch starke Opioide, Schlafmittel und muskelentspannende Substanzen. Ob Cannabinoide helfen, wird noch diskutiert. In einer aktuellen Studie besserte THC-reiches Cannabisöl bei den untersuchten Patient*innen Schmerz und Fatigue.

Leben mit Fibromyalgie

Die Fibromyalgie ist keine lebensbedrohliche Erkrankung. Weil dabei keine Organe geschädigt werden, beeinflusst die Erkrankung selbst auch die Lebenserwartung nicht. Trotzdem leiden viele Fibromyalgie-Patient*innen unter einer stark eingeschränkten Lebensqualität. Daran sind nicht nur die Schmerzen Schuld. Dauermüdigkeit, Erschöpfung und Konzentrationsschwierigkeiten können Alltag und Beruf erschweren und ein normales Leben fast unmöglich machen.

Oft ist es für die Betroffenen schwierig, anderen ihre Schmerzen und ihre Erschöpfung zu vermitteln. Denn Menschen, die nicht darunter leiden, können sich das Ausmaß der Beschwerden oft nicht vorstellen und verstehen die Erkrankung nicht. Deshalb sind gerade für Fibromyalgie-Patientinnen Selbsthilfegruppen so wichtig. Beim Austausch mit Leidensgenoss*innen können Probleme besprochen und Lösungswege diskutiert werden. Oft unterstützen Selbsthilfegruppen auch dabei, therapeutisch am Ball zu bleiben. Denn um der Fibromyalgie mit mehr Bewegung und einem aktiven Lebensstil effektiv zu begegnen, sind Ausdauer und Disziplin nötig. Fibro-Fog und Erschöpfung machen es aber häufig schwer, den inneren Schweinehund zu überwinden. Mitbetroffene und Selbsthilfegruppen können bei diesem Dauerkampf gegen die Erkrankung helfen. Selbsthilfegruppen findet man auf den Webseiten der Deutschen Fibromyalgie Vereinigung (DFV) oder bei der Fibromyalgie-Liga Deutschland.

Auch die Deutsche Schmerz-Liga bietet Links zu Selbsthilfegruppen sowie eine zentrale Hotline an. Eine besonders gute Sache sind auch Patientenschulungen. So hat z. B. die Rheuma-Liga gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie ein Schulungsprogramm für Betroffene entwickelt. In Kleingruppen werden die Patient*innen in mehreren Sitzungen über Therapiemöglichkeiten informiert. Wenn der Kurs ärztlich verordnet wird, übernehmen die Krankenkassen häufig die Kosten.

Quellen: DGS-Praxisleitlinie Fibromyalgie-Syndrom, Deutsche Schmerzgesellschaft e. V.

Von: Dr. med. Sonja Kempinski; Bild: mauritius images / Westend61 / Kniel Synnatzschke