Gesundheit heute
Persönlichkeitsstörungen
Persönlichkeitsstörungen: Extreme Ausprägungen von Charaktermerkmalen, die deutlich von der Norm abweichen und durch ihre Unangemessenheit und Starrheit auffallen. Die Betroffenen sind in ihrer Leistungs- und sozialen Anpassungsfähigkeit schwer beeinträchtigt und leiden stark unter der Erkrankung.
Vorläufer dieser Persönlichkeitsstörungen treten häufig erstmals in der Kindheit oder im Jugendlichenalter als „abweichendes Verhalten“ in Erscheinung, prägen sich aber erst im Erwachsenenalter vollständig aus. Persönlichkeitsstörungen „entstehen“ immer mit dem frühen Erwachsenenalter. Allerdings kann die Auswirkung einer Persönlichkeitsstörung auch erst in späteren Lebensabschnitten deutlich werden.
Problematisch sind die fließenden Übergänge zum Normalen – viele Künstler, erfolgreiche Manager und selbst Politiker erfüllen die Diagnosekriterien – und die eher limitierten Behandlungsmöglichkeiten. Entsprechend konzentriert sich die Therapie auf die Bewältigung akuter Lebenskrisen.
Therapiebedarf besteht in solchen Krisensituationen in jedem Fall, zumal die Gefahr besteht, sekundär an anderen psychischen Störungen zu erkranken. Persönlichkeitsstörungen haben in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen bzw. werden immer häufiger diagnostiziert (Borderline-Störung). Die Dunkelziffer ist hoch, schätzungsweise sind etwa 7 % der Bevölkerung betroffen.
Leitbeschwerden
Nach der ICD-10-Liste werden für die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung allgemeine Kriterien bestimmt, die auf alle Persönlichkeitsstörungen zutreffen, so vor allem extreme Unausgeglichenheit
- des Gefühlslebens (Affektivität)
- des Antriebs (Motivation)
- der Impulskontrolle
- der Wahrnehmung und des Denkens.
Wann zum Arzt oder Psychotherapeuten
Persönlichkeitsstörungen müssen immer fachärztlich bzw. psychotherapeutisch behandelt werden. Zur Diagnose von Persönlichkeitsstörungen muss zudem ausgeschlossen werden, dass diese auf organische Erkrankungen oder andere psychische Störungen wie Angsterkrankungen, Alkoholabhängigkeit, Drogenabhängigkeit und Depressionen zurückzuführen sind.
Die Erkrankung
Viele Menschen fallen im Alltag durch die starke Ausprägung einzelner Charakterzüge auf: Sie sind ordentlicher, besorgter, selbstbewusster oder misstrauischer als der „Durchschnittsmensch“. Aber erst wenn die Dominanz einzelner Merkmale so stark ist, dass es zu Störungen im sozialen Bereich und zu persönlichem Leid kommt, spricht der Arzt von einer Persönlichkeitsstörung. Dabei kann jeder Charakterzug im Sinne einer Persönlichkeitsstörung „entgleisen“. Dabei sind dann z. B. Impulskontrolle und Wahrnehmung eines Menschen so stark gestört, dass sie sich nachteilig auf soziale Beziehungen und auf die alltägliche Lebensbewältigung auswirken, z. B. durch Scheidung oder Arbeitsplatzverlust. Auf Dauer führt die Erkrankung zu einem hohen Leidensdruck des Betroffenen, dabei kommt es jedoch weniger auf die Art als vielmehr auf den Grad der Störung an, wie stark diese das Leben dominiert.
Die häufigsten Formen der Persönlichkeitsstörung. Menschen, die an Persönlichkeitsstörungen leiden, sind nicht mehr in der Lage, flexibel auf verschiedene soziale Situationen und andere Menschen einzugehen. Vielmehr stülpen sie bestimmte, meist unbewusste Erwartungen, Vorurteile oder eigene Bedürfnisse unangepasst und ungefiltert ihren Mitmenschen über. Anders als Patienten, die primär an Depressionen oder Angsterkrankungen leiden, sehen persönlichkeitsgestörte Patienten die Gründe für ihre Probleme nicht in ihren eigenen Schwächen oder Defiziten, sondern ausschließlich in widrigen Umständen oder in anderen Personen. Aus Fehlern können die Erkrankten nicht lernen, da sie meist nur sehr schwer einsehen können, dass sie selbst etwas falsch gemacht haben.
Für die Entstehung von Persönlichkeitsstörungen gibt es keine eindeutige Ursache. Treffen mehrere ungünstige Faktoren zusammen, so kann es zu einer Erkrankung kommen:
Konstitutionelle Schwäche. Emotionale Labilität und andere Temperamentsfaktoren können angeboren sein und verletzlich machen gegenüber belastenden Lebensumständen.
Belastende Lebensumstände. Dauerhaft negative Beziehungserfahrungen in der Kindheit prägen die instabile Persönlichkeit. Vor allem die mangelnde Fähigkeit der Eltern, eine zuverlässige, stabile Bindung zum Kind aufzubauen und es in seiner Entwicklung angemessen zu fördern, begünstigt die Entstehung einer Persönlichkeitsstörung. Als Risikofaktoren gelten zudem der frühe Verlust eines Elternteils, psychische Erkrankungen der Eltern, Alkoholmissbrauch, Vernachlässigung, ein von Streit und Feindseligkeiten geprägtes Familienklima.
Traumatisierung. Bei vielen Patienten mit einer Persönlichkeitsstörung finden sich traumatische Erlebnisse, insbesondere Misshandlung, sexueller Missbrauch oder schwere Vernachlässigung durch das familiäre Umfeld.
Meist wird schon im frühen Erwachsenenalter die Persönlichkeitsstörung deutlich – häufig dann, wenn Jugendliche das Elternhaus verlassen. Während sich die Familie im Lauf der Jahre mit der Persönlichkeitsstörung des Kindes arrangiert hat, merkt der Erkrankte plötzlich, dass die Dinge auf einmal nicht mehr wie gewohnt funktionieren: Partnerschaften scheitern, Kollegen erweisen sich als „bösartig“, die eigenen Lebensziele (Berufsabschluss, sichere Stelle, Familie) werden nicht erreicht. Als Folgeprobleme entstehen dann die „klassischen“ psychischen Symptome wie Depressionen, Angsterkrankungen, Abhängigkeiten und selbstverletzendes Verhalten. Abhängigkeit und Selbstverletzung haben dabei den Charakter einer Art „Selbstmedikation“, indem sie dem Abbau von unerträglichen inneren Spannungen dienen.
Viele Betroffene schaffen es, über lange Jahre relativ beschwerdefrei und unauffällig zu leben, wenn es ihnen gelingt, für sich eine stabile Situation zu schaffen, zu der ihre starren Verhaltensmuster passen. So findet ein Mensch mit abhängiger Persönlichkeitsstörung womöglich einen Partner, der ihn bevormundet und alle Entscheidungen abnimmt und eine Person mit zwanghafter Persönlichkeitsstörung einen Beruf, in dem genau seine Penibilität und Zwanghaftigkeit gefordert ist und ihm Anerkennung bringt.
Wenn aber durch ein einschneidendes Erlebnis, z. B. Kündigung oder Scheidung, dem Betroffenen dann der Boden unter den Füßen wegrutscht, bricht er psychisch zusammen, in extremen Fällen droht sogar Selbstmord. Für die Umwelt kommt der Zusammenbruch dagegen meist völlig überraschend.
Das macht der Arzt oder Therapeut
Persönlichkeitsstörungen sind schwierig zu diagnostizieren. Dies liegt zum einen darin, dass gerade intelligente Menschen sie oft gut in eine freundliche und unauffällige „Persönlichkeitsfassade“ integrieren, zum anderen treiben weniger die Persönlichkeitsstörung selbst als die Folgeprobleme wie Depression oder Abhängigkeit die Betroffenen zum Arzt.
Die Behandlung von Persönlichkeitsstörungen ist schwierig und langwierig. Sie kann ambulant erfolgen, meist wird jedoch zu einer stationären Behandlung von mehreren Monaten geraten, die dann als ambulante (psychoanalytische) Weiterbehandlung fortgesetzt wird.
Psychopharmaka. Die Symptomatik der Persönlichkeitsstörung ist je nach Typ sehr unterschiedlich. Deshalb gibt es bei Persönlichkeitsstörungen nicht das heilende Medikament. Die Medikation richtet sich vielmehr nach der Begleitsymptomatik. Eingesetzt werden Antidepressiva (z. B. SSRIs), Neuroleptika oder auch Tranquilizer.
Psychotherapie. Für die Psychotherapie wurden verschiedene Modelle entwickelt, wie z. B. die Transference Focused Therapie (TFT), bei der die Beziehungs- und Identitätsprobleme des Betroffenen im Mittelpunkt stehen. Aus der Verhaltenstherapie stammt die verhaltenstherapeutisch orientierte Dialektisch-Behaviorale Therapie, die bei der Therapie der Borderline-Störung erklärt wird. Beide Ansätze legen den Schwerpunkt auf die Bearbeitung der gestörten Beziehungsmuster und des gestörten Selbstwertgefühls, der latenten Selbstmordgefahr, der mit der Krankheit meist einhergehenden Suchtproblematik und dem Auftreten von Depressionen und Ängsten. Wichtig ist der Aufbau einer stabilen Therapie – denn es gehört zum Störungsbild der Erkrankung, dass die Patienten die Behandlung frühzeitig abbrechen.
Prognose
Studien zeigen, dass sowohl verhaltenstherapeutische als auch tiefenpsychologische Behandlungsansätze insgesamt wirksam sind, je nach Art und Ausprägung der Symptomatik aber nicht immer gleich. Mit Therapieunterstützung besteht für ein Drittel der Patienten die Chance auf einen sehr günstigen Verlauf mit Erhalt der Berufstätigkeit, während ein weiteres Drittel alltägliche Anforderungen nur eingeschränkt bewältigen kann.
Wichtig für den Therapieerfolg ist, dass die Behandlung sich nicht nur auf die vordergründige Symptomatik beschränkt: Werden etwa nur die depressiven Symptome therapiert, während die Grunderkrankung der Persönlichkeitsstörung nicht erkannt wird, kann es zu keiner Heilung kommen.
Selbsthilfe
In der Persönlichkeitsstörung werden Strategien sichtbar, die früher für den Patienten oft überlebensnotwendig waren: sehr ordentlich sein, niemals Gefühle zeigen, immer gehorchen, eigene Bedürfnisse hintanstellen, stets brillieren oder immer erst dann wahrgenommen werden, wenn man schreit und tobt. Im späteren Leben erweisen sich diese Denk- und Verhaltensmuster als unpassend, hinderlich und zunehmend belastend. Diese über einen langen Zeitraum erlernten Verhaltensmuster zu durchbrechen und stattdessen etwas Neues zu erproben, kostet nicht nur Kraft (auch die von den Angehörigen), sondern braucht vor allem Zeit.
Weiterführende Informationen
- P. Fiedler: Persönlichkeitsstörungen. Beltz, 2001. Umfangreiches Fachbuch, auch für (vorgebildete) Laien geeignet.
- R. Sachse: Persönlichkeitsstörungen – Leitfaden für die Psychologische Psychotherapie. Hogrefe, 2004. Fachbuch, in dem Erkrankung und Behandlungsmöglichkeiten – auch für den vorinformierten Laien nachvollziehbar – erklärt werden.
Wenn Antidepressiva zu abrupt abgesetzt werden, können die Depressionen schnell wiederkommen.
Kann man Antidepressiva absetzen?
Wieder bessere Stimmung
Beschwerden weg, Medikament absetzen? So einfach ist das bei Depressionen leider nicht. Die Rückfallquote ohne Einnahme von Antidepressiva ist hoch. Allerdings hängt sie davon ab, welche Strategie dabei gefahren wird.
Depressionen sind oft wiederkehrend
Die meisten Menschen mit Depressionen leiden an der remittierenden Form der Erkrankung. Das bedeutet, dass es depressive Episoden gibt, die sich spontan oder durch Behandlung zurückbilden. Dann sind die Patient*innen beschwerdefrei, können aber erneut eine depressive Phase entwickeln.
Im Stadium der Remission – also der Beschwerdefreiheit – möchten Betroffene ihre Antidepressiva oft absetzen. Das allerdings erhöht die Gefahr, dass die Depression wieder auftritt. Das Risiko für eine erneute depressive Episode hängt von der Art des Absetzens ab. Eine italienische Arbeitsgruppe hat nun untersucht, welche Strategie dafür am besten ist.
Von abruptem Absetzen bis Weitergabe
Analysiert wurden 76 Studien mit über 17000 Teilnehmer*innen. Zwei Drittel von ihnen waren weiblich, das Durchschnittsalter betrug 45 Jahre. Verglichen wurden fünf Szenarien, jeweils mit und ohne psychologische Unterstützung der Patient*innen:
- abruptes Absetzen
- schnelle schrittweise Reduktion innerhalb von vier Wochen
- langsame schrittweise Reduktion über mehr als vier Wochen
- Fortsetzen der Einnahme mit weniger als 50% der minimal wirksamen Dosis
- Fortsetzen der normalen Dosis (also kein Absetzen)
Die wenigsten Rückfälle traten erwartungsgemäß ohne Absetzen der Medikamente auf, die häufigsten beim abrupten Absetzen ohne psychologische Begleitung. Hohe Rückfallraten hatte auch das abrupte Absetzen/die schnelle schrittweise Reduktion mit psychologischer Unterstützung.
Langsam und mit psychologischer Unterstützung
Die Studienautor*innen schließen aus diesen Ergebnissen, dass sich zum Absetzen von Antidepressiva die schrittweise langsame Reduktion mit einer psychologischen Unterstützung am besten eignet. Das bedeutet allerdings nicht, dass dies immer klappt, kommentieren Expert*innen. Denn auch wenn es langsam geschieht, erhöht das Absetzen des Antidepressivums bei Menschen mit remittierender Depression das Rezidivrisiko. Das heißt, die Gefahr, dass die Beschwerden erneut auftreten, ist größer als wenn das Medikament weiter eingenommen wird.
Ganz wichtig bei der Frage „Absetzen oder nicht“: In keinem Fall darf dies in Eigenregie geschehen. Der Wunsch nach Änderung der Dosierung muss immer mit der behandelnden Ärzt*in besprochen und dann gemeinsam darüber entschieden werden.
Quelle: Ärztezeitung

