Gesundheit heute
Winterdepression
Winterdepression (saisonal affektive Depression, saisonal abhängige Depression, SAD): Depression in den Herbst- und Wintermonaten, die meist von einem vermehrten Schlafbedürfnis und dem Heißhunger auf Kohlenhydrate begleitet wird. Im Frühling und im Sommer, wenn die Tage wieder heller und länger werden, verschwinden die Beschwerden. Die Ursache soll eine vermehrte Melatoninproduktion sein, die durch die im Winter längeren Dunkelphasen ausgelöst wird. Geschätzt leiden hierzulande etwa 800.000 Menschen unter einer Winterdepression, Frauen häufiger als Männer. Bei starkem Leidensdruck können eine Lichttherapie oder Antidepressiva helfen.
Symptome und Leitbeschwerden
Neben den Beschwerden einer Depression wie
- Niedergeschlagenheit
- Interessenverlust
- ständiger Müdigkeit
- Antriebslosigkeit
zusätzlich:
- Heißhunger auf Kohlenhydrate (insbesondere Süßigkeiten)
- erhöhtes Schlafbedürfnis
- Gewichtszunahme
- oft übermäßiger Alkoholkonsum
- regelmäßig wiederkehrende Beschwerden in den Herbst- und Wintermonaten.
Wann in die Arztpraxis
Sofort, wenn quälende Selbstmordgedanken auftreten, Selbstmordabsichten geäußert oder Vorbereitungen getroffen werden (z. B. Tabletten gesammelt werden).
Demnächst, wenn oben genannte Symptome auftreten und das Leben zunehmend schwerer machen.
Die Erkrankung
Die Winterdepression ist die häufigste Form der saisonal abhängigen Depressionen (SAD). Sie tritt in den nördlichen Ländern Europas und den USA auf, wenn die Tage kürzer und die Dunkelphasen länger werden. Eine weitere Form der SAD ist die Sommerdepression. Sie ist so selten, dass der Begriff SAD (saisonal abhängige Depression) meist mit der Winterdepression gleichgesetzt wird.
Genaue Zahlen zur Winterdepression gibt es kaum. Es wird geschätzt, dass in Deutschland etwa 1, maximal 3 Prozent der Bevölkerung darunter leiden. In weiter nördlich liegenden Ländern soll die Erkrankung weitaus häufiger auftreten, in Skandinavien bei etwa jeder zehnten Einwohner*in.
Krankheitsentstehung
Die Ursache der Erkrankung ist noch nicht abschließend geklärt. Als Auslöser gilt die in der dunklen Jahreszeit verminderte Lichtintensität. Dadurch wird der zirkadiane Rhythmus gestört und es kommt zu neurobiologischen Veränderungen.
Entscheidend ist dabei offenbar das Hormon Melatonin: Angeregt durch Dunkelheit wird es vor allem nachts in der Zirbeldrüse gebildet. Im Winter verlängern sich die Dunkelphasen, wodurch die Melatoninproduktion steigt. In der Folge kann es zu einem vermehrten Schlafbedürfnis und Tagesmüdigkeit kommen. Gleichzeitig wird bei reduziertem Tageslicht weniger Serotonin im Gehirn gebildet. Ein Serotoninmangel wiederum kann Antriebsstörungen und eine gedrückte Stimmung auslösen.
Da nicht alle Menschen in nördlichen Ländern im Winter eine saisonal abhängige Depression entwickeln, müssen dabei auch noch andere Faktoren eine Rolle spielen. Dazu gehören z. B. eine genetische Veranlagung, aber auch psychosoziale Belastungen wie Stress oder traumatische Erlebnisse sowie der im Winter häufige Bewegungsmangel.
Immer wieder wird auch diskutiert, ob niedrige Vitamin-D-Spiegel eine Winterdepression begünstigen oder sogar auslösen. Weil das Vitamin an der Regulation einiger Botenstoffe im Gehirn beteiligt ist, wäre das durchaus denkbar. Belegt ist diese Theorie noch nicht.
Klinik und Verlauf
Bei einer Winterdepression leiden die Betroffenen unter den drei Kardinalsymptomen der Depression. Dazu gehören
- gedrückte Stimmung, Niedergeschlagenheit
- Interessenverlust, Freudlosigkeit
- verminderter Antrieb und erhöhte Ermüdbarkeit.
Zusätzlich typisch für die Winterdepression ist der Heißhunger auf Kohlenhydrate, vor allem in der Form von Süßigkeiten. Oft kommt es dadurch zu einer erheblichen Gewichtszunahme. Ein weiteres Kennzeichen der Winterdepression ist das stark erhöhte Schlafbedürfnis.
Insgesamt ist das Ausmaß der Depressionen meist etwas milder als bei der unipolaren Depression. So leiden die Betroffenen auch seltener an Suizidgedanken. Trotzdem kann die Erkrankung negative Auswirkungen auf das Privat- und Berufsleben haben und damit die Lebensqualität stark einschränken.
Häufig beginnen die Beschwerden einer Winterdepression im Herbst und nehmen mit abnehmenden Lichtverhältnissen zu. Typisch ist, dass die Symptome im Frühling wieder verschwinden und auch im Sommer nicht vorhanden sind. Allerdings scheint es sich bei der Winterdepression um eine wiederkehrende Erkrankung zu handeln: Vier Fünftel der Betroffenen entwickeln nach der ersten SAD auch im folgenden Winter eine Depression. Langzeitstudien haben gezeigt, dass bis zu 40 % der Erkrankten noch 10 Jahre später unter einer Winterdepression litten.
Abgrenzung zum Winterblues
Die Winterdepression ist eine "echte" Depression und mehr als der ebenfalls häufige Winterblues. Während man sich beim Winterblues träge und verstimmt fühlt, aber noch Freude empfinden kann, fällt die Winterdepression deutlich stärker aus. Zudem tritt der Winterblues oft nur vorübergehend auf. Die Winterdepression belastet die Betroffenen meist wochenlang und kehrt in vielen Fällen regelmäßig in der dunklen Jahreszeit zurück. Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal ist die Beeinträchtigung im Alltag. Beim Winterblues funktionieren Schule, Arbeit oder Studium meist weitgehend normal. Die Winterdepression hingegen beeinträchtigt die Lebensqualität stark.
Diagnosesicherung
Zunächst lässt sich die Ärzt*in die Beschwerden genau schildern. Entscheidend ist der Zusammenhang der Beschwerden mit den lichtarmen Wintermonaten, also der Beginn im Herbst und das vollständige Abklingen der Symptome im Frühjahr/Sommer. Ebenso wichtig ist das wiederkehrende Muster: Für die Diagnose müssen die Beschwerden in mindestens zwei aufeinanderfolgenden Wintern aufgetreten sein. Um das saisonale Muster abzuschätzen, verwendet die Ärzt*in oft einen Spezialtest (den Seasonal Pattern Assessment Questionnaire, SPAQ).
Zum Abschätzen der Schwere der Symptome kommen meist strukturierte Fragebögen und Interviews zum Einsatz. Sie helfen bei der Beurteilung, wie ausgeprägt die Erkrankung ist und welche Behandlung eingeleitet werden sollte.
Um andere Erkrankungen auszuschließen, veranlasst die Ärzt*in manchmal Laboruntersuchungen. Insbesondere werden dabei die Schilddrüsenwerte und der Vitamin-B12-Spiegel gemessen.
Differenzialdiagnosen. Abzugrenzen ist die Winterdepression von der unipolaren Depression, bei der die Symptome meist ganzjährig auftreten, von einer Schilddrüsenunterfunktion und vom Vitamin-B12-Mangel. Auch der Winterblues muss ausgeschlossen werden.
Behandlung
Die Winterdepression wird ähnlich wie Depressionen multimodal behandelt. Das bedeutet, dass verschiedene Maßnahmen miteinander kombiniert werden. Basis der Therapie bilden die Lichttherapie, Antidepressiva und psychotherapeutische Verfahren. Zusätzlich können allgemeine Maßnahmen helfen (siehe unter "Ihre Apotheke empfiehlt").
Lichttherapie. Die Lichttherapie gilt nach Leitlinie als Behandlung erster Wahl bei einer Winterdepression. Meist wird dazu weißes, fluoreszierendes Licht verwendet, bei dem die UV-Strahlung herausgefiltert ist. Betroffene sollen sich täglich 30 bis 45 Minuten einer Lichtstärke von 10.000 Lux aussetzen. Das klappt entweder mit speziellen Lichtlampen, die man in einem Abstand von 50 bis 80 cm aufstellt, oder in sogenannten Lichträumen. Am besten wirkt die Lichttherapie, wenn sie morgens nach dem Aufstehen durchgeführt wird. Ganz wichtig: Während der Bestrahlung müssen die Augen geöffnet sein. Nur so wird das Licht über die Netzhaut und die entsprechenden Nervenbahnen an die innere Uhr (den Uhr-Kern) im Gehirn weitergeleitet. Der Uhr-Kern steuert den zirkadianen Rhythmus. Durch den vermehrten Lichteinfall wird er auf den normalen Tagesrhythmus umgestellt, die im Winter vermehrte Melatoninproduktion gedrosselt und die Stimmung gebessert. Das braucht allerdings etwas Zeit. Eine aufmunternde Wirkung stellt sich erst nach ein paar Tagen bis zu ein, zwei Wochen ein. Für das beste Ergebnis sollte die Lichttherapie kontinuierlich fortgeführt werden. Hört man damit auf, setzen die depressiven Symptome schnell wieder ein.
Antidepressiva. Bei starken Beschwerden verordnet die Ärzt*in auch Antidepressiva, insbesondere Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI). Sie bessern die Stimmung und stabilisieren den Schlaf-Wach-Rhythmus, indem sie zentrale Botenstoffe beeinflussen. Auch diese Antidepressiva wirken nicht sofort. Ihre Einnahme sollte immer ärztlich angeordnet und überwacht werden, da Nebenwirkungen und Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten drohen.
Psychotherapie. Die Psychotherapie ist eine weitere Möglichkeit, die Winterdepression zu bessern. Meist wird die kognitive Verhaltenstherapie empfohlen. Mit ihrer Hilfe sollen Betroffene lernen, Strategien für den Umgang mit der dunklen Jahreszeit zu entwickeln und negative Gedankenmuster zu erkennen.
Prognose
Die Prognose der Winterdepression ist gemischt. Bei jedem Fünften verschwindet die Erkrankung komplett. Etwa 40 % leiden Jahre bis Jahrzehnte an einer wiederkehrenden Winterdepression. Bei knapp 40 % entwickelt sie sich zu einer "normalen", nicht-saisonal abhängigen Depression.
Ihre Apotheke empfiehlt
Was Sie selbst tun können
Ebenso wie bei der unipolaren Depression können verschiedene Lebensstil-Maßnahmen die Behandlung einer Winterdepression unterstützen.
- Bewegung im Freien – auch bei schlechtem Wetter – steigert die Serotoninspiegel im Gehirn und damit auch die Stimmung.
- Ein fester Tages- und Schlafrhythmus hilft dabei, die Schläfrigkeit in den Griff zu bekommen.
- Empfohlen werden zudem soziale Kontakte und Freizeitaktivitäten. Sie helfen, aus einem Stimmungstief herauszukommen.
- Yoga, Meditationen, Entspannungs- und Achtsamkeitsübungen können die Stimmung ebenfalls stabilisieren.
Immer wieder wird bei einer Winterdepression die Gabe von Vitamin D empfohlen. Verschiedene Untersuchungen konnten eine Wirksamkeit nicht belegen, weshalb Vitamin D auch nicht als Therapieempfehlung in die Leitlinien aufgenommen wurde. Auch das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) bewertet die Gabe von Vitamin D als nicht ausreichend belegt. Die Supplementation wird deshalb nur bei nachgewiesenem Mangel und nicht vorbeugend empfohlen.
Weiterführende Informationen
Wenn Antidepressiva zu abrupt abgesetzt werden, können die Depressionen schnell wiederkommen.
Kann man Antidepressiva absetzen?
Wieder bessere Stimmung
Beschwerden weg, Medikament absetzen? So einfach ist das bei Depressionen leider nicht. Die Rückfallquote ohne Einnahme von Antidepressiva ist hoch. Allerdings hängt sie davon ab, welche Strategie dabei gefahren wird.
Depressionen sind oft wiederkehrend
Die meisten Menschen mit Depressionen leiden an der remittierenden Form der Erkrankung. Das bedeutet, dass es depressive Episoden gibt, die sich spontan oder durch Behandlung zurückbilden. Dann sind die Patient*innen beschwerdefrei, können aber erneut eine depressive Phase entwickeln.
Im Stadium der Remission – also der Beschwerdefreiheit – möchten Betroffene ihre Antidepressiva oft absetzen. Das allerdings erhöht die Gefahr, dass die Depression wieder auftritt. Das Risiko für eine erneute depressive Episode hängt von der Art des Absetzens ab. Eine italienische Arbeitsgruppe hat nun untersucht, welche Strategie dafür am besten ist.
Von abruptem Absetzen bis Weitergabe
Analysiert wurden 76 Studien mit über 17000 Teilnehmer*innen. Zwei Drittel von ihnen waren weiblich, das Durchschnittsalter betrug 45 Jahre. Verglichen wurden fünf Szenarien, jeweils mit und ohne psychologische Unterstützung der Patient*innen:
- abruptes Absetzen
- schnelle schrittweise Reduktion innerhalb von vier Wochen
- langsame schrittweise Reduktion über mehr als vier Wochen
- Fortsetzen der Einnahme mit weniger als 50% der minimal wirksamen Dosis
- Fortsetzen der normalen Dosis (also kein Absetzen)
Die wenigsten Rückfälle traten erwartungsgemäß ohne Absetzen der Medikamente auf, die häufigsten beim abrupten Absetzen ohne psychologische Begleitung. Hohe Rückfallraten hatte auch das abrupte Absetzen/die schnelle schrittweise Reduktion mit psychologischer Unterstützung.
Langsam und mit psychologischer Unterstützung
Die Studienautor*innen schließen aus diesen Ergebnissen, dass sich zum Absetzen von Antidepressiva die schrittweise langsame Reduktion mit einer psychologischen Unterstützung am besten eignet. Das bedeutet allerdings nicht, dass dies immer klappt, kommentieren Expert*innen. Denn auch wenn es langsam geschieht, erhöht das Absetzen des Antidepressivums bei Menschen mit remittierender Depression das Rezidivrisiko. Das heißt, die Gefahr, dass die Beschwerden erneut auftreten, ist größer als wenn das Medikament weiter eingenommen wird.
Ganz wichtig bei der Frage „Absetzen oder nicht“: In keinem Fall darf dies in Eigenregie geschehen. Der Wunsch nach Änderung der Dosierung muss immer mit der behandelnden Ärzt*in besprochen und dann gemeinsam darüber entschieden werden.
Quelle: Ärztezeitung

