Gesundheit heute

Fibromyalgie

Fibromyalgie (Fibromyalgie-Syndrom, somatoforme Schmerzstörung, Faser-Muskel-Schmerzsyndrom): Erkrankung mit chronischen Schmerzen in unterschiedlichen Körperregionen, meist verbunden mit vegetativen Beschwerden wie Schlafstörungen oder Magen-Darm-Problemen. In Industrieländern sind 2–4 % der Bevölkerung betroffen, zu etwa 90 % Frauen, meist ab dem 4. Lebensjahrzehnt. Die Fibromyalgie ist gutartig, sie führt z. B. nicht zu Schäden an Organen, Gelenken oder Geweben und reduziert auch die Lebenserwartung nicht. Weil die starken Schmerzen vielen Patient*innen das Leben diktieren, schränkt die Fibromyalgie die Lebensqualität oft erheblich ein. Die Behandlung ist schwierig und besteht vor allem aus nicht-medikamentösen Maßnahmen. In den meisten Fällen haben die Betroffenen auch nach jahrelanger Behandlung weiter Beschwerden.

Leitbeschwerden und Symptome

  • Auf alle Körperregionen verteilte Schmerzen der Muskeln, Sehnen und Gelenke (oft als schwerer Muskelkater erlebt), meist in Ruhe schlimmer als bei Aktivität
  • Ein- und Durchschlafstörungen
  • Vermehrte körperliche und geistige Erschöpfung
  • Reizüberempfindlichkeit, innere Unruhe
  • Taubheitsgefühle in Händen, Füßen, Gesicht oder an anderen Körperstellen
  • Magen-Darm-Probleme (Durchfall, Verstopfung)
  • Herzrasen, Luftnot Schweißneigung.

Wann in die Arztpraxis

Demnächst, wenn

  • oben genannte Beschwerden auftreten.

Die Erkrankung

Die Fibromyalgie ist als Erkrankung schwer zu fassen. Da sich weder konkrete Ursachen noch konkrete Schäden (z. B. in Gelenken oder Muskeln) finden lassen, ordnen Expert*innen sie als funktionelles somatisches Syndrom" ein. Das bedeutet, dass die Patient*innen körperliche (somatische) Beschwerden haben, diese aber nicht auf Gewebe- oder Organschäden beruhen.

Auch deshalb werden Patient*innen mit Fibromyalgie oft nicht ernst genommen. Manchmal unterstellt man ihnen sogar, sich die Schmerzen und die weiteren Beschwerden nur einzubilden - was eine zusätzliche schwere Belastung für die Betroffenen ist. Die Erkrankung ist jedoch seit über 30 Jahren anerkannt und in der internationalen Klassifikation der Krankheiten der Weltgesundheitsorganisation aufgeführt.

Die Fibromyalgie ist relativ häufig. Zwei von 100 Erwachsenen sollen in den westlichen Industriestaaten darunter leiden. Wenn die Diagnose inzwischen auch mehr und mehr bei Männern gestellt wird, überwiegt der Frauenanteil bei der Fibromyalgie deutlich.

Ursachen

Dreh- und Angelpunkt bei der Fibromyalgie ist eine gestörte Schmerzverarbeitung. Manche Expert*innen vermuten, dass die Veränderung von Botenstoffen im Gehirn eine Rolle spielt, vor allem von Serotonin. Dieser auch als Glückshormon bekannte zentrale Botenstoff steht mit der Schmerzempfindung im Zusammenhang und soll bei Fibromyalgie-Patient*innen schneller abgebaut werden als bei Menschen ohne diese Erkrankung. Eine weitere Annahme ist, dass Fibromyalgie-Patient*innen eine verringerte Hautinnervation aufweisen, wobei ihre schmerzleitenden Nerven jedoch überaktiv sein sollen.

Unklar ist, wie es zu der gestörten Schmerzwahrnehmung kommt. Viele Auslöser werden diskutiert, darunter Infekte, eine Fehlregulation des Immunsystems, Muskelverspannungen sowie Depressionen und psychische Belastungen. Weil die Erkrankung in manchen Familien gehäuft vorkommt, geht man auch von einer genetischen Veranlagung aus.

Insgesamt gibt es aber noch kein überzeugendes medizinisches Modell, das die Ursache der Probleme erklärt. Expert*innen halten deshalb ein Zusammenspiel vieler Faktoren für wahrscheinlich.

Die Fibromyalgie kann auch sekundär auftreten, d.h. infolge einer anderen Erkrankung. Beispiele dafür sind rheumatische Erkrankungen wie die rheumatoide Arthritis, bösartige Neubildungen oder auch Infekte. Vor allem wenn sich die ersten Beschwerden der Erkrankung bei Patient*innen über 60 Jahren zeigen, muss man an eine solche sekundäre Fibromyalgie denken und die Grunderkrankung suchen.

Klinik

Das Fibromyalgie-Syndrom beginnt meist zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr und entwickelt sich über einen langen Zeitraum. Die chronischen, diffusen Schmerzen an Muskeln und Sehnenansätzen werden oft wie bei einem Muskelkater beschrieben. Sie treten häufig zunächst am Rücken auf und breiten sich dann auf Arme und Beine aus.

Begleitet werden die Schmerzen von Erschöpfung und Schlafproblemen. Als Folge kommt es zu Konzentrationsstörungen, Vergesslichkeit und Leistungsminderung. Diese drei Beschwerden werden oft als Fibro Fog bezeichnet. Häufig liegt eine vegetative Symptomatik vor. Die Patient*innen haben Herzklopfen, schwitzen vermehrt und sind von Mundtrockenheit geplagt.

Die weiteren Begleitbeschwerden sind individuell verschieden ausgeprägt. Viele Patient*innen klagen über Reizdarmprobleme (Durchfall, Blähungen) und eine Reizblase mit Dranginkontinenz. Migräne und Spannungskopfschmerzen sind ebenfalls häufig. Etwa ein Drittel der Betroffenen leidet unter Depressionen, viele auch an Angststörungen.

Diagnosesicherung

Für die Ärzt*in steht bei der Diagnose das Patient*innengespräch im Vordergrund. Wegweisend für ist nicht nur der Inhalt, sondern auch die Art der Schilderung. Fibromyalgie-Patient*innen leiden stark unter ihrer Krankheit, was in der angespannten oder gedrückten Art zum Ausdruck kommt, mit der sie ihre Beschwerden schildern. Sie empfinden die Schmerzen viel eher als unerträglich als die meisten Patient*innen mit z. B. rheumatoider Arthritis.

Wichtigstes Kriterium der Fibromyalgie sind chronische Schmerzen für länger als drei Monate an Armen und Beinen beider Körperhälften sowie am Rumpf, die sich von keiner anderen Erkrankung erklären lassen. Zur Beschreibung der Schmerzen füllt die Patient*in meist einen Fragebogen aus oder kreuzt an einem Körperschema die Stellen an, an denen die Schmerzen auftreten. Auch für die psychischen und vegetativen Beschwerden wird häufig ein standardisierter Fragebogen herangezogen.

Bei der körperlichen Untersuchung prüft die Ärzt*in die Druckschmerzhaftigkeit am ganzen Körper, vor allem an den Sehnenansätzen. Früher verlangte die Fibromyalgie-Diagnose die Schmerzhaftigkeit an mindestens 11 von 18 sogenannten Tender Points (Druckpunkte, siehe Abbildung). Die Anwendung dieses Kriteriums ist allerdings problematisch, weil die Druckstärke schwer zu objektivieren ist und die Ärzt*in sich auf Patientenangaben über die Schmerzstärke verlassen muss. Heute ist für die Diagnose eine bestimmte Anzahl von Tender Points nicht mehr erforderlich. Stattdessen werden Schmerzen in mehr als sieben von 19 Schmerzregionen gefordert.

Mithilfe von Laboruntersuchungen lässt sich eine Fibromyalgie nicht nachweisen. Das Labor ist allerdings wichtig, um andere Erkrankungen auszuschließen. Dazu bestimmt die Ärzt*in in der Regel Blutbild und Entzündungswerte, die Schilddrüsenhormone, die Kreatininkinase und das Kalzium im Blut.

RTEmagicC_Fibromyalgie.jpg|Tender points.|[ASL 2618]|Darstellung der Tender Points für die Fibromyalgiediagnostik

Die Krankengeschichte, die körperliche Untersuchung und der Ausschluss einer anderen Ursache für die Beschwerden durch das Labor genügt der erfahrenen Ärzt*in, um die Diagnose zu stellen. Bei Verdacht auf eine zugrundeliegende neurologische, orthopädische oder rheumatologische Erkrankung wird eine Fachärzt*in hinzugezogen und eine vertiefte Diagnostik eingeleitet.

Differenzialdiagnosen. Auszuschließen sind z. B. Muskelerkrankungen (Myopathien), die Hypothyreose sowie die Hyperkalzämie. Auch die Einnahme von Statinen oder ein Vitamin-D-Mangel können Muskelschmerzen wie die bei Fibromyalgie auslösen. Besonders schwierig ist die Abgrenzung zu den entzündlich-rheumatische Erkrankungen. Diese können eine sekundäre Fibromyalgie auslösen oder begleiten, aber auch selbst ähnliche Beschwerden verursachen.

Behandlung

Die Fibromyalgie ist beim momentanen Stand der Forschung nicht heilbar. Die Behandlung zielt darauf, die Beschwerden zu lindern, die Funktionsfähigkeit im Alltag zu erhalten und die Lebensqualität zu bewahren bzw. zu verbessern.

Nicht-medikamentöse Maßnahmen

Grundlage der Fibromyalgie-Therapie sind regelmäßige körperliche Bewegung, niedrig dosiertes Krafttraining und Mind-Body-Verfahren. Empfohlen werden in der Leitlinie beispielsweise

  • niedrig dosiertes Ausdauertraining, dreimal pro Woche für 30 bis 40 Minuten (z. B. Walking, Aquajogging, Schwimmen oder Radfahren)
  • Wasser- und Trockengymnastik, Funktionstraining
  • niedrig dosiertes Krafttraining kombiniert mit Dehnübungen
  • Maßnahmen zur Entspannung der Muskulatur: Wärmeanwendungen, krankengymnastische Dehnübungen, Anleitung für Übungsprogramme zu Hause
  • Entspannungstechniken wie Autogenes Training oder Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson
  • Tai Chi, Qi-Gong oder Yoga.

Den größten Effekt erreicht man mit einer multimodalen Therapie, d.h. mit der Kombination aus Ausdauertraining und Entspannungsübungen. Nach drei bis sechs Monaten sollten Patient*in und Ärzt*in gemeinsam überprüfen, ob die gewählten Maßnahmen Erfolg zeigen. Ist dies der Fall, sollten diese dauerhaft fortgeführt werden.

Andernfalls ist der Wechsel auf ein anderes Verfahren, die Gabe von Medikamenten und/oder eine psychologische Unterstützung zu überlegen. Die besten Erfahrungen wurden dabei mit kognitiver Verhaltenstherapie gemacht.

Pharmakotherapie

Schmerzmittel wie nichtsteroidale Antiphlogistika (NSAR) wirken bei der Fibromyalgie nicht, können aber zu erheblichen Nebenwirkungen (Magengeschwür, Blutbildveränderungen) führen. Deshalb sollen sie gegen Fibromyalgie-bedingte Schmerzen nicht eingenommen werden. Ebenfalls ohne Wirknachweis sind muskelentspannende Medikamente, Cannabis, Kortison oder örtliche Betäubungsmittel.

Stattdessen empfehlen die Leitlinien Wirkstoffe aus der Gruppe der Antidepressiva (Amitryptilin, Duloxetin, Fluoxetin), der Neuroleptika (Quetiapin) und der Antikonvulsiva (Pregabalin).

Mittel der ersten Wahl ist Amitryptilin. Leidet die Patient*in gleichzeitig unter Depressionen oder einer Angststörung, wird Duloxetin empfohlen. Die anderen Wirkstoffe kommen zum Einsatz, wenn Amitryptilin bzw. Duloxetin nicht vertragen werden.

Ob ein Medikament wirkt, lässt sich in der Regel erst vier Wochen nach Beginn der Einnahme sagen. In der Zeit davor ist es wichtig, auf eventuelle Nebenwirkungen zu achten und diese der Ärzt*in mitzuteilen. Ist nach vier Wochen kein Nutzen erkennbar (d. h. die Beschwerden werden nicht reduziert oder die Nebenwirkungen sind zu ausgeprägt), sollte das Präparat abgesetzt werden und gegebenenfalls ein anderes ausprobiert werden.

Oft wird nach etwa einem halben Jahr der Wirkstoff probeweise abgesetzt.

Prognose

Die Fibromyalgie ist eine chronische Erkrankung, die schwer zu behandeln ist. Auch wenn alle therapeutischen Register gezogen werden, hat die Mehrzahl der Betroffenen weiterhin Beschwerden. Doch viele Erkrankte können lernen, damit zu leben und sich ihre Lebensqualität zu erhalten.

Für die Prognose ist es wichtig zu wissen, dass die Fibromyalgie eine gutartige Erkrankung ist. Gewebe und Organe werden durch sie nicht geschädigt, und sie verkürzt auch die Lebenserwartung nicht.

Ihre Apotheke empfiehlt

Was Sie selbst tun können

Bei der Fibromyalgie sind die Betroffenen im Umgang mit ihrer Erkrankung vor allem selbst gefordert. Auf diesem Grundgedanken aufbauend haben sich die folgenden Regeln zur Selbsthilfe und Lebensführung bewährt:

Die Krankheit anerkennen. Die wichtigste Erkenntnis lautet: Sie selbst sind Ihre beste Therapeut*in. Ärzt*innen, Heilpraktiker*innen und Medikamente können Sie unterstützen, aber den Schlüssel zu einem möglichst schmerzfreien Leben haben Sie selbst in der Hand.

Seien Sie realistisch in Ihren Erwartungen an Schul- oder Komplementärmedizin. Fibromyalgie-Patient*innen neigen nicht selten zum Doctorhopping, also einem häufigen, oft kostspieligen Arzt- und Therapiewechsel, profitieren aber fast nie davon.

Richten Sie sich darauf ein, dass die Fibromyalgie Sie zwar über viele Jahre begleitet, aber nicht „auffrisst. Betrachten Sie die Erkrankung z. B. wie ein lästiges Tier, das Sie zwar auf Schritt und Tritt begleitet, welches aber keine Macht über Sie besitzt.

Lernen Sie sich zu beobachten: Was verstärkt die Schmerzen (z. B. Schlafmangel oder zuviel Schlaf), was lindert mehr (z. B. ein Glas Wein am Abend), wie wirken Medikamente oder eine Fastenkur?

Negativfaktoren abstellen. Versuchen Sie, Negativfaktoren in Ihrem Leben abzustellen. Überlegen Sie, was dazu zählt, und was Sie mit Ihrer Energie und Lebenskraft tun können, um unguten Stress aus Ihrem Leben zu verbannen.

Wenn Sie Ihren Beruf nur noch als Last empfinden und an einen Rentenantrag denken, überlegen Sie, ob Sie das wirklich zufriedener machen würde. Viele Ärzt*innen haben erlebt, dass Fibromyalgie-Patient*innen nach der Frühverrentung erst recht Probleme haben, da sie sich nur noch auf ihre Beschwerden konzentrieren.

Komplementärmedizin

Meditation. Anspannung und Leidensdruck abzubauen, aber auch Schmerzen und Beeinträchtigungen besser anzunehmen, ist das Ziel verschiedener Meditationstechniken. Es liegen eine Reihe positiver Erfahrungsberichte von Fibromyalgie-Patient*innen vor, wonach regelmäßig ausgeübte Meditation langfristig zu einer Linderung der Beschwerden und damit zu einer Steigerung der Lebensqualität führt – dies wird inzwischen auch durch verschiedene Studien belegt.

Akupunktur. Ob Akupunktur langfristig eine Verbesserung der Symptome bewirkt, wird derzeit in verschiedenen Studien geprüft. Da es sich bei der Fibromyalgie um ein komplexes Krankheitsbild handelt, befürworten die meisten Therapeut*innen ein individuell abgestimmtes Vorgehen, bei dem die zu nadelnden Punkte erst nach eingehender Anamnese festgelegt werden. Nach Meinung der deutschen Leitlinien kann jedoch ein Versuch mit Akupunktur erwogen werden.

Andere Verfahren. Da es gegen die Fibromyalgie-Beschwerden „die eine Maßnahme nicht gibt und die leitliniengemäßen Ansätze nicht immer erfolgreich sind, gibt es eine Vielzahl weiterer Angebote. Die allermeisten davon werden aufgrund mangelnder Wirksamkeit nicht empfohlen. Dazu gehören z. B. die TENS, die hyperbare Sauerstofftherapie, die Lasertherapie und die Magnetfeldtherapie. Auch von Reiki oder Nahrungsergänzungsmitteln raten die Expert*innen ab.

Weiterführende Informationen

Von: Dr. rer. nat. Katharina Munk, Dr. med. Arne Schäffler in: Gesundheit heute, herausgegeben von Dr. med. Arne Schäffler. Trias, Stuttgart, 3. Auflage (2014). Überarbeitung und Aktualisierung: Dr. med. Sonja Kempinski | zuletzt
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So hält man Osteoporose fern

Auch Tofu und Brokkoli gehören zu den Lebensmitteln, die wichtige Nährstoffen für den Knochen bereithalten.

So hält man Osteoporose fern

Knochenfreundlich ernähren

Osteoporose gehört zu den Volkskrankheiten. Doch wer sich gesund ernährt und eventuelle Mängel ausgleicht, kann die Knochen schützen. Dabei müssen nicht nur die nötigen Nährstoffe und Mineralien zugeführt werden. Vor allem in puncto Kalzium gilt es, auch die in vielen Produkten enthaltenen Kalziumräuber zu beachten.

Knochen lebenslang im Umbau

Knochen ist kein totes Gewebe: Im Gegenteil, er wird das ganze Leben lang umgebaut. Dieser Prozess dient dazu, kleine Schäden im Knochen zu reparieren oder den Knochen auf verstärkte Belastungen anzupassen. Insgesamt überwiegt bis zum 30. Lebensjahr der Aufbau. Danach befindet sich der Knochen etwa zehn Jahre lang im Gleichgewicht, und ab Mitte 40 nimmt der Knochenabbau allmählich zu. Für seine Stoffwechsel benötigt der Knochen einiges an Mineralien, Vitaminen und Nährstoffen. Werden diese nicht ausreichend zugeführt, leidet die Knochenqualität und es droht Knochenschwund (Osteoporose). Eine knochenfreundliche Ernährung kann vor dieser folgenschweren Erkrankung schützen. Und wer gleichzeitig etwas für seinen Knorpel und gegen Entzündungen tut, beugt auch gegen Arthrose vor.

Hinweis: Knochengewebe ist sehr fleißig: Innerhalb von etwa 8–10 Jahren hat sich das gesamte Skelett einmal „komplett“ ausgetauscht, weil alter Knochen abgebaut und durch neuen ersetzt wird.

Kalziumhaushalt bildet die Basis

Der wichtigste Grundstoff für den Knochen ist Kalzium. Es wirkt wie Zement im Mauerwerk und sorgt dadurch dafür, dass der Knochen fest, stabil und belastbar ist. 99% des Kalziums stecken in den Knochen und den Zähnen, wobei der Knochen auch als Kalziumvorrat dient. Denn das wertvolle Mineral wird auch außerhalb des Knochens gebraucht, z. B. bei der Muskelkontraktion, bei der Weiterleitung von Nervenreizen und bei der Blutgerinnung. Ist der Kalziumgehalt im Blut zu niedrig, kann es der Körper aus dem Knochen freisetzen – wobei die Kalziumvorräte aber unverzüglich wieder aufgefüllt werden müssen, damit der Knochen nicht leidet.

Kalzium wird im Darm aus der Nahrung aufgenommen, Allerdings schwankt die Aufnahme mit 20 bis 60% der zugeführten Kalziummenge stark. Um ausreichend viel Kalzium aufzunehmen, empfehlen Expert*innen die tägliche Zufuhr von mindestens 1000 mg. Damit sieht es allerdings mau aus in Deutschland: nur etwa die Hälfte der Erwachsenen erreicht diese Menge. Gedeckt wird der Bedarf von 1000 mg zum Beispiel durch

  • 125 mg Edamer 
  • 2,9 l Gerolsteiner Mineralwasser,
  • 0,8 l Milch, 
  • 830 g Joghurt oder
  • 540 g Tofu.

Obst und Gemüse enthalten ebenfalls Kalzium. Um auf 1000 mg täglich zu kommen, müssen allerdings auch hier sehr große Mengen von 470 g Grünkohl, 2,6 kg Kiwi oder 15 kg Bananen verzehrt werden. Auch Haferdrinks als Milchersatz sind oft mit Calcium angereichert und enthalten dann so viel Calcium wie Kuhmilch.

Hinweis: Die Aufnahme des Kalziums hängt nicht nur von der angebotenen Menge ab, sondern auch von Vitamin D. Bei starkem Vitamin-D-Mangel sinkt die Kalziumaufnahme im Darm unter 10%.

Kalziumräuber am Werk!

Eine knochenfreundliche Ernährung benötigt allerdings nicht nur ausreichend Kalzium. Es muss auch auf die Kalziumräuber in der Nahrung geachtet werden. Dies sind Lebensmittel, die bei übermäßigem Verzehr dazu führen können, dass dem Körper das angebotene Kalzium nicht ausreichend zur Verfügung steht. 

  • Phosphat. Die wichtigste Rolle spielt dabei Phosphat. Zwar fördert Phosphat gemeinsam mit Kalzium die Knochenstabilität. Wird es allerdings im Übermaß aufgenommen, behindert es die Kalziumresorption im Darm und fördert somit den Knochenabbau. Phosphat muss also keinesfalls gemieden, sondern nur ein Überschuss verhindert werden. Das gelingt, in dem man besonders phosphathaltige Lebensmittel wie Fleisch, Wurst und Cola sowie stark verarbeitete Produkte nur in Maßen konsumiert.
  • Oxalsäure und Phytinsäure. Auch Oxalsäure kann Kalzium im Darm abfangen und auf diese Weise die Aufnahme ins Blut verhindern. Empfohlen wird deshalb, oxalreiche Nahrungsmittel wie Spinat, Rhabarber, Kakao, Schokolade und Mangold nicht in übergroßen Mengen zu verzehren. Gleiches gilt für die Phytinsäure, die ebenfalls das Kalzium im Darm bindet. Besonders reich an Phytin sind Sojabohnen, Erdnüsse sowie Müsli aus frischem Getreide sowie Vollkornbreie. 
  • Alkohol, Kaffee und schwarzer Tee. Koffein im Übermaß kann dem Knochen auf zwei Arten schaden: Es hemmt die Kalziumaufnahme aus dem Darm und fördert die Kalziumausscheidung über die Niere. Alkohol hemmt die Kalziumaufnahme und schadet der Leber, wodurch der dort stattfindende Vitamin-Stoffwechsel gestört wird.

Hinweis: Kochsalz fördert die Osteoporose, indem es die Kalziumausscheidung über die Niere ankurbelt. Es ist ratsam, sparsam zu salzen und statt auf Kochsalz auf Gewürze zu setzen. Das tut nicht nur dem Knochen gut, sondern auch dem Blutdruck.

Unabdingbar: Vitamin D

Ohne die ausreichende Zufuhr von Vitamin D kann der Knochen das mit der Nahrung aufgenommene Kalzium nicht richtig nutzen. Denn Vitamin D verbessert nicht nur die Aufnahme des Mineralstoffs über die Darmschleimhaut. Es fördert auch seinen Einbau in den Knochen und hemmt den Knochenabbau. 10 bis 20% des Vitamins wird über die Nahrung aufgenommen, 80 bis 90% unter Sonneneinstrahlung in der Haut gebildet. Von April bis September reicht für die Vitamin-D-Versorgung ein täglicher Aufenthalt von 30 Minuten im Freien, wobei Arme und Gesicht unbedeckt sein müssen.

Der Tagesbedarf an Vitamin D beträgt etwa 800 Internationale Einheiten (IE). Etwa 80% der Männer und 91% der Frauen erreichen diese Werte nicht. Auf einen Mangel weisen diffuse Knochen- und Muskelschmerzen hin. Bei Verdacht sollte die Ärzt*in die Blutspiegel messen und der Mangel ausgeglichen werden. Dafür sind häufig Vitamin-D-Tabletten nötig. Denn die Auswahl an Vitamin-D-reichen Lebensmitteln ist gering und nicht nach jedermanns Geschmack. Dazu zählen Lebertran, Seefisch (Hering, Makrele,Lachs), Leber und Eigelb. Bei Vitamin-D-Mangel werden zum Ausgleich meist Tagesdosen von 1000 IE Vitamin D empfohlen. Diese Menge steckt z. B. in 

  • 80 g Hering, 160 g Lachs oder 190 g Aal sowie in 
  • 670 g Kalbfleisch oder 
  • 830 g Steinpilzen.

Hinweis: Vitamin D darf nicht überdosiert werden. Wer mehr als 4000 IE pro Tag aufnimmt, drohen Nierensteine und Herzrhythmusstörungen. Im Zweifel sollte man seine Ärzt*in dazu befragen und evtl. die Blutspiegel des Vitamins messen lassen.

Ohne Eiweiß geht es nicht

Ein weiterer wichtiger Baustein in der knochenfreundlichen Ernährung ist Eiweiß. Eiweiß bildet das Kollagengerüst im Knochen, in das Kalzium und die anderen Mineralien eingelagert werden. Mangelt es an Eiweiß, wird der Knochenaufbau behindert und das Risiko für Osteoporose und Knochenbrüche steigt.

Pflanzliches Eiweiß scheint dabei etwas vorteilhafter zu sein als tierisches Eiweiß. Expert*innen empfehlen eine Kombination pflanzlicher und tierischer Eiweiße, bei Letzteren sind Milch, Eier und mageres Fleisch zu bevorzugen. Der Tagesbedarf für Männer und Frauen bis 65 Jahre beträgt 0,8g/kg Körpergewicht, der für Menschen über 65 Jahre 1,0 g/kgKG. Ein 70-jährigr Mensch mit einem Gewicht von 70 kg braucht also 70 g Eiweiß/Tag. Diese stecken zum Beispiel in 

  • 240 g Emmentaler oder 270 g Gouda, 
  • 270 g Erdnüssen 
  • 310 g Rindfleisch, 310 g Huhn oder 310 g Schweinefleisch 
  • 390 g Fisch
  • 540 g Tofu oder
  • 580 g Linsen.

Um den Eiweißbedarf von 70 g mit Getreide oder Kartoffeln zu decken, müsste man täglich 900 g Weizenbrot oder 3,5 kg Kartoffeln verzehren.

Hinweis: Wer eine eingeschränkte Nierenfunktion hat, muss etwas vorsichtig mit Eiweiß sein. Eine überhöhte Zufuhr belastet die Nieren, weil dadurch mehr Harnstoff und Säure entsteht. Menschen mit Nierenproblemen sollten bezüglich der Eiweißzufuhr immer Rücksprache mit ihrer Ärzt*in halten.

Vitamine, Magnesium und Spurenelemente

Für den gesunden Knochen sind viele weitere Nährstoffe erforderlich.

  • Magnesium. Davon sollen etwa 300 bis 350 mg aufgenommen werden. Es steckt insbesondere in Mineralwässern, aber auch in Vollkornprodukten und Naturreis. Etwa ein Viertel der Erwachsenen in Deutschland erreicht die empfohlene tägliche Zufuhr nicht. Reicht eine Nahrungsumstellung nicht aus, können Supplemente zugeführt werden. 250 mg Magnesium stecken z. B. in 3,2 l Gerolsteiner Mineralwasser, 220 g Erdnüssen, 270 g Haferflocken und 320 g Naturreis.
  • Vitamin K. Vitamin K fördert den Einbau von Kalzium in den Knochen, es gibt auch Hinweise, dass es die Kalziumausscheidung über die Niere hemmt. In Deutschland wird für Männer und Frauen über 51 Jahren eine tägliche Zufuhr von 65 Mikrogramm bzw. 80 Mikrogramm empfohlen. Vitamin K ist hitzestabil, wodurch beim Kochen kaum Verluste auftreten. 80 Mikrogramm Vitamin K sind enthalten in 12 g Grünkohl, 25 g Spinat, 200 g Spargel oder 320 g Rotkraut.
  • Vitamin C. Vitamin C stimuliert die knochenbildenden Zellen, das für das Knochengerüst nötige Kollagen zu bilden. Etwa ein Drittel der Erwachsenen unterschreitet die erforderliche tägliche Zufuhr (95 mg für Frauen, 110 mg für Männer). Rauchen gilt als Vitamin-C-Killer, weshalb Rauchende einen höheren Bedarf haben (135 bzw. 155 mg). 110 mg Vitamin C finden sich in 70 g Petersilie, 100 g Paprika, 220 g Spinat, 250 g Kiwi oder 9 g Hagebutte. Wer den Bedarf mit Äpfeln oder Birnen decken möchte, muss davon täglich 920 g bzw. 2,4 kg zu sich nehmen.
  • Zink. Zink fördert die Bildung des Knochengerüsts und trägt damit zum Knochenaufbau bei. Bei Mangelernährung und veganer Ernährung kann es zu Zinkmangel kommen. Etwa 30% der Männer und 20% der Frauen erreichen die erforderliche Tageszufuhr von 11-16 mg (Männer) und 7-10 mg (Frauen) nicht. Ein hoher Konsum von Vollkornprodukten oder unfermentierten Hülsenfrüchten kann zudem die Zinkaufnahme stören. 10 mg Zink sind enthalten in 45 g Austern, 200 g Rinderleber, 200 g Edamer, 280 g Rindfleisch und 300 g Erdnüssen.

Hinweis: Vitamin K hebt die gerinnungshemmende Wirkung von Marcumar auf. Bei Einnahme dieses Blutverdünners sollte man mit Vitamin-K-reichen Produkten vorsichtig sein und im Zweifel die Ärzt*in dazu befragen.

Was gibt es gegen Arthrose?

Mit einer guten Ernährung lässt sich einiges für den Knochen tun. Davon profitieren auch die Gelenke. Speziell für die Gesundheit der Gelenke gibt es weniger Möglichkeiten. Die meisten Empfehlungen sind nicht ausreichend durch Studien belegt oder haben nur einen geringen Effekt.

  • Omega-3-Fettsäuren. Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA) wirken entzündungshemmend. Besonders reichlich sind sie in Lachs und Hering enthalten. Als wichtigste pflanzliche Quellen gelten Raps-, Walnuss- und Leinöl. Distel- und Sonnenblumenöl sind ungünstig, weil sie mehr entzündungsfördernde Omega-6-Fettsäuren enthalten.
  • Selen. Ein zu niedriger Selen-Spiegel kann möglicherweise eine Arthrose begünstigen. Die Ergebnisse aus Studien sind hier aber teils sehr widersprüchlich. Deutsche Böden sind eher selenarm, weshalb die empfohlenen Tagesdosen häufig nicht erreicht werden. Diese beträgt für Männer 70 Mikrogramm/Tag, für Frauen 60 Mikrogramm.
  • Chondroitin und Glukosamin. Diese Knorpelbaustoffe sollen den Knorpelstoffwechsel fördern und den Bedarf für Schmerzmittel bei Arthrose reduzieren. Die Datenlage dazu ist allerdings nicht klar und mögliche Effekte auf Schmerzen und Funktionalität sehr gering. Chondroitin wird aus Knorpelgewebe von Schweinen, Rindern, Walen und Haifischen gewonnen, die empfohlene Tagesdosis sind 800 bis 1200 mg. Glukosamin stammt aus Krabben und Garnelen, die übliche tägliche Dosierung beträgt 800 bis 1500 mg pro Tag.

Antientzündlich hilft rheumatischen Gelenken

Für Menschen mit rheumatischen Gelenkbeschwerden ist eine antientzündliche Kost günstig. Dabei ist vor allem die Zufuhr von Arachidonsäure einzuschränken. Sie wird im Körper zu entzündungsfördernden Eicosanoiden umgewandelt, die Schübe auslösen können. Arachidonsäure ist vor allem in tierischen Produkten wie rotem Fleisch, Wurst und fettreichen Milchprodukten vorhanden, diese sollten deshalb in Maßen verzehrt werden. Günstig sind dagegen Lebensmittel mit reichlich Omega-3-Fettsäuren, denn die Fettsäuren vermindern den Abbau der Arachidonsäure zu den entzündungsfördernden Eicosanoiden.

Auch Antioxidanzien wie Vitamin C und E sowie Polyphenole und Carotinoide helfen gegen Entzündungen. Sie fangen freie Radikale ab und reduzieren damit den entzündlichen Kreislauf. Gute Quellen für Antioxidanzien sind Paprika, Johannisbeeren, Brokkoli, Nüsse, Oliven- und Rapsöl, Grünkohl, Knoblauch und Karotten. Die DGE empfiehlt eine Aufnahme von 95 bis 110 mg Vitamin C und 12 bis 15 mg Vitamin E. 3 bis 4 Esslöffel Beeren und eine Handvoll Nüsse decken diesen Bedarf in etwa ab.

Hinweis: Häufig wird eine Übersäuerung des Körpers als schädigend für Knochen und Gelenke genannt. Für diese Theorie gibt es allerdings keinen wissenschaftlichen Nachweis, entsprechende basische Produkte oder Diäten werden deshalb nicht empfohlen.

Von: Dr. med. Sonja Kempinski; Bild: mauritius images / Westend61 / Larissa Veronesi