Gesundheit heute
Schultergelenkarthrose
Schultergelenkarthrose (Omarthrose, Humeroscapulargelenkarthrose): Verschleiß des Schultergelenks zwischen Oberarmkopf und Schulterblattpfanne. Je nach Ausmaß kommt es zu bewegungsabhängigen Schmerzen und Einschränkungen der Beweglichkeit in der Schulter. Eine Schultergelenkarthrose entwickelt sich vor allem nach Verletzungen oder durch chronische Gelenkentzündungen, aber auch als Alterserscheinung oder Folge übermäßiger Beanspruchung.
Arthrotische Veränderungen lassen sich mit konservativen Maßnahmen nicht heilen bzw. rückgängig machen. Schmerzmittel und Physiotherapie können die Beschwerden jedoch lindern, die Beweglichkeit möglichst lange erhalten und das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen. Mögliche operative Behandlungsverfahren sind die arthroskopische Gelenkreinigung und in speziellen Fällen die autologe Knorpeltransplantation. Als letzte Option bei nicht beherrschbaren Schmerzen oder drohender Einsteifung empfiehlt sich manchmal ein operativer Gelenkersatz.
Symptome und Leitbeschwerden
- Bewegungsabhängige Schmerzen, die nach einer Aufwärmphase geringer werden (Anlaufschmerz)
- Schmerzhafte Bewegungseinschränkung im Schultergelenk, zunächst bei Außendrehung und Abspreizen des Arms über die Schulterhöhe
- Oft Reiben und Knarren bei Schulterbewegungen.
Wann zur Arztpraxis
In den nächsten Wochen, wenn
- ohne vorausgegangene Verletzung eine schmerzhafte Einschränkung der Schulterbeweglichkeit besteht.
Die Erkrankung
Eine Schultergelenkarthrose beginnt mit der Zerstörung des Gelenkknorpels, z. B. durch Verletzungen, chronische Gelenkentzündungen oder altersbedingte Abnutzung. In der Folge wird die schützende Knorpelschicht im Gelenk immer dünner, was den Druck auf den darunter liegenden Knochen, also auf Gelenkpfanne und Oberarmkopf, erhöht. Um stabil zu bleiben, verdickt sich der Knochen und bildet sogenannte Osteophyten (Knochenanbauten). Durch diese knöchernen Verformungen wird der Gelenkspalt schmaler und Knochenanbauten und Gelenkflächen reiben vermehrt aneinander. Das Schultergelenk läuft nicht mehr "rund", Schmerzen und eine zunehmende Einschränkung der Beweglichkeit bis hin zur Schultersteife sind die Folge.
Ursachen
Ursache der Schultergelenkarthrose sind vor allem Verschleißprozesse aufgrund vorangegangener Verletzungen (Schultergelenkverrenkung, Oberarmkopfbruch) oder entzündlicher Veränderungen am Gelenk. Altersbedingte Abnutzung sowie arbeits- oder sportbedingte Überbeanspruchung führen dagegen seltener zu einer Schultergelenkarthrose. Das liegt an zwei Gründen: Zum einen muss das Schultergelenk im Gegensatz zu Knie- und Hüftgelenk nicht das Körpergewicht tragen und ist allein dadurch schon weniger abnutzungsgefährdet. Zum anderen trifft eine Überbeanspruchung der Schulter durch Sport oder Über-Kopf-Arbeiten weniger das Gelenk, sondern vielmehr dessen umgebende Weichteilstrukturen aus Muskeln und Bändern (z. B. die Rotatorenmanschette).
Verlauf
Im Anfangsstadium treten die Schmerzen meist erst nach längerer Belastung der Schulter auf. Besonders stark sind sie, wenn der Arm gedreht oder abgespreizt wird. Im Laufe der Zeit dominiert dann ein sogenannter "Anlaufschmerz". Das heißt, dass der Schmerz vor allem zu Beginn der Bewegung besonders stark ist. Unter Bewegung bildet das Gelenk vermehrt Gelenkflüssigkeit, die das Gelenk "schmiert", sodass die Schmerzen etwas nachlassen. Schreitet die Krankheit noch weiter fort, tritt der Schmerz sogar in Ruhe oder nachts auf. Mit zunehmender arthrotischer Zerstörung des Gelenks kann es schließlich zu einer ausgeprägten Bewegungseinschränkung bis hin zur Einsteifung kommen.
Komplikationen
Eine Schultergelenkarthrose kann sich entzünden, wobei es zu Rötung, Schwellung und Erwärmung des Gelenks kommt (aktivierte Arthrose).
Diagnosesicherung
Ob die Schmerzen und Bewegungseinschränkungen durch eine Arthrose bedingt sind, klärt die Ärzt*in mithilfe von Ultraschall und Röntgen der Schulter – bei zweifelhaften Befunden auch durch ein CT. Arthrosetypische Hinweise in der bildgebenden Diagnostik sind vor allem die Gelenkspaltverschmälerung und Knochenanbauten (Osteophyten).
Differenzialdiagnosen: Andere Schultererkrankungen verursachen oft ähnliche Beschwerden, insbesondere Verschleißerscheinungen im Bereich der Rotatorenmanschette (Rotatorenmanschettenriss).
Behandlung
Eine Schultergelenkarthrose ist nicht heilbar, d. h. die degenerativen Prozesse können nicht rückgängig gemacht werden. Die konservative Behandlung zielt daher darauf, die Schmerzen zu lindern und den Abbauprozess aufzuhalten, damit die Beweglichkeit in der Schulter solange wie möglich erhalten bleibt. Sind die Schmerzen nicht mehr beherrschbar, empfehlen die Ärzt*innen meist das Einpflanzen einer Endoprothese.
Konservative Behandlung
- Schmerztherapie. Akute Schmerzen behandelt die Ärt*in mit entzündungshemmenden und schmerzlindernden Medikamenten (NSAR) wie Diclofenac (z. B. Voltaren® oder Diclac®), Ibuprofen (z. B. Dolgit® oder Ibuprofen AbZ), Etoricoxib (z. B. Arcoxia®) oder Kortisonpräparaten. Diese Wirkstoffe werden in Form von Tabletten, Gel oder Spritzen (z. B. in den Gesäßmuskel), gelegentlich auch als Injektion direkt in das Schultergelenk verabreicht. Bei sehr starken Schmerzen kommen auch Opioide wie Tramadol (z. B. Tramal®) zum Einsatz.
- Hyaluronsäure. Einige Ärzt*innen empfehlen bei der Schultergelenkarthrose die Injektion von Hyaluronsäure in das betroffene Gelenk. Dadurch soll sich die Qualität des noch vorhandenen Knorpels verbessern.
- Physiotherapie. Um die Beweglichkeit des Schultergelenks zu verbessern und die stabilisierenden Muskeln um die Schulter herum zu stärken, verordnet die Ärzt*in häufig Krankengymnastik. Auch Physiotherapie ist wirkungsvoll, etwa in Form von Wärmeanwendungen (z. B. Fangopackungen) oder von Dehnungsbehandlungen bei schmerzhaft verspannter oder verkürzter Schultermuskulatur.
Operative Behandlung
- Künstliches Schultergelenk (Schultergelenkendoprothese, Oberarmkopfprothese oder aber Schulter-Totalendoprothese, kurz: Schulter-TEP). Bei nicht beherrschbaren Schmerzen oder drohender Gelenk-Einsteifung empfehlen die Ärzt*innen meist eine Endoprothese. Dazu stehen verschiedene Modelle zur Verfügung:
- Ist nur die Gelenkfläche am Oberarmkopf betroffen und die Gelenkpfanne selbst noch in Ordnung, pflanzen die Ärzt*innen oft eine sogenannte Oberflächenersatzprothese ein. Sie deckt die schadhafte Gelenkoberfläche des Oberarmkopfes ab und wird mit einem Stiel im Oberarm verankert.
- Die Schultertotalendoprothese kommt zum Einsatz, wenn beide Gelenkflächen (Kopf und Pfanne) von der Arthrose betroffen sind. Es wird eine künstliche Gelenkpfanne eingepflanzt, und der Kopf des Oberarms wird mit einem künstlichen Oberarmkopf ersetzt.
- Bei der inversen Schulterprothese befindet sich der Prothesenkopf am Schulterblatt und die Gelenkpfanne im Oberarmkopf. Diese Form der Prothese findet vor allem bei zusätzlich geschädigter Rotatorenmanschette Verwendung.
- Arthroskopische Gelenkreinigung (Debridement). Mit diesem Verfahren versuchen die Ärzt*innen, die arthrotischen Veränderungen direkt im Gelenk zu behandeln. Dazu wird das Gelenk im Rahmen einer Gelenkspiegelung (Arthroskopie) gespült und gereinigt, der Knorpel geglättet. Knochenanbauten werden entfernt. Bei schwerer Arthrose kann die arthroskopische Gelenkreinigung das Einpflanzen einer Endoprothese herauszögern und Schmerzen lindern. Bei kleinen Knorpeldefekten besteht die Option, dass die Orthopädin zusätzlich die Gelenkfläche anbohrt (Mikrofrakturierung). Dadurch wird der Knorpel besser durchblutet und zur Heilung angeregt
- Autologe Knorpeltransplantation. Mit diesem neuen Verfahren versucht man, den geschädigten Knorpel zu reparieren. Es eignet sich vor allem bei jungen Patient*innen mit kleinen, definierten Knorpelschäden im Gelenk. Dazu entnimmt die Ärzt*in mithilfe einer Gelenkspiegelung Knorpelzellen, die dann in einem Speziallabor angezüchtet und vermehrt werden. Nach etwa 2 Monaten bekommt die Patient*in die gezüchteten Knorpelzellen bei einer erneuten Gelenkspiegelung in das Schultergelenk übertragen, wo sie anwachsen und neuen Knorpel bilden sollen.
Prognose
Alle Behandlungsformen zielen darauf ab, die Symptome zu lindern und das Fortschreiten der Arthrose zu verlangsamen. Sie können den Gelenkverschleiß jedoch nicht rückgängig machen. Wird eine Schultergelenkendoprothese eingebaut, haben 95 % der Behandelten zehn Jahre nach der Implantation noch eine ausreichend gute Funktion und 80 % sogar noch nach 15 Jahren.
Ihre Apotheke empfiehlt
Was Sie selbst tun können
Bewegung. Auch wenn es schmerzt – halten Sie die von Arthrose geplagte Schulter in Bewegung. Sie riskieren sonst, dass das in seiner Beweglichkeit ohnehin eingeschränkte Schultergelenk zunehmend steifer wird. Folgende Übungen sind hilfreich bei Schulterarthrose:
- Armpendeln. Lassen Sie den Arm herunterhängen und schwingen Sie ihn – evtl. beschwert mit einem Gewicht in der Hand – locker hin und her. Die belastungsfreie Bewegung fördert die Bildung der Gelenkschmiere.
- Außendrehung. Legen Sie die Ellenbogen an den Körper an und strecken Sie die Unterarme waagrecht nach vorn. Drehen Sie dann die Unterarme nach außen. Die Übung kann verstärkt werden, wenn Sie ein Theraband in die Hände nehmen und die Drehung gegen den elastischen Widerstand machen. Diese Übung kräftigt die Muskulatur der Schulter.
Wärme. In Ruhephasen tut es vielen Patient*innen gut, die schmerzende Schulter zu wärmen, z. B. mithilfe von Wärmekissen oder Rotlicht.
Sport. Dass bei einer Schultergelenkarthrose Sportarten gemieden werden sollten, die die Schulter sehr stark belasten, versteht sich von selbst. Dazu gehören beispielsweise Speerwerfen, Handball und Tennis, aber auch Kontaktsportarten wie Rugby und American Football. Weniger schultergefährdend sind dagegen Walking, Jogging und Radfahren. Wer Vorsicht walten lässt, darf auch Golf spielen.
Ernährung. Um entzündliche Prozesse einzudämmen, soll bei Arthrose eine gesunde, ausgewogene Ernährung hilfreich sein. Dazu gehört der Verzicht auf Schweinefleisch und große Mengen von Kaffee, Alkohol, Butter und Eiern. Wie effektiv der Verzicht ist, ist aber umstritten. Entzündungshemmende Effekte werden Kräutern wie Anis, Fenchel und Kurkuma nachgesagt.
Komplementärmedizin
Akupunktur und Biofeedback sind häufig eingesetzte komplementärmedizinische Verfahren zur Behandlung von chronischen Schulterschmerzen; oft empfiehlt sich auch eine Kombination der Verfahren – ob sie helfen, muss individuell ausprobiert werden.
Nackenschmerzen sind meist nicht gefährlich, können aber die Lebensqualität stark einschränken.
Was bei Nackenschmerzen hilft
Medikamente, Wärme oder Schonen?
Nackenschmerzen sind häufig. Zum Glück steckt in den meisten Fällen keine ernste Erkrankung dahinter. Behandlungsmöglichkeiten gibt es viele: von Schmerzmitteln über muskelentspannende Medikamente bis hin zum Tapen. Doch welche davon sind wirklich sinnvoll? Und wann sollten Nackenschmerzen besser gründlich abgeklärt werden?
Fast die Hälfte der Erwachsenen betroffen
Nackenschmerzen treten im Bereich der Halswirbelsäule zwischen Schädelbasis und den oberen Schulterblättern auf. Manchmal ziehen sie auch in die Schultern, den unteren Hinterkopf und den oberen Rücken. Der Schmerz ist dabei dumpf, drückend und ziehend und kann bei Bewegungen schlimmer werden. Häufig fühlt sich der Nacken auch steif an und das Drehen des Kopfes fällt schwer. Berührt man den schmerzenden Bereich oder versucht ihn zu massieren, lassen sich oft harte, verspannte Muskeln tasten.
Je nach ihrer Dauer werden Nackenschmerzen eingeteilt in
- akut: bis zu drei Wochen
- subakut: vier bis zwölf Wochen oder
- chronisch: länger als zwölf Wochen.
Die Abgrenzung fällt allerdings manchmal schwer, da der Beginn oft nicht genau definiert werden kann.
Fast die Hälfte der Erwachsenen in Deutschland gibt an, in den letzten Monaten mindestens ein Mal Nackenschmerzen gehabt zu haben – sie kommen also sehr oft vor. In der Hausarztpraxis gehören sie sogar zum dritthäufigsten Beratungsanlass. Frauen sind davon etwas häufiger betroffen als Männer, bei Menschen über 70 Jahren werden sie etwas seltener.
Hinweis: Auch Kinder und Jugendliche leiden unter Nackenschmerzen. Tendenziell soll die Anzahl der Betroffenen zwischen 3 und 17 Jahren steigen. Als Ursache gelten u.a. Bewegungsmangel und die immer längere Smartphonenutzung.
Wo kommen Nackenschmerzen her?
In den meisten Fällen von Nackenschmerzen lassen sich keine strukturellen Ursachen wie sichtbare oder messbare Probleme an den Knochen, Gelenken oder Nerven nachweisen. Dann spricht man von unspezifischen Nackenschmerzen. Als häufigster Grund für akute unspezifische Nackenschmerzen gelten Muskelverspannungen, z. B. ausgelöst durch lange Computerarbeit, Zugluft oder eine ungünstige Schlafhaltung. Sie klingen in der Regel auch ohne Behandlung innerhalb von ein bis zwei Wochen ab.
Halten die Beschwerden länger als drei Monate an, stecken hinter unspezifischen Nackenschmerzen oft Belastungen und Stress. Fehlhaltungen und Bewegungsmangel tragen zu ihrer Entwicklung zusätzlich bei.
Zu den seltenen strukturellen (spezifischen) Ursachen von Nackenschmerzen gehören z. B. arthrotische Veränderungen oder Rheuma. In weniger als 1% der Fälle gehen Nackenschmerzen auf eine gefährliche Ursache zurück. Dazu gehören Bandscheibenvorfall, Tumoren, Osteoporose mit Wirbelbrüchen, Nervenerkrankungen oder Infektionen.
Nackenschmerzen abklären lassen
Wer nach einer schlechten Nacht oder einer langen Gaming-Sitzung unter Nackenschmerzen leidet, benötigt meist keine ärztliche Hilfe. Es gibt jedoch auch Nackenschmerzen, die man bei der Hausärzt*in abklären lassen sollte. Das gilt zum einen, wenn die Schmerzen über eine längere Zeit anhalten. Denn auch wenn nichts Gefährliches dahinter steckt, ist es sinnvoll, eine gezielte Behandlung einzuleiten.
In manchen Fällen muss immer rasch eine ärztliche Abklärung erfolgen. Warnzeichen für eine der seltenen, gefährlichen Ursachen von Nackenschmerzen sind
- Kribbeln, Taubheitsgefühle oder Lähmungen von Armen und Beinen
- starke Kopfschmerzen, Fieber, Nackensteife und Übelkeit
- unerklärter Gewichtsverlust, Abgeschlagenheit, Nachtschweiß
- Nackenschmerzen nach einem Sturz oder Unfall
- gleichzeitige Schluckbeschwerden oder Schmerzen im Brustkorb
Diese Beschwerden können z. B. auf einen Bandscheibenvorfall, einen Tumor oder eine Meningitis hindeuten.
Wie sieht die Diagnostik bei Nackenschmerzen aus?
Bei neu aufgetretenen Nackenschmerzen befragt die Ärzt*in die Patient*in zunächst ausführlich, wie stark die Beschwerden sind, wann sie auftreten und wie lange sie schon bestehen. Zusätzlich wird nach eigenen Behandlungsversuchen und deren Erfolg/Misserfolg gefragt, ebenso nach der Lebenssituation, mit besonderem Schwerpunkt auf Belastungen und Stress.
Wichtig sind auch vorangegangene Infektionen, Stürze oder Unfälle und begleitende Erkrankungen. Auch die Medikamenteneinnahme ist von Bedeutung: So begünstigt z. B. die langfristige Einnahme von Kortison eine Osteoporose, die sich an der Halswirbelsäule bemerkbar machen kann. Abgefragt werden auch immer die sogenannten B-Symptome Nachtschweiß, Gewichtsverlust und Leistungsknick. Diese können auf eine Tumorerkrankung hinweisen.
Nach der Erhebung der Krankengeschichte wird die Patient*in körperlich untersucht. Dabei prüft die Ärzt*in die Beweglichkeit der Halswirbelsäule und ob die Dornfortsätze (die Erhebungen entlang der Wirbelsäule) druckschmerzhaft sind. Meist tastet sie auch die Muskulatur ab und sucht nach Verspannungen und Verhärtungen.
Um die Beteiligung von Nerven auszuschließen, wird eine kurze neurologische Untersuchung durchgeführt. Dazu gehört u.a. die Prüfung von Kraft, Feinmotorik und Sensibilität (Gefühl) der Finger, meist werden auch das Gangbild und die Reflexe getestet.
In den allermeisten Fällen kann die Ärzt*in nach dieser ausführlichen Anamnese und Untersuchung eine strukturelle Ursache der akuten Nackenschmerzen ausschließen und die Diagnose „unspezifische Nackenschmerzen“ stellen. Eine weitere Diagnostik ist nur erforderlich, wenn entsprechende Hinweise gefunden wurden.
Mehr Diagnostik wird auch empfohlen, wenn die Nackenschmerzen trotz Behandlung länger als vier bis sechs Wochen anhalten und die Betroffenen sehr in ihren Aktivitäten einschränken. Dies kann ein Hinweis auf eine initial nicht erkannte spezifische Ursache sein.
Zu den weiteren Untersuchungen gehört vor allem die Bildgebung. Zu bevorzugen sind die CT und die MRT, da sich mit diesen Untersuchungsverfahren Frakturen, Tumoren, Infektionen und Neuropathien besser erkennen lassen als mit dem konventionellen Röntgen. Bei einem Verdacht auf Infektionen oder Tumoren kommen entsprechende Laboruntersuchungen zum Einsatz. Für diese Spezialuntersuchungen und zur Weiterbehandlung überweist die Hausärzt*in die Patient*in meist in eine entsprechende Facharztpraxis (Rheumatologie, Neurologie, Orthopädie).
Hinweis: Bildgebende Verfahren sind bei unspezifischen Nackenschmerzen in den allermeisten Fällen nicht erforderlich. Sie können sogar schaden, da darin oft Veränderungen in der HWS erkannt werden, die nicht Ursache der Schmerzen sind. Das kann unbegründete Ängste wecken, die Betroffenen unnötig belasten und manchmal sogar überflüssige Therapien nach sich ziehen.
Bewegung ist das A und O
Für das Selbstmanagement bei unspezifischen Nackenschmerzen gibt es einige nicht-medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten. Dazu gehören körperliche Aktivität, Wärme- oder Kältebehandlungen und Entspannungsübungen.
- Körperliche Aktivität: Betroffene mit unspezifischen Nackenschmerzen sollten sich bewegen, also körperlich aktiv bleiben. Wenn nötig, auch mithilfe einer medikamentösen Schmerztherapie (siehe unten). Sinnvoll sind auch leichte Übungen, z. B. die Halsmuskulatur anzuspannen und in sanfter Dehnung zu entspannen. Die Expert*innen der aktuellen Leitlinie zum unspezifischen Nackenschmerz empfehlen dazu ein Video-Beispiel auf youtube (https://www.youtube.com/watch?v=6-bu6N-emq4, vierte Übung). Weitere Übungen sind Schulterkreisen, Kopfneigen, Seitdehnung und Kinn-zur-Brust, alles natürlich sanft und schonend.
- Wärme oder Kälte: Wärme kann bei unspezifischen Nackenschmerzen die Schmerzen lindern und die Beweglichkeit bessern. Insgesamt gibt es dazu allerdings kaum Daten aus Studien, die Empfehlungen beruhen auf Expertenwissen. Empfohlen werden dafür z. B. aufgewärmte Körnerkissen. Auch Wärmepflaster oder eine heiße Rolle können hilfreich sein. Manche Betroffenen profitieren statt von Wärme eher von Kälteanwendungen. Sofern dies als schmerzlindernd empfunden wird, raten Expert*innen nicht davon ab.
- Entspannungsverfahren: Für den Effekt von Entspannungsverfahren wie der Progressiven Muskelrelaxation gibt es unterschiedliche Ergebnisse. In einigen Studien wurden Schmerzen und Beweglichkeit gebessert, in anderen nicht. Möglicherweise helfen Entspannungsverfahren aber dabei, das Stresserleben zu reduzieren und der Entwicklung chronischer Nackenschmerzen entgegenzuwirken.
Hinweis: Den Hals mit einer Halskrause oder einer Nackenschiene ruhig zu stellen wird bei unspezifischen Nackenschmerzen nicht empfohlen. Expert*innen gehen davon aus, dass dies eher schädlich wirkt: Einerseits bildet sich die Halsmuskulatur zurück, andererseits wird die Passivität der Betroffenen gefördert.
Medikamentöse Hilfe bei Nackenschmerzen
In manchen Fällen sind bei unspezifischen Nackenschmerzen Schmerzmittel erforderlich. Eine Schmerztherapie kann auch dazu dienen, beweglich und aktiv zu bleiben. In Frage kommen, wenn erforderlich, nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) und Metamizol.
- NSAR. Am häufigsten werden NSAR wie Ibuprofen, Diclofenac oder Naproxen eingesetzt. Ihr Effekt wird in Studien unterschiedlich bewertet. Zudem haben sie ein erhöhtes Risiko für Nebenwirkungen, insbesondere auf die Magenschleimhaut. Sie erhöhen auch das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Insgesamt gilt, dass sie so niedrig dosiert und so kurz wie möglich eingesetzt werden sollten. Für chronische unspezifische Nackenschmerzen werden sie aufgrund der genannten Nebenwirkungen nicht empfohlen.
- Metamizol. Für Patient*innen, die NSAR nicht vertragen oder ein zu hohes Risiko für die genannten Nebenwirkungen haben, stellt Metamizol eine Alternative dar. Dieses Präparat kann allerdings in sehr seltenen Fällen bestimmte Zellen im Blut verringern (Agranulozytose). Bei längerer Einnahme sollte deshalb regelmäßig das Blutbild kontrolliert werden. Außerdem müssen die Patient*innen die typischen Symptome Fieber, Halsschmerzen und Schleimhautläsionen kennen und bei deren Auftreten die Hausärzt*in aufsuchen.
Von anderen Schmerzmitteln wie Paracetamol und Opioiden rät die Leitlinie ab. Paracetamol soll aufgrund seiner mangelnden Wirkung auf Nackenschmerzen nicht genommen werden, Opioide aufgrund ihrer unerwünschten Wirkungen und ihres Suchtpotenzials.
Verschreibungspflichtige muskelrelaxierende (entspannende) Wirkstoffe werden bei unspezifischen Nackenschmerzen auch gerne angewendet. Allerdings ist ihre Wirkung in Studien kaum belegt. Bei akuten unspezifischen Nackenschmerzen mit starker Verspannung sind sie eine Behandlungsoption, wenn NSAR nicht anschlagen. Aufgrund ihrer möglichen Nebenwirkungen wie Blutbildstörungen, Schwindel oder zentraler Sedierung (Dämpfung) sollten sie allerdings nicht länger als zwei Wochen angewendet werden.
Hinweis: Für die Wirkung pflanzlicher Schmerzmittel wie Weidenrinde und Teufelskralle gibt es keine aussagekräftigen Studien. Ihr Einsatz wird deshalb in den Leitlinien nicht bewertet.
Chirotherapie, Akupunktur und Laser
Bei unspezifischen Nackenschmerzen werden auch häufig nicht-medikamentöse Verfahren und Methoden angeboten. Einige werden eher kritisch betrachtet, da ihre Wirkung nicht ausreichend belegt ist. Dazu kommt, dass viele der eingesetzten Methoden die Passivität der Betroffenen fördern. Dies steht im Widerspruch zu der Erkenntnis, dass körperliche Bewegung die Basis bei der Behandlung von unspezifischen Nackenschmerzen ist.
Grünes Licht geben die Expert*innen für die manuelle Therapie (Chirotherapie). Aktuellen Studien zufolge kann diese Technik bei akuten unspezifischen Nackenschmerzen die Schmerzen lindern und die Beweglichkeit der Halswirbelsäule bessern. Voraussetzung für eine Verordnung ist, dass keine Kontraindikationen wie Osteoporose, Schäden an der Wirbelsäule oder Gefäßkrankheiten vorliegen.
Die Akupunktur zeigt bei länger bestehenden unspezifischen Nackenschmerzen kleine bis mittlere Effekte. Insbesondere wenn andere Maßnahmen nicht greifen, kann sie versucht werden. Sie sollte aber – ebenso wie die Chirotherapie – mit aktivierenden Maßnahmen kombiniert werden.
Keinen Wirknachweis in kontrollierten Studien brachte die Behandlung mit Laser, Interferenzstrom oder Ultraschall. Gleiches gilt für die Behandlung mit medizinischen Bädern und Rotlicht, die deshalb nicht auf Kassenkosten verordnet werden sollten.
Auch Kinesiotapes werden manchmal bei akuten Nackenschmerzen eingesetzt. Eine Wirkung konnte allerdings bisher nicht belegt werden, zumal drohen allergische Reaktionen. Die Leitlinienautor*innen raten deshalb davon ab.
Hinweis: Bei chronischen unspezifischen Nackenschmerzen hat sich die kognitive Verhaltenstherapie als wirksam erwiesen. Sie kann Schmerzen, Angst vor Bewegung, Depressivität und allgemeine Ängstlichkeit bessern und wird vor allem im Rahmen eines multimodalen Therapiekonzepts empfohlen.
Quelle: S3-Leitlinie „Nicht-spezifische Nackenschmerzen“, AWMF-Register-Nr. 053-007 DEGAM-Leitlinie Nr. 13, Version 3.0, gültig bis 17.02.2030

