Gesundheit heute

Nephrotisches Syndrom

Nephrotisches Syndrom: Kombination von Wassereinlagerungen, Verlust von Körpereiweiß mit dem Urin und Eiweißmangel im Blut aufgrund einer akuten oder chronischen Nierenschädigung. Auslöser sind verschiedene akute oder chronische (Nieren-)Krankheiten. Lässt sich die Ursache beseitigen, verschwindet meist auch das nephrotische Syndrom. Eine besonders gute Prognose haben Kinder, bei denen sich ein nephrotisches Syndrom aus einer Glomerulonephritis entwickelt hat. Schlechtere Aussichten haben Patienten mit einer Antibasalmembran-Glomerulonephritis sowie Diabetiker. Bei ihnen führt das nephrotische Syndrom nicht selten zum chronischen Nierenversagen mit Dialysepflicht.

Symptome und Leitbeschwerden

  • Ödeme, vor allem in Beinen (Knöchel), Armen und Gesicht (Augenlider)
  • Gewichtszunahme, bedingt durch die Wassereinlagerungen
  • Schaumiger Urin
  • Neigung zu Thrombosen (Blutgerinnseln)
  • Erhöhter Blutdruck
  • Infektanfälligkeit.

2114_GTV_Gesichtsoedeme_nephrotisches_Syndrom.jpg|Diese 38-jährige Patientin ging wegen ihres geschwollenen Gesichts zum Arzt. Dieser diagnostizierte – auch aufgrund der Gesichtsödeme – ein nephrotisches Syndrom. |[GTV 2114]|Foto eines Gesichtsödems bei nephrotischem Syndrom

Wann zum Arzt

In den nächsten Tagen bei

  • Wassereinlagerungen in Armen, Beinen oder Gesicht
  • unerklärlicher Gewichtszunahme
  • schaumigem Urin.

Die Erkrankung

Krankheitsentstehung

Gesunde Nieren besitzen mit den Nierenkörperchen ein Filtersystem, das große Moleküle wie z. B. Eiweiße zurückhält und Wasser sowie kleinere Stoffe (z. B. Mineralien) durchlässt. Eiweiße verhalten sich in den Blutgefäßen wie ein Schwamm, der Wasser aufsaugt und bindet, und sorgen so dafür, dass der Wasserhaushalt von Blutgefäßen und Körpergewebe im Gleichgewicht bleibt. Beim nephrotischen Syndrom entstehen im Filtersystem der Niere "Lecks". Durch diese Lecks gehen große Mengen an Eiweiß über den Urin verloren. Diese Eiweiße sind es auch, die den Urin schaumig werden lassen. Infolge des starken Eiweißverlusts verlagert sich Flüssigkeit aus den Blutgefäßen ins Körpergewebe, das zu Ödemen an Beinen, Armen und im Gesicht führt. Die Wassereinlagerungen machen sich oft als erstes an den Augenlidern bemerkbar, da das Bindegewebe am Auge besonders locker ist.

Weitere Folgen eines nephrotischen Syndroms entstehen durch den Verlust wichtiger Proteine über die Niere:

  • erhöhte Infektanfälligkeit durch den Mangel an Immunglobulinen
  • Thromboseneigung durch den vermehrten Verlust von Antithrombin-III
  • Hyperlipidämie mit einem erhöhten Anteil von Cholesterin und Triglyceriden durch den Verlust bestimmter Transportproteine
  • Knochenerweichung durch Verlust von Vitamin D.

Ursachen

In ~ 75 % der Fälle entsteht das nephrotische Syndrom infolge einer Glomerulonephritis. Andere Ursachen sind Langzeitschäden des Diabetes wie die diabetische Nephropathie, aber auch die Nephrosklerose und die Amyloidose.

Diagnosesicherung

Am einfachsten ist der Nachweis von Eiweiß im Urin mit einem Urin-Teststreifen. Zur genaueren Untersuchung zieht der Arzt verschiedene Urin- und Blutuntersuchungen heran:

  • Urinuntersuchungen
    • 24-Stunden-Sammelurin: Messung des ausgeschiedenen Gesamteiweiß (normal ist ein Wert unter 150 mg, beim nephrotischen Syndrom werden über 3000 mg/24 ausgeschieden)
    • Eiweißelektropherese: Prüfung der Zusammensetzung der Eiweiße im Urin. Größe und Art der Eiweiße geben dem Arzt Hinweise über einen Nierenschaden
    • Urinsediment: mikroskopische Untersuchung der festen Bestandteile des Urins auf Eiweiß und Fettkörperchen in Zylindern und Zellen
  • Blutuntersuchungen

  • Gesamteiweiß, Albumin, Immunglobuline, Antithrombin III
  • Eiweißelektrophorese mit Aufschlüsselung der Zusammensetzung verschiedener Eiweiße im Blut
  • Triglyceride, Cholesterin
  • Blutbild
  • Nierenwerte zur Prüfung der Nierenfunktion (Kreatinin, Cystatin)

Im Ultraschall erkennt der Arzt oft vergrößerte Nieren mit einem verdichteten Nierengewebe. In den meisten Fällen ist für die genaue Diagnose zudem eine Nierenbiopsie notwendig.

Behandlung

Grundsätzlich versucht der Arzt immer sowohl die Beschwerden als auch die zugrunde liegende Ursache des nephrotischen Syndroms zu beseitigen, damit die Nieren nicht dauerhaft geschädigt werden. Zur Behandlung der Ursachen zählen die optimale Einstellung eines Diabetes, die Bekämpfung einer Niereninfektion oder das Absetzen schädlicher Medikamente. Bei einer Autoimmunerkrankung kommt Kortison oder auch eine stärkere immunsuppressive Therapie mit Cyclophosphamid oder Ciclosporin zum Einsatz.

Allgemeine Therapiemaßnahmen:

  • Kochsalzarme Diät, aber keine Eiweißrestriktion. Die Eiweißzufuhr soll etwa 1 g Eiweiß/kg Körpergewicht täglich betragen.
  • Diuretika (Entwässerungsmittel) zum Ausschwemmen der Ödeme
  • Medikamente zur Senkung der erhöhten Blutfette, vor allem CSE-Hemmer (Statine)
  • ACE-Hemmer oder AT1-Antagonisten bei Bluthochdruck. ACE-Hemmer und AT1-Antagonisten reduzieren zudem die vermehrte Proteinausscheidung.
  • Vitamin D-Präparate bei Vitamin-D-Mangel
  • Gerinnungshemmende Medikamente zur Thromboseprophylaxe.

Prognose

Die Prognose hängt von der ursächlichen Erkrankung ab. Die Minimal-Change Glomerulonephritis hat eine besonders gute Prognose, hier heilen über 90 % der Fälle mit Kortisongabe ab. Viele anderen Erkrankungen mit einem nephrotischen Syndrom führen auf lange Sicht zu einer Niereninsuffizienz mit Dialysepflicht.

Ihr Apotheker empfiehlt

Was Sie selbst tun können

Auf eine angemessene Eiweißzufuhr achten. Wenn Sie zu wenig Eiweiß zu sich nehmen, baut der Körper vermehrt Muskelmasse ab. Klären Sie mit Ihrem Arzt, wieviel Eiweiß täglich für Sie optimal ist. In der Regel werden 0,8 bis 1 g/kg Körpergewicht empfohlen.

Kochsalz reduzieren. Als Typ 2-Diabetiker sollten Sie Ihre Aufnahme von Kochsalz (Natriumchlorid) mit der Nahrung auf maximal 6 g täglich beschränken. Studien zufolge kann eine kochsalzarme Ernährung eine erhöhte Eiweißausscheidung über den Urin signifikant reduzieren und damit das Risiko für Nierenschäden verringern.

6 g Speisesalz entsprechen in etwa einem gestrichenen Teelöffel voll Salz. Laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung liegt die Speisesalzzufuhr bei ca. 70 % der Frauen und bei ca. 80 % der Männer derzeit zu hoch. Der größte Teil wird über verarbeitete Lebensmittel und den Verzehr außer Haus zubereiteter Speisen zugeführt. Um den Salzkonsum zu reduzieren, sollte der Verzehr verarbeiteter Lebensmittel reduziert und der Verzehr unverarbeiteter Lebensmittel, wie Gemüse und Obst gesteigert werden. Es empfiehlt sich, bei der Speisenzubereitung mit weniger Salz, dafür mit reichlich Gewürzen und Kräutern zu würzen. Es fällt leichter, die Salzzufuhr zu verringern, wenn dies in kleinen Schritten passiert, damit man sich an den schwächeren Salzgeschmack gewöhnen kann.

Weiterführende Informationen

www.nephie.de - Die Website der Selbsthilfegruppe Nephie e. V. bietet Betroffenen mit Nephrotischem Syndrom und Familienmitgliedern Informationen, Termine zum Thema Nephrotisches Syndrom und Ansprechpartner.

Von: Dr. André Lauber, Dr. med. Arne Schäffler in: Gesundheit heute, herausgegeben von Dr. med. Arne Schäffler. Trias, Stuttgart, 3. Auflage (2014). Überarbeitung und Aktualisierung: Dr. med. Sonja Kempinski
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App hilft Frauen mit Harninkontinenz

Erwachsene mit Harninkontinenz müssen oft Windeln oder Vorlagen tragen. Eine DiGA hilft vielen dabei, wieder trocken zu werden.

App hilft Frauen mit Harninkontinenz

Jede Vierte wieder „trocken“

Mit einer Harninkontinenz zu leben ist alles andere als angenehm, denn die Behandlung gestaltet sich oft schwierig. Doch jetzt gibt es digitale Hilfe: Ein Therapieprogramm per App besserte die Beschwerden betroffener Frauen ganz erheblich.

Harnverlust beim Niesen oder unerbittlicher Harndrang

Die Harninkontinenz ist ein häufiges Problem von Frauen. Jede dritte bis vierte soll im Verlauf ihres Lebens zumindest vorübergehen darunter leiden, insbesondere im Alter. Am häufigsten sind die Belastungsinkontinenz und die Dranginkontinenz. Bei der Belastungsinkontinenz geht z. B. beim Niesen oder Lachen Harn ab, bei der Dranginkontinenz kommt es zu plötzlichem und unkontrollierbarem Harndrang.

Behandelt wird meist mit einer Änderung des Lebensstils, Verhaltenstraining und der Stärkung des Beckenbodens mittels Physiotherapie. Alles unter einen Hut zu bringen, fällt Betroffenen oft nicht leicht. Zudem ist es schwierig, Termine zum Erlernen des Beckenbodentrainings zu bekommen. Doch jetzt gibt es Hilfe in Gestalt einer App mit dem Namen „Kranus Mictera“.

App gegen Harninkontinez entwickelt

In dieser App steckt ein von Expert*innen entwickeltes zwölfwöchiges Therapieprogramm, das Blasentraining, Beckenbodentraining, mentales Training, eine personalisierte Physiotherapie und ein Miktionstagebuch miteinander verknüpft. Dass die App funktioniert, wurde jetzt in einer Studie mit 194 betroffenen Frauen nachgewiesen. Sie litten an einer Dranginkontinenz, einer Belastungsinkontinenz oder einer gemischten Form.

Alle Frauen erhielten die Standardtherapie, bei der auch blasenwirksame Medikamente erlaubt waren. 96 Frauen nutzten zusätzlich die neue App, die restlichen Frauen waren die Kontrollgruppe.

Nach zwölf Wochen war die Gruppe mit der App signifikant im Vorteil. Bei ihnen war die Häufigkeit der Inkontinenzepisoden um gut 60% zurückgegangen, in der Kontrollgruppe nur um 1,7%. Die Forschenden berechneten, dass die Frauen mithilfe der App durchschnittlich 2,3 Harnverlustepisoden weniger hatten als vorher. Ohne die App war keine Verbesserung spürbar.

Fast ein Viertel wieder kontinent

23% der App-Nutzerinnen war nach zwölf Wochen nicht mehr inkontinent (in der Kontrollgruppe waren dies nur 2%). Sie benötigten deutlich weniger Vorlagen und mussten seltener die Blase entleeren. Die Blasenkapazität, also die Menge Urin, die die Blase halten kann, nahm um rund 30% zu. Insgesamt waren die Frauen mit der App sehr zufrieden, 79% von ihnen würden sie weiterempfehlen.

Die Forschenden heben hervor, dass Frauen aller Altersstufen von der App profitieren. Am größten war der Effekt bei den Über-60-Jährigen und bei Betroffenen mit einem BMI zwischen 25 und 30.

Inkontinenzapp als Kassenleistung

Die geteste App (Kranus mictera) wird nach Angaben des Herstellers von den gesetzlichen Krankenkassen zu 100% erstattet.

Quelle: Springer Medizin

Von: Dr. med. Sonja Kempinski; Bild: mauritius images / Mikhail Reshetnikov / Alamy / Alamy Stock Photos