Gesundheit heute

Hypophysenadenome

Hypophysenadenome: Gutartige Tumoren der Hypophyse (Hirnanhangsdrüse), die zu Hormonstörungen, Kopfschmerzen und Sehstörungen führen können. Je nach Art und Ausmaß ist eine Über- oder Unterproduktion der Hypophysenhormone möglich. Adenome, die keine Auswirkung auf den Hormonhaushalt haben und kleiner als 1 cm sind, werden meist nur regelmäßig kontrolliert. Zur Behandlung größerer oder hormonaktiver Tumoren gibt es verschiedene Optionen: Die operative Entfernung, die Verkleinerung durch Bestrahlung und die medikamentöse Therapie. Häufig werden auch verschiedene Maßnahmen kombiniert. Bei rechtzeitiger Behandlung ist die Prognose gut.

Symptome und Leitbeschwerden

  • Kopfschmerzen, Sehstörungen, Übelkeit und Erbrechen, wenn der Tumor wächst und auf benachbarte Hirnstrukturen drückt
  • Übermäßiges Wachstum von Händen, Füßen und Kopf bei Erwachsenen, bei Kindern ausgeprägtes Längenwachstum (bei Überproduktion des Wachstumshormons)
  • Unregelmäßiger Zyklus, Brustwachstum, verstärkter Milchfluss, Milcheinschuss ohne Schwangerschaft (bei Überproduktion von Prolaktin)
  • Bluthochdruck, Gewichtszunahme mit Fettumverteilungsstörungen (Vollmondgesicht, Stiernacken), Diabetes (bei Überproduktion von ACTH)
  • Müdigkeit, Gewichtsverlust, Verstopfung, Libidoverlust und Unfruchtbarkeit (wenn mehr als 80 % des Hypophysenvorderlappengewebes zerstört ist und eine Hypophysenvorderlappen-Unterfunktion vorliegt).

Wann in die Arztpraxis

Sofort als Notfall, wenn

  • plötzlich starke Kopfschmerzen oder Sehstörungen auftreten.

Demnächst, bei

  • Müdigkeit und Gewichtsverlust ohne erklärbare Ursache
  • Milcheinschuss ohne Schwangerschaft
  • starker Gewichtszunahme mit rumpf- und nackenbetonter Fettverteilung
  • Libidoverlust, Potenzstörungen.

Die Erkrankung

Hypophysenadenome sind gutartige Geschwulste (Wucherungen), die sich aus dem Drüsengewebe der hormonproduzierenden Hirnanhangsdrüse (Hypophyse) entwickeln. Sie sind relativ selten, auf 100.000 Personen kommen etwa 80 bis 100 Neuerkrankungen pro Jahr. Frauen sind etwas häufiger betroffen als Männer. Unter den Hirntumoren haben Hypophysenadenome einen Anteil von 10 bis 15 %.

Ursachen

In den meisten Fällen handelt es sich vermutlich um eine spontane, unkontrollierte Vermehrung von Zellen des Hypophysengewebes. Die Ursache dafür ist unbekannt, eine Rolle könnten Wachstumsfaktoren oder Rückkopplungsmechanismen der verschiedenen Hormonsysteme spielen. Es gibt allerdings auch einige, sehr seltene vererbte Erkrankungen, die ein erhöhtes Risiko für ein Hypophysenadenom mit sich bringen. Dazu gehört zum Beispiel die multiple endokrine Neoplasie Typ 1 (MEN-1-Syndrom).

Klinik

Hypophysenadenome sind gutartig und wachsen meist sehr langsam. Die Symptome sind sehr unterschiedlich und beruhen auf zwei verschiedenen Mechanismen: der Raumforderung im Gehirn und der Störung der Hormonproduktion.

Unterschieden werden hormonbildende Tumoren mit einer Überproduktion von Hypophysenhormonen (60 %) und hormoninaktive Tumoren, die zu keiner vermehrten Hormonausschüttung führen (40 %). Bei beiden Formen kann es durch Zerstörung von Hypophysengewebe parallel zu einer Hypophysenvorderlappen-Unterfunktion kommen.

Hormonstörungen. Je nachdem, welche der hormonbildenden Zellen der Hypophyse ungehemmt wachsen, droht eine Überproduktion des entsprechenden Hormons:

  • Sind die Prolaktin bildenden Zellen betroffen, spricht man von einem Prolaktinom. Das Prolaktinom ist der häufigste hormonaktive Hypophysentumor. Die übermäßige Produktion und Ausschüttung von Prolaktin hat bei Frauen Zyklusstörungen, Milchfluss ohne Schwangerschaft und Libidoverlust zur Folge. Bei Männern wächst die Brust und nimmt weibliche Formen an (Gynäkomastie).
  • Das somatotrope Adenom führt zu einer Überproduktion des Wachstumshormons Somatotropin (somatotropes Hormon, STH). Das bewirkt bei Kindern vor Abschluss des Skelettwachstums einen sogenannten Riesenwuchs (Gigantismus). Bei Erwachsenen vergrößern sich dagegen vor allem Hände, Füße, Nase, Kinn, Lippen oder Zunge. Diese Erkrankung wird als Akromegalie bezeichnet, bei der manchmal auch innere Organe vergrößert sind. Somatotrope Adenome machen etwa 20 % der hormonbildenden Hypophysenadenome aus.
  • Bildet das Hypophysenadenom zu viel ACTH (dieses Hormon stimuliert die Nebennierenrinde und damit u. a. die Cortisolproduktion), entwickelt sich ein Cushing-Adenom. Beim daraus entstehenden Morbus Cushing kommt es zu erheblichen Veränderungen des Stoffwechsels. In der Folge nehmen die Betroffenen stark zu, wobei sich Fett besonders im Nacken (Stiernacken) und im Gesicht (Vollmondgesicht) ablagert. Die Haut wird dünn, durch das Übergewicht bilden sich Schwangerschaftsstreifen am Rumpf. Weitere Folgen des ACTH-Überschusses sind Bluthochdruck, Diabetes, Osteoporose und Wassereinlagerungen im Gewebe. Oft entwickeln die Kranken auch Ängste und Depressionen.
  • Die Hypophyse bildet auch das Steuerhormon für die Schilddrüse (TSH). Zu einem thyreotropen Adenom, also zum ungehemmten Wachstum der TSH-bildenden Zellen, kommt es allerdings selten. Wird jedoch zu viel TSH ausgeschüttet, bildet sich eine Schilddrüsenüberfunktion mit Herzklopfen, Heißhunger, vermehrtem Schwitzen und Durchfällen.
  • FSH- und LH-bildende Tumoren (gonadotrope Adenome) betreffen eher ältere Menschen und verursachen selten Hormonstörungen. Sie fallen eher dadurch auf, dass sie anderes Hirngewebe verdrängen oder einengen.

Verdrängt der Tumor gesundes Hypophysengewebe, kommt es neben der Überfunktion einzelner Hormone auch zu einer hormonellen Unterproduktion (Hypophysenvorderlappen-Unterfunktion). Ein Wachstumshormonmangel führt z. B. bei Kindern zu Kleinwuchs und Entwicklungsstörungen. Ein Mangel an TSH löst eine Schilddrüsenunterfunktion mit Gewichtszunahme, Kälteintoleranz und Müdigkeit aus. Ein ACTH-Mangel kann eine Nebennierenrinden-Unterfunktion mit Abgeschlagenheit, Schwindel, Übelkeit und Muskelkrämpfen zur Folge haben.

Raumforderung im Gehirn. Stark wachsende Tumoren drücken häufig auf benachbartes Hirngewebe und führen dadurch zu Kopfschmerzen. Verlegt der Tumor dabei die Wege des Hirnwassers (Liquor), steigt der Hirndruck. Auch dadurch entstehen Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen. Außerdem drücken wachsende Hypophysenadenome oft auf den benachbarten Sehnerven. Dann drohen Sehstörungen wie Doppelbilder oder Gesichtsfeldausfälle. Wird der 3. Hirnnerv eingeengt, kann es zu unterschiedlichen Pupillenweiten kommen. Das liegt daran, dass dieser Nerv die Motorik der Pupille steuert.

2006_GTV_Sehstoerung_Anisokonie_Hypophysenadenom.jpg|63-jährige Patientin, die wegen ihrer ungleichen Pupillen (Anisokonie) und Sehstörungen zum Augenarzt ging. Bei ihr wurde nach einigen Untersuchungen die Diagnose eines Hypophysenadenoms gestellt. |[GTV 2005]|Ungleich große Pupillen bei einem Hypophysenadenom

Komplikationen

In sehr seltenen Fällen kann ein Hypophysenadenom bösartig werden, d. h. sich zu einem Hypophysenkarzinom entwickeln. Eine weitere gefährliche Komplikation ist die akute Einblutung in den Tumor mit plötzlichem Anstieg des Hirndrucks und Bewusstseinsstörung. Dies ist ein Notfall, der sofort eine intensive Behandlung erfordert.

Diagnosesicherung

Zunächst lässt sich die Ärzt*in von der Patient*in ausführlich die Symptome schildern. Je nach den genannten Beschwerden und eventuellen Befunden bei der körperlichen Untersuchung (Fettverteilung, Bluthochdruck) werden die entsprechenden Hypophysenhormone im Blut bestimmt. Da die Höhe dieser Steuerhormone auch von den Blutspiegeln der von ihnen stimulierten Drüsen abhängt, werden deren Werte oft gleich mitgemessen. Im Einzelnen sind dies:

  • Prolaktin
  • ACTH und Cortisol
  • Wachstumshormon (GH) und IGF-1 (Insulin-Like-Growth-Faktor)
  • LH und FSH, sowie Testosteron bei Männern und Östradiol bei Frauen
  • TSH und freies Schilddrüsenhormon (T4).

Auch Provokationstests helfen bei der Diagnose:

  • Glukosebelastungstest bei Verdacht auf ein somatotropes Adenom: Nach der Gabe von Glukose fällt normalerweise der Blutspiegel des Wachstumshormons. Dieser messbare Abfall bleibt bei einer Überproduktion von Wachstumshormon (z. B. durch einen Tumor) aus.
  • Dexamethasontest bei Verdacht auf ein Cushing-Adenom: Dazu nimmt die Patient*in einmalig abends um 23:00 Uhr Dexamethason ein. Am nächsten Morgen um 8:00 Uhr wird Blut entnommen und der Cortisolwert bestimmt. Werte über einem Grenzwert sprechen für eine autonome Überproduktion von ACTH.

Liegen Hinweise auf eine Hypophysenvorderlappen-Unterfunktion (Adynamie, Kälteintoleranz, Zyklusstörungen) vor, wird außerdem eine weiterführende Hormondiagnostik eingeleitet (siehe dort). Bei Sehstörungen ist eine gründliche augenärztliche Untersuchung angezeigt.

Zur Sicherung der Diagnose und zur Behandlungsplanung dienen bildgebende Verfahren. Am besten eignet sich dafür die Magnetresonanztomografie. Mit ihrer Hilfe lassen sich Größe und Lage der Hypophyse beurteilen. Außerdem kann man darin erkennen, ob die Hirnanhangdrüse auf benachbarte Strukturen drückt.

Behandlung

Hormoninaktive Tumoren, die kleiner als 1 cm sind, werden in der Regel zunächst beobachtet. Solange sie nicht wachsen und keine Beschwerden verursachen, ist keine Therapie erforderlich.

Bei allen anderen Hypophysenadenomen (außer beim Prolaktinom) ist die operative Entfernung des Tumors erforderlich. Das geschieht meist minimalinvasiv durch die Nase (transsphenoidaler Zugang), selten muss der Schädel eröffnet werden. Ist der Tumor schlecht erreichbar oder nicht vollständig zu entfernen, kommen die Bestrahlung oder radiochirurgische Verfahren (z. B. das Gamma-Knife) zum Einsatz.

Medikamentöse Behandlung

Prolaktinome behandelt man zunächst medikamentös mit Dopamin-D2-Agonisten wie Bromocriptin, Quinagolid oder Cabergolin. In 95 % der Fälle verkleinert sich der Tumor und der Prolaktinspiegel im Blut normalisiert sich. Gelingt dies nicht, wird operiert. Führt auch dies nicht zum Erfolg, ist die Bestrahlung eine Option.

Medikamente helfen auch, wenn sich ein somatotropes Adenom weder durch Operation noch Bestrahlung entfernen lässt. Dann können Ausschüttung bzw. Wirkung des Wachstumshormons mit Bromocriptin, Octreotid oder Pegvisomant medikamentös gehemmt werden.

Komplikationen bei der Operation

Durch die Entfernung oder Schrumpfung des Hypophysenadenoms kommt es manchmal zu einer Hypophysenvorderlappen-Unterfunktion. Diese ist meist nur vorübergehend. In einigen Fällen bleibt sie aber auch dauerhaft bestehen und macht eine lebenslange Hormontherapie erforderlich.

Manche Adenome durchbrechen die Hirnhaut an der Schädelbasis, also dort, wo die Hypophyse aufliegt. Dann droht ein Hirnwasser-Leck, wodurch Hirnwasser aus der Nase fließt. Dieses Leck muss in einer zweiten Operation verschlossen werden, damit keine Keime über die Nase in das Gehirn aufsteigen.

Prognose

Die Mehrheit der Hypophysenadenome ist heute gut behandelbar und hat eine positive Langzeitprognose. Dies gilt insbesondere, wenn der Tumor klein ist und sich gut abgrenzen und komplett entfernen lässt. Manchmal bleibt jedoch nach der Operation eine dauerhafte Hypophysenvorderlappen-Unterfunktion zurück. In diesen Fällen ermöglicht der Hormonersatz ein nahezu normales Leben. Auch Prolaktinome haben eine gute Prognose. Bei entsprechender medikamentöser Behandlung verkleinern sie sich in den meisten Fällen, wodurch eine Operation unnötig wird.

Ihre Apotheke empfiehlt

Notfallausweis mitführen. Patient*innen, die an der Hypophyse operiert worden sind oder aufgrund ihres Hypophysenadenoms eine Hypophysenvorderlappen-Unterfunktion haben, sollten immer einen Notfallausweis mit sich führen. Das ist wichtig, damit bei Unfällen oder anderen Notfällen die behandelnden Ärzt*innen erkennen, dass der Betroffene evtl. täglich Hormone oder eine anderweitige medikamentöse Therapie benötigt.

Ärzte informieren. Alle behandelnden Ärzte müssen darüber informiert werden, wenn die Patient*in an einer Hypophysenerkrankung leidet. Die wichtigsten Krankenunterlagen sollten deshalb immer zu ärztlichen Kontakten mitgebracht werden. Sind Operationen, zahnärztliche Eingriffe oder eine Darmspiegelung geplant, muss die z. B. bei ACTH-Mangel erforderliche Hydrocortison-Dosis daran angepasst werden.

Rat suchen. Das Hypophysenadenom ist eine Erkrankung, die viele Bereiche des Lebens beeinträchtigen kann. Selbsthilfegruppen sind eine wichtige Unterstützung, weil sich darin Betroffene und Angehörige offen austauschen und gegenseitig Rat und Tipps geben können.

Weiterführende Informationen

Das "Netzwerk für Hypophysen- und Nebennierenerkrankungen e.V." bietet auf seiner Webseite umfangreiches Informationsmaterial sowie Kontaktmöglichkeiten zu einer der in Deutschland zahlreich vertretenen regionalen Selbsthilfegruppen.

Von: Kristine Raether-Buscham, Dr. med. Arne Schäffler in: Gesundheit heute, herausgegeben von Dr. med. Arne Schäffler. Trias, Stuttgart, 3. Auflage (2014). Überarbeitung und Aktualisierung: Dr. med. Sonja Kempinski
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Sicher feiern mit Diabetes

Bei Diabetes sind Sommerpartys eine Herausforderung für den Stoffwechsel – die sich aber mit der richtigen Vorbereitung gut meistern lässt.

Sicher feiern mit Diabetes

Ob Badesee oder Festival

Grillpartys, Musikfestivals oder entspannte Nachmittage am Badesee gehören für viele Menschen zu den schönsten Erlebnissen des Sommers. Auch Menschen mit Diabetes können diese Momente ohne Einschränkungen genießen. Sie sollten sich auf das Feiern aber etwas vorbereiten, um die gesundheitlichen Risiken zu reduzieren.

Sommerfeste und Diabetes – warum besondere Vorsicht nötig ist

Der Körper reagiert im Sommer anders als in den kühleren Monaten. Hitze beeinflusst den Kreislauf, den Flüssigkeitshaushalt und den Stoffwechsel. Diese Veränderungen wirken sich auf Menschen mit Diabetes in besonderem Maße aus und können, sofern man sie nicht beachtet, zu Problemen führen. Hohe Temperaturen steigern die Durchblutung, so dass Insulin schneller wirkt und es leichter zu Unterzuckerungen kommt. Gleichzeitig verliert man durch das Schwitzen mehr Flüssigkeit. Wird dieser Verlust nicht ausgeglichen, drohen Kreislaufprobleme und Stoffwechselstörungen.

Hinzu kommt, dass insbesondere Sommerveranstaltungen selten nach einem festen Rhythmus ablaufen. Mahlzeiten werden ausgelassen, Snacks vergessen oder Essenszeiten verschoben. Gleichzeitig bewegen sich viele Menschen deutlich mehr als sonst. Tanzen, lange Wege auf einem Festivalgelände oder sportliche Aktivitäten erhöhen den Energieverbrauch und können den Blutzuckerspiegel zusätzlich senken.

Zudem sind viele Sommerveranstaltungen eng mit Alkohol verbunden. Alkohol beeinflusst nicht nur den Blutzuckerspiegel, sondern auch die Wahrnehmung von Unterzuckerungen. Besonders gefährlich ist, dass die Symptome einer Hypoglykämie leicht von Außenstehenden mit normaler Trunkenheit verwechselt werden können.

Hinweis: Auch Schlafmangel beeinflusst die Stoffwechsellage. Wer mehrere Nächte zu wenig schläft, produziert vermehrt Stresshormone wie Cortisol. Diese Hormone können den Blutzucker ansteigen lassen. Die Folge sind oft starke Schwankungen zwischen hohen und niedrigen Werten.

Vorbereitung auf Sommerfeste und Festivals

Eine gute Planung erleichtert Menschen mit Diabetes den Aufenthalt auf Sommerveranstaltungen erheblich. Besonders bei mehrtägigen Festivals sollte nichts dem Zufall überlassen werden. Diese Punkte gehören zu einer guten Vorbereitung dazu:

Medikamente und Hilfsmittel vollständig einpacken. Wer mit Diabetes unterwegs ist, sollte natürlich ausreichend Medikamente und Diabeteszubehör dabeihaben. Dazu gehören unter anderem: 

  • Insulin oder orale Antidiabetika 
  • Blutzuckermessgerät, Teststreifen, Sensoren und Zubehör, Ersatzbatterien oder Akkus
  • Pen-Nadeln und Spritzen, Alkoholtupfer, Desinfektionsmittel.

Da Festivalgelände oder Campingplätze häufig staubig und verschmutzt sind, spielen Hygiene und saubere Lagerung eine wichtige Rolle. Desinfektionstücher und Händedesinfektionsmittel helfen dabei, Infektionen und fehlerhafte Messungen zu vermeiden. Wer eine Insulinpumpe verwendet, sollte diese vor der Abreise gründlich kontrollieren. Die Akkus müssen vollständig geladen sein und Ersatzmaterial sollte mitgeführt werden.

Insulin richtig lagern. Insulin reagiert empfindlich auf hohe Temperaturen und darf weder direkter Sonneneinstrahlung noch extremer Hitze ausgesetzt werden. Deshalb empfiehlt sich der Transport in speziellen Kühltaschen oder isolierten Behältern (Thermosflasche). Wichtig ist, dass Insulin nicht direkt auf Kühlakkus gelegt wird, da Einfrieren die Wirksamkeit zerstören kann. Große Festivals verfügen häufig über medizinische Stationen oder Sanitätszelte, in denen man Medikamente kühl lagern kann. Sinnvoll ist es, dies vorab mit dem Veranstalter oder dem Sanitätsdienst zu klären. Um Verwechslungen zu vermeiden, sollten Medikamente eindeutig beschriftet werden.

Notfallvorsorge nicht vergessen. Traubenzucker oder schnell verfügbare Kohlenhydrate sollten immer griffbereit sein. Kleine Snacks können helfen, Unterzuckerungen rechtzeitig auszugleichen.

Freunde informieren. Freunde oder Begleitpersonen sollten über den Diabetes Bescheid wissen. Ebenso wichtig ist es, dass sie die Anzeichen einer Unterzuckerung erkennen und im Ernstfall richtig reagieren können.

Hinweis: Es empfiehlt sich, einen Diabetesausweis mitzuführen oder ein medizinisches Armband mit wichtigen Informationen zur Erkrankung anzulegen. So können im Notfall Außenstehende leicht informiert werden.

Blutzucker im Sommer häufiger kontrollieren

All die genannten Faktoren verändern den Stoffwechsel oft schneller als erwartet. Deshalb sollten Menschen mit Diabetes im Sommer häufiger ihren Blutzucker messen. Besonders wichtig sind Kontrollen: 

  • vor körperlicher Aktivität 
  • vor dem Schwimmen
  • vor dem Schlafengehen 
  • vor und nach Alkoholkonsum 
  • bei Hitze oder Kreislaufproblemen

Kontinuierliche Glukosemesssysteme können dabei eine große Hilfe sein, denn sie informieren mithilfe von Warnsignalen frühzeitig über kritische Werte. Diejenigen, die ihren Blutzucker nicht automatisch, sondern selbst messen, können sich Alarmzeiten im Smartphone einstellen. Das erinnert ans Messen und ist besonders bei Festivals oder langen Partynächten praktisch.

Gesund und blutzuckerfreundlich schlemmen

Menschen mit Diabetes müssen beim Grillen oder Feiern nicht auf Genuss verzichten. Entscheidend ist eine ausgewogene Auswahl: Besonders geeignete Lebensmittel sind Fisch, Hähnchen- oder Putenfleisch, gegrilltes Gemüse, frische Salate und Vollkornprodukte. Vor allem Gemüsesorten wie Paprika, Zucchini, Auberginen oder Pilze liefern Ballaststoffe und Vitamine und beeinflussen den Blutzucker meist nur wenig.

Für Menschen mit Diabetes ist es wichtig, versteckte Zucker zu erkennen. So enthalten z. B. viele Grillsoßen und Marinaden überraschend viel davon, wodurch der Blutzuckerspiegel schneller ansteigt als erwartet. Auch Beilagen wie Weißbrot, Kartoffelsalat oder Nudelsalat enthalten große Mengen Kohlenhydrate. Deshalb sollte die Portion bewusst gewählt werden.

Komplett auf Eis, Kuchen oder süße Getränke zu verzichten ist nicht zwingend notwendig. Entscheidend ist, die Menge im Blick zu behalten und den Einfluss auf den Blutzucker zu berücksichtigen. Frisches Obst kann eine gute Alternative darstellen. Dennoch enthalten auch Früchte natürlichen Zucker und sollten nicht unbegrenzt verzehrt werden.

Hinweis: Festivals stellen in puncto Mahlzeiten oft eine besondere Herausforderung für Menschen mit Diabetes dar. Meist gibt es vor allem Essen mit viel Zucker, Salz und Fett. Es ist also sinnvoll, seine eigenen Snacks mitzunehmen, z. B. in Form von Vollkornriegeln, belegten Broten, Nüssen, Obst oder geeigneten Crackern.

Alkohol und Diabetes

Auf Sommerfesten und Festivals wird häufig Alkohol getrunken. Wer Diabetes hat, sollte die Wirkung alkoholischer Getränke auf den Stoffwechsel kennen.

Alkohol beeinflusst den Blutzucker auf unterschiedliche Weise. Kurz nach dem Trinken steigen die Werte teilweise an. Einige Stunden später kann der Blutzucker jedoch stark absinken. Der Grund dafür liegt in der Leber: Normalerweise gibt sie Zucker ins Blut ab, wenn der Körper ihn braucht. Alkohol bremst diesen Vorgang – deshalb kann der Blutzucker später stark abfallen, besonders wenn zusätzlich Insulin oder Diabetesmedikamente wirken. Solche Unterzuckerungen können selbst noch während der Nacht oder erst am nächsten Morgen entstehen.

Ein weiteres Problem: Unter Alkoholeinfluss nehmen viele Menschen Warnzeichen einer Hypoglykämie schlechter wahr. Zittern, Schwitzen, Konzentrationsstörungen und Kopfschmerzen werden leicht mit Trunkenheit verwechselt, sodass auch Außenstehende die Gefahr häufig nicht rechtzeitig erkennen.

Für einen verantwortungsvollen Alkoholgenuss gilt: 

  • Alkohol niemals auf nüchternen Magen trinken. Alkohol sollte immer zusammen mit kohlenhydrathaltigen Speisen konsumiert werden. Geeignet sind beispielsweise Brot, Vollkornprodukte oder kleine Snacks. 
  • Wasser trinken! Zwischen alkoholischen Getränken sollte man regelmäßig zu Wasser greifen, da Alkohol dem Körper Flüssigkeit entzieht. 
  • Alkoholsorten beachten. Nicht jede Alkoholart wirkt gleich auf den Blutzucker. Cocktails, Liköre oder süße Mischgetränke enthalten oft viel Zucker und können kurzfristig hohe Blutzuckerwerte verursachen. Spirituosen wie Wodka oder Whiskey enthalten dagegen kaum Kohlenhydrate. Sie führen eher zu einem schnellen Blutzuckerabfall.

Hinweis: Menschen, die das Diabetesmedikament Metformin einnehmen, müssen mit Alkohol besonders vorsichtig sein. Denn übermäßiges Trinken kann in Kombination mit diesem Medikament zu einer gefährlichen Anreicherung von Milchsäure im Blut führen (Laktatazidose).

Bewegung, Sport und körperliche Aktivität

Sommerveranstaltungen sind oft mit viel Bewegung verbunden. Lange Wege, Tanzen oder sportliche Aktivitäten erhöhen den Energieverbrauch deutlich. In der Folge sinkt der Blutzucker häufig schneller als gewohnt. Menschen mit Diabetes sollten deshalb ausreichend Snacks dabeihaben und regelmäßig ihre Werte kontrollieren.

Wird am Wasser gefeiert, kommen weitere Herausforderungen hinzu. Schwimmen beeinflusst den Stoffwechsel, wobei kaltes Wasser den Energieverbrauch zusätzlich erhöht. Im Wasser werden Warnzeichen einer Unterzuckerung leicht übersehen, weil Zittern oder Schwäche fälschlicherweise auf das kalte Wasser geschoben werden. Deshalb ist es wichtig, vor dem Schwimmen den Blutzucker zu messen. Achtung, dafür müssen die Hände gut abgetrocknet werden: Denn Wasser kann die Messergebnisse verfälschen. Bei längeren Aufenthalten im Wasser sollte man den Blutzucker auch zwischendurch immer wieder kontrollieren.

Hinweis: Inzwischen gibt es immer mehr Menschen mit Diabetes, die eine Insulinpumpe tragen. Je nach Art bleibt die Pumpe am Körper (Herstellerhinweise bezüglich der Wasserdichtigkeit beachten!) oder wird kurzzeitig abgekoppelt. Davor ist es allerdings ratsam, die Blutglukose zu messen.

Hitze richtig bewältigen

Hohe Temperaturen lassen den Flüssigkeitsbedarf deutlich steigen. Wer zu wenig trinkt, riskiert Kreislaufprobleme und Stoffwechselentgleisungen. Wasser ist das beste Getränk bei Hitze, aber auch ungesüßter Tee eignet sich gut. Besonders bei Festivals oder langen Aufenthalten im Freien sollte immer eine Wasserflasche griffbereit sein.

Hitze schadet nicht nur dem Insulin. Auch andere Arzneimittel leiden unter hohen Temperaturen und dürfen niemals längere Zeit im Auto oder in direkter Sonne gelagert werden. Damit Blutzuckermessgeräte, Sensoren und Teststreifen einwandfrei funktionieren, müssen sie trocken und möglichst kühl aufbewahrt werden.

Körperliche Anstrengung sollte man möglichst auf morgens oder abends verschieben. In der Mittagshitze wird der Kreislauf besonders stark belastet. Leichte Kleidung, Kopfbedeckungen und schattige Plätze schützen Kopf und Körper, wenn es zu heiß wird.

Ältere Menschen mit Diabetes leiden häufig zusätzlich unter Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Bluthochdruck und müssen deshalb besonders aufpassen. Hitze setzt ihrem Kreislauf besonders zu und das Risiko für Schwindel oder Erschöpfung steigt. Hinzu kommt, dass ältere Menschen oft weniger Durst verspüren und zu wenig trinken. An heißen Tagen sollte daher bewusst und regelmäßig Flüssigkeit aufgenommen werden.

Schlafmangel und Stress

Nicht zu unterschätzen sind der Stress und der Schlafmangel, die ausgiebiges Feiern häufig mit sich bringen. Die langen Nächte und der mangelnde Schlaf wirken sich direkt auf den Stoffwechsel aus. Der Körper schüttet unter Stress vermehrt Hormone aus, die den Blutzucker erhöhen können.

Gleichzeitig steigt bei Müdigkeit die Gefahr, Warnzeichen einer Unterzuckerung zu übersehen. Deshalb sind insbesondere für Menschen mit Diabetes regelmäßige Ruhephasen wichtig – selbst während Festivals oder längerer Feiern. Festivals bieten oft Zelte oder andere Räume für einen Rückzug an. Am besten informiert man sich im Vorfeld oder spätestens zu Beginn der Veranstaltung, wo man diese Orte findet.

Am Tag nach der Feier …

Wenn es beim Feiern hoch hergegangen ist, sollten Menschen mit Diabetes drei Dinge im Blick behalten: Die Nachwirkung von Alkohol, die Schwankungen des Blutzuckers und die Erholung des Körpers.

Nach ausgiebigem Alkoholgenuss kann der Blutzucker noch bis zu 12–24 Stunden später abfallen, weil die Leber weiterhin mit dem Alkoholabbau beschäftigt ist und weniger Zucker ins Blut abgibt. Deshalb: auch am Morgen danach regelmäßig den Blutzucker messen.

Um den Flüssigkeitshaushalt zu stabilisieren, sollte viel getrunken werden, am besten ungesüßter Tee oder Mineralwasser. Leicht verdauliche Kohlenhydrate und etwas Eiweiß helfen dem Körper am Tag danach, sich zu regenerieren. Hohe Zucker- und Fettspitzen belasten den Stoffwechsel und sind deshalb zu vermeiden.

Körperliche Anstrengungen am Morgen nach dem Festival sollte man unterlassen. Denn selbst wenn man sich fit fühlt, kann der Stoffwechsel noch beeinflusst sein. Unterzuckerungen drohen insbesondere, wenn Insulin gespritzt oder Sulfonylharnstoffe eingenommen werden.

Quellen: Deutsche Diabetische Gesellschaft, Deutsche Apothekerzeitung, Nationale Versorgungsleitlinie Diabetes

Von: Dr. med. Sonja Kempinski; Bild: mauritius images / Hemis.fr / Patrick Frilet