Gesundheit heute

Alterssichtigkeit

Alterssichtigkeit (Presbyopie): Physiologisches Nachlassen der Nahanpassungsfähigkeit und dadurch zunehmende Fehlsichtigkeit im Nahbereich durch Verhärtung der Augenlinse im Alter.

Die Linse kann sich ab dem 35. Lebensjahr immer weniger verformen ("akkommodieren"), sie wird härter, behält infolgedessen beim Blick in die Nähe ihre abgeflachte Form und hat damit eine geringere Brechkraft. Aus der Nähe einfallende Lichtstrahlen werden hinter der Netzhaut gebündelt und ergeben so ein unscharfes Bild. Die Korrektur erfolgt mit Sammelgläsern (Lesebrillen). Die erste Lesebrille wird meist um das 45. Lebensjahr ausprobiert. Mit 60, spätestens 70 Lebensjahren ist die Akkommodationsfähigkeit praktisch erloschen.

Hinweis: der Begriff "Altersweitsichtigkeit" wird oft synonym zu Alterssichtigkeit verwendet. Das ist aber unrichtig: Die Alterssichtigkeit hat nichts mit Weitsichtigkeit zu tun - und ist im Gegensatz zu dieser auch keine Krankheit, sondern ein normaler altersbedingter Funktionsverlust. Der Begriff "Altersweitsichtigkeit" sollte deshalb vermieden werden.

Symptome und Leitbeschwerden

  • Das Lesen fällt schwer, wird der Text weiter weg gehalten, ist er wieder scharf: "die Arme werden länger"
  • Schnelles Ermüden der Augen beim längeren Lesen
  • Dauerkopfschmerzen.

Die Erkrankung

Krankheitsentstehung

Die Alterssichtigkeit entsteht, wenn das Auge seine Fähigkeit zur Akkommodation allmählich einbüßt: Die Linse ist von einer festen Kapsel umgeben. Lebenslang werden vom Linsenrand her neue Linsenfasern gebildet. Da durch die feste Kapsel keine Zellen verloren gehen, drängen die neuen Fasern nach und nach ins Innere und verdichten das dortige Gewebe. Mit zunehmendem Alter nimmt daher der Wasseranteil der Linse ab und der unlösliche Eiweißanteil zu.

Die Linse wird somit starrer, verliert an Elastizität und geht auch bei entspannten Aufhängefasern nicht mehr in die kugelige Form zurück. Die Naheinstellung wird schwieriger – dies ist der Beginn der Alterssichtigkeit. Bei den meisten Menschen zwischen 45 und 50 Jahren ist eine Korrektur von etwa +0,75 dpt nötig.

Verlauf

Alle 5 Jahre verringert sich die Akkommodationsleistung um weitere 0,75 dpt, bis sie im Alter von 60–70 Jahren ganz verloren geht. Dann ist keinerlei Akkommodation mehr möglich und man hat seinen Maximalbrillenwert mit +2,5 bis +3,0 dpt erreicht.

Bei Weitsichtigkeit. Bei Weitsichtigen fällt die Alterssichtigkeit früh auf: Unter Umständen ist die erste Lesebrille schon mit Mitte 30 nötig. Der Augapfel ist zu kurz, die zunehmend fehlende Brechkraft der Linse muss durch stärkere Brillen ausgeglichen werden.

Bei Kurzsichtigkeit. Hingegen wird eine bestehende Kurzsichtigkeit von -2,5 bis -3 dpt durch die Alterssichtigkeit für den Nahbereich scheinbar ausgeglichen. Der Augapfel ist zu lang, es entsteht wieder eine scharfe Abbildung auf der Netzhaut, wenn im Abstand von 33 cm ohne Brille gelesen wird – aber ohne dass eine Akkommodation erfolgt, da der Text in den Fernpunkt des Auges gehalten wird. Kurzsichtigkeit und Alterssichtigkeit haben sich somit günstig ergänzt: Zum Lesen kann manchmal auf die Brille verzichtet werden.

Diagnosesicherung

Nach der Sehschärfenbestimmung für die Ferne (siehe auch Kurzsichtigkeit und Weitsichtigkeit) bestimmt der Arzt die Sehleistung für die Nähe mit Lesetafeln. Das macht er für jedes Auge einzeln, da die Stärke der Alterssichtigkeit für beide Augen durchaus unterschiedlich sein kann.

Behandlung

Brille

War der Betroffene bisher normalsichtig, wird ihm als erstes eine reine Lesebrille von z. B. +1 dpt angepasst. Diese Brille hat Sammelgläser und muss für die Ferne abgesetzt werden. Wer nicht zum Augenarzt oder Optiker will, kann einfache Lesebrillen mit +1 dpt. auch in der Drogerie oder im Internet für wenige Euro kaufen - und so ausprobieren, ob sie hilft.

Die zweite Lesebrille braucht dann meist schon +1,5 oder +2 dpt. und muss nicht nur für die Ferne, sondern auch für die Arbeit am Bildschirm abgesetzt werden. Spätestens jetzt stellt sich die Frage nach Gleitsichtgläsern, die eine stufenlose Fern- und Nahsicht erlauben (siehe unten).

Für die Arbeit am Computer passt der Augenoptiker eine spezielle Bildschirmbrille an, die genau diesen Arbeitsbereich von 60–80 cm Distanz scharf stellt. Sie hat für ansonsten Normalsichtige typischerweise eine Stärke von etwa +1,25 dpt.

Bei bisheriger Weit- oder Kurzsichtigkeit. Komplizierter wird die Lesebrillenverordnung für Patienten mit bestehender Kurz- oder Weitsichtigkeit. Der Kurzsichtige erhält als Lesebrille eine Brille mit schwächeren Zerstreuungslinsen; so wird bei bestehender Kurzsichtigkeit von -3 dpt eine Lesebrille mit z. B. -1,5 dpt verordnet. Umgekehrt erhält der Weitsichtige eine Brille mit noch stärkeren Sammellinsen als Lesebrille. Um ständigen Brillenwechsel zu vermeiden, kann auch eine Brille verordnet werden, die zwei Sehstärken kombiniert.

  • Mit einer Bifokal-Brille (Bifokalgläser oder Zweistärkengläser) kann der Patient mit einer Sehhilfe sowohl in der Ferne alles scharf sehen als auch lesen – er muss also nicht ständig zwischen zwei Brillen hin und her wechseln. Bei einer Bifokal-Brille ist im oberen Glasbereich die Korrekturstärke für die Fernsicht und im unteren Bereich die für die Nähe eingeschliffen.
  • Bei Trifokalgläsern sind drei verschiedene Korrekturstärken in die Brille eingeschliffen.

Gleitsichtgläser weisen zusätzlich zwischen den beiden Zonen für Fern- bzw. Nahsicht einen Bereich mit einer Korrekturstärke auf, die ein entspanntes Sehen in Mitteldistanzen (z. B. auf dem Bildschirm) ermöglicht. Bei Gleitsichtgläsern sind die Übergänge zwischen den Zonen unsichtbar ins Glas eingeschliffen. Da die Augenmuskeln koordiniert bewegt werden müssen, um für die jeweilige Entfernung die geeignete Stelle im Glas zu finden, sind diese Brillen anfangs gewöhnungsbedürftig. Die meisten Menschen freunden sich aber mit ihren Gleitsichtgläsern an, weshalb Bi- und erst Trifokalbrillen kaum noch getragen werden.

Kontaktlinsen

Zweistärken-/Mehrstärken-Kontaktlinsen ähneln Bifokal-Brillen, haben also einen oberen Bereich für die Fernsicht und einen unteren für die Nahsicht. Damit sie immer in der gleichen Position bleiben und sich nicht drehen, haben sie unten einen verdickten Rand, dessen Gewicht die Linsen in der gewünschten Position hält.

Nachteilig ist, dass beim "Scharfstellen" auf die Nähe nicht der Augapfel nach unten geschwenkt, sondern der ganze Kopf nach hinten (!) gekippt werden muss. Dies verursacht häufig Nackenschmerzen - und sieht für Außenstehende z. T. auch merkwürdig aus.

Alternativ gibt es auch konzentrische Zweistärkenlinsen mit kreisförmig angeordneter innerer Zone für die Nahsicht und äußerer Zone für die Weitsicht. Alle Systeme erfordern eine erhebliche Eingewöhnungszeit, auch empfinden viele Anwender das Bild als unscharf, weil sich gleichzeitig 2 Bilder (1 scharfes und 1 verschwommenes) auf die Netzhaut projizieren.

Operative Therapien

Eine "einfache" Lasertherapie wie beispielsweise zur Behandlung der Kurzsichtigkeit gibt es für die Alterssichtigkeit nicht. Es stehen jedoch einige operative Verfahren zur Verfügung:

Monovision. Dabei trägt der Arzt mit dem Laser die Hornhaut eines Auges so ab, dass es in die Ferne scharf sieht, das andere Auge so dass es in der Nähe scharf sieht. Somit sieht der Patient mit einem Auge in der Ferne, mit dem anderen in der Nähe scharf. Einige Betroffene kommen gut klar mit dieser Methode - etliche aber auch nicht. Sie haben z.B. Probleme mit dem räumlichen Sehen. Bevor die Augen passend zurechtgelasert werden, kann der Patient mit Kontaktlinsen deshalb testen, ob sein Gehirn mit dieser Sehweise gut klarkommt.

Implantation von Multifokallinsen. Hierbei werden neue Linsen im Auge platziert, die für alle 3 Sehbereiche (Lesen, Computer, Ferne) mit dem Laser passend "scharf" geschliffen sind. Dieses Verfahren wird immer häufiger durchgeführt, viele Patienten sehen sehr gut damit - und sind außerdem das Thema "Brille" los. Allerdings haben die Multifokallinsen naturgemäß keinerlei Akkommodationsfähigkeit, weshalb das Verfahren erst sinnvoll ist, wenn die eigenen "echten" Linsen ihre Akkommodationsfähigkeit eingebüßt haben, also nicht vor dem 60. Lebensjahr.

Andere Verfahren wie die Konduktive Keratoplastik, bei der die Hornhaut mit Radiowellen angepasst wird, sowie Hornhautimplantate oder das Weichlasern der Linse eignen sich für spezielle Fälle von Alterssichtigkeit und sind z. T. noch in der Erprobung.

Komplikationen

Besonders Kopfschmerzen und Ermüdungserscheinungen der Augen sind häufige Begleiterscheinungen, wenn sich das Gehirn an eine neue Brille gewöhnen muss. Halten die Beschwerden nach zwei Wochen immer noch an, sollten Sie sich wieder beim Optiker oder Augenarzt vorstellen, um die Ursache zu klären.

Prognose

Die Alterssichtigkeit ist ein physiologischer, im 4. Lebensjahr beginnender und bis zum 60.–70. Lebensjahr zum Abschluss kommender Funktionsverlust, der nahezu alle Menschen trifft. Sie hat eine gute Prognose: Mit den Behandlungsmöglichkeiten von Brille, Kontaktlinsen oder eventuell einer Operation lässt sie sich in der Regel gut korrigieren.

Ihr Apotheker empfiehlt

Was Sie selbst tun können

Tragen Sie Ihre Brille möglichst oft, das entlastet die Augen. Auch Entspannungsübungen wie z. B. das Palmieren tut Ihnen und Ihren Augen gut: Dabei setzen Sie sich bequem hin, legen Ihre vorher aneinander geriebenen Handflächen auf die Augen, sodass kein Licht einfällt. Atmen Sie 10- bis 20-mal entspannt und lassen Sie alle Gedanken und Flimmererscheinungen in die Dunkelheit Ihrer geschützten Augen ziehen. Zählen Sie langsam von 10 an rückwärts und nehmen Sie die Hände wieder von den Augen. Danach fühlen Sie und Ihre Augen sich bestimmt entspannt und frischer.

Prävention

Vorsicht mit anstrengendem Augentraining! Viele Augenmuskelübungen versprechen, eine Zunahme der Alterssichtigkeit aufzuhalten. Dem ist leider nicht so: Wie auch sollte der von Jahrzehnt zu Jahrzehnt voranschreitende Prozess der Verdichtung und der damit einhergehende Elastizitätsverlust der Linse durch Augenmuskelübungen umgekehrt werden können? Im Gegenteil: Dauernde Anspannung und Überlastung des Systems führen eher zu Beschwerden.

Von: Dr. rer. nat. Katharina Munk in: Gesundheit heute, herausgegeben von Dr. med. Arne Schäffler. Trias, Stuttgart, 3. Auflage (2014). Überarbeitung und Aktualisierung der Sektionen Symptome und Leitbeschwerden", "Diagnosesicherung", "Behandlung", "Prognose" und "Ihre Apotheke empfiehlt": Dr. med. Sonja Kempinski
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Früher mit dem Zukleben starten

Damit die Sehschärfe nicht verloren geht, muss Schielen frühzeitig behandelt werden.

Früher mit dem Zukleben starten

Sehschärfe beim Schielen retten

Erst vier bis sechs Monate Brille tragen und dann das gesunde Auge abkleben – das ist die Strategie für die meisten Schielkinder. Doch offenbar entwickelt sich die Sehschärfe besser, wenn man deutlich früher mit dem Zukleben beginnt.

Sehschärfe und räumliches Sehen in Gefahr

Schielen bei Kleinkindern muss frühzeitig behandelt werden. Unterlässt man es, drohen langfristig Folgen: So verringert sich nicht nur die Sehschärfe. Auch das räumliche Sehen wird beeinträchtigt. Unbehandelte Schielkinder entwickeln deshalb oft Schwierigkeiten beim Lesen und können sich in der Schule nicht gut konzentrieren.

Momentan bekommen Schielkinder meist einige Monate lang eine Brille, um die Sehschärfe zu verbessern. Danach wird mit dem Zukleben des gesunden Auges gestartet (Okklusionstherapie). Dadurch zwingt man das schielende Auge, sich mehr anzustrengen und aktiv zu sehen. Auf diese Weise wird seine Sehkraft trainiert und verbessert. Die Abklebedauer variiert, meist beträgt sie zwischen zwei und sechs Stunden täglich.

Drei Wochen Brille, dann kleben

Offenbar ist es für die Augen besser, wenn die Okklusionstherapie deutlich früher beginnt. Das haben britische Ärzt*innen in einer Studie mit 334 Kindern zwischen vier und sechs Jahren herausgefunden. 170 von erhielten die Standardtherapie – also 18 Woche Brille, danach 24 Wochen zusätzliches Zukleben. Bei 164 Kindern wurde dagegen mit dem Zukleben schon nach drei Wochen Brilletragen begonnen.

Beim Einstieg in die Studie und zwölf und 24 Wochen nach Beginn des Zuklebens wurde bei den Kindern die Sehschärfe gemessen. Die Kinder mit der frühen Okklusionstherapie schnitten dabei deutlich besser ab. Das war auch längerfristig so: Der Unterschied zwischen Frühklebern und den Kindern mit der langen Brillenphase war auch noch nach der 24. Woche nachweisbar.

Eltern zufrieden, Kinder weniger

Das frühe Abkleben nach nur drei Wochen Brilletragen bringt in puncto Sehschärfe also mehr als das Abkleben nach 18-wöchiger Brillenphase. Die Eltern der Kinder waren zu 83% zufrieden mit der Therapie. Die Kinder selbst fanden das Abkleben generell nicht so toll. Zufrieden laut Smiley-Skala waren damit nur 37%.

Auch wenn kleine Kinder das Zukleben ihres gesunden Auges nicht mögen: Die Forschungsgruppe rät aufgrund der Daten, vor allem bei Schielkindern mit schwerer Sehschwäche oder mit stark unterschiedlicher Brechkraft beider Augen frühzeitig mit dem Zukleben zu beginnen. Eine ausgedehnte Brillenphase sehen sie am ehesten bei den Kindern als angebracht, die unter 5 Jahre und 4 Monate alt sind und nur eine geringe Sehschwäche aufweisen.

Quelle: Ärztezeitung

Von: Dr. med. Sonja Kempinski; Bild: mauritius images / EyeEm / Steve Guessoum