Gesundheit heute
Trigeminusneuralgie
Trigeminusneuralgie: (Gesichtsneuralgie): Besondere Form von Nervenschmerzen, die anfallsartig und meist einseitig im Gesicht auftreten. Die Patient*innen leiden an fast unerträglich starken Schmerzattacken, die blitzartig stechend im betroffenen Gesichtsbereich einschießen. Sie halten nur wenige Sekunden bis maximal 2 Minuten an, können aber bis 100-mal am Tag auftreten und auch von einem Dauerschmerz begleitet sein. Die Erkrankung ist selten und betrifft weniger als 0,1 % der Bevölkerung. Sie kann in jedem Lebensalter auftreten, kommt jedoch meist bei Über-50-Jährigen vor. Frauen sind etwas häufiger betroffen als Männer. Behandelt wird vor allem mit Medikamenten, in bestimmten Fällen auch mit einer Operation. Bei frühzeitiger Therapie gehen die Schmerzattacken nach einigen Wochen oder Monaten zurück. Ein Drittel der Patient*innen erlebt nur eine einmalige Schmerzepisode im Leben.
Symptome und Leitbeschwerden
- Blitzartig einschießende, kurzzeitige, extrem starke, stechende Schmerzen im Augen-, Wangen- oder Mundbereich einer Gesichtshälfte
- Möglicherweise Verkrampfung der Gesichtsmuskeln in der betroffenen Gesichtshälfte während der Schmerzattacke
- Möglicherweise vorübergehende Bindehautrötung, Tränenfluss oder Nasenausfluss während und nach den Schmerzen
- Eventuell dumpfer Dauerschmerz zwischen den Attacken.
Wann in die Arztpraxis
In den nächsten Tagen, wenn mehrmals hintereinander Schmerzattacken im Gesicht auftreten.
Die Erkrankung
Der Trigeminusnerv (Nervus trigeminus) ist ein Gehirnnerv, der in 3 Anteilen zum Gesicht zieht. Er ist für die Empfindungen in diesen Bereichen zuständig:
- der Gesichtshaut
- der Schleimhäute von Mund, Rachen, Zunge und Nase
- der Nebenhöhlen.
- Außerdem steuert er die Kau- und Zungenmuskulatur sowie das Trommelfell.
Krankheitsentstehung
Ursächlich für die Trigeminusneuralgie ist meist ein zu enger Kontakt zwischen dem Trigeminusnerv und einem Blutgefäß nah am Gehirn. Dabei drückt das Blutgefäß auf den Nerven, sodass unterschiedliche Fasern des Nerven plötzlich miteinander in Kontakt kommen. Dadurch werden Nervenimpulse zwischen den Nervenfasern übertragen und spontane Signale ausgesendet, die zu den plötzlichen Schmerzattacken führen. Neben dieserklassischen Trigeminusneuralgie gibt es noch 2 weitere Formen.
Bei der symptomatischen (oder sekundären) Trigeminusneuralgie steckt eine Grunderkrankung hinter der Nervenreizung, etwa eine Multiple Sklerose oder ein Tumor. Oft sind die Beschwerden dann untypischer, z. B. dauert der Schmerz länger oder es sind beide Gesichtshälften betroffen. Zusätzlich können weitere Auffälligkeiten wie eine verminderte Berührungsempfindung im Schmerzbereich bestehen.
Findet man keinerlei Auslöser, also weder einen Nerven-Blutgefäß-Kontakt noch eine Grunderkrankung, die den Nerven reizt, spricht man von idiopathischer Trigeminusneuralgie. Idiopathisch bedeutet „ohne erkennbare Ursache“. Hinter dieser Form wird eine Veränderung im Bereich der Signalübertragungsstellen der Nervenfasern vermutet. Bewiesen ist dies aber nicht.
Ursachen und Risikofaktoren
Die Schmerzattacken können spontan – also ganz ohne Auslöser – auftreten. Meist werden sie aber durch bestimmte äußere Reize hervorgerufen, z. B. durch Zähneputzen, Kauen, Schlucken, Sprechen oder Berührungen wie beim Rasieren oder Waschen des Gesichts.
Klinik, Verlauf und Komplikationen
Typisch für die Trigeminusneuralgie sind blitzartig einschießende Schmerzattacken rund um Augen, Wangen oder Mund einer Gesichtshälfte.
Die Schmerzen werden von den Betroffenen als stechend oder scharf, extrem stark und als kaum auszuhalten beschrieben – vergleichbar mit einem Stromstoß oder Elektroschock.
Die einzelnen Schmerzattacken dauern nur Sekunden bis maximal 2 Minuten. Die Attacken können aber bis zu 100-mal am Tag auftreten.
Die starke Schmerzintensität löst oft gleichzeitig eine Verkrampfung der Gesichtsmuskeln auf der betroffenen Seite aus.
Begleitend kommt es bei einigen Betroffenen zu vorübergehender Bindehautrötung, Tränenfluss oder Nasenausfluss während und nach der Schmerzattacke.
Zwischen den einzelnen Schmerzattacken sind die meisten Patient*innen vollkommen schmerzfrei, teilweise wird aber auch ein dumpfer Dauerschmerz im betroffenen Gesichtsbereich beschrieben. Dieser kann von Beginn der Erkrankung bestehen oder erst im späteren Erkrankungsverlauf hinzukommen.
Die Häufigkeit der Schmerzattacken variiert. Sie können für Wochen oder Monate täglich auftreten oder für Jahre ganz verschwinden. Manche Patient*innen erleben eine zunehmende Häufigkeit, Dauer und Intensität der Schmerzattacken, andere sind nur von einer einzelnen Schmerzepisode im Leben betroffen.
Diagnosesicherung
Die Diagnose einer Trigeminusneuralgie ist wegen der typischen Beschwerden meist recht leicht zu stellen. Um festzustellen, welche der 3 Erkrankungsformen vorliegt, ist eine MRT-Untersuchung erforderlich. Hierbei werden die Ursachen einer sekundären Trigeminusneuralgie, z. B. eine Multiple Sklerose oder ein Tumor abgeklärt. Auch die Kompression der Nervenwurzel bei der klassischen Trigeminusneuralgie kann im MRT sichtbar gemacht werden.
Empfehlenswert ist auch eine Vorstellung in der Zahnarztpraxis, um auszuschließen, dass die Schmerzen von den Zähnen ausgehen.
Sind die Schmerzen weniger typisch, sind weitere Untersuchungen notwendig, um andere Schmerzursachen auszuschließen, z. B. eine Erkrankung der Kaumuskeln oder des Kiefergelenks.
Differenzialdiagnosen. Eine beginnende Zahnhöhlenentzündung (Pulpitis) oder bestimmte Arten der Zahnfraktur können sich ähnlich wie bei der Trigeminusneuralgie als blitzartig einschießende Schmerzen äußern.
Mitunter ruft eine Zahnarztbehandlung, z. B. durch eine Wurzelbehandlung, eine Trigeminusneuropathie hervor. Hierbei werden die Nervenfasern des Trigeminusnervs direkt beschädigt. Der Schmerzcharakter unterscheidet sich aber von der Trigeminusneuralgie. Es besteht meist ein brennender oder nadelstichartiger Dauerschmerz. Zusätzliche blitzartige Schmerzattacken sind möglich, fehlen aber meist. Zudem kommt es zu Sensibilitätsstörungen in dem Gesichtsbereich, der von den betroffenen Nervenfasern versorgt wird.
Manchmal wird die Trigeminusneuralgie mit dem anhaltenden idiopathischen Gesichtsschmerz verwechselt. Hier sind die Schmerzen jedoch eher diffus dumpf oder bohrend und nie einschießend.
Auch bestimmte Arten von Kopfschmerzen können sich primär im Gesicht äußern, z. B. die Migräne.
Nicht zuletzt kommen die Kiefergelenke oder Kaumuskeln als Entstehungsort der Schmerzen infrage, z. B. bei der kraniomandibulären Dysfunktion.
Behandlung
Die üblichen Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Paracetamol helfen bei der Trigeminusneuralgie leider nicht. Besser wirksam sind Medikamente, die normalerweise bei Epilepsie verordnet werden, allem voran Carbamazepin. Auch Phenytoin wird häufig eingesetzt. Helfen diese nicht ausreichend, stehen noch viele weitere Medikamente zur Verfügung, die in Deutschland aber nicht für die Behandlung einer Trigeminusneuralgie zugelassen sind. Deshalb werden sie nicht gleich zu Beginn der Erkrankung verordnet. Lässt die Wirkung von Carbamazepin oder Phenytoin im Laufe der Zeit nach oder treten starke Nebenwirkungen auf, sollte man diese Medikamente aber ausprobieren. Auch eine kombinierte Behandlung aus 2 verschiedenen Medikamenten ist möglich.
Die Medikamente werden zunächst täglich gegeben. Nach einigen Monaten Beschwerdefreiheit kann versucht werden, sie stufenweise wieder abzusetzen.
Bei einer sekundären Trigeminusneuralgie wird zudem die Grunderkrankung behandelt.
Ist nach mehreren medikamentösen Behandlungsversuchen keines der Arzneimittel ausreichend wirksam oder sind die Nebenwirkungen auf Dauer intolerabel, kann eine Operation in Betracht gezogen werden. Mögliche Verfahren sind zum Beispiel
- eine mikrochirurgische Trennung von Nerv und Gefäß
- eine Schädigung der überempfindlichen Trigeminusfasern durch die Haut, sodass die Schmerzreize nicht mehr ins Gehirn geleitet werden
- eine strahlenchirurgische Behandlung (Gamma-Knife)
- neuere Operationsverfahren, bei denen Nervenfasern durch Elektroden stimuliert werden und somit die Schmerzübertragung gehemmt wird.
Akupunktur. Ob Akupunktur hilft, ist nicht sicher bewiesen. Es gibt einige kleine Studien, die belegen, dass die Akupunktur eine wirksame und sichere Behandlungsoption sein kann. Hochwertige Studien, die diese Ergebnisse bestätigen, stehen jedoch aus. Die Berliner Charité führt aktuell eine kontrollierte Studie zur Akupunktur als Zusatzbehandlung zur Routineversorgung durch.
Prognose
Die Aussichten bei Trigeminusneuralgie sind sehr unterschiedlich. Manche Patient*innen erleben nur eine Schmerzepisode im Leben. Andere sind für Wochen, Monate oder Jahre schmerzfrei, bis erneute Episoden auftreten. Die meisten Betroffenen benötigen jedoch eine Langzeitbehandlung, weil die Erkrankung fortbesteht und die Intensität und Frequenz der Schmerzepisoden mal zu und mal abnimmt.
Ihre Apotheke empfiehlt
Was Sie selbst tun können
Schmerztagebuch. Sinnvoll ist ein Tagebuch, in dem Häufigkeit, Dauer und Intensität der Schmerzen erfasst werden. Auch notiert werden weitere Auffälligkeiten wie Empfindungsstörungen zwischen den Attacken oder erkennbare Schmerzauslöser. Das kann helfen, den Therapieerfolg zu beurteilen, die Alltagseinschränkungen einzuschätzen und die Erkrankung langfristig besser zu managen. Außerdem kann es im Fall eines Antrags auf Schwerbehinderung dem Gutachter helfen, den Grad der Behinderung einzuschätzen.
Multimodale Schmerztherapie. Neben der medikamentösen Behandlung können auch andere Verfahren zur Angstreduktion und Schmerzbewältigung beitragen. Geeignet sind die Physiotherapie, bestimmte Formen der Psychotherapie wie die kognitive Verhaltenstherapie sowie eine umfassende Patientenaufklärung. Lassen Sie sich von Ihrer behandelnden Arztpraxis beraten.
Zahnextraktion. Patient*innen glauben manchmal irrtümlich, eine Trigeminusneuralgie sei auf einen „kranken Zahn“ zurückzuführen und lasse sich deshalb durch eine Zahnextraktion behandeln. Zuweilen werden sie auch durch Angehörige dazu gedrängt, nichts unversucht zu lassen, und sich deshalb vorsorglich einen möglicherweise kranken Zahn ziehen zu lassen. Eine zahnärztliche Untersuchung ist zwar ratsam, um eine tatsächlich bestehende Zahnerkrankung auszuschließen. Jedoch wird von Zahnextraktionen auf Verdacht und zur „Ausschlussdiagnostik“ ohne eindeutigen Krankheitsbefund nachdrücklich abgeraten.
Weiterführende Informationen
Neurologen im Netz - Trigeminusneuralgie
Internetseite der deutschen Berufsverbände für Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik, Nervenheilkunde und Neurologie mit Informationen zu neurologischen und psychischen Erkrankungen, Arzt-/Kliniksuche, Selbsthilfe und Rechtsfragen für Patient*innen und Angehörige
Quellen:
- AWMF (2023) Diagnose und Therapie der Trigemniusneuralgie. S1-Leitlinie von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) und der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG), Reg. Nr. 030/016, Langfassung. Abzurufen unter https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/030-016
- Amboss (2025) Trigeminusneuralgie. Webartikel zur Klinischen Praxis. Abgerufen am 12.03.2025 unter https://next.amboss.com/de/article/ii0Jrf?q=trigeminusneuralgie
- UpToDate (2025) Trigeminal neuralgia_._ Webartikel zur Klinischen Praxis. Abgerufen am 12.03.2025 unter https://www.uptodate.com/contents/trigeminal-neuralgia
Die Fibromyalgie ist oft von starker Erschöpfung und Tagesmüdigkeit begleitet.
Der Fibromyalgie Einhalt gebieten
Schmerzen lindern, Schlaf verbessern
Chronische Schmerzen, die sich am ganzen Körper ausbreiten, Schlafstörungen und Erschöpfung - Fibromyalgie beeinträchtigt das Leben der Betroffenen stark. Glücklicherweise kommt man der rätselhaften Erkrankung immer mehr auf die Spur und weiß heute: Bewegung und Selbstmanagement sind die Basis, um die Beschwerden in Schach zu halten. Bei sehr schweren Schmerzen können auch Medikamente helfen.
Komplexe eigenständige Erkrankung
Das Fibromyalgie-Syndrom (oder einfacher, die Fibromyalgie) ist eine chronische Erkrankung, die durch diffuse, generalisierte Muskelschmerzen in verschiedenen Körperregionen gekennzeichnet ist. Das wird auch durch den lateinischen Namen ausgedrückt, der wörtlich übersetzt „Faser-Muskel-Schmerz“ bedeutet. Zusätzlich leiden die Betroffenen unter Schlafstörungen, Müdigkeit und ausgeprägter Erschöpfung. Auch vegetative Beschwerden wie Verdauungsstörungen oder vermehrtes Schwitzen werden beobachtet.
Besonders an diesem Schmerzsyndrom ist, dass sich keine organischen Schäden nachweisen lassen. Deshalb wurden Patient*innen mit Fibromyalgie lange Zeit nicht ernst genommen und die Beschwerden als psychosomatisch abgetan. 1990 definierten Fachgesellschaften die ersten Kriterien für die Erkrankung. Trotzdem zweifelten einige Kritiker*innen immer noch am Bestehen dieser Krankheit. Neuere Forschungen haben aber erbracht, dass es sich bei der Fibromyalgie tatsächlich um eine „echte“ eigenständige Krankheit handelt.
Bisher wurde die Fibromyalgie aufgrund ihrer Muskel-Sehnenschmerzen oft als rheumatische Erkrankung angesehen. Diese Einordnung greift neueren Kenntnissen zufolge jedoch zu kurz, denn das Syndrom ist deutlich komplexer. Schmerzexpert*innen ordnen das Fibromyalgie-Syndrom inzwischen dem noziplastischen Schmerz zu. Dieser Schmerz betrifft das gesamte Nervensystem und entsteht dadurch, dass die Schmerzverarbeitung gestört ist.
Die Ursache ist multifaktoriell – vermutlich spielen u. a. genetische Faktoren und psychosoziale Belastungen eine Rolle. Als Letztere werden z. B. Gewalterfahrungen in der Kindheit und im Erwachsenenalter, frühe negative Schmerzerfahrungen und andauernde kritische Lebensereignisse diskutiert.
Hinweis: Das Unwissen über das Fibromyalgie-Syndrom führte in der Vergangenheit zu vielen Fehldiagnosen. Betroffene – meist Frauen – wurden als hysterisch oder depressiv bezeichnet, manchmal galt auch die Menopause als Auslöser. Oft unterstellte man den Erkrankten sogar, sie würden die Schmerzen nur simulieren. Wie man heute weiß, trifft davon nichts zu.
Wie macht sich die Fibromyalgie bemerkbar?
Kennzeichnend für eine Fibromyalgie sind die über den Körper weit ausgedehnten Schmerzen sowie Muskelverspannungen und Muskelsteifigkeit. Sowohl die Stärke als auch die Art der Schmerzen variieren häufig. Das Ausmaß reicht von leicht bis unerträglich, empfunden werden die Schmerzen als brennend, schneidend, dumpf oder bohrend.
Auch die betroffenen Bereiche können wechseln. Sehr häufig werden Schmerzen am Rücken und an den Armen beschrieben, die sich wie Muskelkater anfühlen. Die Muskeln und die Muskel-Sehnenansätze sind oft druckschmerzhaft. Früher galten bestimmte Druckschmerzpunkte (sogenannte Tenderpoints) als beweisend für eine Fibromyalgie. Inzwischen weiß man aber, dass diese Tenderpoints nicht zwingend vorhanden sein müssen.
Neben den Schmerzen leiden Fibromyalgie-Patient*innen auch unter zahlreichen anderen Beschwerden. Bei fast allen ist der Schlaf gestört, als Folge kommt es zu einer ausgeprägten Tagesmüdigkeit. Viele Betroffene fühlen sich körperlich stark erschöpft bis hin zur Fatigue. Das vegetative Nervensystem ist ebenfalls oft beteiligt. Viele Kranke sind kälteempfindlicher oder schwitzen vermehrt, andere haben Missempfindungen und leiden unter Kribbeln. Magen-Darm-Störungen und Atembeschwerden kommen ebenfalls vor. Insgesamt werden bis zu 150 Symptome beschrieben, die mit einem Fibromyalgie-Syndrom einhergehen können.
Durch die starke Belastung entwickeln manche Betroffene auch seelische Beschwerden. So werden Konzentrationsschwierigkeiten (der sogenannte Fibro-Fog), aber auch Ängstlichkeit und Stimmungsschwankungen beklagt. In ausgeprägten Fällen kommt es sogar zu starken Depressionen. Ganz wichtig ist dabei: Diese Veränderungen sind nicht die Ursache der Erkrankung, sondern eine Folge der ständigen Schmerzen und Erschöpfung.
Hinweis: In Deutschland sind etwa 2% aller Erwachsenen von einer Fibromyalgie betroffen. Meist macht sich die Erkrankung im Alter zwischen 40 und 60 Jahren bemerkbar, aber auch Kinder und alte Menschen können darunter leiden. Insgesamt haben Frauen häufiger eine Fibromyalgie als Männer.
Ist es eine Fibromyalgie?
Schmerzen und Erschöpfung sind unspezifische Beschwerden, die bei vielen Erkrankungen vorkommen. Ob es sich dabei um eine Fibromyalgie handelt, erkennt die Ärzt*in anhand der Krankengeschichte, der geschilderten Symptome und der körperlichen Untersuchung.
Im ausführlichen Gespräch fragt die Ärzt*in danach, wie lange die Beschwerden schon vorhanden sind, wie sie sich zeigen und welche Begleiterscheinungen auftreten. Das Ausmaß der Schmerzen und Einschränkungen erfasst man mit speziellen Frage- und Dokumentationsbögen.
Danach wird die Patient*in körperlich untersucht. Dabei erkennt die Ärzt*in druckschmerzhafte Bereiche und dokumentiert sie ebenso wie die Areale des Körpers, in denen die Patient*in die Schmerzen angegeben hat. Die nach den früheren Kriterien geforderten Tenderpoints können untersucht werden, gelten aber nur noch als unterstützend für eine Diagnose. Entscheidend sind Ausdehnung und Stärke der Schmerzen. Zur Messung der Ausdehnung verwendet man den Widespread Pain Index (WPI), zur Messung der Stärke die Symptom Severity Scale (SSS).
Um wichtige Differenzialdiagnosen auszuschließen, führt die Ärzt*in je nach individuellem Fall verschiedene orthopädisch-neurologische Untersuchungen durch. Dazu gehören u.a. Beweglichkeitsprüfungen von Wirbelsäule und Gelenken sowie die Testung von Kraft und Sensibilität. Auch das Abfragen der eingenommenen Medikamente ist wichtig, denn einige Wirkstoffe können Muskelbeschwerden verursachen (z. B. Statine oder bestimmte Antibiotika).
Nach diesen Untersuchungen lässt sich meist erkennen, ob die heute geforderten Kriterien für die Diagnose einer Fibromyalgie vorliegen. Diese sind
- konstante Beschwerden über drei Monate oder mehr
- generalisierte Schmerzen in mindestens vier von fünf Körperregionen (Hand-Arm-Schulter rechts bzw. links, Fuß-Bein-Hüfte rechts bzw. links, Kopf/Hals/Rumpf)
- Ausdehnung und Ausmaß der Beschwerden, WPI ≥ 7 und ein SSS ≥5 oder ein WPI 4-6 und ein SSS ≥9
Einen bestimmten Laborwert, der die Fibromyalgie anzeigt, gibt es bisher nicht. Zwar wurden bei einigen Betroffenen erniedrigte Werte des Botenstoffs Serotonin, bei anderen erhöhte Werte der Substanz P gefunden – für eine Diagnose sind diese Werte bisher aber nicht geeignet. Trotzdem werden meist Laboruntersuchungen angeordnet. Damit lassen sich Erkrankungen ausschließen, die ähnliche Beschwerden wie eine Fibromyalgie auslösen können. Dazu gehören z. B. rheumatische oder Muskelerkrankungen, die Lyme-Arthritis oder eine Schilddrüsenunterfunktion.
Hinweis: Menschen mit Fibromyalgie haben oft einen langen Ärzt*innen-Marathon hinter sich, bis die Diagnose gestellt wird. Prinzipiell ist zunächst die Hausärzt*in die erste Anlaufstation für die Abklärung, im Zweifel kann man von dort zu einer Fachärzt*in überwiesen werden. Zur Weiterbehandlung bei bestehender Diagnose eignen sich Schmerzspezialist*innen, es gibt auch Spezialkliniken mit Fibromyalgie-Ambulanzen.
Bewegung ist das A und O
Die Fibromyalgie ist ein chronisches Schmerzsyndrom, das nicht geheilt, wohl aber gelindert werden kann. Es ist wichtig, dass Patient*in und Ärzt*in gemeinsam ein Therapieziel erarbeiten und die Behandlung darauf ausrichten. Ein realistisches Ziel ist zum Beispiel, Schmerzen, Müdigkeit und Schlafstörungen um mindestens 30 % zu reduzieren.
Basis der Behandlung ist die Psychoedukation inklusive einer ausführlichen Aufklärung über die Erkrankung. Die Patient*in lernt dabei, dass die Fibromyalgie nicht lebensbedrohlich ist und sich die Beschwerden durch eigene Aktivität lindern lassen.
Die Therapie erfolgt nach dem Schweregrad der Erkrankung. Bei leichterer Ausprägung reichen oft eine diszipliniert durchgeführte Bewegungstherapie und die Förderung sozialer und geistiger Aktivitäten. In schweren Fällen kommen Medikamente hinzu.
- Bewegungstherapie. Körperliche Bewegung hat eine Schlüsselrolle bei der Behandlung. Es ist zweifelsfrei nachgewiesen, dass regelmäßiges Training fast alle Fibromyalgiebeschwerden nachhaltig bessert. Ein Programm mit drei Trainingseinheiten von 30 bis 60 Minuten pro Woche steigert die Lebensqualität und senkt die Schmerzen. Zum Ausdauertraining eignen sich schnelles Spazierengehen, Tanzen, Radfahren oder Aquajogging. Empfohlen werden je 2-3 Mal pro Woche über 30 Minuten. Zusätzlich sind Wasser- und Trockengymnastik mit Flexibilitäts- und Kräftigungsübungen günstig. Als effektiv hat sich auch Zumba erwiesen – entscheidend ist, dass die Betroffenen in Bewegung kommen und bleiben.
- Soziale Aktivitäten. Oft führt die Fibromyalgie zu so starker Erschöpfung, dass die Betroffenen Aktivitäten lieber meiden und sich zu Hause ausruhen. Doch gerade regelmäßige soziale Kontakte, Freizeitunternehmungen und Hobbys bessern die Lebensqualität und helfen, Stress und Depressionen zu reduzieren.
- Physiotherapie. Ob Osteopathie, manuelle Therapie oder spezielle Massagen grundlegend hilfreich sind, wird kontrovers diskutiert. Akute Schmerzen lassen sich aber Studien zufolge durchaus von erfahrenen Therapeut*innen mittels Druck-Massage-Manipulationen lindern.
- Physikalische Therapie: Vibrationstraining, Wärme- oder Kälteanwendungen und Hydrotherapie werden von vielen Betroffenen als lindernd empfunden und können individuell ausprobiert werden. Nachteil ist allerdings, dass diese Behandlungen meist selbst bezahlt werden müssen. Bei Wärmebehandlungen ist außerdem zu beachten, dass die überempfindlichen Körperbereiche durch zu große Wärme überreizt werden können. Sowohl Sauna als auch Infrarotkabinen oder Einreibungen mit wärmenden Salben sollten deshalb mit Vorsicht genossen werden.
- Psychotherapie. Wenn die Betroffenen die Krankheit psychisch nicht bewältigen oder psychische Begleitstörungen vorliegen, sind v. a. psychotherapeutische Verfahren eine Option. Es kommen insbesondere die kognitive Verhaltenstherapie und Biofeedback infrage. Viele Betroffene empfinden auch achtsamkeitsbasierte Stressreduktion und Entspannungsverfahren als hilfreich.
Medikamente zur Behandlung der Fibromyalgie
Etwa 30 bis 40 % der Betroffenen sprechen nicht ausreichend auf die nicht-medikamentöse Therapie an. Sie benötigen gegen ihre Schmerzen und Beschwerden Medikamente. Allerdings ist in Deutschland kein Wirkstoff explizit zur Behandlung der Fibromyalgie zugelassen, ihr Einsatz erfolgt also „off label“. Prinzipiell gilt dabei, dass Medikamente nur zeitlich befristet und nur im Rahmen eines Gesamttherapiekonzepts eingesetzt werden sollen.
Verwendet werden dabei verschiedene Substanzgruppen. Dazu gehören Antidepressiva und Antikonvulsiva. Letztere sind Wirkstoffe, die gegen epileptische Anfälle entwickelt wurden und übermäßige Nervenzellaktivitäten hemmen. In Ausnahmefällen kommen auch schwache Opioide in Frage. Welche davon verordnet werden, entscheidet die Ärzt*in aufgrund der Schmerzintensität und der begleitenden Beschwerden.
- Am häufigsten bei Fibromyalgie verwendet wird das Antidepressivum Amitriptylin. Es dämpft die Schmerzwahrnehmung im Gehirn, indem es die Wiederaufnahme der Botenstoffe Noradrenalin und Serotonin hemmt. Durch einen weiteren Wirkmechanismus verbessert es zusätzlich den Schlaf. Nebenwirkungen sind u.a. Mundtrockenheit, Schläfrigkeit, Kopfschmerzen und Gewichtszunahme. Liegt neben der Fibromyalgie eine Depression vor, verordnen die Ärzt*innen oft das Antidepressivum Duloxetin. Es wirkt ähnlich wie Amitryptilin und bessert dadurch Schmerz, Schlaf und die Stimmung.
- Auch das Antikonvulsivum Pregabalin hat einen Einfluss auf die zentrale Schmerzverarbeitung. Es dämpft u. a. die hypersensiblen Schmerzwege. Durch die Stabilisierung der Nervenzellen bessern sich Schmerzen, Schlaf und Erschöpfung bei den Betroffenen. Es ist eine gute Option, wenn die Betroffenen begleitend unter einer Angststörung leiden. Als Nebenwirkung kann es zu Gewichtszunahme und Wassereinlagerung in den Beinen kommen.
- Bei sehr schweren, therapieresistenten Schmerzanfällen kann das schwache Opioid Tramadol als akutes „Rettungsmittel“ helfen. Aufgrund des Abhängigkeitsrisikos darf es aber nur kurzfristig eingenommen werden.
Viele Schmerzmittel sind bei der Fibromyalgie unwirksam oder haben ein zu ausgeprägtes Nebenwirkungsrisiko und werden daher nicht empfohlen. Dazu gehören nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) und Paracetamol, aber auch starke Opioide, Schlafmittel und muskelentspannende Substanzen. Ob Cannabinoide helfen, wird noch diskutiert. In einer aktuellen Studie besserte THC-reiches Cannabisöl bei den untersuchten Patient*innen Schmerz und Fatigue.
Leben mit Fibromyalgie
Die Fibromyalgie ist keine lebensbedrohliche Erkrankung. Weil dabei keine Organe geschädigt werden, beeinflusst die Erkrankung selbst auch die Lebenserwartung nicht. Trotzdem leiden viele Fibromyalgie-Patient*innen unter einer stark eingeschränkten Lebensqualität. Daran sind nicht nur die Schmerzen Schuld. Dauermüdigkeit, Erschöpfung und Konzentrationsschwierigkeiten können Alltag und Beruf erschweren und ein normales Leben fast unmöglich machen.
Oft ist es für die Betroffenen schwierig, anderen ihre Schmerzen und ihre Erschöpfung zu vermitteln. Denn Menschen, die nicht darunter leiden, können sich das Ausmaß der Beschwerden oft nicht vorstellen und verstehen die Erkrankung nicht. Deshalb sind gerade für Fibromyalgie-Patientinnen Selbsthilfegruppen so wichtig. Beim Austausch mit Leidensgenoss*innen können Probleme besprochen und Lösungswege diskutiert werden. Oft unterstützen Selbsthilfegruppen auch dabei, therapeutisch am Ball zu bleiben. Denn um der Fibromyalgie mit mehr Bewegung und einem aktiven Lebensstil effektiv zu begegnen, sind Ausdauer und Disziplin nötig. Fibro-Fog und Erschöpfung machen es aber häufig schwer, den inneren Schweinehund zu überwinden. Mitbetroffene und Selbsthilfegruppen können bei diesem Dauerkampf gegen die Erkrankung helfen. Selbsthilfegruppen findet man auf den Webseiten der Deutschen Fibromyalgie Vereinigung (DFV) oder bei der Fibromyalgie-Liga Deutschland.
Auch die Deutsche Schmerz-Liga bietet Links zu Selbsthilfegruppen sowie eine zentrale Hotline an. Eine besonders gute Sache sind auch Patientenschulungen. So hat z. B. die Rheuma-Liga gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie ein Schulungsprogramm für Betroffene entwickelt. In Kleingruppen werden die Patient*innen in mehreren Sitzungen über Therapiemöglichkeiten informiert. Wenn der Kurs ärztlich verordnet wird, übernehmen die Krankenkassen häufig die Kosten.
Quellen: DGS-Praxisleitlinie Fibromyalgie-Syndrom, Deutsche Schmerzgesellschaft e. V.

