Gesundheit heute
Rachitis
Rachitis (Knochenerweichung, Englische Krankheit): Knochenerkrankung im Kindesalter infolge einer Mineralisationsstörung, durch die der Knochen weich und verformbar wird. Meistens geht die Erkrankung auf einen Vitamin-D-Mangel zurück. Bei Säuglingen zeigt sich eine Rachitis durch Unruhe, Muskelschwäche und Krämpfe. Ältere Kinder entwickeln vor allem Wachstumsstörungen, Knochenverbiegungen wie z. B. O- oder X-Beine und Gehstörungen. Behandelt wird die Rachitis mit Vitamin D und Kalzium. Bei Fehlstellungen sind manchmal orthopädische Hilfsmittel oder korrigierende Operationen erforderlich.
Hinweis: Die Knochenerweichung bei Erwachsenen wird Osteomalazie genannt. Näheres dazu siehe dort.
Symptome und Leitbeschwerden
Säuglinge:
- Unruhe, Schreckhaftigkeit
- vermehrtes Schwitzen, vor allem am Hinterkopf
- schlaffe Muskulatur, eingeschränkte Bewegungen
- Muskelkrämpfe, epileptische Anfälle.
Kinder:
- Müdigkeit, Schwäche
- Muskelschwäche
- Wachstumsstörungen
- X- oder O-Beine, Watschelgang durch Verbiegung des Oberschenkelhalses
- verformte Rippen, verformte Wirbelsäule
- Knochenschmerzen.
Wann in die Arztpraxis
In den nächsten Tagen, wenn
- oben genannte Auffälligkeiten auftreten.
Hinweis: Bei epileptischen Anfällen den Notdienst rufen!
Die Erkrankung
Krankheitsentstehung
Der kindliche Knochen ist noch nicht voll ausgebildet und befindet sich bis zur Pubertät im Wachstum. Knochen setzen sich zusammen aus Knochenzellen und Knochengewebe, das von den Knochenzellen gebildet wird. Damit das Knochengewebe fest und stabil wird, müssen u. a. Kalzium und Phosphat eingelagert werden. Dieser Prozess wird Mineralisation genannt und von Hormonen gesteuert.
Eine entscheidende Rolle spielt dabei Vitamin D. Das wird entweder unter dem Einfluss von Sonnenstrahlung, also UV-Licht, in der Haut gebildet oder über die Nahrung aufgenommen. Damit es wirkt, durchläuft es im Körper noch verschiedene Aktivierungsprozesse. Vitamin D fördert die Mineralisation auf zwei Arten:
- Es steigert die Aufnahme von Kalzium und Phosphat aus dem Darm, sorgt also dafür, dass mehr Vitamin D aus der Nahrung im Körper ankommt.
- Es regt den Einbau von Kalzium und Phosphat in das Knochengewebe an.
Bei einem Mangel an Vitamin D wird das neu gebildete Knochengewebe nicht ausreichend mineralisiert. Der Knochen bleibt weich und kann sich verformen. Der geschwächte Knochen bricht auch leichter, vor allem in Belastungszonen wie am Becken oder am Schienbein (sog. Ermüdungsbrüche).
Zur Knochenerweichung kann es aber auch unabhängig von Vitamin D kommen. Das ist z. B. bei einem extremen Kalziummangel der Fall oder wenn Phosphat fehlt.
Ursachen
Die häufigste Ursache für eine Rachitis ist ein Vitamin-D-Mangel oder eine Störung der Aktivierungsprozesse des Vitamins, ausgelöst durch
- ungenügende Sonneneinstrahlung (z. B. klimatisch bedingt, durch verhüllende Kleidung oder überwiegendem Aufenthalt in Innenräumen, verstärkt bei dunkler Hautfarbe)
- zu geringe Aufnahme über die Nahrung (vegane Ernährung)
- Dünndarmerkrankungen, bei denen über die erkrankte Darmschleimhaut kein Vitamin D3 aufgenommen werden kann
- Leber- und Nierenerkrankungen, wodurch die Aktivierung des Vitamins zu Calcidiol oder Calcitriol gestört wird.
Ein Mangel an Phosphat kann die nötige Mineralisierung des Knochens ebenfalls verhindern. Dafür gibt es verschiedene Ursachen:
- Zu geringe Phosphataufnahme durch die Ernährung, z. B. bei chronischem Hungern oder Malabsorptionsstörungen des Darms wie Zöliakie oder Morbus Crohn
- Verstärkter Phosphatverlust über die Niere. Dies kommt z. B. bei Nierenerkrankungen oder im Rahmen genetisch vererbter Störungen des Phosphatstoffwechsels vor. Die häufigste davon ist die hypophosphatämische Rachitis.
Eine weitere Ursache für die Rachitis ist ein ausgeprägter Kalziummangel, z. B. ernährungsbedingt oder aufgrund von Nierenerkrankungen.
Vorkommen
Seit Einführung der Vitamin-D-Prophylaxe für Säuglinge ist die Rachitis in Deutschland insgesamt selten geworden. Geschätzt werden etwa 400 Fälle pro Jahr. Betroffen sind dabei meist Kinder dunklerer Hautfarbe oder mit Migrationshintergrund. Sie leiden aus zwei Gründen häufiger unter einem Vitamin-D-Mangel als deutschstämmige Kinder: Dunkle Haut benötigt mehr Sonnenlicht, um Vitamin D zu bilden – deutsche Wetterverhältnisse reichen dafür oft nicht aus. Zudem tragen manche der zugewanderten Mädchen aufgrund kultureller Traditionen stark verhüllende Kleidung und halten sich wenig im Freien auf, was die Bestrahlung der Haut zusätzlich reduziert.
Klinik und Verlauf
Bei Säuglingen macht sich die Rachitis durch Unruhe und Schreckhaftigkeit bemerkbar. Die Kinder haben einen schlaffen Muskeltonus und bewegen sich weniger als gesunde Kinder. Oft schwitzen sie vermehrt, vor allem am Hinterkopf.
Im weiteren Verlauf drohen folgende Beschwerden:
Knochendeformitäten. Wenn Kleinkinder mit dem Krabbeln und Laufen beginnen und der Knochen zu weich ist, können sich die Last tragenden Knochen verbiegen. Eine typische Folge davon sind O- oder X-Beine. Durch Verformung des Oberschenkelhalses entwickelt sich oft eine Art Watschelgang. Weitere Knochendeformitäten zeigen sich an den Knorpel-Knochen-Grenzen. Dadurch sind Knöchel, Handgelenke und Knie oft verdickt und die Enden der Rippen aufgetriebenen (sog. rachitischer Rosenkranz). Die weichen und geschwächten Knochen verbiegen sich aber nicht nur, sie brechen auch leichter als gesunde Knochen.
Wachstumsstörungen. Durch das gestörte Knochenwachstum sind die Kinder oft kleiner als ihre gesunden Altersgenoss*innen.
Zahnprobleme. Der Mangel an Vitamin D und Kalzium stört die Zahnentwicklung. Oft ist der Zahnschmelz defekt und die Betroffenen haben Karies und Löcher in den Zähnen.
Knochenschmerzen. Ältere Kinder leiden häufig unter Knochenschmerzen, vor allem, wenn Druck auf die Knochen ausgeübt wird. Die Knochenschmerzen schränken die Bewegungsfreude zusätzlich ein.
Muskelschwäche. Durch den Kalziummangel im Blut kann es zu einer verminderten Muskelspannung und Muskelschwäche kommen. Manche Kinder haben Probleme beim Aufstehen aus dem Sitzen, anderen fällt das Gehen schwer. Insgesamt sind die Kinder körperlich meist weniger aktiv als ihre gesunden Spielgefährten. Die typischen Meilensteine der Entwicklung (Sitzen, Gehen, Springen) werden deutlich später erreicht.
Muskelkrämpfe. Der ausgeprägte Kalziummangel im Blut macht außerdem Nerven (Tetanie) und Muskeln übererregbar. Dabei drohen Muskelkrämpfe an Händen und Füßen und Missempfindungen.
Infektanfälligkeit. Vitamin D ist wichtig für ein funktionierendes Immunsystem. Kinder mit Rachitis sind deshalb bei einem Vitamin-D-Mangel anfälliger für Infekte.
Kinder mit einer hypophosphatämischen Rachitis leiden überwiegend unter Knochenverformungen, schlechtem Knochenwachstum mit Kleinwuchs sowie Gelenk- und Knochenschmerzen. Da sie keinen Vitamin-D- bzw. Kalziummangel aufweisen, kommt es bei ihnen allerdings nicht zu Krampfanfällen oder Tetanien.
Komplikationen
Starker Kalziummangel im Blut begünstigt die Entwicklung epileptischer Anfälle. Diese können auch schon bei betroffenen Säuglingen auftreten.
Eine ausgeprägte Verformung der Rippen und des Brustkorbs kann die Atmung behindern und eine Lungenfunktionsstörung auslösen.
Diagnosesicherung
Beim Verdacht auf eine Rachitis wird das Kind zunächst gründlich untersucht. Oft sind die typischen Symptome wie der abgeflachte Hinterkopf oder X- oder O-Beine auf einen Blick zu erkennen. Säuglinge haben häufig einen durch die schlaffe Bauchmuskulatur verursachten "Froschbauch". Die Ärzt*in prüft zudem die motorischen Fähigkeiten des Kindes. Informationen über Auffälligkeiten der Entwicklung sind in der Regel im gelben Untersuchungsheft (U-Heft) dokumentiert.
Die Eltern des Kindes werden außerdem zu den Ernährungsgewohnheiten und zur Vitamin-D-Prophylaxe befragt. Auch die Lebensgewohnheiten zur Einschätzung der Situation sind wichtig, z. B. ob das Kind viel draußen spielt oder die meiste Zeit des Tages im Haus verbringt.
Laboruntersuchungen
Gesichert wird die Diagnose durch Blutuntersuchungen und Röntgenaufnahmen. Bei der Vitamin-D-Mangel-Rachitis ist im Blut das Vitamin D stark erniedrigt (gemessen als 25-Hydroxyvitamin D) und das Knochenenzym Alkalische Phosphatase (AP) stark erhöht. Ebenfalls erhöht ist der Spiegel des Parathormons (PTH). Die Kalzium- und Phosphatwerte können im frühen Stadium noch normal sein, sinken aber im Verlauf meist ab.
Bei der seltenen hypophosphatämischen Rachitis ist der Phosphatwert im Blut erniedrigt und die alkalische Phosphatase mäßig erhöht. Kalzium, Vitamin D und Parathormon liegen im Normbereich. Im Urin lassen sich hohe Phosphatwerte nachweisen, bedingt durch die vermehrte Ausscheidung.
Radiologische Diagnostik
Zum Nachweis und zur Beurteilung des Schweregrads einer Rachitis dienen Röntgenbilder. Darin kann man z. B. unregelmäßige Knochenkonturen, verbreiterte Gelenkspalten, verdichtete Knochen-Knorpel-Grenzen oder verformte Knochen gut erkennen.
Differenzialdiagnose. Ein verbogener Unterschenkel ist auch das Zeichen einer angeborenen Unterschenkelpseudarthrose.
Behandlung
Konservative Behandlung
Behandelt wird die Vitamin-D-Mangel-Rachitis mit der (altersangepassten) Gabe von hoch dosiertem Vitamin D3 und Kalzium. In der Regel normalisieren sich die Blutwerte innerhalb von sechs bis zwölf Wochen. Auch Knochendeformationen bilden sich meist wieder zurück. Bis zur Begradigung der Beinachsen (der X- oder O-Beine) kann es allerdings zwei bis drei Jahre dauern.
Säuglinge erhalten nach der zwölfwöchigen Therapie bis zum Ende des ersten Lebensjahres die übliche Vitamin-D-Prophylaxe. Bei Kleinkindern und Jugendlichen muss nach der Vitamin-D-Therapie eine ausreichende Sonnenexposition und eine Kalziumzufuhr gewährleistet sein. Ist dies nicht der Fall, benötigen auch sie eine ärztlich verordnete Vitamin-D-Prophylaxe.
Leidet das Kind unter einer hypophosphatämischen Rachitis, bekommt es zusätzlich Phosphat als Lösung zum Trinken oder als Tabletten. In manchen Fällen wird die Erkrankung auch mit dem Antikörper Burosumab therapiert.
Operativ
In seltenen Fällen müssen orthopädische Chirurg*innen die Beinfehlstellungen mit einer Operation korrigieren. Im Rahmen einer Osteotomie wird dabei z. B. ein verbogener Knochen operativ durchtrennt, neu ausgerichtet und mit Platten oder Schrauben in korrekter Lage seiner Achse fixiert.
Prognose
Die früh entdeckte und behandelte Rachitis hat eine gute Prognose. Blutwerte und leichte Knochendeformitäten normalisieren sich innerhalb weniger Wochen. Auch Fehlstellungen der Beine bilden sich unter einer Therapie mit Vitamin D und Kalzium meist von selbst wieder zurück – hierbei ist allerdings Geduld gefragt.
Ihre Apotheke empfiehlt
Was Sie selbst tun können
Sonnenlicht. Für die körpereigene Vitamin-D-Bildung ist Sonnenlicht unverzichtbar. Wieviel Zeit man in der Sonne verbringen soll, hängt vom Hauttyp und der Sonneneinstrahlung ab. Zur Vitamin-D-Bildung reichen für hellhäutige Kinder meist wenige Minuten täglich. Die individuelle Beratung durch die Kinderärzt*in hilft dabei, die für das jeweilige Kind richtige Sonnendosis zwischen zu wenig und zu viel zu finden.
Ernährung. Wichtig zur Behandlung und Vorbeugung einer Rachitis ist die Ernährung. Es sollen vermehrt Lebensmittel verzehrt werden, die reich an Vitamin D und Kalzium sind. Dazu gehören öliger Fisch, Getreideprodukte, Haferflocken, Eier, grünes Blattgemüse und Milchprodukte.
Vitamin-D-Prophylaxe. Vitamin-D-Mengen werden in Mikrogramm (µg) oder in Internationalen Einheiten (I.E.) angegeben: 1 µg D3 = 40 I.E. Säuglinge erhalten im ersten Lebensjahr zur Vorbeugung einer Rachitis eine Prophylaxe mit 500 I.E. Vitamin D3 pro Tag. Eine ausreichende Kalziumzufuhr muss dabei ebenfalls gewährleistet sein. Auch Risikogruppen benötigen eine Prophylaxe. Dazu gehören Kinder mit dunkler Hautfarbe. Wie hoch die erforderliche Dosierung des Vitamin D sein muss, rät in diesen Fällen die Kinderärzt*in.
Hinweis: Die gesamte Menge an aufgenommenem Vitamin D (Nahrung und Tabletten) sollte bei Kindern bis 10 Jahren 50 Mikrogramm nicht überschreiten. Eine Überdosierung kann zu Nierensteinen und Nierenverkalkung führen.
Weiterführende Informationen
Die aktuellen Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung zu Vitamin D finden sich auf deren Webseite unter https://www.dge.de/wissenschaft/referenzwerte/vitamin-d/
Was tun, wenn das Kind fiebert?
Temperaturalarm im Kinderzimmer
Wie misst man die Temperatur am besten? Muss man Fieber senken? Und vor allem: Wann muss das Fieberkind in die Arztpraxis? Diese und andere Fragen stellen sich besorgte Eltern häufig – insbesondere, wenn das Kind noch klein ist. Ein gutes Basiswissen zum Thema Fieber und praktische Tipps helfen dabei, ruhig zu bleiben und Fieber bei Babys und Kindern gut zu managen.
Fieber als Zeichen der Abwehr
Der gesunde Körper benötigt gleichmäßige Bedingungen, um optimal zu funktionieren. Das betrifft auch die Körpertemperatur. Bei etwa 37° C arbeiten Stoffwechsel und Organe am effizientesten. Deshalb sorgt ein Regelsystem im Gehirn dafür, dass diese Temperatur gehalten wird. Als normal gelten Körpertemperaturen bis 37,5 °C.
Kommt es allerdings zu Bedrohungen wie z. B. einer Infektion, hebt der Körper seine Temperatur bewusst an – er entwickelt Fieber. Von Fieber spricht man bei Kindern und Jugendlichen bei einer Körpertemperatur ab 38,5° C, bei Babys unter 3 Monaten schon bei einer Temperatur ab 38° C.
In den meisten Fällen ist Fieber eine normale und hilfreiche Abwehrreaktion des Körpers gegen Krankheitserreger. Denn eine gesteigerte Körpertemperatur unterstützt den Organismus dabei auf mehrere Arten: Fieber feuert die eigenen Immunzellen an, mehr Antikörper zu produzieren, sich schneller zu den Erregern zu bewegen und diese effektiver anzugreifen. Zudem leiden die eingedrungenen Krankheitskeime unter der höheren Körpertemperatur. Viele Bakterien und Viren vermehren sich bei 39° C langsamer, was dem Immunsystem mehr Zeit zur Bekämpfung verschafft.
Ausgelöst wird das Fieber bei einer Infektion durch den Krankheitserreger selbst. Sind Bakterien, Viren oder Pilze in den Körper eingedrungen, werden aus ihnen Zellbestandteile freigesetzt. Diese Fett-Zucker-Moleküle aktivieren die Immunzellen, bestimmte Botenstoffe zu bilden (Zytokine wie z. B. Interleukin-1 und Interleukin-6). Die Botenstoffe lösen eine Kettenreaktion aus und bewirken schließlich, dass wie an einem Thermostat die Solltemperatur im Gehirn angehoben wird. Zur Erhöhung der Temperatur werden über das Nervensystem Befehle in den Körper geschickt: Die Wärmeproduktion steigt, indem die Muskeln zittern und mehr braunes Fettgewebe verbrannt wird. Gleichzeitig verengen sich die Gefäße und die Haare werden aufgerichtet, damit weniger Wärme nach außen abgegeben wird.
Normalerweise läuft das Fieber in drei Phasen ab.
- Der Fieberanstieg beginnt mit Schwäche und Frösteln bis hin zum Schüttelfrost. Der Temperaturanstieg konzentriert sich auf das Innere des Körpers. Die Haut ist blass, Hände und Füße fühlen sich kühl an.
- Beim Fieberplateau stellt sich bei einer höheren Körpertemperatur ein Gleichgewicht ein. Hände und Füße werden wieder warm, die Haut ist trocken.
- Beim Fieberabfall wird die Wärme nach außen verteilt, das Kind fängt an zu glühen und zu schwitzen.
Hinweis: Die häufigste Ursache für Fieber bei Kindern sind virale Infektionen wie Erkältung, Grippe oder Kinderkrankheiten. Sie sind für mehr als 90% der Fälle verantwortlich. Viel seltener führen bakterielle Infektionen wie z. B. eine Mittelohrentzündung dazu.
Wie misst man Fieber richtig?
Fieber messen ist gar nicht so einfach. Es gibt verschiedene Thermometer und verschiedene Methoden, die unterschiedlich genau messen und je nach Alter des Kindes eingesetzt werden sollten.
Bei Neugeborenen und Säuglingen sollte man die Temperatur immer mit einem Digitalthermometer im Po messen. Die möglichst flexible Spitze bestreicht man mit Fettsalbe oder Vaseline, um sie etwas gleitfähiger zu machen. Dann legt man das Baby auf den Rücken oder auf die Seite und winkelt die Beinchen an. Mit einer Hand hält man das Baby an Becken und Beinen, mit der anderen führt man vorsichtig das Thermometer in den After ein (1-2 cm bei Säuglingen, 1 cm bei Neugeborenen). Dann wartet man, bis das Piepsignal ertönt, zieht das Thermometer langsam wieder heraus und liest es ab.
Auch bei Kindern und Jugendlichen ist die Messung mit einem Digitalthermometer im Po am genauesten. Allerdings ist diese Prozedur nicht sonderlich beliebt. Eine Alternative bietet die Messung mit einem Trommelfell- oder Ohrthermometer. Dabei ist einiges zu beachten: Um die Messergebnisse nicht zu verfälschen, sollte das Kind vorher 15 Minuten nicht auf dem Ohr liegen. Dann geht man folgendermaßen vor:
- Die Ohrmuschel vorsichtig nach oben hinten ziehen, um den Gehörgang zu begradigen.
- Dann die Messspitze vorsichtig in das Ohr schieben, bis sie auf das Trommelfell zeigt (in Richtung gegenüberliegende Schläfe).
- Den Knopf drücken, auf den Piepton warten und die Temperatur ablesen.
Die Ohrtemperatur ist im Allgemeinen etwa 0,3-0,5° C niedriger als die im Po (rektal) gemessene Temperatur. Wichtig: Bei Wiederholungsmessungen immer im selben Ohr messen.
Bei älteren Kindern kann man die Temperatur auch mit einem Stirnthermometer oder mit dem Digitalthermometer unter der Zunge messen. Allerdings sind diese Methoden ungenauer. Die Messung der Temperatur unter der Achsel wird überhaupt nicht mehr empfohlen.
Wann muss das Fieberkind in die Arztpraxis?
In den meisten Fällen ist Fieber bei Kindern ein Zeichen für eine harmlose virale Infektion. Wenn es dem Kind gut geht, es ausreichend trinkt und keine Anzeichen für eine ernste Erkrankung vorliegen, muss es in der Regel nicht zur Ärzt*in. Treten jedoch Warnzeichen auf, muss die Kinder- oder Hausärzt*in eingeschaltet werden. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn das Kind
- benommen, orientierungslos, nicht ansprechbar oder überaus schläfrig ist,
- schrill schreit oder starke Schmerzen hat,
- Krämpfe entwickelt,
- sehr schnell atmet oder sogar Luftnot entwickelt,
- bei Berührung empfindlich ist,
- ausgetrocknet ist oder seit über 12 Stunden keinen Urin mehr ausgeschieden hat
- einen Hautausschlag hat, der unter Druck mit einem Glas nicht verschwindet (dann handelt es sich um Hauteinblutungen) oder
- schwer krank wirkt.
Schon eines dieser Warnzeichen ist Grund genug, das Fieber ärztlich abklären zu lassen. Auch bei Kindern unter 3 Monaten, die 38° C aufweisen (im Po gemessen), sollte man eine Ärzt*in aufsuchen. Gleiches gilt, wenn man sehr unsicher oder besorgt ist.
Manche Kinder entwickeln beim Fiebern Fieberkrämpfe. Sie hören meist nach wenigen Minuten von selbst auf und hinterlassen keine bleibenden Schäden. Kommt es zum ersten Mal dazu, sollte das Kind in eine Notfallambulanz oder in die Kinderarztpraxis gebracht werden, um eine ernste Erkrankung auszuschließen. Ebenfalls den Notdienst rufen sollte man bei Anfällen, die länger als 5 Minuten dauern, bei denen das Kind blau wird oder eine Bewusstseinsstörung auftritt.
Hinweis: Zögern Sie bei Warnzeichen nicht, ärztliche Hilfe zu suchen. Außerhalb von Praxisöffnungszeiten erreicht man den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116 117, im Notfall wendet man sich an den Rettungsdienst (112) oder bringt das Kind ins nächste Kinderkrankenhaus.
Was tun bei Fieber?
Liegen keine Warnsymptome (siehe oben) vor, kann das fiebernde Kind gut zu Hause betreut werden. Auch wenn es besorgten Eltern manchmal schwerfällt: Das Wichtigste ist, sich nicht aufzuregen und dem kranken Kind Sicherheit zu vermitteln.
Je nach Fieberphase kann man dem Kind helfen, damit es sich möglichst wohlfühlt.
- Wenn es beim Fieberanstieg fröstelt oder friert, deckt man es zu. Manchmal ist dem Kind schon in dieser Phase zu warm, dann reicht eine leichte Decke.
- Sind in der Plateauphase Hände und Füße wieder erwärmt, darf man körperwarme Wadenwickel machen. Sie dürfen nicht kühlen, da der Organismus sonst erneut zu einem Temperaturanstieg angeregt wird.
- Beim Fieberabfall fängt das Kind an zu „glühen“ und es entspannt sich meist. Ist ihm zu warm oder es schwitzt, reicht eine leichte Decke. Allerdings sollte es nicht gekühlt werden. Deshalb muss man auch verschwitzte Wäsche wechseln.
Es ist wichtig darauf zu achten, dass das Kind genug trinkt. Denn Fieber kann den Flüssigkeitsbedarf um bis zu 20 % steigern. Je nach Alter sind 1 Liter bis 1,5 L Flüssigkeit erforderlich. Geeignet sind Wasser, Tee oder verdünnte Säfte. Wenn das Kind nicht so recht trinken mag, kann man die Flüssigkeit mit einem Löffel oder einer kleinen Spritze zuführen. Wird das Trinken verweigert, ist dies eines der Gründe, Rücksprache mit einer Ärzt*in zu halten.
Ausreichend Ruhe und Schlaf fördern die Genesung und stärken das Immunsystem. Einem unruhigen Kind helfen Kuscheln oder Vorlesen, um das Einschlafen zu erleichtern. Fiebernde Kinder müssen allerdings nicht zwingend schlafen. Geht es ihnen gut, ist auch ruhiges Spielen oder Lesen erlaubt. In jedem Fall müssen fiebernde Kinder gut beobachtet werden, um mögliche Warnzeichen für eine Verschlechterung des Zustands zu erkennen.
Tipp: Für die Anwendung von Wadenwickeln gibt es Videos im Netz, z. B. unter www.feverapp.de/videos/#c760.
Sind Medikamente bei Fieber nötig?
Früher versuchte man in der Regel, Fieber zu senken. Heute weiß man dagegen, wie wichtig die erhöhte Körpertemperatur zur Abwehr von Erregern ist. Fieber zu senken verkürzt die Krankheitsdauer nicht. Im Gegenteil: Es kann den Heilungsprozess sogar stören. Deshalb ist es in den meisten Fällen nicht nötig, eine hohe Temperatur zu senken – der Körper regelt dies von selbst.
Kinderärzt*innen empfehlen fieber- und schmerzsenkende Medikamente deshalb nur, wenn das Kind Schmerzen hat. In Frage kommen dafür insbesondere Ibuprofen (für Kinder ab 3 Monaten) oder Paracetamol. Diese Medikamente können auch Nebenwirkungen haben. Deshalb sollten sie nur so lange verabreicht werden, bis es dem Kind besser geht. Auch die Dosierung ist wichtig und muss dem Körpergewicht angepasst werden. Auf keinen Fall darf die jeweilige maximale Tagesdosis überschritten werden. Die Dosisempfehlungen entnimmt man dem entsprechenden Beipackzettel. Rat dazu gibt es auch in der Apotheke oder bei der Kinderärzt*in.
Wenn das Kind trotz der Medikamente weiter Schmerzen hat, darf man nicht einfach das Präparat wechseln. Besser ist es, zuvor Rücksprache mit der Ärzt*in zu halten. Das gilt natürlich auch, wenn sich der Allgemeinzustand verschlechtert oder eines oder mehrere der oben genannten Warnzeichen auftreten.
Bei Kindern, die schon einmal einen Fieberkrampf erlebt haben, hat man früher manchmal fiebersenkende Mittel zur Vorbeugung empfohlen. Davon wird heute abgeraten. Denn diese Medikamente sind nicht in der Lage, Fieberkrämpfe zu verhindern. Stattdessen verordnet die Kinderärzt*in krampflösendes Diazepam, das die Eltern dem Kind bei einem erneuten Fieberkrampf in den Po verabreichen.
Antibiotika sind beim fiebernden Kind nur nötig, wenn eine schwere bakterielle Infektion vorliegt. Ansonsten überwiegen die Nachteile, z. B. Nebenwirkungen, aber auch Antibiotikaresistenzen. Ob bei Fieber ein Antibiotikum erforderlich ist, entscheidet die behandelnde Ärzt*in deshalb im Einzelfall.
Hinweis: Fieber nach Impfungen zeigt, dass sich der Körper mit dem Impfstoff wie gewünscht auseinandersetzt und Antikörper bildet. Fiebersenkende Mittel werden nur dann empfohlen, wenn das Kind nach der Impfung zusätzlich zum Fieber Schmerzen oder starkes Unwohlsein entwickelt.
Erholung muss sein!
Ist das Fieber abgeklungen, beginnt die Erholungsphase für das Kind. Auch diese Phase ist wichtig, da der Körper Gewebe repariert und sich das Immunsystem regeneriert. Oft ist das Kind noch blass und geschwächt, manche werden quengelig. Der Schlafbedarf ist meist hoch und der Appetit noch vermindert. Diese Phase dauert je nach Stärke der Infektion etwa 2 bis 5 Tage.
Essen sollten die Kinder dann besser leichte Kost. Dazu gehören Suppen und vitaminreiches Obst. Wie in den Fieberphasen muss darauf geachtet werden, dass das Kind ausreichend trinkt.
Bevor es wieder in den Kindergarten oder in die Schule geht, sollte das Kind mindestens einen Tag fieberfrei und fit sein. Damit auch Berufstätige ihre Kinder in Ruhe zuhause betreuen können, gibt für gesetzlich krankenversicherte Eltern spezielle Regelungen wie Kinderkrankentage und Kinderkrankengeld. Im Jahr 2026 können Versicherte je Kind unter 12 Jahren bis zu 15 Arbeitstage zuhause bleiben und Kinderkrankengeld beantragen, Alleinerziehende bis zu 30 Tage. Beantragt wird das Kinderkrankengeld bei der jeweiligen Krankenkasse.
Tipp: Ausführliche Infos zum Kinderkrankengeld gibt es auf der Webseite des Bundesgesundheitsministeriums.
Quelle:S3-Leitlinie Fiebermanagement bei Kindern und Jugendlichen

