Gesundheit heute
Ventrikuläre Herzrhythmusstörungen – Kammerflimmern, Kammerflattern, ventrikuläre Extrasystolen, Kammertachykardie
Ventrikuläre Herzrhythmusstörungen (herzkammerbedingtes Herzstolpern): Zu schneller oder unregelmäßiger Herzschlag aufgrund von Störungen im Bereich der Muskulatur der Herzkammern. Als Ursache kommen strukturelle Schädigungen des Herzmuskels, genetisch bedingte Erkrankung sowie Medikamente oder Genussmittel in Frage. Die Beschwerden reichen vom harmlosen Herzstolpern bis zum Herzstillstand durch Kammerflimmern.
Akutmaßnahmen bei lebensbedrohlichen Herzrhythmusstörungen sind Wiederbelebung und Defibrillation. Zur Langzeittherapie werden Medikamente und ICDs (implantierbare Defibrillatoren, siehe unten) eingesetzt, in manchen Fällen kommt auch die Katheterablation in Frage. Die Prognose hängt eng mit der Ursache der vorliegenden Herzrhythmusstörung zusammen.
Symptome und Leitbeschwerden
- Herzklopfen, Herzstolpern, Herzrasen
- Atemnot, Krampfanfälle, Bewusstlosigkeit
- Herz-Kreislauf-Stillstand.
Wann zum Arzt
In den nächsten Tagen, wenn
- wiederholt Herzklopfen, Herzstolpern oder Herzrasen auftritt.
Sofort den Notarzt rufen, wenn
- das Herzklopfen, Herzstolpern oder Herzrasen nicht mehr aufhört oder mit Angstgefühl, Schwindelbeschwerden oder Atemnot verbunden ist
- Bewusstseinsstörungen auftreten, auch wenn diese nur vorübergehend sein sollten.
Die Erkrankung
Ursachen
Die elektrischen Phänomene, die eine geordnete Herzfunktion ermöglichen, spielen sich im Normalfall im Sinusknoten und in den weiteren Teilen des Erregungsleitungssystems des Herzens ab. (Mehr zu diesen Vorgängen siehe Elektrische Phänomene in unserem Herzen: Stromstöße, Taktgeber und Verteilerstrecken). Ventrikuläre Arrhythmien entstehen, wenn die Ausbreitung der normalen elektrischen Erregung im Herzen gestört ist. Mögliche Ursachen dafür sind:
- Erworbene Schädigungen des Herzmuskelgewebes (Fibrosen, Infarktnarben, Entzündungen) bei KHK, Myokardinfarkt, Kardiomyopathie, Aortenklappenstenose, Herzmuskelentzündungen
- Degenerative Veränderungen
- Medikamente (Herzglykoside, Antiarrhythmika, Betablocker, Diuretika)
- Genussmittel (Kaffee, Nikotin, Alkohol, Psychostimulanzien)
- Elektrolytstörungen (z. B. Hypokaliämie)
- Gewebeschäden nach Herzoperationen
- Seltene erbliche Erkrankungen wie beispielsweise das Brugada-Syndrom, das durch eine Gen-Mutation bedingt ist und zu Defekten im Bereich spannungsgesteuerter Natriumkanäle auf den Herzmuskelzellen führt.
Ventrikuläre Extrasystolen
Die Erregungsbildung ist nicht auf den Sinusknoten beschränkt, sondern sie kann ebenso in anderen Muskelzellen des Herzens stattfinden und sich von dort über das ganze Herz ausbreiten. Das ist auch gut so, denn diese Ersatz-Taktgeber springen (fast) immer ein, wenn der Sinusknoten ausfällt, was sonst zum sicheren Tod führen würde. Die so außer der Reihe entstehenden Kontraktionen des Herzens werden Extrasystolen (Extraschläge des Herzens) genannt. Dies wird häufig als Herzstolpern empfunden. Geht die Erregung von den Herzkammern (Ventrikeln) aus, so spricht man von einer ventrikulären Extrasystole. entrikuläre Extrasystolen treten bei Patienten mit und ohne Herzerkrankungen auf. Bei Herzgesunden können sie vernachlässigt werden. Wenn sie bei fortgeschrittener Herzinsuffizienz oder nach einem Herzinfarkt deutlich zunehmen, besteht jedoch die Gefahr eines plötzlichen Herztods.
Ventrikuläre Extrasystolen, die regelmäßig nach jeder normalen Herzaktion auftreten, heißen Bigeminus, zwei zusammenhängende werden als Couplet bezeichnet. In Gruppen auftretende ventrikuläre Extrasystolen nennt man Salven. Bei gehäuft erscheinenden ventrikulären Extrasystolen muss immer nach einer Ursache gefahndet werden, die dann zu behandeln ist.
Kammertachykardie, Kammerflattern und Kammerflimmern
Sind die normalen Ausbreitungswege der elektrischen Erregung im Herzen z. B. durch strukturelle Gewebeschäden gestört, kommt es (ähnlich wie beim Vorhofflattern) zu kreisenden Erregungen in den Muskelzellen der Herzkammern. Diese können unabhängig vom Sinusknoten zu sehr hohen Kammerfrequenzen (ventrikuläre Tachykardien) führen. Im EKG sieht man typische Veränderungen des QRS-Komplexes. Ursache ist meist eine Herzerkrankung, z. B. eine Durchblutungsstörung des Herzens. Anders als bei Vorhoftachykardien, bei denen der AV-Knoten die Kammer vor zu schneller Herzfrequenz schützt, wirkt sich jede Kammertachykardie negativ auf die Durchblutung der Organe aus.
Bei Herzfrequenzen bis etwa 200 Schlägen pro Minute verspürt man Herzklopfen, Herzrasen und Unwohlsein. Bei höheren Herzfrequenzen nimmt das gepumpte Blutvolumen ab, weil den Herzkammern keine Zeit mehr zur Blutfüllung bleibt. Folge ist eine zunehmende Kreislaufschwäche bis hin zu Bewusstlosigkeit und plötzlichem Herztod. Lebensbedrohliche ventrikuläre Tachykardien bedürfen einer sofortigen intravenösen Medikamentengabe oder Defibrillation.
Die Übergänge von der Kammertachykardie zum Kammerflattern und -flimmern sind fließend. Ab einer Kammerfrequenz von etwa 250 Schlägen pro Minute spricht man vom Kammerflattern. Beim Kammerflimmern entstehen ähnlich wie beim Vorhofflimmern chaotische, ineffektive Zuckungen der Kammermuskulatur, ohne dass dabei Blut weitertransportiert wird. Für den Körper gleicht dies einem Herzstillstand. Im EKG sind nur noch unregelmäßige Zitterbewegungen mit Kammerfrequenzen von mehr als 350 Schlägen pro Minute zu erkennen.
Diagnosesicherung
Wichtigstes Instrument zur Diagnose akuter ventrikulärer Herzrhythmusstörungen ist das EKG – vor allem in der häufig vorliegenden Notfallsituation bei Kammerflimmern, Kammerflattern oder anhaltender Kammertachykardie.
Nicht-anhaltende Kammertachykardien (das sind Kammertachykardien, deren Episoden kürzer als 30 Sekunden dauern) und Extrasystolen sind häufig schwierig zu diagnostizieren. Um diese Rhythmusstörungen aufzuspüren, benötigt der Arzt meistens ein Langzeit-EKG oder auch einen Eventrekorder.
Mit einem solchen Ereignis- oder auch Eventrekorder werden Rhythmusstörungen aufgezeichnet, die sich in der Praxis oder im Langzeit-EKG nicht erwischen lassen. Der Arzt kann dann anhand der Daten die Art und das Ausmaß solcher Ereignisse bestimmen. Ereignisrekorder sind besonders hilfreich, wenn der Patient immer wieder Beschwerden und Rhythmusstörungen verspürt.
Mehrere Systeme stehen zur Verfügung:
- Externe, zeitweilige Überwachung: Hierbei drückt der Patient im Falle eines empfundenen Herzstolperns einen scheckkartengroßen Rekorder auf die Brust, damit das EKG über einige Minuten hinweg aufgezeichnet werden kann.
- Externe, kontinuierliche Überwachung: Hier werden wie bei einem EKG Klebeelektroden angebracht und diese mit einem kleinen externen Rekorder, den der Patient bei sich trägt oder der ebenfalls aufgeklebt wird, verbunden. Dieser Rekorder zeichnet das EKG kontinuierlich auf, der Patient muss also nicht "aufpassen", ob sein Herz stolpert oder arhythmisch wird.
- Implantierte kontinuierliche Überwachung. Vermutet der Arzt schwerwiegende, schwer erfassbare Rhythmusstörungen, rät er häufig zur Implantation eines Eventrekorders unter die Haut. Diese Geräte zeichnen bis zu 3 Jahren die Herzaktionen auf, treten Rhythmusstörungen auf, speichert das Gerät diese Ereignisse. Außerdem kann der Patient die Aufzeichnung durch ein Handgerät manuell starten, sobald er ein Herzstolpern bemerkt.
Behandlung
Ventrikuläre Extrasystolen: Zufällig entdeckte ventrikuläre Extrasystolen bei Herzgesunden sind harmlos und müssen nicht therapiert werden. Sollten sich Betroffene dadurch jedoch in Ihrem Alltag beeinträchtigt fühlen (beispielsweise durch wiederkehrende Schwindelattacken), verordnet der Arzt meist Betablocker oder andere Antiarrhythmika. Bei herzkranken Patienten mit Beschwerden durch Extrasystolen wird in der Regel eine Therapie mit Amiodaron oder einem Betablocker eingeleitet.
Kammertachykardien: Hier injiziert der Arzt Ajmalin oder Amiodaron unter EKG-Kontrolle. Kann hierdurch die Tachykardie nicht gestoppt werden, muss eine Kardioversion erfolgen.
Kammerflattern und Kammerflimmern: Die Akutmaßnahme bei diesen lebensbedrohlichen, chaotisch kreisenden Erregungswellen ist die sofortige Reanimation, meist inklusive Defibrillation. Bei einer Defibrillation wird ein massiver Stromstoß von außen über zwei auf dem Brustkorb aufliegende Plattenelektroden verabreicht. Er erregt für einen kurzen Moment alle Herzmuskelzellen gleichzeitig, womit alle elektrischen und auch alle mechanischen Aktionen im Herzen gestoppt sind. Als erstes Reizbildungszentrum erholt sich der Sinusknoten, dessen Erregungswellen sich jetzt über das gesamte Herz ausbreiten können und somit den Herzrhythmus wieder bestimmen.
Nach einem akuten Ereignis
Nach überstandenen Kammertachykardien und Kammerflimmern wird immer die auslösende Ursache gesucht. Lässt sich diese nicht durch Verbesserung der Herzmuskeldurchblutung oder durch Änderungen der Medikamente beseitigen, kommt die Implantation eines ICD (implantierbarer Kardioverter-Defibrillator, auch AICD) in Betracht, der die gefährlichen Herzrhythmusstörungen erkennt und automatisch durch Abgabe von Elektroschocks beendet.
Ein ICD überwacht die Herzschlagabfolge und kann plötzlich auftretende ventrikuläre Tachykardien und Kammerflimmern erkennen und beenden (Antitachykardiefunktion), indem er die Herzmuskelerregung über hochfrequente Stromstöße in den normalen (Sinus) Rhythmus zurückzwingt. Damit ist der ICD eine Behandlungsmöglichkeit für Patienten, die einen Herz-Kreislauf-Stillstand aufgrund von Kammerflimmern überlebt haben oder bei denen eine medikamentöse Therapie keinen dauerhaften Erfolg zeigt.
Ein ICD ist zwar etwas größer als ein Herzschrittmacher, wird aber wie dieser im Bereich der Brustmuskulatur implantiert und über eine Schrittmacherelektrode mit dem rechten Herzen verbunden. Neben seiner lebensrettenden Defibrillator-Funktion kann er auch wie ein einfacher Schrittmacher agieren und das Herz takten. Zudem zeichnet er wie ein EKG-Computer die Herzaktionen auf und speichert sie. Damit prüft der Kardiologe bei jeder Kontrolluntersuchung, ob seit der letzten Kontrolle Herzrhythmusstörungen aufgetreten sind und ob der ICD richtig reagiert hat.
Ventrikuläre Tachykardien oder Extrasystolen behandelt der Arzt auch mit einer Katheterablation.
Prognose
Die Prognose von ventrikulären Herzrhythmusstörungen hängt wesentlich von der zugrunde liegenden Erkrankung und der Schnelligkeit der Behandlung ab.
Unbehandeltes Kammerflimmern ist tödlich. Wird jedoch innerhalb der ersten 3 bis 5 Minuten nach dem Herz-Kreislauf-Stillstand eine Herz-Lungen-Wiederbelebung (kardiopulmonale Reanimation) mitsamt Defibrillation – beispielsweise mit einem automatischen externen Defibrillator (AED), der auch von Laien bedient werden kann – durchgeführt, überleben etwa 50–75 %. Die Realität sieht jedoch leider anders aus, meist vergeht zuviel Zeit, bis den Betroffenen geholfen wird (häufig erst durch den Rettungsdienst), wodurch sich die Prognose deutlich verschlechtert und die Überlebensrate auf etwa 10 % sinkt.
Ventrikuläre Tachykardien in den ersten 3 Monaten nach einem Herzinfarkt haben ebenfalls eine schlechte Prognose: 85 % der betroffenen Patienten versterben innerhalb des ersten Jahres nach Infarkt.
Ihr Apotheker empfiehlt
Was Sie selbst tun können
Bewegungstherapie. Leichte sportliche Betätigung ist in den meisten Fällen hilfreich. Vermeiden Sie jedoch Sportarten, die Ihnen körperliche Höchstleistungen abverlangen. Gegebenenfalls bietet sich auch regelmäßiges Training in einer Herzsportgruppe an.
Ernährung. Hinweisen zufolge beeinflusst eine Ernährung, die reich an Omega-3-Fettsäuren wie Eicospentaensäure ist, den weiteren Krankheitsverlauf günstig. Da Blähungen Herzrhythmusstörungen begünstigen können, sollten Sie auf stark blähende Lebensmittel verzichten, wenn Sie zu Blähungen neigen.
Komplementärmedizin
Natur- und Komplementärmedizin können die verordneten Herzmedikamente nicht ersetzen, sondern allenfalls ergänzen. Die Behandlung von Herzrhythmusstörungen gehört in die Hände von Fachärzten.
Homöopathie. Homöopathische Konstitutionsmittel zu Herzrhythmusstörungen sind u. a. Argentum nitricum, Ferrum metallicum, Natrium muriaticum, Nux vomica und Sulfur. Zudem stehen homöopathische Komplexmittel (z. B. Spigelia N® Tropfen Synergon Nr. 161, Arrhythmie-Gastreu® N R66 Tropfen) zur Verfügung.
Entspannungsverfahren. Enspannungsverfahren wie Autogenes Training, Progressive Muskelentspannung nach Jacobson, Yoga oder Qi Gong können helfen, begleitende vegetative Beschwerden wie Nervosität oder Anspannung abzubauen bzw. auslösende Faktoren wie psychische Erregung, z. B. durch Stressbelastung, zu mildern.
Pflanzenheilkunde. Phytopharmaka sind nur bei leichteren Herzrhythmusstörungen eine Option. Keinesfalls sind sie eine Alternative zu den verordneten chemischen Medikamenten, in manchen Fällen kann jedoch eine Kombination sinnvoll sein. Je nach Ursache und Beschwerdebild kommen verschiedene Heilpflanzen in Betracht, so z. B. Wolfstrappkraut bei Herzrhythmusstörungen als Begleiterscheinung einer Schilddrüsenüberfunktion oder Heilkräuter mit beruhigender Wirkung z. B. Baldrianwurzel, Hopfenzapfen, Melissenblätter, wenn die Herzrhythmusstörungen mit Unruhe- und Spannungszuständen und/oder Schlaflosigkeit verbunden sind.
Dagegen zeichnet sich der Besenginster (Cytisus scoparius, z. B. Spartiol®) durch seine direkte Wirkung auf das Reizleitungssystem aus. Da es bei der Anwendung als Tee durch falsche Dosierung zu Vergiftungserscheinungen kommen kann, werden heute in der Regel Fertigpräparate eingesetzt. Weiter ist Weißdorn für die Behandlung von Herzrhythmusstörungen geeignet. Die Präparate (z. B. Crataegutt Novo 450®) müssen allerdings hoch dosiert sein, um ihre Wirkung zu entfalten.
Wegen der Gefahr einer Blutdruckkrise dürfen Besenginster und MAO-Hemmer zur Behandlung einer Depression nicht gleichzeitig eingenommen werden. Ebenso sind Bluthochdruck und Herzrhythmusstörungen wie ein AV- Block Kontraindikationen.
Weiterführende Informationen
- Der Bundesverband Defibrillator (ICD) Deutschland ist ein Netzwerk für Menschen mit implantiertem Defi und deren Selbsthilfegruppen. Die Website www.defibrillator-deutschland.de bietet Betroffenen und Angehörigen Informationen und Hilfe. Außerdem findet sich dort eine Liste der Defi-Selbsthilfegruppen in Deutschland.
Unruhige Beine können den Nachtschlaf erheblich stören und zu ausgeprägter Tagesmüdigkeit führen.
Wenn Beine keine Ruhe geben
Restless legs
Wenn nachts im Liegen die Beine nicht zu Ruhe kommen wollen, sie kribbeln und schmerzen, können Restless Legs dahinterstecken. Bei leichten Beschwerden helfen oft einfache Maßnahmen wie Schlafhygiene oder Ablenkung. Doch häufig stören die unruhigen Beine den Schlaf so sehr, dass sie die Lebensqualität empfindlich einschränken. Spätestens dann kommen Medikamente zum Einsatz.
Herumlaufen statt Schlafen
Unangenehmer Bewegungsdrang in den Beinen, gepaart mit Missempfindungen und Schmerzen: Das sind die Hauptbeschwerden beim Restless-Legs-Syndrom (RLS). Die störenden Empfindungen sind vielfältig, sie reichen von Jucken, Kribbeln, Ziehen und Reißen bis zu starken Schmerzen. Sie treten vor allem im ruhigen Sitzen oder Liegen auf, also z.B. abends vor dem Fernseher oder nachts im Bett.
Typisch ist, dass Bewegung und Aktivität die Beschwerden lindern. Stark Betroffene müssen dann immer wieder aufstehen und herumlaufen, was den Schlaf stört. Das hat viele Folgen. Zum einen fördern Schlafstörungen Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Außerdem führt schlechter Schlaf zu Tagesmüdigkeit, was wiederum die Lebensqualität einschränkt. Dabei leidet das soziale Leben nicht nur durch die RLS-bedingte Erschöpfung. Der teils unstillbare Bewegungsdrang macht manchen Betroffenen Konzert- oder Theaterbesuche unmöglich, ebenso werden Flugreisen erschwert. Das kann so weit führen, dass sich die Patient*innen ganz aus dem geselligen Leben zurückziehen.
Tipp: Nicht immer wachen die Patient*innen durch ihre unruhigen Beine auf. Bei manchen macht sich das RLS auch dadurch bemerkbar, dass im Schlaf die Beine oder Füße zucken. Wenn dies von der Bettpartner*in bemerkt wird, sollte man ein mögliches RLS bei der Ärzt*in abklären lassen.
Warum die Beine nicht zur Ruhe kommen
Die Erkrankung Restless Legs ist zwar nicht so bekannt wie die Migräne, aber ebenso häufig: Bis zu 10% der Bevölkerung sollen davon betroffen sein, vor allem Frauen im mittleren Lebensalter. Zum Glück sind bei den meisten die Beschwerden mit allgemeinen Maßnahmen beherrschbar. Doch immerhin bis zu 5% der Patient*innen benötigen Medikamente, um ihre Beine zur Ruhe zu bringen.
Die Ursache der neurologischen Erkrankung ist nicht bekannt. Expert*innen vermuten Stoffwechselstörungen im Gehirn, betroffen sein sollen der Eisenstoffwechsel und das Dopaminsystem. Offenbar ist auch die genetische Veranlagung wichtig. Inzwischen wurden verschiedene Gene identifiziert, die beim RLS eine Rolle spielen. Außerdem hat etwa die Hälfte der Betroffenen Verwandte mit den gleichen Beschwerden.
In einigen Fällen treten Restless Legs auch mit anderen Erkrankungen zusammen auf. Dazu gehören die Niereninsuffizienz (Nierenschwäche) und Polyneuropathien (Erkrankungen von Nervenfasern). Medikamente können ebenfalls RLS-Beschwerden auslösen, allen voran Antipsychotika, Antidepressiva und Metoclopramid.
Hinweis: Das RLS entwickelt sich manchmal auch im Rahmen einer Schwangerschaft. Meist bilden sich die Beschwerden nach der Entbindung wieder zurück.
Checkliste und L-Dopa-Test
Bei oben genannten Beschwerden ist es wichtig, die Hausarztpraxis aufzusuchen. Zur Vorbereitung kann man die RLS-Checkliste der Deutschen Restless-Legs-Vereinigung aus dem Internet ausdrucken und die darin gestellten zehn Fragen vorab beantworten. Das hilft der Ärzt*in bei der Abklärung, ob es sich bei den Beschwerden um ein RLS handelt. Neben der Krankengeschichte wird zur Diagnose häufig der sogenannte L-Dopa-Test herangezogen.
Beim L-Dopa-Test nimmt die Patient*in einmal abends L-Dopa und einen Decarboxylasehemmstoff ein. Gehen die Missempfindungen zurück, handelt es sich um ein RLS. Allerdings schließt ein Nicht-Ansprechen ein RLS nicht sicher aus - in solchen Zweifelsfällen hilft eine Untersuchung im Schlaflabor weiter.
In unklaren Fällen muss die Ärzt*in andere Krankheiten mit Beinschmerzen, Kribbeln oder Bewegungsdrang ausschließen. Dazu gehören beispielsweise die Spinalkanalstenose (eine Verengung des Wirbelkanals), Gelenkentzündungen, Venenerkrankungen oder Durchblutungsstörungen.
Ist ein RLS diagnostiziert, muss geklärt werden, ob zusätzlich eine begünstigende Erkrankung vorliegt. Bei einem entsprechenden Verdacht decken Laboruntersuchungen Eisenmangel, Nierenschwäche und andere Erkrankungen auf. Neurologische Spezialuntersuchungen kommen einer möglichen Nervenerkrankung auf die Spur.
Hinweis: Besonders wichtig bei der Diagnostik ist die ausführliche Medikamentenanamnese, d.h. die Abfrage, welche Arzneien die Patient*in einnimmt. Einige Wirkstoffe sind bekannt dafür, dass sie zu RLS-Symptomen führen oder diese verstärken. Dazu gehören Cimetidin, Flunarizin, Lithium und andere Antidepressiva sowie Antipsychotika wie Haldol, Clozapin und Risperidon.
Schlafhygiene, Eisen und Bewegung
Behandelt werden beim RLS sowohl die Symptome als auch – sofern gefunden - die Ursache. Liegt z.B. eine begleitende Erkrankung vor, muss diese therapiert werden. Sind Medikamente der Auslöser, wird die Ärzt*in diese absetzen bzw. ersetzen.
Zur Linderung der Beschwerden empfehlen Expert*innen zunächst eine Eisensubstitution. Bei leichteren Missempfindungen und niedrigen Ferritinwerten (≤ 75 µg/l Blut) erfolgt die Eisengabe oral. Ein schweres RLS mit eingeschränkter Lebensqualität sowie eine Transferrinsättigung <20% im Blut erfordern die intravenöse Gabe. Meist werden einmal 1000 mg oder zweimal 500 mg innerhalb einer Woche verabreicht.
Zusätzlich unterstützen folgende allgemeine Maßnahmen die Therapie:
- Schlafhygiene verbessern. Dazu gehören ein dunkler, ruhiger und angenehm temperierter Schlafraum und eine gute Matratze. Abends sollten Aufregungen (aufwühlende Filme, belastende Nachrichten) und anstrengender Sport gemieden werden. Stattdessen helfen Rituale, die immer dem gleichen Rhythmus folgen. Etwa ein Abendspaziergang, ein Tee oder ein warmes Bad.
- Beruhigende Ernährung. Lebensmittel mit raffiniertem Zucker oder kohlensäurehaltige Getränke wirken ungünstig auf ein RLS und sind deshalb zu reduzieren.
- Aufputscher meiden. Betroffene berichten häufig, dass Alkohol, Kaffee, Cola und Rauchen die Beschwerden verschlimmern. Expert*innen empfehlen, nach 15 Uhr kein Koffein und ab vier Stunden vor dem Zubettgehen keinen Alkohol zu sich zu nehmen. Raucher*innen sollten versuchen, sich das Rauchen abzugewöhnen.
- Körperliche Bewegung. Regelmäßige körperliche Aktivitäten, bei den die Beine beansprucht werden, können sich auf ein RLS positiv auswirken. Allerdings sollte man am Vormittag oder frühen Nachmittag Sport treiben. Spätere Anstrengungen können das RLS triggern.
- Ablenkung. Wenn die Beschwerden abends vor dem Zubettgehen auftreten, helfen Ablenkung durch Hobbys, Spiele oder Basteln. Beim Fernsehen profitieren manche Patient*innen von Handarbeiten wie Stricken oder Häkeln.
- Bettfahrrad. Niereninsuffiziente Patient*innen entwickeln häufig während ihrer Dialyse RLS-Symptome. Ihnen hilft es, wenn sie während der Dialyse ein Bettfahrrad benutzen.
Hinweis: Vorsicht mit Entspannungsübungen. Es gibt Hinweise, dass autogenes Training oder die Progressive Muskelentspannung nach Jacobsen die RLS-Beschwerden verschlechtern können. Wer dies nach Entspannungseinheiten bemerkt, sollte darauf lieber verzichten.
Wann Medikamente ran müssen
In manchen Fällen bleiben die Beschwerden trotz allgemeiner Maßnahmen und Eisengabe bestehen. Ist der Leidensdruck groß, sind im Gehirn wirkende Medikamente angezeigt. Dabei müssen jedoch die teils ausgeprägten unerwünschten Wirkungen der Medikamente bedacht und frühzeitig erkannt werden, um darauf zu reagieren.
Dopaminagonisten. Als Mittel der ersten Wahl gelten Dopaminagonisten. Sie werden eineinhalb bis zwei Stunden vor dem üblichen Beginn der Beschwerden eingenommen (Pramipexol oder Ropinirol) oder als Pflaster (Rotigotin) täglich neu aufgeklebt. Dabei verordnet die Ärzt*in die niedrigst wirksame Dosis, um eine sog. Augmentation zu vermeiden. Diese typische Komplikation der dopaminergen Therapie zeigt sich darin, dass die Beschwerden mit der Zeit deutlich früher beginnen, sich auf andere Körperteile ausbreiten, zunehmen oder die Wirkung der dopaminergen Substanz nachlässt.
Dopaminagonisten haben weitere Nebenwirkungen, die Patient*innen kennen müssen. In den ersten Wochen der Behandlung kann es zu Übelkeit, Schwindel und Benommenheit kommen. Bleiben diese unerwünschten Wirkungen bestehen, muss die Ärzt*in das Präparat absetzen oder austauschen. Eine weitere ernstzunehmende Nebenwirkung sind Impulskontrollstörungen, die bei jeder vierten Betroffenen auftreten. Dabei handelt es sich z. B. um Spiel- und Kaufsucht, zwanghaftes Essen und eine Steigerung der Libido. Kommt es dazu, muss die behandelnde Ärzt*in informiert und der Dopaminagonist ebenfalls abgesetzt werden.
Nach ärztlicher Rücksprache sofort abgesetzt wird der Dopaminagonist, wenn die Patient*in nachts wacher ist als ohne Therapie und die Tagesmüdigkeit erheblich zunimmt. Das Gleiche gilt, wenn es am Tag zu Schlafattacken kommt, die das Autofahren unmöglich machen.
Gabapentinoide. Pregabalin und Gabapentin sind wirksam gegen RLS-Beschwerden, in Deutschland dafür aber nicht zugelassen. Ihr Off-Label-Einsatz gilt den aktuellen Leitlinien zufolge als gerechtfertigt, wenn Dopaminagonisten z.B. aufgrund von Impulskontrollstörungen nicht gegeben werden können oder die Schmerzen besonders ausgeprägt sind. Vor allem bei älteren Patient*innen führen Gabapentinoide allerdings zu Schwindel, Gangstörungen, Benommenheit und Sehstörungen.
Opioide. Die Kombination von Oxycodon und Naloxon gilt als sicher und effektiv bei der Behandlung des RLS. Sie ist als zweite Wahl zugelassen, d.h. wenn andere Therapien versagt haben oder aufgrund von Nebenwirkungen nicht möglich sind. Neben unerwünschten Wirkungen wie Schwitzen, Juckreiz, Müdigkeit und Benommenheit droht bei chronischer Einnahme von Opioiden eine körperliche und psychische Abhängigkeit.
Neben diesen Wirkstoffen empfiehlt die RLS-Leitlinie zur Behandlung zwei nicht-medikamentöse Verfahren. So bessert die regelmäßige Bestrahlung der Beine mit Infrarotlicht die Beschwerden. Dahinter steckt vermutlich die Wirkung von Stickstoffmonoxid auf die Gefäße. Auch die transkutane spinale Gleichstromstimulation soll RLS-Beschwerden bessern. Dabei werden über der Wirbelsäule zwei Flächenelektroden aufgeklebt und niedrig dosierte Ströme appliziert.
Hinweis: Immer wieder werden auch Cannabinoide, Magnesium oder Benzodiazepine zur Behandlung des RLS vorgeschlagen. Aufgrund fehlender Wirknachweise empfiehlt die Leitlinie diese Therapien bisher nicht. Das Gleiche gilt für Laser- und Kältetherapien, Akupunktur und die pneumatische Kompression der Beine.
Quellen: Leitlinie, Deutsche Restless Legs Vereinigung

