Gesundheit heute
Plötzlicher Kindstod
Plötzlicher Kindstod (sudden infant death syndrome, kurz SIDS, Krippentod): Meist während des Schlafes eintretender, plötzlicher und unvorhersehbarer Tod von Säuglingen oder Kleinkindern. Typischerweise werden die Kinder blass und leblos, manchmal auch mit blauen Lippen und blauen Flecken auf der Haut in ihrem Bettchen vorgefunden. Der plötzliche Kindstod ist die häufigste Todesursache im ersten Lebensjahr. 2019 sind daran 75 Jungen und 32 Mädchen verstorben, d. h., das Risiko beträgt etwa 0,016 %. Betroffen sind vor allem Babys im Alter von 2–6 Monaten, Jungen häufiger als Mädchen. Die Kinder sind meist völlig gesund, auch nach einer Obduktion lässt sich keine Ursache finden. Um das Risiko eines plötzlichen Kindstodes zu senken, helfen präventive Maßnahmen wie das Betten in der Rückenlage und der Verzicht auf Kissen oder große Bettdecken.
Wann in die Arztpraxis
Sofort einen Notruf absetzen (112),
- wenn ein Kind leblos im Bett liegt.
Hinweis: Im besten Fall führen Sie nach dem Absetzen des Notrufs sofort Herz-Lungen-Wiederbelebungsmaßnahmen durch. Diese gestalten sich bei Säuglingen schwierig. Deshalb ist es sinnvoll, als werdende Eltern einen Erste-Hilfe-Kurs für Babys und Kleinkinder zu absolvieren. Dort lernt man an Puppen, wie man ein Baby reanimiert.
Ursachen und Risikofaktoren
Was genau zum plötzlichen Kindstod führt ist trotz einer Unzahl verschiedener Theorien weiterhin ungeklärt. Viele Forscher*innen gehen von einer Atemstörung aus. Im Gehirn gibt es mehrere Gebiete, in denen Atmung und Herzschlag reguliert werden. Befindet sich im Blut zu wenig Sauerstoff oder zu viel Kohlendioxid, geben sie Alarm und regen die Atmung an – der Sauerstoffgehalt nimmt wieder zu und KOhlendioxid wird abgeatmet. Im Fall des plötzlichen Kindstodes sollen diese Gebiete gestört sein, z. B. durch eine noch mangelhafte Durchblutung oder Reifestörungen. Das bedeutet, dass bei Sauerstoffmangel oder Kohlendioxiderhöhung (z. B. durch äußere Faktoren wie eine verlegte Atmung oder Einatmen von Nikotin, siehe Risikofaktoren) die lebensrettenden Reaktionen versagen.
Impfungen. Da die meisten Fälle des plötzlichen Kindstodes im "ersten Impfalter" passieren, geraten Impfungen immer wieder in Verdacht. Es gibt jedoch keine Hinweise für einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Impfungen und dem plötzlichen Kindstod.
Risikofaktoren für den plötzlichen Kindstod
Auch wenn die eigentliche Ursache nicht geklärt ist, lassen sich doch wichtige, beeinflussbare Risikofaktoren benennen. Von diesen leiten sich auch die Vorbeugemaßnahmen ab (mehr dazu unter "Ihre Apotheke empfiehlt"). Zu diesen Risikofaktoren gehören:
- Schlaflage. Kinder, die in Bauchlage schlafen, haben ein etwa 2-fach höheres Risiko. Kommt dann noch eine weiche Unterlage, ein dickes Kopfkissen oder eine große Bettdecke hinzu, steigt das Risiko weiter an. Die Häufigkeit des plötzlichen Kindstodes ist seit dem Anfang der 90er-Jahre um fast 90 % zurückgegangen, da ab dieser Zeit die Rückenlage als bevorzugte Schlafposition für Säuglinge empfohlen wurde.
- Schlafen im Elternbett. Das Risiko des plötzlichen Säuglingstods ist 3-fach erhöht, wenn Kinder mit den Eltern zusammen in einem Bett schlafen.
- Schlafumgebung. Offenbar stellen eine schlechte Sauerstoffzufuhr und zu viel Wärme in der Schlafumgebung ein Risiko dar. Optimalerweise sollte die Umgebungstemperatur beim Schlafen ungefähr 18° C betragen. Da sich Kinder Bettdecken leicht über den Kopf ziehen können, empfiehlt sich außerdem ein gut passender Baby-Schlafsack.
- Nikotin. Wenn die Mutter raucht, hat das Baby ein 5-fach höheres Risiko, am plötzlichen Kindstod zu versterben. Manche Forscher*innen gehen davon aus, dass ein großer Teil dieses Risikos schon durch das Mitrauchen im Mutterleib bedingt ist. Aber auch eine rauchfreie Umgebung, insbesondere im Schlaf, ist sehr wichtig!
- Schwangerschaftsverlauf. Frühgeborene und Mehrlinge haben ein etwa 3- bis 5-mal höheres Risiko.
- Frühes Abstillen. Auch frühzeitiges Abstillen ist möglicherweise ein Risikofaktor, denn unter den Opfern des plötzlichen Kindstodes kommen gestillte Kinder nur halb so oft vor.
- Alter der Mutter. Ist die Mutter jünger als 20 Jahre, besteht eher die Gefahr für einen plötzlichen Kindstod als bei älteren Müttern.
- Apnoe/BRUE. Als besonders gefährdet gelten auch Säuglinge, bei denen längere Atempausen (Schlaf-Apnoe) zu beobachten sind. Auch wenn das Kind schon zweimal ein kurzes, abgeschlossenes, unerklärliches Ereignis (BRUE, früher "Anscheinend lebensbedrohliches Ereignis", ALE oder ALTE) mit Blauverfärbung der Haut, Atempause und Leblosigkeit aufgrund unbekannter Ursache durchgemacht hat, ist das Risiko erhöht.
- Erbliche Belastung. Ist bereits ein Geschwisterkind am plötzlichen Kindstod verstorben, besteht eine höhere Gefahr für die danach geborenen Kinder.
Diagnosesicherung
Typischerweise finden die Eltern das leblose Kind in seinem Bettchen und alarmieren die Notärzt*in. Trifft das Rettungsteam ein, können diese nur noch den Tod des Kindes feststellen. Blaue Lippen, Schaum vor dem Mund, schwitzige Haare sowie der meist gute Pflege- und Ernährungszustand und das Fehlen von Gewaltspuren legen gemeinsam mit den Schilderungen der Eltern den Verdacht auf einen plötzlichen Kindstod nahe. Dieser gilt als nicht aufgeklärter Todesfall und ist der Polizei zu melden. Für eine sichere Feststellung der Todesursache ist jedoch eine Obduktion nach definiertem wissenschaftlichem Protokoll erforderlich. Nur dadurch lässt sich klären, ob der Tod als plötzlicher Kindstod zu klassifizieren ist oder ob ihm eine natürliche oder nicht-natürliche Ursache (z. B. Ersticken durch einen Elternteil) zugrunde liegt. Die Obduktion wird von der Staatsanwaltschaft eingeleitet, verzichtet diese darauf, können die Eltern sich aber auch freiwillig dafür entscheiden.
Differenzialdiagnostik. Wichtige Differenzialdiagnose ist der Tod aufgrund von Fehlbildungen oder Erkrankungen wie etwa Infektionen, Stoffwechselerkrankungen oder das Reye-Syndrom. Bei einem leblos aufgefundenen Kind muss man aber auch immer an nicht-natürliche Todesursachen wie das aktive Ersticken, Schütteltrauma, Misshandlung oder auch Vernachlässigung denken.
Diagnostik beim Geschwisterkind. Es gibt bisher keine diagnostischen Methoden, mit denen man gefährdete Kinder vorbeugend erkennen kann. Zur Vorsicht werden Neugeborene, deren Geschwisterchen am plötzlichen Kindstod verstorben ist, trotzdem besonders gründlich hinsichtlich ihres Herz-Kreislaufsystems und der Atmung untersucht. Dazu gehören beispielsweise die Prüfung der Atmung, ein EKG und Laboruntersuchungen wie Blutzucker und Blutbild.
Nach dem Tod des Kindes
Der Tod des eigenen Kindes gilt als eine der schlimmsten Erfahrungen, die Eltern machen können. Viele kommen dadurch psychisch an ihre Grenzen. Durch die polizeiliche Untersuchung und die eventuelle Obduktion werden Trauer und Abschiednehmen für die betroffenen Eltern weiter massiv erschwert. Eine zusätzliche Belastung ist die Tatsache, dass das Bedürfnis nach Aufklärung und Diagnose trotz Untersuchung nicht befriedigt werden kann. Die psychischen und körperlichen Folgen sind erheblich: Eltern, die ihr Baby durch einen plötzlichen Kindstod verloren haben, haben eine reduzierte Lebenserwartung. Einer dänischen Studie zufolge erhöht sich in den ersten 4 Jahren nach dem Ereignis bei betroffenen Müttern das Suizidrisiko um das Vierfache und das Risiko, langfristig an Krebs zu erkranken, um 44 %. Betroffene Väter sollen ein doppelt so hohes Risiko haben, durch Suizid oder einen Unfall zu versterben.
Ihre Apotheke empfiehlt
Was Sie als Eltern tun können
Der plötzliche Kindstod ist zu Recht eine Sorge vieler Eltern von Säuglingen. Es hat sich allerdings gezeigt, dass vorbeugende Maßnahmen wirksam sind: Denn bei Kindern, die nicht passivrauchen, die gestillt werden und auf einer festen Unterlage auf dem Rücken schlafen, ist der plötzliche Kindstod sehr selten. Die wichtigsten Präventionsmaßnahmen sind:
Rückenlage. Lassen Sie das Kind auf dem Rücken schlafen – nicht auf dem Bauch! Zwar wurde festgestellt, dass diese Art zu schlafen einen asymmetrischen/platten Hinterkopf begünstigt. Dies lässt sich jedoch vermeiden, wenn Sie Ihr Baby so oft wie möglich auf dem Bauch liegen lassen – aber nur, wenn es beaufsichtigt wird. Das hat einen zusätzlich positiven Effekt: Durch die Bauchlage im Wachen werden die Muskeln gestärkt und die Kopfhalte-Kontrolle geübt.
Nicht rauchen. Verzichten Sie auf das Zigarettenrauchen– sowohl während der Schwangerschaft als auch danach! Auch nicht im Garten oder auf dem Balkon, denn die Schadstoffe lagern sich auf der Kleidung ab und werden so auf den Säugling übertragen. Bestandteile des Zigarettenrauchs sind dann also trotzdem im Blut Ihres Säuglings nachweisbar!
Überwärmung vermeiden. Eine Raumtemperatur von max. 18° C reicht zum Schlafen aus. Achten Sie auch darauf, dass das Kinderbett nicht an der Heizung oder in der Sonne steht. Die Körpertemperatur des Kindes fühlt man am besten am Rücken zwischen den Schulterblättern. Fühlt es sich hier verschwitzt an, ist die Umgebung zu warm.
Schlafsack statt Federbett. Damit das Kind mit dem Kopf nicht unter die Decke rutscht, bietet sich ein Schlafsack an. Dieser darf nicht "auf Vorrat" angeschafft werden, sondern muss gut sitzen. Das bedeutet, dass die Halsöffnung kleiner sein soll als der Kopf.
Gesunde Schlafumgebung. Sorgen Sie zusätzlich für eine gesunde Schlafumgebung – hierzu gehören ein "richtiges" Bett (also kein Wasserbett oder Sofa), eine feste Schlafunterlage oder Matratze, der Verzicht auf Kissen, Plüschtiere, Fellunterlagen oder zu große Federbetten und auf das zu warme "Einpacken" des Babys.
Eigenes Kinderbett. Empfohlen wird, dass Babys im 1. Lebensjahr nicht im eigenen Zimmer, sondern im eigenen Bett bei den Eltern schlafen. Optimalen Schutz bietet ein kleines Kinderbettchen, das am elterlichen Bett befestigt oder direkt daneben gestellt wird.
So lange wie möglich stillen. Babys, die länger als 6 Monate gestillt werden, haben ein niedrigeres Risiko als früh abgestillte Kinder.
Schnuller anbieten. Der frühe Gebrauch eines Schnullers reduziert das Risiko um etwa 60 %.
Nicht pucken. Das feste Einwickeln von Säuglingen in ein Tuch ist eine uralte Wickelmethode, die immer mehr propagiert wird. Kinderärzt*innen warnen generell dagegen, den Kindern die Bewegungsfreiheit zu nehmen. Vor allem in Bauch- und Seitenlage soll das Pucken das Risiko für einen plötzlichen Kindstod erhöhen.
Keine Schlafpositionierer benutzen. Die Idee, das Kind durch Polster oder das Anbinden des Schlafsacks in Rückenposition zu halten, ist naheliegend, aber grundfalsch. Durch solche Schlafpositionierer wird das Risiko für den plötzlichen Kindstod und Unfälle (Strangulieren in den Schnüren des angebundenen Schlafsacks) erhöht.
Atem- und Herzmonitor. Ein Atem- und Herzmonitor weckt die Eltern auf, wenn Atmung oder Herzschlag des Babys in einen kritischen Bereich abfallen. Leider haben die Eltern oft mit Fehlalarmen zu kämpfen, und bei einem "echten" Alarm kommen die Wiederbelebungsmaßnahmen häufig zu spät. Dem plötzlichen Kindstod lässt sich mithilfe dieser Geräte nicht effektiv vorbeugen. Allerdings trägt ein Monitor bei vielen Eltern dazu bei, dass sie sich sicherer fühlen.
Weiterführende Informationen
Hilfe für betroffene Eltern gibt es von der Gemeinsamen Elterninitiative Plötzlicher Säuglingstod e. V., zu erreichen unter www.geps.de.
Eine der für Säuglinge empfohlenen Impfungen ist die gegen Rotaviren. Sie wird als Schluckimpfung verabreicht.
Diese Impfungen müssen sein
Kindergesundheit im Blick
Impfen ist wichtig: Es schützt Säuglinge und Kleinkinder vor schweren Erkrankungen und deren lebenslangen Folgen. Inzwischen werden für Kinder und Jugendliche 13 Impfungen empfohlen. Nicht alle erhalten sie – denn manche Eltern lassen sich durch falsche Behauptungen von Impfgegner*innen verunsichern. Doch die Impfungen sind nachgewiesen sicher und höchst effektiv – sowohl für das geimpfte Kind als auch für die Allgemeinheit. Eltern sollten deshalb diese Chance nutzen.
Schon über 150 Millionen Leben gerettet
Impfungen und Impfstoffe gehören zu den wichtigsten Errungenschaften der Medizin. Durch sie wurden allein in den letzten 50 Jahren 154 Millionen Leben gerettet und die globale Lebenserwartung deutlich gesteigert. Die erste Impfung war die Ende des 18. Jahrhunderts eingeführte Pockenimpfung. Im 19. Jahrhundert kamen Impfstoffe gegen Tetanus und Milzbrand dazu, und inzwischen schützen Impfstoffe gegen mehr als 30 schwere oder folgenreiche Infektionen.
Die Ergebnisse der Impfmedizin können sich sehen lassen. So gelten die Pocken inzwischen als ausgerottet, und die Kinderlähmung steht mit jährlich etwa 100 Fällen weltweit kurz davor. Diphtherie und Keuchhusten sind in industrialisierten Ländern fast verschwunden, und neueste Impfungen wie gegen HPV können sogar die Entwicklung von Krebs verhindern.
Impfungen dienen vor allem dem Schutz von Kindern. Ihr Immunsystem ist noch unreif, was sie anfälliger für ansteckende Krankheiten macht. Das bedeutet aber nicht nur, dass sie leichter infiziert werden. Kommt es zu einer Infektion, verläuft die Erkrankung bei ihnen oft besonders schwer. So können Masern, Keuchhusten und Rotavirus-Infektionen bei Säuglingen und Kleinkindern bleibende Schäden zurücklassen oder sogar tödlich sein. Diese Kinderkrankheiten sind also keinesfalls harmlos – auch wenn ihr Name das vielleicht nahelegt.
Mit rechtzeitigen Impfungen lassen sich viele gefährlichen Erkrankungen ganz verhindern oder zumindest schwere Verläufe abmildern. Denn Impfungen trainieren das Immunsystem, ohne die Krankheit auszulösen: Indem man harmlose Anteile eines Erregers verabreicht, lernen die Immunzellen, mit der Infektion umzugehen. Es werden dann nicht nur spezifische Antikörper zur Abwehr gegen den Erreger entwickelt. Das Immunsystem bildet auch sogenannte Gedächtniszellen, die sich die Abwehr merken. Kommt es nach der Impfung zum Kontakt mit dem echten Erreger, erkennen sie diesen schneller und können innerhalb kürzester Zeit die passenden Antikörper produzieren.
Impfungen nützen nicht nur dem geimpften Kind. Sie wirken auch indirekt schützend auf die gesamte Gemeinschaft – das nennt man Herdenschutz. Das liegt daran, dass geimpfte Kinder die Weitergabe von kursierenden Erregern vermindern. Sind über 95% gegen eine Erkrankung geimpft, bricht die Übertragungskette ab. Dadurch werden Ausbrüche eingedämmt und die Krankheitslast in Kitas und Schulen deutlich verringert.
Doch nicht nur andere Kinder profitieren von der Impfung. Durch die verringerte Weitergabe von Erregern schützt man auch Erwachsene vor einer Infektion. Besonders wichtig ist dies für diejenigen, die ein geschwächtes Immunsystem haben. So z. B. alte Menschen, chronisch Kranke oder solche, die immununterdrückende Medikamente einnehmen.
Hinweis: Allein die Masernimpfung ist hocheffektiv, wie die WHO berechnet hat. Bis 2024 hat sie rund 58 Millionen Leben gerettet – und zwar vor allem das von Kindern.
Nur Impfen schützt
Damit Impfungen schützen können, gibt es nur eins: Impfen. Denn die Erreger sind (bis auf die Pocken) nicht verschwunden. Überall dort, wo sich Menschen aufhalten, sind auch Viren und Bakterien zu finden. Darunter tummeln sich nicht nur harmlose Erkältungsviren, sondern potenziell auch all die Erreger, die Kindern gefährlich werden können.
Die Ständige Impfkommission (STIKO) ist ein unabhängiges Expert*innenteam, das die Wirkung und die Sicherheit von Impfungen wissenschaftlich prüft und Empfehlungen dazu herausgibt. Jedes Jahr wird ein Impfkalender veröffentlicht, indem diese Empfehlungen aktualisiert werden. Darin finden sich die Zeitpläne, wann Kinder, Jugendliche und Erwachsene gegen welche Erkrankung geimpft werden sollten.
Die meisten Eltern lassen ihre Kinder gemäß der STIKO-Empfehlungen impfen. Noch liegen die Impfquoten auf recht hohem Niveau. So sind über 90% der Säuglinge und Kleinkinder gegen Diphtherie, Polio und Tetanus geimpft. Allerdings werden inzwischen immer häufiger die nötigen Auffrischimpfungen unterlassen. Auch bei Impfungen, die erst für Jugendliche empfohlen werden, ist noch viel Luft nach oben. Die gegen Krebs schützende HPV-Impfung haben bei den 15-Jährigen 55% der Mädchen und 36% der Jungen erhalten.
Hinweis: Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen in Deutschland alle von der STIKO empfohlenen Impfungen für Kinder und Jugendliche als Kassenleistung. Voraussetzung ist, dass diese in die Schutzimpfungs-Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) aufgenommen wurden.
Warum Eltern sich sorgen
Manche Eltern sorgen sich jedoch, dass eine Impfung ihrem Kind schaden könnte. Sie fürchten schwere Nebenwirkungen wie z. B. akute Herzmuskelentzündungen oder Langzeitfolgen. Solche Ängste werden von einigen Randgruppen geschürt, vor allem geschieht dies in sozialen Medien. So wurde die Masernimpfung angeschuldigt, Autismus auszulösen, der HPV-Impfung sagten Impfgegner*innen nach, sie führe zur Unfruchtbarkeit. Beides ist wissenschaftlich widerlegt und wird trotzdem immer wieder verbreitet. Auch die Impfdebatte um Corona hat die Skepsis bei einigen Menschen verstärkt. Deshalb ist es wichtig, sich unabhängige, neutrale Informationen zu besorgen. Gute Adressen dafür sind die STIKO und natürlich die Haus- oder Kinderärzt*in.
Ein häufig gehörtes Argument gegen Impfungen ist, dass Impfungen das Immunsystem der Kinder überlasten. Doch das kindliche Immunsystem ist unglaublich leistungsstark, es verarbeitet täglich tausende Antigene aus der Umwelt und der Nahrung. Die Standard-Sechsfachimpfung für Säuglinge nutzt nur etwa 0,1% dieser Immunkapazität. Impfungen stören auch die sonstige Abwehr nicht: Dass frisch geimpfte Kinder gleichzeitig nicht mehr Infektionen bekommen, haben zahlreiche Studien nachgewiesen.
Auch die Nebenwirkungen werden von Impfgegner*innen ins Feld geführt. Leichte Impfreaktionen wie Rötungen an der Einstichstelle, Kopfschmerzen oder leichtes Fieber zeigen, dass der Körper auf die Impfung reagiert. Sie können bei allen von der STIKO empfohlenen Impfungen auftreten und sind in der Regel unbedenklich und nur von kurzer Dauer. Schwere Nebenwirkungen sind dagegen überaus selten. Forschende haben berechnet, dass es bei einer von 1 Million verabreichten Impfdosen zu einer Anaphylaxie (einer schweren Überempfindlichkeitsreaktion) kommt. Viel gefährlicher als Impfungen sind die entsprechenden Krankheiten: Masern führen in 30% der Fälle zu schweren Komplikationen wie Lungen- oder Gehirnentzündung. Und von 100-200 Polio-Infizierten behalten etwa ein bis zwei eine Lähmung der Beine zurück.
Hinweis: Impfstoffe werden nicht nur vor ihrer Zulassung umfassend hinsichtlich ihrer Wirksamkeit und ihrer Sicherheit von den entsprechenden Behörden geprüft. Auch nach Einführung der Impfung werden sie weiter kontrolliert und jahrzehntelang Daten gesammelt und analysiert, um etwaige Langzeitprobleme zu erkennen.
Die einzelnen Impfungen im Kindesalter – das sollte man wissen
Welche Impfungen die STIKO im Einzelnen empfiehlt, richtet sich nach dem Lebensalter. Zur von der STIKO empfohlenen Grundimmunisierung gehören Impfungen gegen folgende Infektionen:
- Rotavirus-Infektion
- Tetanus
- Diphtherie
- Poliomyelitis
- Keuchhusten (Pertussis)
- Hämophilus-influenza-Infektion (Hib)
- Hepatitis B
- Pneumokokkeninfektion
- Meningokokkeninfektion
Im Alter von sechs Wochen geht es mit der Impfung gegen Rotaviren los, ab Woche acht kommen bis zu acht weitere Impfungen hinzu. In den meisten Fällen handelt es sich um Impfungen, die in drei Dosen verabreicht werden, z. B. im zweiten, im vierten und im elften (bis zwölften) Lebensmonat. Sie alle können an einem Tag gegeben werden. Als Sechsfach-Impfung in einer Spritze gibt es z. B. Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten, Polio (Kinderlähmung), Hib und Hepatitis B. Die Impfstoffe gegen Meningokokken B und Pneumokokken werden einzeln geimpft. Je nach Impfstoff sind weitere Auffrischimpfungen im sechsten Lebensjahr und im Alter von 9 bis 16 Jahren nötig.
- Rotaviren-Infektion. Rotaviren treten gehäuft zwischen Februar und April auf. Fast alle Säuglinge und Kleinkinder stecken sich damit an, insbesondere in den ersten zwei Lebensjahren. Pro Jahr erkranken etwa 40-60 000 Kinder daran. Die Erkrankung löst wässrigen Durchfall, Erbrechen und Bauchschmerzen aus. Vor allem Säuglinge können viel Flüssigkeit und Mineralien verlieren und austrocknen, es kann sogar zu Todesfällen kommen. Bei der Impfung handelt es sich um eine Schluckimpfung, die je nach Präparat aus 2 bis 3 Dosen besteht. Die erste Dosis soll mit sechs Wochen verabreicht werden. Als Nebenwirkung ist die Darminvagination bekannt, bei der sich ein Teil des Darms in einen anderen hineinschiebt. Das natürliche Invaginationsrisiko bei Säuglingen beträgt 60 bis 100 auf 100 000 Kinder pro Jahr. Nach der ersten Dosis der Rotaviren-Impfung steigt das Risiko minimal an, und zwar auf 1 bis 5 zusätzliche Fälle pro 100 000 geimpften Säuglingen. Der Nutzen der Impfung überwiegt damit das Risiko erheblich, weshalb die Impfung auch von der STIKO empfohlen wird.
- Diphtherie wird durch Bakterien übertragen und führt zu Halsschmerzen, Schluckbeschwerden, Fieber und Heiserkeit. Früher sind viele Kinder an der Diphtherie erstickt, weltweit sterben heute etwa 5 bis 10% der Erkrankten an Herz- und Nierenschäden. In Deutschland kommt die Diphtherie kaum noch vor. In anderen Ländern ist die Erkrankung noch verbreitet, bei unvollständigem Impfschutz kann sie deshalb auch in Deutschland wieder Fuß fassen. Geimpft wird im Rahmen der Grundimmunisierung, meist mit dem sogenannten Sechsfachimpfstoff.
- Tetanus. Tetanusbakterien finden sich in Gartenerde, Straßenstaub oder im Sandkasten, Kinder sind damit also ständig konfrontiert. Über kleinste Verletzungen können sie in den Körper eindringen und Wundstarrkrampf hervorrufen. Selbst wenn die Erkrankung behandelt wird, sterben etwa 10 bis 20 % der betroffenen an Atemnot oder Herzversagen. Aufgrund der Impfung (in der Regel im Sechsfachimpfstoff) ist Wundstarrkrampf in Deutschland sehr selten.
- Keuchhusten (Pertussis). Die Keuchhustenerkrankung wird durch Bakterien übertragen und kann vor allem bei Säuglingen gefährlich Atemstillstände auslösen. In seltenen Fällen schädigen Sauerstoffmangel und Krampfanfälle das Gehirn, es drohen u. a. Lähmungen, Seh- und Hörstörungen. Geimpft wird im Rahmen der Sechsfach-Impfung.
- Kinderlähmung (Poliomyelitis). Polioviren sind überaus ansteckend, sie verbreiten sich über Husten und Niesen und über den Stuhl (Schmierinfektion). Bei den allermeisten Infizierten verläuft die Erkrankung unbemerkt. 4 bis 8% entwickeln jedoch grippeähnliche Symptome, bei bis zu 1 % von ihnen kommt es zu Lähmungen, die lebenslang anhalten können. Polio ist in Deutschland selten, kann aber durch Reisende ins Land gebracht werden. Umso wichtiger ist ein guter Impfschutz. Geimpft wird im Rahmen der Grundimmunisierung, bei Säuglingen meist mit der Sechsfach-Impfung.
- Hämophilus influenzae Typ B (Hib). Hib-Bakterien werden durch Husten und Niesen übertragen und infizieren vor allem den Nasenrachenraum inklusive Mittelohr und Nebenhöhlen. Bei schweren Verläufen kann der Kehldeckel anschwellen und zu Atemnot führen, auch Hirnhautentzündungen sind möglich. Säuglinge und Kleinkinder können innerhalb kurzer Zeit lebensbedrohlich erkranken. Die STIKO empfiehlt die Hib-Impfung ab einem Alter von 2 Monaten, sie ist in entsprechenden Sechsfach-Impfstoffen enthalten.
- Hepatitis B. Infektionen mit dem Hepatitis-B-Virus gefährden die Leber. Die Viren werden über Blut und andere Körperflüssigkeiten übertragen, insbesondere beim Geschlechtsverkehr. Die STIKO rät zu einer frühen Impfung im Rahmen der Grundimmunisierung. Dadurch werden Jugendliche rechtzeitig vor Beginn ihrer sexuellen Aktivität vor der Erkrankung geschützt. Die Hepatitis-B-Impfung kann gemeinsam im Sechsfach-Impfstoff verabreicht werden.
- Pneumokokken. Pneumokokken sind Bakterien, die durch Husten und Niesen übertragen werden und schwere Infektionen in Mittelohr, Lunge, und Nasennebenhöhlen verursachen. Auch Blutvergiftung (Sepsis) und Hirnhautentzündungen gehen auf ihr Konto. Die Infektion variiert stark. Es gibt Keimträger*innen, die völlig krankheitsfrei sind, bei anderen kommt es zu schweren Verläufen, von denen jede zehnte tödlich endet. Die Pneumokokkenimpfung wird zu den gleichen Zeitpunkten verabreicht wie die anderen Grundimmunisierungen, allerdings in einer separaten Spritze.
- Meningokokken B. Von diesen Bakterien, die zu Hirnhautentzündung und Blutvergiftung führen können, gibt es verschiedene Typen. Sie alle werden durch Tröpfchen übertragen. Eine von zwölf Erkrankungen mit Meningokokken Typ B verläuft tödlich. Bei den Überlebenden sind Langzeitfolgen wie Hörverlust oder Nierenschäden möglich. Die STIKO empfiehlt die Meningokokken-B-Impfung im Rahmen der Grundimmunisierung. Ebenso wie die Pneumokokkenimpfung erfolgt sie in einer separaten Spritze.
Masern, Mumps, Röteln und Windpocken
Auch Masern, Mumps und Röteln sind alles andere als harmlos, weshalb Kinder dagegen geimpft werden sollten. Im Gegensatz zu Impfstoffen der Grundimmunisierung handelt es sich um Lebendimpfstoffe. Sie enthalten abgeschwächte Erreger, die sich nur leicht vermehren und keine volle Krankheit auslösen. Milde Beschwerden wie leichter Ausschlag, erhöhte Temperatur, Gelenkbeschwerden oder leichte Durchfälle treten bei 2 bis 10 % der Geimpften auf und klingen nach wenigen Tagen wieder ab. Lebendimpfstoffe sollen erst ab dem 11. Monat geimpft werden, da das kindliche Immunsystem erst ab diesem Zeitpunkt reif dafür ist. Meist werden Masern, Mumps und Röteln zusammen in einem Kombiimpfstoff (MMR-Impfung) geimpft. Die richtigen Zeitpunkte dafür sind das Alter von 11 sowie von 15 Monaten.
- Masern. Masernviren sind extrem ansteckend, sie rufen grippeähnliche Symptome und Hautausschlag hervor. Eine von 1000 Erkrankten entwickelt eine Gehirnentzündung, die in bis zu 20% tödlich verläuft. Bei einem Drittel der Betroffenen mit Gehirnentzündung bleiben Schäden zurück. Bei 30 bis 60 von 100 000 erkrankten Kindern unter 5 Jahren kommt es zu einer schwerwiegenden Spätfolge, der subakuten sklerosierenden Panenzephalitis. Dabei handelt es sich um einen schleichenden Zerfall des Gehirns bis zum Tod. Um diese schweren Folgen zu verhindern, wird gegen Masern geimpft. Gemäß Masernschutzgesetz müssen alle Kinder beim Eintritt in die Schule oder den Kindergarten eine Impfung oder eine Masernimmunität nachweisen. Da ein Lebendimpfstoff verwendet wird, kann es zu milden Symptomen kommen (siehe oben). Die Wahrscheinlichkeit für eine Gehirnentzündung ist entgegen der Propaganda von Impfgegner*innen verschwindend gering, sie beträgt weniger als 1 Fall pro 1 Million Geimpften (im Vergleich 1:1000 bei Masernerkrankung).
- Mumps. Mumpsviren werden durch Tröpfchen oder Speichel übertragen und lösen bei zwei Drittel der Infizierten Fieber, Kopf- und Ohrenschmerzen aus. Oft schwellen beide Ohrspeicheldrüsen an. In einem von 100 Erkrankungsfällen kann es zu einer Gehirnentzündung kommen, ältere an Mumps erkrankte Jungen entwickeln öfter eine Hoden- oder Nebenhodenentzündung. Auch Entzündungen der Hörnerven können auftreten und zu bleibenden Hörschäden führen. Gegen Mumps wird wie gegen Masern zweimal geimpft, meist mit dem MMR-Kombiimpfstoff.
- Röteln. Rötelnviren werden ebenfalls durch Tröpfchen übertragen und lösen eine erkältungsähnliche Erkrankung mit Hautausschlag und Fieber aus. Komplikationen sind selten, sie treffen die Atemwege, das Mittelohr, die Hirnhäute und das Herz. Besonders gefährlich sind Röteln, wenn sich eine ungeschützte Schwangere ansteckt. Dann droht dem Kind die Röteln-Embryopathie mit schweren Fehlbildungen an Ohr, Auge, Herz und Gehirn. Zum eigenen Schutz, aber auch um die Verbreitung zu verringern, sollten Kinder im Alter von 11 und 15 Monaten gegen Röteln geimpft werden.
Hinweis. Eine weitere Impfung ab 11 bis 12 Monate ist die gegen Windpocken (zwei Impfungen). Die bisher empfohlene Impfung gegen Meningokokken C entfällt, stattdessen soll im Jugendalter ein zweites Mal gegen Meningokokken geimpft werden.
Impfungen für Kinder ab 9 Jahren
Seit 2007 empfiehlt die STIKO die Impfung gegen humane Papillomaviren (HPV) für Mädchen, seit 2018 auch für Jungen. HPV werden beim Geschlechtsverkehr übertragen und können Krebs verursachen, vor allem am Gebärmutterhals, aber auch am After, am Penis und im Rachen. Besonders gefährlich sind HPV 16 und 18. Gegen eine Ansteckung mit diesen beiden (je nach Präparat auch weiteren) Typen schützt die HPV-Impfung. Geimpft wird im Zeitraum zwischen 9 und 14 Jahren. Für den besten Schutz ist es wichtig, dass die Impfung vor dem ersten Sexualkontakt erfolgt. Seit ihrer Einführung hat sich gezeigt, dass die Impfung sicher und effektiv ist. In Schweden ist das Auftreten von Gebärmutterhalskrebs bei geimpften Frauen um 90% gesunken.
Seit 2025 sollen laut STIKO 12- bis 14-Jährige eine weitere Impfung erhalten: die Meningokokkenimpfung gegen die Typen A, C, W und Y, die sogenannte MenACWY-Impfung. Die STIKO verfolgt dadurch zwei Strategien. Jugendliche sind die Altersgruppe, deren Rachenbereich am stärksten mit Meningokokken besiedelt ist (wobei die meisten Träger keine Symptome zeigen). Durch Partys, Schule und Gruppenaktivitäten werden die Bakterien leicht verbreitet. Die Impfung schützt nicht nur die Jugendlichen selbst vor einer schweren Erkrankung. Sie reduziert auch die Anzahl an Übertragenden und senkt dadurch die Infektionsrate insgesamt.
Hinweis: Im Jugendalter ist es wichtig, auch an die Auffrischimpfung der Grundimmunisierung zu denken. Dazu gehören die Impfungen gegen Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten und Poliomyelitis (DTP-M-Impfung). Ein guter Termin dafür ist die U11 oder die J1. Die DTP-M-Auffrischung kann beim gleichen Termin wie die MMR-Impfung verabreicht werden, sie stören sich gegenseitig nicht.
Wie sieht es mit Grippe und Corona aus?
Eine Impfung gegen Corona oder die Influenza (Grippe) wird von der STIKO für Kinder derzeit (2025) nicht standardmäßig empfohlen. Möglich sind beide Impfungen ab dem Alter von sechs Monaten. Ratsam ist die Grippeimpfung bei chronisch kranken Kindern, die ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf haben. Das sind z. B. Kinder mit
- chronischen Atemwegserkrankungen wie Asthma
- Herz-Kreislauf-, Leber- oder Nierenerkrankungen
- Diabetes
- neurologischen Erkrankungen wie Multiple Sklerose oder
- angeborenen bzw. erworbenen Immuninfekten oder einer HIV-Infektion.
Kinder mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Erkrankungen der Atemwege und Abwehrschwäche sollten zudem gegen Coronaviren geimpft werden. Gleiches gilt für Kinder und Jugendliche, die in Pflegeeinrichtungen betreut werden – denn dort haben sie ein erhöhtes Risiko, sich mit dem Virus zu infizieren. Die Basisimmunität gegen Coronaviren ist bei drei Kontakten mit dem Virus oder seinen Bestandteilen (Impfung) erreicht.
Quellen: STIKO, DKFZ, Bundesinstitut für öffentliche Gesundheit

