Gesundheit heute

Autismus-Spektrum-Störung

Autismus-Spektrum-Störung (ASS, Autismus): Tiefgreifende Entwicklungsstörung, die bereits im Kindesalter auftritt und sich äußert durch Probleme in der sozialen Interaktion, Probleme in der sprachlichen und nicht-sprachlichen Kommunikation sowie eingeschränkten Interessen und Aktivitäten mit stereotypen Verhaltensweisen.

Früher wurde in der Regel nur von Autismus gesprochen. Autismus-Spektrum-Störungen äußern sich jedoch sehr unterschiedlich, sodass im deutschen Sprachraum drei Typen unterschieden werden:

  • Schwerer frühkindlicher Autismus (Kanner-Syndrom)
  • Milderes Asperger-Syndrom (häufigste ASS)
  • Atypischer Autismus, der weder zum einen, noch zum anderen Typ passt. Es fehlen etwa einige Leitsymptome der frühkindlichen Form oder das typische Bild zeigt sich erst nach dem dritten Lebensjahr.

Die Übergänge sind fließend, sodass eine eindeutige Zuordnung zu einem Typ oft nicht möglich ist. Neue internationale Krankheitsklassifikationen (DSM V und ICD 11) gehen deshalb von einem Kontinuum aus und sprechen nur noch von Autismus-Spektrum-Störung. Im klinischen Alltag, aber auch in der Frühförderung und Sonderpädagogik, werden weiter die oben genannten Typen unterschieden.

Die Behandlung umfasst ein multimodales Konzept aus Frühförderung, Familienberatung, Psychotherapie und je nach Beschwerden auch Medikamenten. Der Verlauf ist sehr variabel. Bei manchen Betroffenen gehen die Symptome im Erwachsenenalter zurück, bei anderen verstärken sie sich sogar. Häufig ist eine lebenslange Betreuung notwendig.

Symptome und Leitbeschwerden

Frühkindlicher Autismus:

  • Beeinträchtigte Kontaktaufnahme und Kommunikation (bereits im Säuglingsalter)
  • Reduzierter Blickkontakt, aussagearmer Gesichtsausdruck, fehlendes soziales Lächeln
  • Passivität, bevorzugtes Alleinsein, wenig Nachahmen
  • Stark verlangsamte Sprachentwicklung, 50 % der Kinder fangen gar nicht an zu sprechen
  • Stereotypes Wiederholen bestimmter Abläufe oder Bewegungen
  • Häufig Fixierung auf bestimmte Objekte, Aktivitäten und zeitliche Abläufe
  • Häufig Intelligenzminderung bis hin zur geistigen Behinderung.

Asperger-Syndrom:

  • Auffällig erst ab dem dritten Lebensjahr
  • Flüchtiger Blickkontakt, aussagearmer Gesichtsausdruck
  • Normale geistige und sprachliche Entwicklung
  • Oft spezielle Stärken oder Inselbegabungen, z. B. im Gedächtnis oder der Wahrnehmung
  • Oft zusätzliche Symptome von ADS/ADHS.

Wann in die Kinderarztpraxis

  • Wenn Sie über längere Zeit das Gefühl haben, dass Ihr Kind nicht normal mit Ihnen als Mutter oder Vater interagiert und kommuniziert
  • Wenn die Kindertagesstätte Sie darauf aufmerksam macht, dass Ihr Kind sich in seiner Kommunikation und seinem Spielverhalten auffällig verhält
  • Wenn Sie das Gefühl haben, dass sich das Kind nicht altersgerecht entwickelt, also zum Beispiel nicht zu sprechen beginnt.

Die Erkrankung

Krankheitsentstehung

Autismus-Spektrum-Störungen lassen sich nicht, wie früher angenommen, auf eine gestörte Eltern-Kind-Beziehung zurückführen. Vielmehr liegen ihm Auffälligkeiten in der Struktur, Entwicklung, Funktion oder Organisation des Gehirns zugrunde. Dessen Ursachen sind letztlich unklar.

Ein (teilweiser) erblicher Hintergrund gilt als erwiesen. Geschwister von autistischen Kindern haben etwa ein 5%iges Risiko, selbst autistisch zu sein. Zudem könnten äußere Einflüsse wie etwa Schädigungen im Mutterleib oder unter der Geburt eine Rolle spielen.

Früher wurde häufig die Masern-Mumps-Röteln-Impfung für die Erkrankung verantwortlich gemacht. Diese Hypothese ist heute nachgewiesenermaßen widerlegt.

Komplikationen

Viele Kinder leiten an Begleiterkrankungen wie ADS/ADHS, Angststörungen, Tics und Zwangsstörungen sowie Epilepsie. Auch funktionelle Störungen treten häufig auf, etwa Ernährungsprobleme, nächtliches Einnässen, Schlafstörungen und Verstopfung.

Diagnosesicherung

Die Diagnose der Autismus-Spektrum-Störung wird dadurch erschwert, dass einzelne Symptome für sich allein noch normal sein können. Erst wenn mehrere der oben genannten Verhaltensweisen gleichzeitig bestehen, ergibt sich ein Verdacht. In diesem Fall sollte die Kinderärzt*in an eine Fachärzt*in überweisen. Dieser stehen zur Diagnose standardisierte Beobachtungsskalen zur Verfügung, etwa ADOS, CARS oder ADI-R. Mithilfe von Laboruntersuchungen, Kernspin und EEG kann die Ärzt*in organische Ursachen ausschließen. Auch sollten die Kinder auf Hör- und Sehstörungen getestet werden. Eine sichere Diagnose ist dennoch meist erst ab dem 18. Lebensmonat möglich.

Differenzialdiagnosen. In der Praxis stellt sich oft der Verdacht auf die Differenzialdiagnose ADHS oder ADS. In der Tat sind Aufmerksamkeitsstörungen für beide Erkrankungen typisch. Zur Differenzierung stellt die Ärzt*in folgende Überlegungen an:

  • Gegen ADHS und ADS sprechen die Fixierung auf einige wenige Aktivitäten, das fokussierte detailorientierte Spielverhalten und "inselartige" Stärken und Begabungen.
  • Gegen eine Autismus-Spektrum-Störung sprechen schwache Impulskontrolle (wie z. B. das schnelle Aufkommen von Wutanfällen bei Frustrationen) und Hyperaktivität. Auch "Desorganisation" im Alltag und Sprunghaftigkeit in Denken und Handeln sind nicht typisch.

Autismusähnliches Verhalten zeigen Kinder auch bei Verwahrlosung oder Misshandlung. In diesen Fällen verschwindet das autismusähnliche Verhalten jedoch, wenn das Kind in eine intakte und fördernde Umgebung wie z. B. eine geeignete Pflegefamilie kommt.

Auch andere neurologische oder körperliche Erkrankungen führen zu Verhaltensstörungen und Intelligenzminderung, die dem ASS ähneln. Dazu gehören beispielsweise Schizophrenie, das fetale Alkoholsyndrom, Stoffwechselerkrankungen wie die Phenylketonurie oder angeborene genetische oder chromosomale Defekte.

Behandlung

Eine Autismus-Spektrum-Störung lässt sich nicht heilen. Es ist aber durchaus möglich, die autismustypischen Defizite positiv zu beeinflussen. Die Behandlung orientiert sich immer am Einzelfall und kombiniert psychotherapeutische und pädagogische Verfahren mit Methoden der Verhaltenstherapie. Arzneimittel können zum Einsatz kommen, um begleitende und besonders belastende Krankheitszeichen zu unterdrücken, etwa Krampfanfälle.

  • Stabile Umgebung. Damit sich ein Kind mit einer Autismus-Spektrum-Störung wohl fühlen und sich seinen Möglichkeiten entsprechend entwickeln kann, ist eine stabile Umgebung das A und O. Der Alltag zu Hause, Kindergarten und Schule, die Therapie – alles sollte möglichst vorhersehbar und überschaubar gestaltet werden.
  • Frühförderung. Sie beginnt bereits in einem Alter von 2 bis 3 Jahren und endet mit der Einschulung. In intensiver Verhaltenstherapie werden dabei sprachliche Fähigkeit sowie die Interaktion mit Erwachsenen (später auch anderen Kindern) eingeübt. Auch Alltagsfähigkeiten lassen sich in diesem Rahmen üben, so kann auch Toilettentraining Teil der Therapie sein. Wie kleinschrittig die Therapeut*in dabei vorgeht, hängt von der Ausprägung der Erkrankung ab.
  • Gruppentherapie. Die soziale Interaktion lässt sich auch mit einer autismusspezifischen Gruppentherapie weiter verbessern. Hier geht es zudem darum, dass Betroffene lernen, ihre Handlungen besser zu planen und souveräner mit Ärger und Frustration umzugehen. Eine solche Maßnahme dauert bis zu einem Jahr, kann aber auch wiederholt werden.
  • Klassische Verhaltenstherapie. Diese eignet sich vor allem, wenn betroffene Kinder und Jugendliche zusätzlich unter einer Angst- oder Zwangsstörung leiden.
  • Medikamente. Es gibt kein "Medikament gegen Autismus". Einige Arzneien lassen sich aber einsetzen, um Begleitsymptome zu mildern. Atypische Antipsychotika wie Risperidon werden verschrieben bei aggressivem Verhalten, Zwängen und Stereotypien. Methylphenidat oder andere Stimulanzien sollen hyperaktives oder impulsives Verhalten positiv beeinflussen. Das trizyklische Antidepressivum Mirtazapin ist eine Option bei Depressionen.
  • Sonstige Maßnahmen. Je nach Bedarf gibt es viele Möglichkeiten, einzelne Fertigkeiten des Kindes zu trainieren. Logopädie ist eine gute Option, um das Sprechen weiter zu verbessern, Ergotherapie, um motorische Fähigkeiten auszubauen.

Prognose

Eine Autismus-Spektrum-Störung ist nicht heilbar. Wie sich die Erkrankung in ihrem Verlauf entwickelt, ist sehr unterschiedlich. Bei manchen Betroffenen gehen die Symptome im Erwachsenenalter zurück, bei anderen verstärken sie sich sogar. Häufig ist eine lebenslange Betreuung nicht zu verhindern – sei es, zu Hause, durch ambulante Kräfte oder in einem betreuten Wohnen. Auch bei milder Ausprägung der Erkrankung ist das Alltagsleben leider oft deutlich eingeschränkt.

Ihre Apotheke empfiehlt

Was Sie als Eltern tun können

Sich um sich selbst kümmern. So sehr Sie Ihr Kind auch lieben – die Betreuung kostet viel Kraft. Vergessen Sie also Ihre eigenen Bedürfnisse nicht und nehmen Sie Hilfsangebote wahr. Viele betroffene Eltern profitieren zum Beispiel von Selbsthilfegruppen, die gegenseitige Unterstützung und einen intensiven Informationsaustausch bieten. Holen Sie sich stundenweise Hilfe oder nehmen Sie eine Kurzzeitbetreuung in Anspruch, um auch Zeit für sich selbst zu haben.

Angebote ausprobieren. Jedes Kind ist anders – das gilt natürlich auch bei Kindern mit einer Autismus-Spektrumstörung. Auch wenn es für Angebote wie therapeutisches Reiten, Tanz- oder Musiktherapie keine wissenschaftlichen Erkenntnisse gibt – probieren Sie es einfach aus, wenn Sie ein gutes Gefühl dabei haben. Optimistischen Heilsversprechen, die mit hohen finanziellen Ausgaben verbunden sind, sollten Sie besser kritisch gegenüberstehen.

Fördern mit Augenmaß. Ihr Kind wird von Fördermaßnahmen sicher profitieren – sofern Sie realistische Ziele setzen und es nicht überfordern. Auf der anderen Seite ist es nicht nötig, Ihr Kind übermäßig zu behüten. Das gilt vor allem, wenn Sie sich bereits einen Überblick über mögliche Gefahrenquellen in Ihrer Alltagsumgebung verschafft haben und diese gut umschiffen können.

Umfeld informieren. Ihr Kind hat spezielle Bedürfnisse – die Sie mit Ihrem Umfeld unbedingt besprechen sollten. Nur so haben Ihre Mitmenschen die Chance, das Verhalten Ihres Kindes richtig einzuordnen und entsprechend zu reagieren.

Weiterführende Informationen

Der Bundesverband zur Förderung von Menschen mit Autismus bietet auf seiner Webseite Informationen und Hilfe für Betroffene und deren Angehörige, die von Reise- und Ausbildungsangeboten bis hin zu Informationen über rechtliche Fragen reicht: www.autismus.de

www.autismus-kultur.de ist die Webseite eines persönlich Betroffenen, die für andere Betroffene und deren Angehörige aktuelle Nachrichten und autistische Erfahrungen zu einem Autismus-Ratgeber bündelt.

Von: Dr. med. Herbert Renz-Polster, Dr. med. Nicole Menche, Dr. med. Arne Schäffler in: Gesundheit für Kinder, Kösel, München, 8. Auflage (2015). Überarbeitung und Aktualisierung: Sara Steer
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Das hilft Kindern mit Neurodermitis

Bei Babys zeigt sich die Neurodermitis oft an den Wangen, an der Kopfhaut und an den Außenseiten von Armen und Beinen.

Das hilft Kindern mit Neurodermitis

Haut schützen, Auslöser meiden

Mit starkem Juckreiz und oft deutlich sichtbaren Hautveränderungen belastet die Neurodermitis Kinder und Jugendliche erheblich. Zwar ist die Erkrankung nicht heilbar, doch mit der richtigen Basistherapie lassen sich die Beschwerden deutlich lindern. Reicht dies nicht aus, kommen wirksame Medikamente zum Einsatz.

Gestörte Hautbarriere

Die Neurodermitis (atopische Dermatitis) ist die häufigste chronische Hauterkrankung im Kindesalter: Etwa jedes zehnte Kind unter 15 Jahren ist betroffen. Viele erkranken bereits im Säuglingsalter, oft schon im zweiten oder dritten Lebensmonat.

Die Erkrankung äußert sich durch starken Juckreiz, trockene, raue Haut sowie entzündete, schuppige Ekzeme. Ursache ist eine genetisch bedingte Störung der Hautbarriere. Hinzu kommt häufig eine Dysbiose der Haut – das Gleichgewicht zwischen nützlichen und schädlichen Hautkeimen ist gestört. Auch Umweltfaktoren wie Allergene, Schadstoffe oder klimatische Einflüsse spielen eine Rolle.

Bei Säuglingen sind neben der Kopfhaut vor allem der Hals sowie die Streckseiten von Armen und Beinen betroffen. Bei Kleinkindern zeigen sich die Ekzeme eher an den Beugeseiten, bei Jugendlichen außerdem häufig im Gesicht sowie an Hals und Händen.

Neurodermitis ist für Kinder und ihre Familien sehr belastend. Der chronische Juckreiz tritt tags und nachts auf und kann den Schlaf erheblich stören. Säuglinge sind oft unruhig und weinen viel, ältere Kinder kratzen sich die Haut wund. Schon Kleinkinder schämen sich wegen der sichtbaren Hautveränderungen; werden die Kinder älter, ziehen sie sich nicht selten zurück.

Hinweis: Der Verlauf der Erkrankung ist sehr unterschiedlich. Bei manchen Kindern bessern sich die Symptome mit zunehmendem Alter oder verschwinden ganz, andere sind ein Leben lang betroffen.

Die Hautbarriere stärken

Bei Kindern mit Neurodermitis ist die Hautbarriere gestört: Sie verliert vermehrt Feuchtigkeit und kann Reizstoffe schlechter abwehren. Ziel der Behandlung ist es daher, die Haut langfristig zu stabilisieren. Eine intakte Hautbarriere kann entzündliche Schübe hinauszögern oder sogar verhindern.

Grundlage ist die tägliche Pflege mit rückfettenden und feuchtigkeitsspendenden Produkten. Geeignet sind Basiscremes oder -salben mit Inhaltsstoffen wie Glycerin, Urea (bei Kindern niedrig dosiert) oder Ceramiden. Sie helfen, Feuchtigkeit zu binden und die Haut zu schützen. Wichtig ist, die Haut ein- bis zweimal täglich einzucremen – auch in beschwerdefreien Phasen. Denn die gestörte Hautbarriere besteht dauerhaft, nicht nur während eines Schubs.

Fettreichere Salben eignen sich besonders für sehr trockene Haut, leichtere Lotionen sind bei milderen Formen oft angenehmer. Duftstoffe und Konservierungsmittel sollten möglichst vermieden werden, da sie die empfindliche Haut zusätzlich reizen.

Tipp: Regelmäßigkeit ist entscheidend – die Haut sollte vorbeugend gepflegt werden, nicht erst bei sichtbarer Trockenheit.

Richtig baden und waschen

Neben der Pflege ist ein schonender Umgang mit der Haut wichtig. Zu häufiges oder zu heißes Waschen kann sie zusätzlich austrocknen. Ideal sind kurze Bäder von fünf bis zehn Minuten in lauwarmem Wasser. Rückfettende Badezusätze können die Haut zusätzlich schützen. Auf stark schäumende oder parfümierte Produkte sollte verzichtet werden, ebenso auf herkömmliche Seifen, da sie die natürliche Schutzschicht angreifen.

Nach dem Baden sollte man die Haut nicht trockenrubbeln, sondern vorsichtig trocken tupfen. Innerhalb weniger Minuten sollte die Pflegecreme aufgetragen werden, um die Feuchtigkeit in der Haut zu halten.

Wer diese Empfehlungen beachtet, kann sein Kind auch täglich baden. Denn gerade für Säuglinge und Kleinkinder ist das Baden ein wichtiger Moment im Eltern-Kind-Kontakt.

Hinweis: Regelmäßige Schwimmbadbesuche sind grundsätzlich möglich. Wichtig ist, anschließend das Chlorwasser gründlich mit lauwarmem Wasser abzuspülen und die Haut gut einzucremen.

Den Juckreiz kontrollieren

Juckreiz ist das Leitsymptom der Neurodermitis. Er entsteht durch Entzündungen und Nervenreizung in der Haut und zählt zu den belastendsten Beschwerden. Kratzen verschafft zwar kurzfristig Erleichterung, verschlimmert jedoch die Entzündung und kann Infektionen begünstigen. Zudem entsteht ein sogenannter Juck-Kratz-Kreislauf.

Hilfreich sind kühlende Maßnahmen wie feuchte Umschläge oder spezielle Gele. Baumwollhandschuhe in der Nacht können verhindern, dass sich Kinder im Schlaf aufkratzen. Die Fingernägel sollten stets kurz gehalten werden.

Empfehlenswert ist eine spezielle Neurodermitis-Wäsche aus besonders glatten, atmungsaktiven Materialien wie Seide, Modal oder Lyocell. Für Säuglinge und Kleinkinder gibt es auch Modelle mit Anti-Kratzärmeln aus Seide und Baumwolle.

Im Internet werden gegen starkes Kratzen häufig Immobilisationsschienen empfohlen. Das sind Schienen, die am Arm befestigt werden und dadurch dessen Bewegung einschränken – also auch das Kratzen. Kinderärzt*innen raten davon dringend ab, denn solche Schienen behindern die Bewegung und damit die motorische Entwicklung des Kindes.

Bei sehr starkem Juckreiz verordnet die Ärzt*in Medikamente, um diesen zu lindern. Dazu gehören u. a. Antihistaminika und kortisonhaltige Cremes.

Tipp: Ablenkung hilft oft besser als ein Kratzverbot. Spielen, Vorlesen oder ruhige Aktivitäten können die Kinder vom Juckreiz ablenken.

Auslöser im Blick behalten

Bei Neurodermitis spielt auch das Umfeld eine große Rolle. Die Haut reagiert empfindlich auf äußere Reize wie Hitze, Schweiß, Allergene oder Schadstoffe.

  • Umweltfaktoren. Extreme Kälte oder starke Wärme empfinden viele Neurodermitiskranke als unangenehm und juckreizfördernd. Gleiches gilt für trockene Heizungsluft. Günstig sind milde Außentemperaturen und eine Luftfeuchtigkeit von 40 bis 60 %. Um dies in Räumen zu erreichen, sollte häufig gelüftet werden. Schadstoffe, Allergene oder Tierhaare können die Beschwerden verstärken. In Innenräumen hilft regelmäßiges Saubermachen. Dabei sollte man fürs Staubwischen am besten feuchte Tücher verwenden und den Staubsaugerfilter regelmäßig wechseln.
  • Allergietest. Ein Allergietest ist nur nötig, wenn Verdacht auf eine Allergie besteht. Dann wird dem Ergebnis entsprechend gehandelt, z. B. der Auslöser gemieden oder eine Hyposensibilisierung eingeleitet. Bei Hausstaubmilbenallergie sind auch spezielle Encasings (Umhüllungen) für die Bettwäsche nützlich.
  • Kleidung. Für Kleidung eignet sich weiche, atmungsaktive Baumwolle oder Seide am besten. Kratzende Materialien wie Wolle, raue Stoffe oder synthetische Fasern sollten vermieden werden. Die Kleidung sollte generell locker und luftig sitzen. Weil Überhitzung den Juckreiz verstärkt, trägt man besser mehrere dünne Schichten als eine dicke und zieht die oberste bei Wärme aus. Neue Sachen wäscht man am besten vor dem ersten Tragen, um chemische Rückstände zu entfernen. Damit auch durch das Waschen keine reizenden Rückstände im Gewebe bleiben, wählt man ein mildes, duftstofffreies Waschmittel.
  • Ernährung. Häufig wird bei der Neurodermitis auch die Ernährung für einen Schub verantwortlich gemacht. Doch deren Rolle ist individuell unterschiedlich. Nur bei einem Teil der Kinder lösen bestimmte Lebensmittel Beschwerden aus. Häufige Verdächtige sind Kuhmilch, Eier, Nüsse oder Weizen. Ernährungstagebücher können helfen, individuelle Auslöser zu erkennen. Wichtig ist dabei, mögliche Zusammenhänge sorgfältig zu beobachten und nicht auf Verdacht ganze Lebensmittelgruppen zu streichen. Stattdessen ist es sinnvoll, die mögliche Allergie oder Nahrungsmittelunverträglich bei der Ärzt*in gezielt abklären zu lassen.

Hinweis: Neben falscher Kleidung, trockener Luft und Lebensmitteln können auch Infekte, Stress oder Schlafmangel Neurodermitis-Schübe begünstigen.

Mit Cremes und Medikamenten die Haut beruhigen

Trotz guter Pflege kann es zu akuten Schüben mit Ekzemen kommen. In diesen Phasen ist eine intensivere Behandlung notwendig. Die Behandlung der Neurodermitis erfolgt heute nach einem klaren Stufenplan und richtet sich nach dem Ausmaß der Erkrankung. Anhand des SCORAD-Scores teilt man die Neurodermitis in drei Schweregrade ein:

Bei der leichten Neurodermitis (SCORAD < 25) sind weniger als ein Fünftel der Hautoberfläche des Kindes betroffen, der Juckreiz ist mild und der Nachtschlaf ungestört. Die Haut ist trocken mit leichten Rötungen. Schuppungen oder Nässen kommen so gut wie nicht vor. Bei dieser leichten Ausprägung reicht es meist, die Kinder konsequent mit rückfettender Basiscreme einzucremen. Außerdem müssen die genannten Auslöser vermieden werden.

Die mittelgradige Neurodermitis (SCORAD 25-50) betrifft 20 bis 50 % des Körpers. Der Juckreiz ist stark und erschwert sowohl den Alltag als auch den Schlaf. Es finden sich gerötete Ekzeme mit Schuppen, vereinzelt nasse Stellen und Krusten. Zusätzlich zur Basistherapie werden auf den betroffenen Bereichen antientzündliche Cremes eingesetzt, z. B. Kortison oder Calcineurin-Inhibitoren. Letztere sind insbesondere für empfindliche Hautareale wie das Gesicht, die Bereiche zwischen den Fingern und der Haut von Po und Genital geeignet.

Die schwere Neurodermitis (SCORAD > 50) befällt mindestens 50% der Haut mit ausgedehnten Ekzemen. Der Juckreiz ist extrem stark, die Kinder kratzen sich bis hin zu Blutungen. Der Schlaf ist stark gestört, der Alltag deutlich beeinträchtigt. Sind bei diesen schweren Formen Basistherapie und antientzündliche Cremes nicht ausreichend wirksam, verordnet die Ärzt*in zusätzlich eine Systemtherapie. Dabei handelt es sich um Medikamente, die entweder unter die Haut (subkutan) gespritzt oder als Tabletten eingenommen werden (Ciclosporin, Biologika, Dupilumab, JAK-Inhibitoren). Diese Wirkstoffe greifen gezielt in das fehlgesteuerte Immunsystem ein und können die Krankheitskontrolle deutlich verbessern.

Hinweis: Eine frühzeitige und konsequente Behandlung kann den Krankheitsverlauf langfristig positiv beeinflussen. Deshalb ist es wichtig, die Medikamente genau nach ärztlicher Anweisung zu verwenden und nicht eigenständig abzusetzen, sobald eine leichte Besserung eintritt.

Keine Angst vor Kortison!

Kortisoncremes sind auch bei Kindern ein bewährtes und sicheres Mittel zur Behandlung einer Neurodermitis. Sie werden vor allem in akuten Entzündungsschüben angewendet, also bei Rötung, Nässen und starkem Juckreiz. In diesen Phasen wird das Präparat ein- bis zweimal täglich dünn auf die betroffenen Hautstellen aufgetragen. Eine praktische Orientierung bietet die sogenannte „Fingertip-Unit“: Die Menge, die aus der Tube von der Fingerspitze bis zum ersten Fingergelenk reicht, genügt etwa für eine Fläche von zwei Handflächen des Kindes.

Die Auswahl der Wirkstärke richtet sich nach Alter, Körperregion und Schweregrad: 

  • Im Gesicht, an Hals und in Hautfalten werden schwache Präparate verwendet. 
  • An Armen, Beinen oder am Rumpf können – je nach Befund – mittelstarke Präparate nötig sein. 
  • Stärkere Kortisonpräparate kommen nur kurzfristig und unter ärztlicher Kontrolle zum Einsatz.

Die Behandlungsdauer ist in der Regel kurz: oft wenige Tage bis maximal zwei Wochen pro Schub. Sobald sich die Haut deutlich gebessert hat, wird die Anwendung reduziert oder beendet. Nebenwirkungen wie Hautverdünnung treten bei korrekter Nutzung nach ärztlicher Anleitung in der Regel nicht auf – moderne Kortisonpräparate gelten auch bei Kindern als sicher.

Wichtig ist die Kombination mit einer konsequenten Basispflege. Rückfettende, feuchtigkeitsspendende Cremes oder Salben werden auch während der Kortisontherapie täglich angewendet, um die Hautbarriere zu stabilisieren.

Eine systemische Kortisontherapie – also die Einnahme von Tabletten – kommt bei Kindern mit Neurodermitis aufgrund der Nebenwirkungen nur äußerst selten in Frage. Inzwischen gibt es zudem zahlreiche andere Wirkstoffe, die sich für Kinder und Säuglinge eignen. Dazu gehören z. B. das Biologikum Dupilumab oder der JAK-Inhibitor Baricitinib.

Hinweis: Die Angst vor Kortison ist weit verbreitet, aber bei korrekter Anwendung unbegründet. Unbehandelte Entzündungen und permanenter Juckreiz schaden der Haut und der Psyche des Kindes weitaus mehr als eine kurzfristige lokale Kortisonbehandlung.

Psychische Belastung ernst nehmen

Neurodermitis betrifft nicht nur die Haut. Studien zeigen, dass betroffene Kinder und Jugendliche ein erhöhtes Risiko für psychische Belastungen haben. Vor allem Depressionen und Angsterkrankungen sind bei ihnen häufiger als bei gesunden Gleichaltrigen.

Juckreiz, sichtbare Hautveränderungen und Schlafprobleme wirken sich auf das Wohlbefinden aus. Deshalb ist es wichtig, auch die emotionale Seite zu berücksichtigen. Eltern können unterstützen, indem sie 

  • die Erkrankung altersgerecht erklären 
  • das Kind aktiv in die Pflege einbeziehen 
  • für Verständnis im Umfeld sorgen.

Hinweis: Bei chronischen Erkrankungen unterstützen Selbsthilfegruppe nicht nur mit Informationen. Vor allem der Austausch mit anderen Betroffenen wirkt häufig entlastend. Solche Gruppen gibt es für Kinder und ihre Eltern, zu finden sind sie z. B. über den Bundesverband Neurodermitis e.V..

Quellen: S3-Leitlinie Atopische Dermatitis, Weins B, Schnopp C, Management der atopischen Dermatitis im Kindesalte, Pädiatrie 2025; 2

Von: Dr. med. Sonja Kempinski; Bild: mauritius images / Dinko Kyuchukov / Alamy / Alamy Stock Photos