Gesundheit heute

Spondylolisthese

Spondylolisthese (Spondylolisthesis, Wirbelgleiten, Gleitwirbel): Oft beschwerdefreie Verschiebung zweier Nachbarwirbel gegeneinander, wobei der obere der beiden nach vorn rutscht. In 80 % der Fälle kommt diese Instabilität der Wirbelsäule am 5. Lendenwirbel vor.

Bei der echten Spondylolisthese (Spondylolisthesis vera) tritt das Gleiten durch eine angeborene oder überlastungsbedingte Spaltbildung zwischen zwei Wirbelkörpern auf (Spondylolyse). Jungen sind hiervon zwei- bis dreimal häufiger betroffen als Mädchen. Begünstigt wird das Wirbelgleiten durch Hohlkreuz-fördernde Sportarten wie Kunstturnen und Speerwerfen.

Bei der unechten Spondylolisthese (Pseudospondylolisthese) ist das Wirbelgleiten Zeichen einer verschleißbedingten Lockerung der Wirbelverbindungen. Zu einer echten Spaltbildung kommt es hierbei nicht.

Nur etwa 10 % der Betroffenen entwickeln Beschwerden wie z. B. Rückenschmerzen und Bewegungseinschränkungen der Lendenwirbelsäule. In seltenen Fällen führen Beeinträchtigungen von Nerven oder Nervenwurzeln zu neurologischen Störungen wie Missempfindungen, Lähmungen oder Blasen- bzw. Mastdarmstörungen.

Zur Behandlung leichterer Beschwerden reicht Krankengymnastik, bei nicht beherrschbaren Schmerzen oder Nerveneinengung ist manchmal eine Versteifungsoperation erforderlich.

Symptome und Leitbeschwerden

  • Häufig beschwerdelos
  • Rückenschmerzen, zum Teil mit Ausstrahlung ins Gesäß und in die Beine
  • Beinschmerzen nach einer längeren Gehstrecke, die sich durch eine Pause oder kurzes Hinsetzen bessern
  • Gefühl der Instabilität im Rückenbereich
  • Später Bewegungseinschränkung im Lendenwirbelsäulenbereich
  • Manchmal Gefühlsstörungen (Kribbeln oder Taubheit) oder Teillähmungen eines Beins
  • Selten Verlust der Kontrolle über Blase und Darm bei Einengung des Rückenmarks in weit fortgeschrittenen Stadien.

Wann zum Arzt

Nach 1–2 Wochen bei

  • anhaltenden, lokalen Rückenschmerzen.

Innerhalb einiger Tage bei

  • anhaltenden Gefühlsstörungen im Bein.

Innerhalb eines Tages bei

  • Lähmungserscheinungen in einem Bein.

Sofort bei

  • Kontrollverlust über Blase und Mastdarm (sehr selten).

Die Erkrankung

Der Wirbel besteht aus Wirbelkörper und Wirbelbogen, in dem das Rückenmark verläuft. An der Wirbelbogenwurzel sitzen Gelenkverbindungen, über die die einzelnen Wirbel mit ihrem oberen und unteren Nachbarn verbunden sind. Bei der echten Spondylolisthese bildet sich ein Spalt zwischen oberem und unterem Gelenkfortsatz (Spondylolyse). Da meistens beide Seiten eines Wirbelbogens betroffen sind, geht die feste Verbindung verloren, der Wirbelkörper (mitsamt dem über ihm gelegenen Rest der Wirbelsäule) kann also nach vorne, seltener nach hinten weggleiten.

Ursachen einer solchen Spaltbildung sind

  • genetische Veranlagung, wobei sich der Spalt erst im Verlauf der Kindheit ausbildet
  • körperliche Überlastung mit starker Hohlkreuzbildung in der Kindheit, z. B. Sportarten wie Kunstturnen, Speerwerfen, Judo, Ringen, Trampolinspringen, Gewichtheben und Delfinschwimmen
  • Fehlbildungen der Wirbel
  • Verletzungen der Wirbelsäule.

Die Pseudospondylolisthese betrifft v. a. ältere Menschen. Sie beruht auf verschleißbedingten Schäden an Bandscheiben und Zwischenwirbelgelenken, wobei es allerdings nicht zu einer Spondylolyse kommt. Insbesondere der 4. und 5. Lendenwirbel lösen sich bei mangelhafter Fixierung aus dem Verbund und rutschen oder kippen nach vorne.

Klinik und Verlauf

Die echte Spondylolisthese beginnt meist im Kindes- und Jugendalter. Kommt es zu einer Instabilität der Wirbelsäule, gleicht der Körper diese zunächst durch vermehrte Muskelarbeit aus. In diesem Stadium spürt der Betroffene nichts von seiner Erkrankung. Auf Dauer macht sich die ständige Überlastung von Bändern und Muskeln in Form von Rückenschmerzen bemerkbar. Später kommt es auch zu spastischen Verkrampfungen der Muskulatur im Bereich von Lendenwirbelsäule, Hüfte und Becken und dadurch zu einer sogenannten Hüftlendenstrecksteife. Diese erkennt man am Schiebegang, bei dem der Betroffene das Bein beim Gehen nicht mehr in der Hüfte beugen kann, sondern diese mit nach vorne schiebt. Engt die Spondylolisthese die Nervenwurzeln ein, strahlen die Schmerzen typischerweise in die Beine aus.

Die unechte Spondylolisthese bleibt oft ohne Beschwerden, kommt es zu Schmerzen, machen sich diese meist als Kreuzschmerzen bemerkbar. Zudem entwickeln die Patienten manchmal wie bei einer Spinalstenose Schmerzen beim Gehen, die zu einem zeitweiligen Hinken (medizinisch Claudicatio intermittens spinalis) führen können.

Diagnosesicherung

Weil Spondylolisthesen in den meisten Fällen keine Beschwerden verursachen, sind sie häufig ein röntgenologischer Zufallsbefund. Bei starker Ausprägung werden sie aber auch "von außen" sichtbar, z. B. durch eine vermehrte Hohlkreuzbildung und einen stark vorgeschobenen Rumpf. Bei der körperlichen Untersuchung kann der Arzt dann manchmal auch eine Stufe in der Lendenwirbelsäule tasten (Sprungschanzenphänomen). In schweren Fällen kippt das Becken kompensatorisch so weit nach vorn, dass im Stehen Knie- und Hüftgelenke gebeugt werden.

Eine Hüftlendenstrecksteife weist der Arzt mit dem Lasègue-Test nach: Dabei hebt der Arzt das gestreckte Bein des auf den Rücken liegenden Patienten an. Der Test ist positiv, wenn sich das Bein nicht in der Hüfte beugt, sondern der Patient schmerzreflektorisch den gesamten Rumpf mit anhebt.

Zum Nachweis der Spondylolisthese dienen Röntgenaufnahmen der Wirbelsäule von vorne und von der Seite. Mit den Aufnahmen bestimmt der Arzt auch das Ausmaß der Erkrankung und teilt sie in einen der 4 Schweregrade nach Meyerding ein (bei Grad I ist der obere Wirbel um 25 % nach vorne geglitten, bei Grad II bis 50 %, bei Grad III bis 75 % und bei Grad IV über 75 %). Findet der Arzt bei der körperlichen Untersuchung Hinweise auf eine Nerveneinklemmung (Missempfindungen, verminderte Muskeleigenreflexe, Lähmungen), benötigt er zur Planung der Therapie zusätzlich eine MRT-Aufnahme.

Differenzialdiagnosen. Ähnliche Rückenschmerzen verursacht beispielsweise das Facettensyndrom, bei einer Claudicatio spinalis ist eine Spinalstenose auszuschließen. Daneben können röntgenologisch sichtbare Verschiebungen von Wirbeln auch durch Tumoren, Wirbelsäulenentzündungen oder Wirbelbrüche verursacht werden.

Behandlung

Da 80 % der Patienten keine Beschwerden haben, bedürfen sie auch keiner speziellen Therapie. Stellen sich Rückenschmerzen ein, gelten die gleichen konservativen Ansätze wie bei degenerativen Wirbelsäulenerkrankungen. Wichtige Bausteine der Behandlung sind:

  • Krankengymnastik mit gezielten Übungen zur Stärkung von Bauch- und Rückenmuskulatur
  • Rückenschule
  • Abnehmen bei Übergewicht
  • Vermeiden begünstigender Sportarten (Trampolinspringen, Turnen, Speerwerfen, Gewichtheben).

Bei akuten Schmerzen helfen

  • Schmerzmittel wie Diclofenac (z. B. Voltaren® oder Diclac®), Ibuprofen (z. B. Ibu® oder Brufen®) oder Paracetamol (z. B. ben-u-ron®), manchmal empfiehlt der Arzt auch die Injektion von Lokalanästhetika (betäubende Wirkstoffe) in die Haut oder direkt an die Nervenwurzel
  • medizinische Massagen
  • evtl. kurzzeitig Mieder oder Korsett.

Hinweis: Die genannten konservativen Therapieverfahren können ein Voranschreiten der Spondylolisthese nicht aufhalten. Deshalb sind bei Kindern in der Wachstumsphase regelmäßige klinische und röntgenologische Kontrollen erforderlich, um eine etwaige Änderung des Schweregrads zu erkennen und gegebenenfalls darauf eingehen zu können.

Operative Versorgung. Symptome einer schweren Nerveneinengung machen eine Operation erforderlich. Empfohlen wird die operative Behandlung auch oft bei höhergradigem Schweregrad (Meyerding III und IV) oder wenn die Schmerzen über sechs Monate hinweg mit konservativen Maßnahmen nicht zu beherrschen sind. Je nach Ausprägung des Wirbelgleitens kommen folgende Verfahren zum Einsatz:

  • Versteifung des betroffenen Wirbelsäulenabschnitts (Spondylodese)
  • Verschraubung des gespaltenen Wirbelbogens (vor allem bei Kindern).
  • Abtragung von knöchernen Anteilen oder Bandscheibenteilen bei Einengung von Nervenwurzeln oder Nerven.

Prognose

Bei einer leichten Spondylolisthese lassen sich Rückenschmerzen mit geeigneten Übungen zur Stärkung der Rumpfmuskulatur meist innerhalb weniger Monate deutlich bessern. Das Fortschreiten der Erkrankung ist mit rein konservativen Maßnahmen jedoch nicht aufzuhalten.

Ist eine Versteifungsoperation erforderlich, beseitigt diese sowohl die Beschwerden durch die Nerveneinengung als auch die Schmerzen, die durch die Instabilität der Wirbelsäule entstehen. In der Folge steigt jedoch die Belastung der benachbarten, nicht versteiften Segmente und begünstigt dort frühzeitige Verschleißerscheinungen.

Das Wirbelgleiten kann in jedem Stadium spontan zum Stillstand kommen.

Ihr Apotheker empfiehlt

Wenn Ihr Kind betroffen ist

  • Gehen Sie mit Ihrem Kind regelmäßig zu den erforderlichen Röntgenkontrollen, damit Sie frühzeitig auf eine eventuelle Zunahme der Verschiebung reagieren können.
  • Sollte Ihr Arzt eine Operation empfehlen, holen Sie sich eine zweite Meinung ein.
  • Unterstützen Sie Ihr Kind beim Aufbau seiner Bauch- und Rückenmuskeln. Suchen Sie gemeinsam einen geeigneten Sport wie Pilates, Radfahren oder Rückenschwimmen aus und sorgen Sie dafür, dass es bei der Stange bleibt.
  • Vermeiden Sie unbedingt, dass Ihr Kind Hohlkreuz-fördernden Sport treibt. Trampolinspringen, Speerwerfen und Turnen sind bei einer Spondylolisthese ebenso ungünstig wie Delfinschwimmen.

Was Sie selbst tun können

Die Selbsthilfe bei Rückenschmerzen beruht auf drei Prinzipien: Bewegung, Bewegung und Bewegung – soweit sie nicht schmerzt. Dabei spielt das Engagement des Betroffenen im Rahmen der Selbsthilfe eine ebenso wichtige Rolle wie die Behandlung durch den Arzt. Dies gilt neben der Behandlung von Rückenschmerzen umso mehr für deren Vorbeugung: Auch nach der wirkungsvollsten Behandlung kehren Rückenschmerzen wieder, wenn der Betroffene im Alltag nicht weiterhin auf seinen Rücken achtet.

  • Gehen Sie möglichst zu Fuß oder benutzen Sie das Fahrrad. Ziehen Sie die Treppe dem Lift oder der Rolltreppe vor.
  • Machen Sie Sport. Rückenschonende und die Rumpfmuskulatur trainierende Sportarten sind Aquajogging, Radfahren, Nordic Walking, Skilanglauf. Achten Sie dabei auf eine gute Ausrüstung (Laufschuhe).
  • Beginnen Sie ein Krafttraining im Fitnessstudio, wenn Ihnen diese Art Sport liegt. Unter kompetenter Betreuung lässt sich damit gezielt Muskulatur aufbauen, die den Rücken stärkt.
  • Wenn Sie beruflich viel im Auto sitzen, leisten Sie sich einen guten Autositz und nutzen Sie die Pausen zum Umhergehen, zum Recken und Strecken.
  • Wenn Sie im Büro tätig sind, erledigen Sie möglichst viel im Stehen oder Gehen. Insbesondere bei Stress sind solche Bewegungspausen wichtig, um eine Anspannung der Nacken- und Rückenmuskulatur zu verhindern. Ändern Sie beim Sitzen regelmäßig Ihre Position, abwechselnd leicht vorgeneigt, aufrecht und zurückgelehnt.

Krankengymnastik. Gezielte Übungen helfen beim Aufbau stützender Muskelgruppen, die die Wirbelsäule stabilisieren. Sie dehnen verspannte und verkürzte Muskeln und verbessern damit die Rückenbeweglichkeit. Außerdem schulen sie Koordination und Körpergefühl, was langfristig zu rückenfreundlicheren und gesünderen Bewegungsmustern führt.

Hinweis: Die Wirksamkeit von Krankengymnastik ist bei Rückenschmerzen wissenschaftlich erwiesen, jedoch nur bei konsequenter (täglicher) Fortführung der Übungen zu Hause.

Krankengymnastik an Geräten(Bewegungstherapie). Durch Training an Fitnessgeräten wird der gezielte Muskelaufbau unterstützt. Unter kompetenter Anleitung durch eine Fachkraft ist sie bei Rückenschmerzen ein wichtiges Behandlungsverfahren mit nachhaltiger Wirkung.

Physikalische Verfahren.Physikalische Verfahren wie Wärme (Rotlicht, Fango, heiße Rolle), Kälte (Eis, Wechselduschen) und Strom (Gleichstrom, verschiedene Wechselströme, TENS-Therapie) lindern Rückenschmerzen, verbessern die Durchblutung, entspannen oder aktivieren die Muskulatur. Die Effekte sind kurzfristig messbar; eine langfristige Wirksamkeit besteht aber nicht.

Sanfte Bewegungstherapien.Yoga, Tai Chi und Qigong, Feldenkrais oder Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson schulen mit unterschiedlichen Schwerpunkten das Körperbewusstsein, ändern Bewegungsmuster und verbessern die Koordination der Bewegungen. Obwohl ursprünglich nicht als Rückentherapie entwickelt, haben sich diese übenden Mind-Body-Verfahren in der Praxis gut zur Behandlung von chronischen, teils auch akuten Rückenschmerzen bewährt. Insbesondere für Yoga liegen auch wissenschaftliche Wirknachweise vor.

Rückenschule. Die Anleitung zur Selbsthilfe will neben gymnastischen Übungen zur Stärkung der Muskulatur und der Beweglichkeit auch Wissen zu rückenschonendem Verhalten vermitteln. Krankenkassen, Krankengymnasten und Rehabilitationskliniken bieten hierzu Kurse an, deren Kosten häufig die Krankenkasse übernimmt. Die Rückenschule ist bei chronischen Rückenproblemen dann hilfreich, wenn der Betroffene die erlernten Techniken in Eigenregie in seinem Alltag einsetzt.

Arbeitsplatzergonomie. Arbeitsstühle mit der Funktion "dynamisches Sitzen" sind sinnvoll. Sie verfügen über eine Rückenlehne, die sich mitbewegt und gleichzeitig den Rücken stützt. Wenn Ihnen eine häufige Änderung der Sitzhaltung schwerfällt, wählen Sie eine dauerhafte Sitzposition, die zwischen Rücken und Oberschenkel einen Winkel von etwa 120° einschließt. Was früher als schlampige Haltung empfunden wurde, hat sich in neueren, wissenschaftlichen Studien als deutlich rückenfreundlicher erwiesen als eine "gerade" Sitzhaltung mit einem rechten Winkel in der Hüfte. Wichtig für die Arbeitsplatzergonomie ist auch die richtige Höhe von Tisch und Stuhl. Idealerweise bilden Ober- und Unterarme sowie Ober- und Unterschenkel mindestens einen rechten Winkel. Wenn die Arme locker auf den Armlehnen aufliegen, entlastet diese Position den Schulterbereich. Handballenauflagen vor der Tastatur entspannen beim Tippen ebenfalls die Schultern, tun aber auch dem Nacken gut.

Rückenschonend arbeiten. Wenn Sie körperlich arbeiten, vermeiden Sie möglichst Tätigkeiten, die den Rücken belasten. Gelingt dies nicht, führen Sie die erforderlichen Arbeiten rückenschonend aus. Heben und tragen Sie Gegenstände mit geradem Rücken und gleichmäßiger Verteilung auf beide Arme. Tragen Sie schwere Lasten dicht am Körper und vermeiden Sie dabei unbedingt, den Oberkörper im Stand zu drehen. Besser: In die Hocke gehen, statt sich zu bücken, soweit es Ihre Kniegelenke erlauben.

Gewicht normalisieren. Bauen Sie vorhandenes Übergewicht ab. Sie entlasten damit nicht nur Ihren Rücken, sondern steigern zugleich auch die Bewegungs- und Lebensfreude.

Komplementärmedizin

Pflanzenheilkunde. Bei starken akuten Rückenschmerzen sind standardisierte Pflanzenextrakte kaum eine Alternative zu den im Allgemeinen gut wirksamen synthetisch hergestellten Schmerzmitteln. Dementsprechend sind schmerzlindernde Kombinationspräparate wie z. B. Eschenrinde in Verbindung mit Zitterpappel (enthalten z. B. in Phytodolor® Tinktur) allenfalls dann empfehlenswert, wenn es sich um leichtere bzw. abklingende Rückenschmerzen handelt.

Sind Muskelverspannungen die Ursache für Rückenschmerzen, können Einreibungen mit ätherischen Ölen wie Arnikaöl, Johanniskrautöl, Rosmarinöl oder Eukalyptusöl (enthalten z. B. in Dolocyl® Muskel- und Gelenköl) die Beschwerden lindern.

Akupunktur. Das Einstechen feiner Nadeln in standardisierte Akupunkturpunkte hat zum Ziel, einen gestörten "Energiefluss" zu normalisieren. Die Wirksamkeit ist bei chronischen Rückenschmerzen wissenschaftlich nachgewiesen. In den entsprechenden Studien war ein Therapieerfolg auch dann zu sehen, wenn die Nadeln außerhalb der vorgesehenen Punkte gesetzt wurden. Manche Kritiker gehen deshalb von einer unspezifischen Wirkung aus.

Biofeedback. Das in chronischen Fällen sinnvolle Verfahren visualisiert Anspannungs- und Entspannungszustände und versetzt so den Rückenschmerzpatienten in die Lage, mit stress- bzw. schmerzauslösenden Situationen besser umzugehen.

Von: Dr. med. Siegfried Locher, Dr. med. Arne Schäffler in: Gesundheit heute, herausgegeben von Dr. med. Arne Schäffler. Trias, Stuttgart, 3. Auflage (2014). Überarbeitung und Aktualisierung: Dr. med. Sonja Kempinski
Zurück
Gel und Pflaster gegen Rückenschmerz

Wärmepflaster lindern Rückenschmerzen und lassen sich gut in den Alltag integrieren.

Gel und Pflaster gegen Rückenschmerz

Schmieren statt schlucken

Rückenschmerzen sind eine echte Volkskrankheit: Über 60 Prozent der Deutschen haben im Alltag damit zu kämpfen. Wer keine Tabletten einnehmen möchte, bekommt die Beschwerden oft mit Schmerzgelen und Wärmepflastern in den Griff. Lesen Sie, wie man diese anwendet und was man sonst noch gegen Rückenschmerzen tun kann.

Zivilisation nagt am Rücken

Die moderne Lebensweise tut dem Rücken nicht gut. Die meisten Menschen bewegen sich zu wenig, sitzen zuviel und leiden unter Stress. Übergewicht und Haltungsfehler kommen dazu, manchmal auch falsches Heben oder Tragen. Aber auch Überlastungen durch ungewohnte Kraftanstrengungen können zu Rückenschmerzen führen – z. B., wenn man die Wohnung neu tapeziert oder den gesamten Holzvorrat für ein Jahr hackt.

In den allermeisten Fällen handelt es sich dann um die sogenannten „unspezifischen Rückenschmerzen“. Das bedeutet, dass sich nicht genau sagen lässt, welche Struktur hinter den Beschwerden steckt. Seltener sind spezifische Rückenschmerzen. Sie entstehen durch eindeutig diagnostizierbare Ursachen wie Knochenbrüche nach Stürzen, Bandscheibenvorfälle, Tumoren, rheumatische Erkrankungen oder Osteoporose.

Auch Erkrankungen der inneren Organe können sich durch Schmerzen im Rücken bemerkbar machen. Dies ist besonders oft bei Eierstock- oder Nierenentzündungen der Fall.

Hinweis: Treten zusätzlich zum Rückenschmerz Lähmungen, Probleme beim Wasserlassen oder Taubheitsgefühle auf, ist unbedingt eine Arztpraxis aufzusuchen. Das Gleiche gilt, wenn Fieber oder Gewichtsverlust dazukommen oder die Beschwerden nach drei bis fünf Tagen nicht nachgelassen haben.

Was hilft im akuten Fall?

Früher wurde bei akutem unspezifischem Rückenschmerz Schonung und Bettruhe empfohlen. Heute hingegen raten Ärzt*innen zu sanften Bewegungen, um den Rücken wieder fit zu bekommen. Dazu gehören beispielsweise Spazierengehen oder auch Tai-Chi. Manchmal ist das allerdings nur möglich, wenn der akute Schmerz parallel therapiert wird. Hier kommen Wärme und rezeptfreie Schmerzmittel ins Spiel.

Schmerzhafte Muskelverspannungen lassen sich gut durch Wärme lockern. In Frage kommen viele unterschiedlichen Wärmequellen. Wer möchte, kann ein elektrisches Wärmekissen, eine Heizdecke oder ein aufgewärmtes Körnerkissen verwenden. Auch Wärmebäder eignen sich gut. Besonders praktisch sind jedoch Wärmepflaster oder -salben aus der Apotheke. Sie haben den Vorteil, dass man sie auch während der alltäglichen Verrichtungen tragen kann – und somit mobil bleibt. Ihre Wirkstoffe fördern die Durchblutung, teilweise unterdrücken sie auch die Schmerzimpulse. Bei der Anwendung ist auf Folgendes zu achten:

  • Pflaster dürfen nur auf trockene, intakte Haut geklebt werden.
  • Nach Berühren des Pflasters unbedingt die Hände gut waschen, damit der Wirkstoff nicht in die Augen oder an die Schleimhäute gerät. Das gilt auch bei Cremes oder Balsam.
  • Keine anderen Cremes oder Gele auf die gleiche Hautstelle schmieren, damit die Aufnahme der Wirkstoffe nicht behindert wird.
  • Keine zusätzliche Wärme (zum Beispiel Heizkissen) anwenden, weil sonst die Durchblutung zu stark angeregt wird.

Ein beliebter schmerzlindernder Wirkstoff ist Capsaicin aus dem Cayennepfeffer. Capsaicin nützt doppelt: Zum einen fördert es die Durchblutung, zum anderen übererregt es die Schmerzrezeptoren. Das macht die Schmerzzellen im Rückenmark vorübergehend unempfindlich, was die Weiterleitung von Schmerzimpulsen an das Gehirn unterdrückt. Capsaicincreme darf dreimal täglich aufgetragen werden und das Pflaster bis zu zwölf Stunden auf der Haut verbleiben. Mögliche Nebenwirkungen sind Quaddeln, Juckreiz oder Bläschen.

Hautverträglicher als Capsaicin sind Umschläge mit Wärmezellen, die Eisenpulver enthalten. Die wohltuende Wärme entsteht dadurch, dass das Eisenpulver mit Luftsauerstoff oxidiert. Deshalb darf die luftdichte Verpackung auch erst unmittelbar vor dem Aufkleben geöffnet werden.

Manchen Patient*innen hilft bei Schmerzen auch Beinwellwurzel-Fluidextrakt. Er enthält Allantoin, Schleimpolysaccharide und Gerbstoffe und ist für die Behandlung von Muskelschmerzen zugelassen. Auch ätherische Öle sollen gegen Rückenschmerzen helfen. Expert*innen zufolge ist ein eventueller Effekt jedoch eher auf die einreibende Massage als auf die Inhaltsstoffe zurückzuführen.

Hinweis: Vorsicht bei der Verwendung von Heizdecken und Heizkissen. Um die Brandgefahr zu mindern, sollten diese immer eine Abschaltautomatik besitzen.

Schmerzmittel zum Schmieren

Schmerzmittel gibt es nicht nur als Tabletten zum Schlucken, sondern auch als Gele oder Cremes zum Auftragen auf die Haut. Inhaltsstoffe dieser lokalen Schmerzmittel sind nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR), d.h. Wirkstoffe, die schmerzlindernd und antientzündlich wirken. Ob sich Rückenschmerzen damit „wegschmieren“ lassen, wird kontroverser diskutiert. Denn in bisher durchgeführten, standardisierten Studien konnte die Wirkung von Schmerzgelen oder -cremes noch nicht belegt werden.

Dennoch berichten viele Rückenschmerzpatient*innen von positiven Erfahrungen mit Schmerzgelen, -cremes oder pflastern. Wer seine unspezifischen Rückenschmerzen also mit lokalen NSAR angehen möchte, sollte die Präparate drei- bis viermal täglich auftragen, Forte-Wirkstoffe aufgrund höherer Dosierung nur zweimal am Tag. Im Zweifel fragt man am besten seine Apotheker*in.

Wie gut die Wirkstoffe die Hautbarriere überwinden und dort ankommen, wo sie wirken sollen, hängt von der Art der Zubereitung ab. Manchen Präparaten sind Penetrationsförderer beigemischt, die die Aufnahme beschleunigen. Am schnellsten wirken Emulsions- und Mikrogele. Bei Ersteren sind die Wirkstoffe in Öltropfen angereichert, bei Mikrogelen in Mizellen eingeschlossen. Beides beschleunigt den Transport des NSAR durch die Haut und dadurch die Schmerzlinderung.

Hinweis: Bei den Schmerzgelen gelten die gleichen Vorsichtsmaßnahmen wie bei den Wärmepflastern. Sie dürfen nur auf intakte Haut geschmiert werden und nach dem Auftragen sollte man die Hände waschen, damit kein Wirkstoff in die Augen gerät.

Bewegung gegen chronische Rückenschmerzen

An ihre Grenzen kommen Pflaster und Cremes bei Fällen von chronischen Rückenschmerzen. Dann werden sie zwar begleitend eingesetzt – ohne Verhaltensveränderung ist ein längerfristiger Behandlungserfolg aber unwahrscheinlich. Die wichtigste Maßnahme ist Bewegung. Gut geeignet dafür sind Sportarten wie

  • Schwimmen
  • Pilates
  • Funktionstraining
  • Nordic Walking
  • Yoga und Tai-Chi.

Hilfreich ist es auch, Entspannungstechniken zu erlernen. Manche Betroffenen profitieren von der Akupunktur. Abgeraten wird dagegen von Stromtherapien (TENS, Interferenztherapie), Magnetfeldtherapie, Lasern oder Kinesio-Taping – sie alle bringen beim chronischen Rückenschmerz keine Linderung.

Hinweis: Lassen Sie sich bei jeder Sportart von einem Trainer anleiten, damit Sie die Bewegungen rückenschonend und -stärkend ausführen. Gehen Sie beim Trainieren nicht über Ihre Grenzen.

Vorbeugen ist besser als heilen

Wer beruflich im Alltag viel stehen, heben oder tragen muss, profitiert von einer Rückenschule. Dort lernt man, wie man im Alltag eine rückenfreundliche Haltung einnimmt. Diese Tipps helfen dabei:

  • Möglichst immer hüftbreit stehen und das Körpergewicht auf beide Füße gleichmäßig verteilen.
  • Immer wieder umhergehen und nicht zu lange in einer Position verharren.
  • Dynamisch sitzen, d.h. die Sitzposition immer wieder verändern.
  • Bei überwiegend sitzender Tätigkeit jede Stunde aufstehen (daran kann man sich z. B. von seiner Smartwatch erinnern lassen!), umhergehen, kleine Körperübungen machen.
  • Zum Aufheben schwerer Gegenstände mit geradem Rücken in die Hocke gehen und die Beine leicht nach außen spreizen.
  • Immer beide Hände zum Tragen schwerer Lasten benutzen, den Rücken aufrecht und den Gegenstand nah am Körper halten.

Quelle: Leitlinie Kreuzschmerz; Ines Winterhagen, DAZ 2021; Nr. 28, S. 46

Von: Dr. med. Sonja Kempinski; Bild: Jochen Tack/imago-images.de